Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 19 (23.12.1915)
- Date
- 1915-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 19. JUdlsctie Korrespondenz Seite 3 gewirkt. Das österreichische Landeskomitee hat bereits größere Summen aufgebracht, wovon mehr als 80.000 K nach Palästina abgeschickt worden sind. Infolge der in Konstantinopel geschaffenen Tatsache steht nun eine Neuorganisation der jüdisch-humanitären Tätigkeit für den Orient bevor. Dr. Alfred Nossig, Berlin, der das Hauptreferat erstattete, schilderte zunächst die katastrophale Lage, in die die Judenheit des Ostens durch die Ereignisse des Weltkrieges gebracht worden sei. Man schätzt die durch den Krieg entwurzelten jüdischen Existenzen auf etwa eine Million. Eine Massenauswanderung von ungeheuren Dimensionen steht bevor. Der Weltkrieg eröffnet die Aussicht, mit der Zeit ein Abflußgebiet in der Türkei zu finden. Der Einfluß der der jüdischen Einwanderung hinderlichen Entente-Mächte ist erloschen, das Bündnis mit Deutschland begünstigt und erleichtert eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung in der Türkei. Die Erklärungen, nelche Dr. Nossig von Mitgliedern des Herrscherhauses, von türkischen Ministern und von den Führern des jungtürkischen Komitees erhalten hatte, berechtigen zu der Erwartung, daß bei einer vorsichtigen, zweckentsprechenden Behandlung der einschlägigen Fragen die jüdische Einwanderung nach der Türkei zur Bfriedigung beider Seiten geregelt werden könne. Die Durchführung des Werkes ist nach dem in Konstantinopel erfolgten Meinungsaustausch, nur im Rahmen der historischen Freundschaft möglich, welche Juden und Osmanen verbindet und gegenseitiges Vertrauen schafft. Die neue politische Konstellation eröffnet für diese Freundschaft vielfältige Betätigungsmöglichkeiten in wirtschafticher und kutureller Hinseht. Als Schwestergesellschaft der analogen Vereinigung in Konstantinopel ist am 6. Dezember 1915 in Berlin die „Deutsch - Israelitisch Osmanlsche Union" gegründet worden. Die „Union" ist keine Kolonisationsgesellschaft; sie verfolgt den ideellen Zweck der Pflege innigerer Beziehungen zwischen Juden und Osmanen. Wohl aber wird sie den praktischen Bestrebungen durch Schutz, Vermittelung und finanzielle Förderung dienlich sein können. Als neuartige, den Zeitverhältnissen entsprechende Institution kann sie keiner der bestehenden Organisation eingefügt werden. Dagegen ist ein Kooperationsverhältnis zwischen der ,(Union" und diesen Organisationen höchst erwünscht, ja unerläßlich. So vor allem mit dem „Hilfsverein", dessen Schulwerk für die Erziehungsbedürfnisse der jüdischen Einwanderer in der Türkei sorgen dürfte. Ferner mit den Kolonisations- Gesellschaften, wie die J. C. A„ die A. J. K. O. und auch den rein wirtschaftlichen Instituten der Zionistischen Organisation. Die tatkräftigste Förderung erwartet die „Union" von den B. B.-Logen. Die Zusammensetzung des Vorstandes berechtigt zu der Erwartung, daß die „Union" auch mit den anderen großen jüdischen Organisationen Deutschlands in enger Fühlung bleiben wird. Das Zentral-Hilfskomitee hat sich der „Union" angeschlossen. Die Diskussion eröffnete Prof. Dr. Ludwig Stein- Berlin durch eine Darlegung seiner Auffassung der neuen Lage. Nach einigen Einschränkungen hinsichtlich des Tätigkeitsgebietes der „Union" empfahl er aufs wärmste (leren Förderung. Herr J. Bäsch-München begründete die Notwendigkeit der Verständigung aller jüdischen Organisationen zur Erreichung des geplanten Zweckes. Im Mittelpunkte der Debatte stand die mit lebhaftestem Beifall aufgenommene Ansprache des Landtagsabgeordneten R.