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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-23 · 19 (23.12.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
19 (23.12.1915)
Date
1915-12-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Jüdische Koirespondenz Nr 19. rigkeiten und Unbequemlichkeiten ergeben. Beim guten Willen aller Faktoren, an dem nicht zu zweifeln ist, wird jedoch alles in die richtigen Bahnen geleitet werden und .gelingen. Die Flüchtlingsfürsorge wurde in Laufe der Zeit mustergiltig ausgestaltet, die Flüchtlingsrepatriierung soll und wird es ebenfalls sein. Die Süloniklfrage und die Juden. Die Saloniki-Frage ist gegenwärtig das wichtigste aktuelle Problem des Weltkrieges. Nach der vollständigen Besiegung Serbiens und der Verjagung der englisch-französischen Truppen aus dem letzten Zipfel Mazedoniens, ziehen sich diese auf Saloniki zurück, wo sie sich trotz aller Proteste Griechenlands, befestigen und hartnäckigen Widerstand leisten wollen. Daß es sich um ein aussichtsloses Unterfangen handelt, daß die durch die Bulgaren geschlagenen englisch-französischen Truppen den Heeressäulen der Zentralmächte nicht standhalten können werden, daß dem ad hoc befestigten Saloniki kein besseres Schicksal als dem als die stärkste Weltfestung gegoltenen Antwerpen beschieden sein werdedarüber ist sich alle Welt, England und Frankreich nicht ausgenommen, wohl klar. Nichtsdestoweniger wird die Aktion fortgesetzt, einerseits aus Prestigegründen, um wenigstens den Schein der Aktivität zu bewahren, andererseits, um im Falle eines Gelingens des Widerstandes der Entente auf Kosten Griechenlands eine militärische Basis im Aegäischen Meere zu bieten. England will sich da ein zweites Calais, ein zweites Gibraltar schaffen. Welchen Lauf immer die Ereignisse nehmen sollten, kommt der Haltung der Juden Salonikis eine große Bedeutung zu. Wollen sich die Engländer und Franzosen in Saloniki zeitweilig oder dauernd festsetzen, dann ist für sie die Haltung der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt, welche zirka drei Fünftel der Gesamtbevölkerung bildet und der Hauptfaktor im Handel und Hafenverkehr ist, von der größten Tragweite. Ein Antagonismus der Juden oder selbst nur eine passive Resistenz derselben dürfte den Usurpatoren höchst unbequem sein. Hingegen würde ihnen ein freundliches Wohlwollen der Juden ihre Aufgabe bedeutend erleichtern. Angesichts dieses Umstandes ist es wohl begreiflich; daß die Entente-das grtMJte'Gewic-ftt auf die Gewinnung der Sympathien der Juden Salonikis legt. In diesem Sinne ist auch die Nachricht aufzufassen, welche in den letzten Tagen von verschiedener Seite gemeldet wurde, daß Baron Rothschild aus Paris in Saloniki eingetroffen ist, um mit den dortigen Juden im Interesse der Entente zu verhandeln. Diese Nachricht klingt wohl höchst unwahrscheinlich und w ir glauben kaum, daß sich Baron Rothschild zu einer derartigen Mission, selbst unter stärkstem Drucke der französischen Machthaber, hergegeben haben sollte. In diesem an Drolligkeit und Groteske so reichen Kriege ist jedoch nichts unmöglich und man muß auch mit der Wahrscheinlichkeit aller Unwahr - scheinlichkeiten rechnen. Sollte dennoch in diesem Gerüchte irgendein Körnchen Wahrheit Feuilleton. Die heilige Lade. (Nach dem Judischen.) heuerrot spiegelte sich die Sonne in dem stahlklaren Wasser der Weichsel, und im Städtchen flammten die bunten Fenster der Kirche aut. Die Baume hüllten sich m dunkelblaue Schatten und die wenigen weißueiunchten Steinhäuser m der üasse der grauen Holz- •uitten leuchteten noch im Orangegelb der letzten strahlen. Feierliche Stille lag über der Straße, wie immer am Freitag Abend, wenn der Sabbath auf leisen Sohlen in das Städtchen tritt. Aber es