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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-30 · 20 (30.12.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
20 (30.12.1915)
Date
1915-12-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. ii» <__i % , u i_ t x I Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20. WOCIieilOlatt Ilir jÜdlSChe IntereSSen. | Wien, VIII. Alserstraße 7. Nachdruck mit voller Qu. UeMagabe g«ttattet Redakteur: Jonas Kreppet. | Erscheint jeden Donnerstag Wochenblatt für jüdische Interessen.! RX°™^t™ Redakteur: Jonas Kreppet. | Erschei nt jeden Donnerstag Mr. 20. Wien, 30. Dezember 1915. I. Jahrgang. 1916. Der Weltkrieg tritt in das dritte Kalenderjahr. Blutigiot wird am 31. Dezember 1915 die Sonne vom Horizont verschwinden, um am 1. Jänner 1916 wiederum feuerkugelartig am Horizont zu erscheinen. „Schabsai" (Saturn), der blutgierige Planet, wird auch der Patron des dritten Kriegsjahres sein und er scheint seinen Blutdurst noch nicht gestillt zu haben. Aus dem Kriege von 1914 ist bereits ein solcher von 1914-1915-1916 geworden. Das Ende aber ist noch immer nicht abzusehen. Das zu Ende gehende Jahr hat wohl gewaltige Umwälzungen auf allen Kriegsschauplätzen gebracht. Vor Jahresfrist standen noch die Russen vor den Toren Krakaus und Nikolaj Nikolajewitsch brüstete sich, mit seiner Dampfwalze in Bewegung gegen Wien und Berlin zu sein. Die böswilligen Serben triumphierten nach ihren Dezember-Erfolgen und wähnten, daß ihnen nunmehr keine Strafe für ihre Missetaten droht. Das verräterische Italien trug noch die heuchlerische Maske und stand bereit, um im geeigneten Momente wie ein Raubtier dem nichtsahnenden Freunde in den Rücken zu fallen. Das perfide Albion rüstete sich zum großen Schlage gegen die Dardanellen, der den Zaren zum Herrn von Konstantinopel machen sollte. Was ist aus all diesen Träumen und Hoffnungen im Laufe des Jahres 1915 geworden? Nichts! Wie Seifenblasen ist alles geplatzt und es blieb bloß der Katzenjammer zurück. Verjagt sind des Zaren Kosakenhorden aus Galimm****m*< mimi* •—■r:iHri— wa"»*»11 ginit Tefle von Littauen, Kurland und Wolhynien, vernichtet und niedergerungen ist Serbien und sein Blutkönig weilt heute wie ein Flüchtling im Exil. Das verräterische Italien verblutet sich seit sieben Monaten zwecklos und das übermütige England zittert um seine Weltmacht, um seine Existenz und muß sich das schreckliche Wort „Finis Britanniae!" ins Gesicht schleudern lassen. Nikolaj Nikolajewitsch und Delcassö sind vom Schauplatze ihrer ruch- und ruhmlosen Tätigkeit verschwunden. Joffre, French und Ru i: kij sind abgesägt, die anderen Mitverschwörer und Urheber des Krieges zittern vor einem gleichen Schicksale, vor der gerechten Strafe, die nicht ausbleiben wird. Trotzdem aber wollen sie noch das letzte Wort nicht sprechen. Sie wollen sich nicht als besiegt erklären, hartnäckig setzen sie das zwecklose Blutvergießen fort, vom Zufalle und von der Zeit eine Korrektur des Kriegsglückes erwartend. „Die Missetäter wollen selbst hart vor den Pforten der Hölle keine Buße tuj" — sagt eine talmudische Sentenz. Noch nie war die Richtigkeit derselben so evident, wie jetzt. Die Hoffnungen der Entente sind jedoch vergebliche. Das Kriegsglück, das sie seit einem Jahre verlassen, wird ihnen nicht mehr hold sein. Es ist die schwere Hand des Gottes der Rache, die sie getroffen hat. Sie tragen die Verantwortung für dieses schauerliche Blutvergießen und erleiden die verdiente Strafe. All ihr Pläne wurden zunichte gemacht, zuschanden geworden ist der unmenschliche, barbarische Aushungerungskrieg der Engländer, zuschanden geworden sind die Eroberungspläne und die Knechtungsgelüste des Zaren, zuschanden geworden sind die Träume des blutrünstigen Serbenkönigs. Der Weltkrieg ist ein Erlösungs- und Befreiungskrieg geworden, aber in einem anderen Sinne, als sich dies seine Urhefeer gedacht haben mögen. Befreit sind ganze Völker vom fremden Joche! Befreit sind die Polen, befreit sind zwei Millionen Juden vom Joche des Zaren, befreit sind die Mazedonier vom