-A. Dr. Cohn-Dessau, der die wärmste Unterstützung der zeitgemässen neuen Idee befürwortete. Un¬ Jubel aus. Als wäre mitten in Nacht und Orauen die letzte Erlösung gekommen. Männer und Frauen weinten, nicht mehr aus Angst und Schmerz, sondern Tränen der Freude. Wo Oott ein solches Wunder vollbracht und so seine Begleiter auf die Nachtfahrt gesandt, konnte seine Rettung nicht mehr weit ausblieben. Bald wurde ein Wagen geräumt, mit Talessim drapiert und die Thorarollen darin behutsam gebettet. Der Wagen sollte nun, gleich der heiligen Lade, der Gemeinde voranziehen. „Juden, es ist Sabbath, wir wollen ihn würdig empfangen. Gott hat uns Gnade gezeigt!" Der Chasan der Gemeinde stellte sich nun vor den heiligen Wagen, der ganz nahe an das Lichtzelt gerückt war, auf und fing die üblichen Gebete an. Und es ergab sich ganz von selbst, daß das Lecho Daudi in der bekannten elegischen Tischobeav-Melodie aus seinem Munde ertönte. Hundertstimmig griff die Gemeinde den schmelzenden Gesang' auf. Und es schien, als stimmten Feld und Flur, WaW und Wiese mit ein in den traurigsüßen Sang des Sabbaths auf der Flucht. Immer mehr versenkte sich die Gemeinde in die Gebetsstimmung. Alles, was sie in den schrecklichen Tagen erlebt und erlitten, alle Angst und Gefahr der Stunde löste sich in dieser ergreifenden Sabbathhymne. E ne lichte Gewißheit kam über die Leute: daß Er der kampfdurchtobten Welt alleiniger Herrscher sei, daß bei ihm allein die Macht sei, zu helfen und zu retten. Und es war kein Klageschrei mehr, sondern ein Lobgesang für Prüfungen, die Gott über den Menschen schickt, daß er seine Kraft erprobe, und mitten in der Gewaltherrschaft des Bösen lerne, zu Gott emporzuschreien und vertrauensvoll hinaufzublicken. — — Erst am Ausgang des Sabbath spannten die Fuhrleute wieder ein und die Gemeinde zog weiter. Dem Zuge voran rollte der heilige Wagen mit den zehn Thorarollen. („Israelit") ter den zahlreichen folgenden Rednern erweckten Rabb. Dr. Kopfstein-Beuthen und Feldrabbiner Dr. Sonderling- Hamburg durch ihre Schilderung der Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten des Ostens warme Teilnahme. Chefredakteur J. Landau- Berlin widerlegte manche Bemerkungen von Prof. Dr. L. Stein und beleuchtete in beredter Weise die große Tragweite der Bestrebungen der „Union". Sehr lehrreich waren die Ausführungen von Just.-Rat Dr. Horwitz-Berlin, der eine Reihe von in der Diskussion aufgetauchten Fragen zusammenfassend beleuchtete und mit der nachdrücklichen Aufforderung schloß, daß die deutschen Juden aller Richtungen unter dem Banner der „Union" sich vereinigen mögen Diesen Ausführungen schloß in längerer Aussprache Geh. Just.-Rat Timendorfer-Berlin sich an. Er brachte nachstehende Resolution ein: „Die am 12. Dezember 1915 im „Brüderverein" zu Berlin Versammelten begrüßen auf das Lebhafteste den durch die „Deutsch-Israelitisch Osmanische Union" vertretenen Gedanken der Pflege freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Juden Deutschlands und der Türkei. Demgemäß gedenken sie die gemeinsamen Interessen in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht zu wahren und zu fördern um auf dieser Grundlage in den Stand gesetzt zu sein, auch das Los ihrer osteuropäischen Glaubensgenossen bessern zu können. Sie erklären sich bereit, diesen Gedanken zu unterstützen und für ihn zu werben, und fordern alle Glaubensgenossen in Deutschland zum einmütigen Zusammenschlüsse im Rahmen der Deutsch-Israelitisch Osmanischen Union auf." Die Resolution wurde von der Versammlung einstimmig angenommen. Nachdem noch Dir. Stern-Berlin gesprochen und Rabb. Dr. Hildesl.eimer-Berlin den Dank für die Initiatoren der Konferenz und der neuen Organisation beantragt hatte, schloß die Versammlung am späten Nachmittag. Unmittelbar darauf folgte eine Besprechung der auswärtigen Teilnehmer an der Konferenz, um sich hinsichtlich der Grundzüge der Werbe- und Organisations- Tätigkeit zu Gunsten der neuen Bewegung und der „Union" zu verständigen. Die Ansprachen der zahlreichen Redner, unter denen Herr Albert Rothschild- Frankfurt a/M„ Konsul Dr. Schopf-Danzig, Großherzogl. Landesrabb. Dr. Mannheimer-Oldenburg, Rabb. Dr. Vogelstein-Königsberg, Dir. Eisenstädt-Fürstenwalde, Rabb. Dr. Kaelter-Danzi«, Herrmann Rosenthal-Würzburg, Rabb. Dr. Berger-Görlitz, Rabb. Dr. Rosenthal- Köln, Prediger L. Weiler-Paderborn, R.