winkte kein Sabbathlicht aus den Hausern und die Wege zu den Bethausern waren einsam und verödet. Kein Licht und keine Beter! Der Sabbath traf etwas Oedes. Unheimliches. Wochentages an. niergends winkte ihm ein Gruß entgegen. Nur die zwei Hunde vor Kallers Monopolladen heulten jämmerlich. Plötzlich entstand m einem Hintergäßchen em Geräusch. Kosaken galoppierten che engen Gassen hinunter und schreie schrillten durch die Luft. Aus Kallers Monopolladen eilten einige Christen aul die Straße, neugierig auf den ürund des Lärms. Fin «eltsames Schauspiel. An zehn langbartige Juden in wallenden Kattans lauten mit Thorarollen in den Händen: hinter ihnen her zwei Kosaken zu Pterde, die mit ihren Nagaikas wie besessen um sich schlagen. Die Juden mit ihrer heiligen Last laufen wie von Gespeistem geiagt es strauchelt hier einer und stürzt hm, die N^gaika saust ihm über Kopf und Schulter, aber mit der letzten Kraft hält er die Pergamentrolle hoch erhoben, daß sie nicht zu Boden falle und entehrt wurde. Mit einer kunstvoll geschickten Bewegung bringt er es fertig, sich vom Boden so zu erheben, daß die Rolle die F-rde nicht berührte. Und läuft, läuft, so rasch ihn vorhanden sein, dann möge daran erinnert werden, daß die Judenfrage in Saloniki während des Balkankrieges in gewissen jüdischen und nichtjüdischen Kreisen viel Staub aufgewirbelt und bis zu einem gewissen Grade auch die diplomatische Welt beschäftigt hatte. Diese Reminiszenz verdient umso eher Beachtung, als es bei der Rücksichtslosigkeit und Verschlagenheit der Ententediplomaten nicht ausgeschlossen erscheint, daß diese ein altes Requisit abstaubt und hervorzieht, um mit Hilfe desselben ihre Intriguenpolitik zu betreiben. Als der Verlauf des Balkankrieges jede Aussicht auf eine Wiedergewinnung Salonikis durch die Türkei zerstörte, entstand die Frage, wie das Schicksal der dortigen Judenschaft sich gestalten werde. Unter der türkischen Herrschaft erfreuten sich die Juden aller Rechte und Freiheiten, sie spielten auch im wirtschaftlichen Leben die größte Rolle. Unter der griechischen Herrschaft drohte ihnen nicht nur antisemitische Belästigung, sondern auch der Verlust ihres materiellen Wohlstandes. In jüdischen Kreisen entstand damals der Plan, Saloniki zur Freistadt unter völkerrechtlicher Garantie der Großmächte zu machen, in der Presse wurde darüber vielfach diskutiert und ein diesbezügliches Memorial wurde sogar der Botschafter-Konferenz in London vorgelegt, welche damals die Balkanfrage zu bereinigen hatte. Der Plan fand besonders in England und Frankreich einen gewissen Anklang, kam jedoch nicht zur Durchführung und wurde nach Abschluß des Balkanfriedens von der Tagesordnung abgesetzt. Die Juden Salonikis haben sich mit ihrem Schicksale befreundet und sind treue Bürger ihres neuen Vaterlandes geworden. Es ist nun nicht ausgeschlossen, daß die Entente jetzt, da sie sich Salonikis bemächtigen will, dieses Projekt wieder aufgestöbert hat und es den Juden Salonikis als Köder hinhalten will. Haben doch gewisse englisch-französische Kreise nicht gescheut, unter den Zionisten Seelenfängerei zu betreiben, mit dem Versprechen, nach einer Besiegung der Türkei Palästina den Juden zu überlassen — warum sollten sie ein ähnliches Manöver nicht auch in Bezug auf Saloniki in Szene setzen? Der Gedanke ist absurd und grotesk. Die Juden Salonikis werden sicherlich in diesen Apfelnicht beißen ■ und in ihrer VaterlandStreüe nicht schwanken. Aber die Ententekreise könnte das vielleicht nicht hindern, derartige Projekte durchschimmern zu lassen. Wie der Schelm ist, so denkt er. Die Alliierten* die sich gegenseitig verraten und hintergehen, muten Jedem Verrat zu. Sollten sie derartige Absichten haben, dann werden sie bei den Juden Salonikis eine ebensolche