Serbenjoche, Freiheit und Erlösung winken auch anderen Völkern, Freiheit und Erlösung -winkt der ganzen Menschheit vom Joche der Heuchelei, der Selbstsucht, des chauvinistischen Hasses und der Eroberungsgelüste! Was das Jahr 1915 begonnen, wird 1916 vollenden. Mit großen Worten kann man keine Siege erringen, mit Lüge und Selbsttäuschung keine Kriege gewinnen. Der Moment ist nicht mehr ferne, da die Urheber des Krieges sich als besiegt erklären werden müssen. So sehr sie sich auch dagegen sträuben, sie werden in 1 den bitteren Apfel der Kapitulation beißen I müssen. Dann werden der gesamten Menschheit die Segnungen des Friedens zuteil werden, die sie durch so viele blutige Monate entbehren mußten. Dann wird die Niederlage der Schuldigen und der Sieg der Gerechten besiegelt sein. Frei aufatmen werden dann die geknechteten Völker und aus den Ruinen der russischen Barbarei wird neues Leben erblühen. Der Triumph der gerechten Sache ist keinem Volke so teuer, wie den Juden, welche soviel unter Ungerechtigkeit zu leiden hatten und welche nur von der Gerechtigkeit ihr Heil erwarten. Auch diesmal hat der Sieg der gerechten Sache Millionen unserer Brüder Freiheit und Erlösung gebracht. Wir begrüssen die Sieger und wünschen ihnen baldige Vollendung ihres Sieges! »Die Verbündeieii respektieren sich gegenseitig.« Die Engländer lieben die kleinen Unehrlichkeiten nicht. Sie betreiben sie nur im Großen. Gilt es, neue Länder zu erobern und Millionenvölker zu unterjochen, so kommt es ihnen gewiß nicht darauf an, dem grandiosen Streifzug mit der Bibel in der Hand den Nimbus der „Kulturarbeit im Dienste der Menschheit" zu verleihen. Geht es darum, die Herrschaft über alle Meere an sich zu reißen, so geschieht das selbstverständlich nur, weil man in selbstlosester Aufopferung als Wächter des Weltfriema» wiirarimg Mi tm Weh 'm Brand unter der stillen Voraussetzung, daß das eigene Haus ja doch von der Lohe unberührt bleiben und später den größten Teil der Siegesbeute aufnehmen würde, wobei man nach außen hin aus rein moralischen Motiven, im Namen des verletzten Völkerrechtes als dessen berufener Schutzwächter sich aufspielt. Ja, die Lüge im Großbetriebe! In kleinen Dingen ist jedoch der liebe Vetter jenseits des Kanals von einer anerkennenswerten Ehrlichkeit und herzgewinnenden Aufrichtigkeit. Da sind Zeugen, die englischen Kriegsberichte, die nicht gleich den französischen, diverse Nullen in den eigenen Verlustzahlen unterschlagen; die Urteile, die man in englischen Zeitungen über deutsche Verhältnisse findet und die sich gar so vorteilhaft von den französischen Ausbrüchen der Leidenschaft über die Boches abieben; die Selbsterkenntnis, auf richtiger Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit und der aussichtslosen Zukunft fußend, die in Presse und Parlament in England zuweilen zu mehr oder minder klarem Ausdruck gelangt. Nun hat dort wieder einmal ein Verantwortlicher offen und ehrlich gesprochen und damit den Nebel dunkler Andeutungen, die von gewisser Seite seit Kriegsausbruch über ein Einwirken der englischen Regierung in Petersburg zu Gunsten der Juden verbreitet wurde, restloß zerstreut. Lord Robert Cecil, verantwortlicher Leiter des Ministeriums des Aeußern, ließ sich von Vertretern russischer Zeitungen intervieven, um ihnen folgende Erklärung abzugeben: „Die englische Regierung hat immer mit der Forderung einer völligen Emanzipation der russischen Juden sympathisiert, allein die Judenfrage ist eine innere Angelegenheit des russischen Reiches, in die wir, die Verbündeten Rußlands, uns nicht einmischen dürfen und wollen. Die Verbündeten respektieren sich gegenseitig und wir werden uns deshalb mit jeder Art der Lösung dieser Frage durch die russische Regierung zufrieden geben müssen." Das ist deutlich und vom Standpunkte des Herrn Ministers auch ohne weiteres begreiflich. Mögen Moralisten darüber zetern, daß England, der „Hort aller Freiheit und Zivilisation", sich mit einer solchen Lösung der Judenfrage in Rußland zufrieden gibt, mögen sie die Erklärung Englands als eine Sanktionierung