-A. Dr. Isi Kahn- Köln, Direktor Rosenthal-Posen, Landtagsabgeordneter Dr. Cohn-Dessau, Kommerzienrat Ladewig-Chemnitz angeführt werden sollen, ergaben die übereinstimmende Anschauung, daß in ganz Deutschland baldigst Ortsgruppen der „Union" ins Leben gerufen werden müssen. Die Werbetätigkeit soll nicht nur durch Drucksachen, sondern auch durch Versammlungen, Vorträge und Wanderredner ohne Verzug eröffnet und in intensiver Weise geführt werden. Die Anstrengungen sind darauf zu richten, die finanzielle Fundierung der „Union" in einem, ihren großen Zielen entsprechenden Maßstabe noch vor Beendigung des Weltkrieges zu sichern. Nach seinem Ausgang soll zu der Gründung eines kommerziellen Instituts geschritten werden, das den jüdischen Einwanderern Erwerbsmöglichkeiten in Landwirtschaft Industrie, Gewerbe und Handwerk schaffen soll. Es folgte eine gemeinsame Mahlzeit der Konferenz- Teilnehmer, woran sich ein Lichtbilder-Vortrag des Kaiserlich Osmanischen Ingenieurs Santo Bey de Semo anschloß. Die Tagung, welche nach dem Worte von Prof. Dr. Ludwig Stein einen neuen Stimmung-Rhythmus erzeugte und zahlreiche neue Anregungen brachte, wird das tiefgehende Interesse für die jüdisch-osmanischen Beziehungen und die Uebersiedelung östlicher Juden nach der Türkei zweifellos in alle Zentren jüdischen Lebens hinaustragen. Der amerikaitfsch-JUdische Kongreß. Da die Diskussion über den Plan eines amerikanisch-jüdischen Kongresses in letzter Zeit auch in der europäischen Presse lebhaft geführt wird, wobei das Tatsachenmaterial nicht immer korrekt wiedergegeben wird, dürfte es zweckmäßig sein, sich die folgenden Gesichtspunkte, die sich aus den Veröffentlichungen des „Amerikanisch-jüdischen Kongreß-Organisierungs-Komitees" ergeben, vor Augen zu halten: Ein amerikanisch-jüdischer Kongreß wird abgehalten werden und seine demokratische Basis wird Verantwortlichkeit für seine Entscheidungen gewährleisten. Der Zeitpunkt für die Abhaltung des Kongresses ist bisher noch nicht festgesetzt worden. Bevor der Kongreß zusammengetreten ist, ist keine Organisation und kein Komitee bevollmächtigt, für oder im Namen der amerikanischen Juden zu sprechen. Das „Jüdische Kongreß-Organisierungs- Komitee" ist gebildet worden und repräsentiert 14 national-jüdische Organisationen mit einer Mitgliederzahl von insgesamt 650.000 Juden. Darunter befinden sich: der unabhängige Orden „B'rith Abraham", der unabhängige Orden „B'rith Sholem", die Föderation der amerikanischen Zionisten, die Union der orthodoxen Kongregationen, die Föderation der russischpolnischen Juden in Amerika, die Föderation der bessarabischen Juden in Amerika, die Union der orthodoxen Rabbiner, der „Misrachi" u. a. Daneben ist ein Komitee der „Nationalen Arbeiter", das 350.000 jüdische Arbeiter vertritt, zur Förderung der Organisierung des Kongresses gebildet worden. Das „Jüdische Kongreß- Organisierungs-Komitee" hat ein Bureau in New-York. 1 Madison Avenue eingerichtet. Dieses Komitee bewahrt allen kriegführenden Nationen gegenüber strikte Neutralität, wie es die jüdischen Interessen erheischen. Das „Jüdische Kongreß-Organisierungs-Komitee" wird zur gegebenen Zeit ein permanentes Organisierungs-Komitee für den Kongreß ernennen, ausgestattet mit einer Vollmacht der führenden jüdischen Körperschaften mit nationalem Programm. Es erscheint wünschenswert, daß jede Organisation in Europa oder in anderen Erdteilen, die danach strebt, sich an der Lösung der durch den Krieg entstandenen jüdischen Probleme zu