Enttäuschung erleben, wie bei allen bisherigen Unternehmungen. Das Aufwerfen eines derartigen Planes würde aber die ganze Niederträchtigkeit der Ententepolitik illustrieren, welche seitens Griechenlands die weitgehendsten Konzessionen erpreßt, gleichzeitig aber gegen dessen Integrität Attentatspläne schmiedet, um die eigenen Expansionsgelüste zu befriedigen. Spectator. Es waren die zehn alten Juden, die. als die Gemeinde am Freitag Nachmittag von der alten Schul mit einem letzten inbrünstigen Minchoh-Gebete Abschied genommensich em wenig verspätet hatten, sodaß der für das Verlassen der Stadt angesetzte Zeitpunkt verstrichen war. Sie haben solange ihre Herzen vor Gott ausgeschüttet, bis die Kosaken kamen, um die Aufraumungsarbeiten zu vollenden. Mit den Thorarollen m den Händen, wurden sie nun uber..Ae Weichsel aus der Stadt gepeitscht. ,*• -r >*- Die zehn Juden waren bereits hinter der Stadt. Die Kosaken hielten an und drohten nun mit der Knute von der Ferne und drängten zur größeren Eile. Die letzten zehn Flüchtlinge suchten die Spuren der vertriebenen Gemeinde, die mehrere Stunden vorher die Stadt verlassen hatte. Die Menschen selbst waren längst außer Sicht gekommen. Auf dem Wege lagen verlorene Sachen bunt umher: Leuchter, Kleider, Gebetbücher. Das waren die traurigen Spuren des Auszuges.. Inzwischen wurde es dunkel und immer dunkler. Nichts war auf dem Wege von Lebewesen zu bemerken, keine Fuhre und kein Feuer. Müde und gebrochen, setzten sich die Flüchtlinge am Rande eines Kartoffelfeldes und hielten ängstlich Wacht, daß nicht wieder die Reiter kommen. Eine Weile schwiegen sie, seutzten und rangen nach Luft. Einer wischte sich den Schweiß vom Gesichte, em anderer saß. ganz in trübe Gedanken versunken. „Es ist Sabbath". hörte man plötzlich einen sagen. Es kam wie aus der 1 lete der Erde. In dumpfem Schweigen, den Blick zur Erde gesenkt, saßen sie und harrten eines Wortes der Erlösung. Da stand einer auf. hob die Thorarolle in die Hohe und begann: ..Em Psalmlied tur den Sabbathtag!-- , Und alle anderen fanden gleich die Antwort. Sie erhoben sich und schritten unter den Gesangen des Sab- Dle JiidiscH-ftirkischen Beziehungen. (Gründung der Deutsch-Israelitisch-Osrnanischen Union.) Auf Einladung eines größeren Berliner Kreises fand Sonntag, den 12. Dezember 1915 im „Brüderverein" zu Berlin eine Besprechung statt, welche Teilnehmer aus allen Gegenden Deutschlands vereinigte. Dem Einlader-Komitee gehörten unter anderen an: Komm.-Rat- H. Bamberg, Geh. Reg.-Rat Prof. Dr. Herrn. Cohen, Dr. I. Ginsberg, Aron Hirsch, Just.-Rat Dr. Horwitz, Prof. Dr. James Israel, Prof. Dr. Kalischer, Komm.-Rat Alfred Löwenberg, Generalkonsul Komm.-Rat J. Mandelbaum, Bankier Alois A. F. Marcus, Rabb. Dr. Münk, Dr. Alfred Nossig, Dr. Walter Rathenau, Generaldirektor Konsul Segall, Kommerzienrat Gerson Simon, Prof. Dr. L. Stein, Oscar Tietz, Geh. Justizrat Berthold Timendorfer, Rabb. Dr. Warschauer, Rabb. Dr. Weisse, sowie zahlreiche andere namhafte Mitglieder der jüdischen Gemeinden Berlins. Die Veranlassung zu der Konferenz hatten die Verhandlungen gegeben, die gelegentlich der Uebergabe der Spende des jüdischen Hilfskomitees „Roter Halbmond" mit der türkischen Regierung stattgefunden und zur Gründung einer „Osmanisch-Israelitischen Union" in Konstantinopel geführt haben. Der neue bedeutsame Gedanke, zwischen den Juden und den Osmanen innigere Beziehungen zu schaffen, die einerseits für die Türkei vorteilhaft wären, andererseits der Besserung der Lage unserer osteuropäischen Glaubensgenossen dienlich sein könnten, hat in zahlreichen jüdischenGemeinden Deutschlands ein äußerst lebhaftes Echo geweckt. Gegen 300 im Vordergrunde des öffentlichen Lebens stehende jüdische Persönlichkeiten beteiligten sich an der Konferenz, darunter die Vertreter zahlreicher B. B.