von Mord, Brandstiftung und politischer Vergewaltigung brandmarken, es muß doch andererseits gerechterweise anerkannt werden, daß England heute in hilfloser Machtlosigkeit nicht anders als im Sinne dieser Erklärung, in der ja nur ausgesprochen wird, was tatsächlich ist, nämlich, daß sich England mit seiner ganzen weitbeherrschenden Kultur im Schlepptau des russischen Verbündeten befindet, handeln kann. Das Aussprechen von Tatsachen kann nicht schwerer wiegen, als die Tatsachen selbst und nicht mehr als diese die Gemüter erregen. Tragisch fügt es sich freilich, daß diese Erklärung Cecils just mit der überpatriotischen Kundgebung der Alliance in Paris zusammenfällt, die von Anfang bis zu Ende die „Gewißheit" zur Voraussetzung hat, daß nunmehr durch Einwirkung der kulturdurchtränkten Westmächte ein neuer sonniger Morgen für die Juden des Ostens heranblühen wird. Tragisch in erster Reihe für die Alliance, die sich selbst, in Deutschland, Oesterreich und der Türkei das Rückgrat gebrochen und nun es erleben muß, auf solch hochoffizielle Weise von der Vormacht der Westkultur desavouiert und kompromitiert zu werden. Nicht weniger tragisch für Mr. Israel Zangwill, der nun seit bald anderthalb Jahren seiner Harfe die holdesten Töne zu Ehren des glorreichen Inselreiches entlockt, das. ein Befreier der Völker, auch dem leidenden Israel als der erlösungbringende Messias naht. Er hatte freilich in den neutralen Staaten mit dieser einschmeichelnden Zukunftsmusik nicht viel Glück, der arme Dichter, der es überdies jetzt erleben muß, daß just da er dabei ist, mit England die Abtretung Mesopotamiens für die Juden des Ostens perfekt zu machen, es in der Gegend von Bagdad so kräftige türkische Hiebe regnet, aWTJie^Tfefreh "Engländer im EiTfharsche von den Grenzen des Zangwill'schen Zukunftsstaates zurückfluten müssen. Und doppelt tragisch für die armen Juden im Whitechapel, die in Scharen zu den englischen Fahnen eilten, in der dunklen Hoffnung, für eine bessere Zukunft ihrer Brüder in der alten Heimat kämpfen zu können. Sie wissen nun endlich, wofür sie Leib und Leben aufs Spiel setzen, dafür nämlich, daß sich „die Verbündeten gegenseitig respektieren". Israelit. Die Juden in Bulgarien. Wir haben vor kurzem einen Artikel über die Juden in Bulgarien gebracht. Hier folgen einige Mitteilungen über das gleiche Thema, die von einem bulgarischen Juden selbst vor kurzem gegeben worden sind und die daher auf Zuverlässigkeit Anspruch machen können. Es gibt in Bulgarien etwa 55.000 bis 60.000 Juden. Im letzten Krieg waren etwa 6000 jüdische Soldaten im bulgarischen Heer, auch viele Offiziere unter ihnen. Allgemein wurde der Patriotismus der bulgarischen Juden anerkannt. Viele wurden dekoriert. Etwa 400—500 sind gefallen.Ueber die Anteilnahme an dem jetztigen Krieg sind noch keine Zahlen bekannt. Es ist anzunehmen, daß diesmal noch mehr Juden im Felde stehen. Es giebt Hauptleute und Majore unter den Juden, auch eine Anzahl mit Qberstenrang; einige Offiziere auch in Friedenszeiten im stehenden Heer. Seit dem Berliner Kongreß (1878) haben die Juden in Bulgarien alle Rechte. Man findet keinen Antisemitismus im Land. In jeder größeren Stadt wird stets ein Jude in den Stadtrat gewählt; man betrachtet es als selbstverständlich, daß die Juden dafür, daß sie den anderen Kandidaten ihre Stimmen geben, auch selbst einen Vertreter erhalten. Auch in der großen Sobranje ist ein Jude. Im Staatsdienst sind sie nicht angestellt. Es gibt keine jüdischen Lehrer, Richter, Professoren; aber viele Juristen und Aerzte, Ingenieure, Apotheker, auch 4 jüdische Konsuln. Ein Jude ist Chef der Presse im Ministerium des Aeußern. Der Zar Ferdinand gilt nicht als Freund der Juden. Aber er tut nichts gegen die Juden. Der frühere Großrabbiner für Bulgarien, Dr. Ehrenpreis, war speziell bei ihm sehr beliebt. Die Juden schenkten dem Fürsten anläßlich seines Regierungsjubiläums eine Sefer-Thora. Diese ist in seinem Arbeitszimmer, und man erzählt, daß er sich aus dem silbernen Deuter eine Fe-

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