beteiligen, sich mit dem zeitweiligen „Jewish-Congreß-Organization Committee" in Verbindung setzt. Sobald das permanente Komitee organisiert ist, wird es selbst in Verbindung mit denjenigen Organisationen in Europa und den anderen Erdteilen treten, die an der sachgemäßen Lösung der jüdischen Probleme, die sich aus dem Kriege ergeben, Interesse haben. In Amerika ist die Frage „Kongreß oder Konferenz" insofern in ein neues Stadium eingetreten, als das „amerikanisch-jüdische Komitee" die von ihm einberufene Konferenz angesichts des Protestes, den dies Projekt erfuhr, bis auf weiteres vertagt hat. Dagegen hat am 21. November in Boston eine Vorbesprechung derjenigen Organisationen, die dem Kongreßplan freundlich gegenüberstehen, stattgefunden, wobei insbesondere die Organisationsfragen für den Kongreß im einzelnen behandelt wurden. Die „lieben Juden" des Zaren. Eigentlich trägt man Wasser ins Meer, wenn man zum Gott weiß wievielten Male auf den Sykophantismus der russischen Amtskreise hinweist, im besondern was die Judenfrage in Rußland und in dessen Heer angeht. Der Zar nennt seine jüdischen Untertanen seine lieben Juden, wenn es der russischen Macht im allgemeinen oder gar speziell in Russisch-Polen um den Kragen geht, gleichzeitig aber blühen in ganz Rußland die Pogrome, diese echtrussische Erfindung der echtrussischen Leute. Den russischen Juden wird das „Recht" eingeräumt, in der kaiserlichen Armee zu dienen, während sie sich aber für den russischen Machtgedanken hinopfern, werden ihre daheimgebliebenen Weiber und Töchter geschändet und rudel- und scharenweise von einem Orte zum andern gejagt, ihr bißchen Hab und Gut geraubt und ihre Behausungen in Asche gelegt. Man verspricht den jüdischen Studierenden „nach der siegreichen Beendigung des russischen Kampfes für die Freiheit Europas" vollständige universitäre Freiheit, als deren Kostprobe die Besucher und Besucherinnen der Hochschulen in die Peter- und Paulfestung oder in die wogenumbrandete Schlüsselburg gesteckt werden. In dem ganzen gewaltigen Reiche, in der ganzen russischen Armee wird die antisemitische Hetze systematisch und andauernd betrieben. Die „Frankfurter Zeitung" veröffentlicht nun einige hierauf helles Licht streuende russische Armeebefehle. Hier sind sie: „Der Hauptbefehlshaber für Proviant und Transportangelegenheiten der südwestlichen Front: 31. März 1915. Lublin. Infolge der großen Anzahl jüdischer Soldaten, die sich im Transportdienste und in Militäranstalten hinter der Front befinden und in Verbindung mit den örtlichen galizischen Juden stehen, erhalten die österreichischen Spione, wie uns mitgeteilt wird, Nachrichten über das Leben an der Front und hinter ihr. Diese Nachrichten gehen ihnen entweder durch die galizischen Juden oder von den russisch-jüdischen Soldaten (direkt) zu. Unter dem Vorwande von Dienstgelegenheiten (?) mißbrauchen die jüdischen Soldaten ihr Recht, nach Rußland zu fahren, und führen Pakete und Briefe mit sich, wobei sie Zensur und Kontrolle umgehen. Damit in Zukunft derartige unerwünschte Erscheinungen nich mehr vorkommen, hat der oberste Befehlshaber angeordnet, daß alle jüdischen Soldaten, die zum Frontdienst tauglich sind und sich hinter der Front aulhalten, ungesäumt nach den Reservebataillonen gebrannt werden Dort haben sie zur Instruktion sechs Wochen zu verbleiben und sind alsdann in die Regimenti-; abzuschicken, wo sie unter besondere Aufsichi gestellt werden müssen. Generalmajor Sershewsky (noch zwei unleserliche Unterschriften)." Aus einem Befehl an den „mittleren Bezirk" der 18. Armee: „4. Mai 1915. . . . Die Juden (gemeint ist die jüdische Ortsbevölkerung. D. Uebers.) sind nach der Richtung des Feindes zu jagen; kein einziger darf im Operationsgebiet nachgelassen werden." „Befehl an die 375. Witebsker Infanterie-Drushine. 25. Oktober 1915.