-Logen. Ueber hundert zustimmende Zuschriften und Anerbietungen zur Mitarbeit trafen außerdem aus den verschiedensten deutschen Städten ein. Die Konferenz wurde durch Komm.-Rat Gerson Simon eröffnet und geleitet. In seiner Ansprache führte Komm.-Rat Simon aus, daß die Ereignisse des Weltkrieges die Juden vor eine neue Situation stellen. Einerseits ist die den Juden seit jeher sympathische Türkei durch das Bündnis mit Deutschland uns nun auch als Deutschen besonders nahe gerückt. Andererseits wird, infolge der Besetzung von Russisch-Polen und Litauen durch die Zentralmächte, die ostjüdische Frage zu einer Frage der deutschen Judenheit und des deutschen Reiches. Zwischen diesen neuen Tatsachen können gewisse ersprießliche Zusammenhänge geschaffen werden. Die Verwirklichung dieses Gedankens hat das jüdische Hilfskomitee ,»Roter Halbmond": angebahnt. Durch seine Sammlungen zu Gunsten der türlaschen Armee, die über 120.000 Mark ergeben haben, erbrachte es einen sehr bemerkenswerten Beweis der besonderen Sympathie der deutschen Judenheit für die Osmanen. Der Vertreter des Komitees, Dr. Alfred Nossig, hatte dann in Konstantinopel Gelegenheit festzustellen, daß diese Sympathien von den türkischen Regierungskreisen erwidert werden und daß die Türkei geneigt sei, sich für die Sache der osteuropäischen Juden einzusetzen. Im weiteren Verlaufe rief das Komitee „Roter Halbmond" das „Zentral-Hilfskomitee" ins Leben, welches einen Fonds schaffen sollte, um einerseits die durch den Krieg herbeigeführte Notlage der Juden in Palästina zu mildern, andererseits für die Uebersiedelung von osteuropäischen Juden nach der Türkei Mittel bereit zu stellen. Mit besonderem Erfolg hat bis jetzt das mit der .Hilfskommission 1915" vereinigte Landeskomitee des „Zentralhilfskomitees" in Oesterreich bathhedes weiter. „Es ist gut, Gott zu danken und zu lobsingen deinem Namen. Höchster. Am Morgen Deine Huld zu verkünden und Deine Treue m den Nachten. Und in der nebelfeuchten Luft der Nacht trug es das Echo durch Feld und Flur hinaus: „Und Deine Treue in den Nachten-- So erreichten sie singend die Gemeinde der Ausgetriebenen. Mitten auf dem Wege, im Schatten eines Waldchens, hatte die Gemeinde Rast gemacht. Als mit Nachtanbruch der Sabbath herangekommen war, blieben die. Leute unschlüssig stehen. Die Meinung Vieler ging dahin, daß. nachdem sie hier nicht mehr unmittelbar unter dem Zwange der Treiber standen, jeder weitere Schritt eine Entweihung des Sabbath bedeuten wurde. Andere dagegen wiesen aut die Lebensgefahr hm, hier am Rande des schlachtumtobten Waldes die Nacht zu verbringen. Man kam über die Beratung nicht hinaus und verharrte indessen vor der nachtschwarzen Baumtront. Die indischen Wagenlenker, die auf ihren Fuhren freiwillig die Kranken. Greise und Kinder iuhrten, spannten die Pferde aus und erklärten, auf keinen Fall weiterzufahren- Die Mütter breiteten Tücher und Betten auf dem nassen Rasen aus und brachten da, so gut es ging, ihre Kinder unter. Chajim. der Fuhrmann und Nossen, der Fischer, zwei sehr praktische Leute, waren auf eine sehr kluge Idee gekommen. Sie richteten aus Wagenstangen. Tüchern und Hauten ein richtiges Zelt auf und steckten dann auf einer umgestülpten Tonne Sabbathkerzen an- Nur mußte das Licht nach allen Seiten gut gedeckt werden, damit man sie nicht merkte und keine Lichtsignale an den Feind dann sah . . . Und indes man noch verhandelte, ob und wann der Weitermarsch anzutreten sei. wurden schwere Schritte hörbar, es keuchten die zehn Greise mit den Thorarollen herbei. Wie die Gemeinde die geretteten Heiligtumer aus der alten Schul' erblickte, brach em unbeschreiblicher

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