Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 19 (23.12.1915)
- Date
- 1915-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 JU<iiscl\e Korrespondenz Nr. 19. In letzter Zeit gibt es in einigen Städten keinen /ucker. weder m den Verkautslaüen noch bei der Intendantur, hs wird daher den Kommandeuren der Rotten empfohlen, für die Mannschaften dünnen Zucker zu kaufen. Ist auch dieser nicht erhältlich, müssen Kontekte von den einfachsten Sorten zum Preise von Zucker gekauft werden. Die Konfekte dürfen nicht bei hiesigen indischen hrnien angeschafft werden, sondern nei pc-kanmen reellen Handelshausern: Bormann. fc>- nem, Landrin und bei den hiesigen Christen, weil uic kimtektv dei judischen Fabriken gesundheitsschad- (gez.) Oberst Godsewsky. " Auch nur ein einziges Wort hinzuttigen. wäre von Lehel, nichts kann beredter tür sich sprechen als diese Streiflichter. Der Kultuspräsident von Belgrad und die österr.- ung. Gefangenen. Aus Nisch wird berichtet, daß sich der Präsident der jüdischen Gemeinde in Belgrad Benjamin Boully, wie nunmehr konstatiert wurde, als ein aufopferungsvoller Freund der in serbische Kriegsgefangenschaft geratenen österreichisch-ungarischen Soldaten erwiesen hat. Die serbische Regierung widersetzte sich trotz wiederholter Bitten der Nischer Industriellen und Kaufleute der Heranziehung der Kriegsgefangenen zu den Arbeiten in Werkstätten, gewerblichen Betrieben, Fabriken und Bureaux, wodurch die bessere Verpflegung der Gefangenen ermöglicht und zugleich auch dem Mangel an Arbeitskräften in Serbien abgeholfen werden sollte. Erst nach längerem Zögern gestattete die Regierung den Kriegsgefangenen, ihr Lager zu verlassen und in der Stadt Dienste zu verrichten;-sie tat es jedoch nur unter der Bedingung, daß jeder der .Kriegsgefangenen täglich zugunsten des iAerars eine Steuer von einem Dinar'entrichte. Die Gefangenen, insbesondere die vom Mannschaftsstande, hatten indes keinen Heller, um dies^Tribut zu leisten. Der Präsident der jüdischen Gemeinde in Belgrad Benjamin Boully deponierte-'nun größere Geldbeträge zu dem Zwecke, damit für die österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenen die Steuer erlegt werde. So oft der Fonds im Abnehmen begriffen war, wurde derselbe immer wieder von Boully ergänzt, sodaß ständig ungefähr 25.000 Dinar unseren arbeitsuchenden Gefangenen zur Verfügung standen. Es gab Tage, an denen in dieser Weise für tausende Kriegsgefangene das Lösegeld gezahlt und das harte Los der im Gefangenenlager Mißhandelten erträglicher gestaltet wurde. Traurige Lage der Flüchtlinge in Rußland. „Birschewija Wjedomosti" vom 4. schreibt: Die Tragödie der Flüchtlinge nimmt von Tag zu Tag tragischere Formen an. Der Vorsteher des Kiewer Gemeindebezirkes berichtet, daß Haufen von Flüchtlingen die unterwegs angesammelten Holzvorräte plündern, die Umzäunungen der Grundstücke und sogar neuerbaute Brücken niederreißen. Alle Gegenmaßregeln haben keinen Erfolg, denn die Flüchtlinge bitten, man soll sie in Gefängnissen unterbringen. Die Kinder sterben vor Hunger und Kälte. Tote werden ohne Särge begraben. Der Vorsteher schlägt vor, in den Stationsgebäuden Stroh bereit zu halten, damit die Flüchtlinge sich hineinlegen können. Dasselbe Blatt meldet: Der Petersburger Frauenschutzverein erhält Hunderte von Mitteilungen, daß die Prostitution unter den jungen Mädchen der Flüchtlinge großen Umfang angenommen habe. In Bobrujsk bieten sich Kinder den Männern an. Aus Kischinew ist ein von hervorragenden Philantropen und Zeitungsredakteuren unterschriebener Brief gekommen mit der Bitte, gegen die Demoralisierung der Jugend einzuschreiten. Aehnliche Schriften sind aus Charkow. Rostow a. D. und aus anderen Städten eingelangt. (Daß ein großer Teil dieser Flüchtlinge Juden sind, braucht nicht erst besonders gesagt zu werden. Der Parteitag der russischen Monarchisten. „R j e t s c h" vom 6. und 7. Dezemb. bringt folgende Einzelheiten über den Parteitag der Monarchisten. In der Sitzung vom 5. Dezember klagte der Vertreter von Moskau, Paschatow, über die Unordnung in Petersburg, welche eine ruhige Arbeit ausschließe. Kielcow machte auf das unerhört revolutionäre Vorgehen des Moskauer Gemeinderates aufmerksam. Moskau stehe auf einem Vulkan. Die Moskauer Kaufleute verkaufen das Vaterland zusammen mit den Juden. Orlow, der Delegierte von Moskau, protestiete gegen diese Anschuldigungen und sagte: Nicht Moskau ist der Schandfleck Rußlands, sondern Petrograd. Moskau wird immer der f-elsen Rußlands sein. Wir kamen hierher, um auf die faulende Wunde hinzuweisen, deren Name Petrograd ist. Nicht Moskau wird verschwinden, sondern Ihr, die Petrograder, die Ihr weit vom nationalen Zentrum seid. Ihr strecket die Waffen bei den kleinsten Mißertolgen, weil Euch die Liebe zu Rußland und zum heiligen Glauben fehlt. Hört auf, nur Beamte zu sein! Laßt Euch vom nationalen Geiste aufrütteln und gehet mutig gegen die Revolution und zittert nicht vor ihr wie ein Espenlaub! Donzow sprach mit Bedauen über Odessa. Einst war diese Stadt eine Hochburg der Rechten, heute ist sie ein Hafen der Juden. Markow II forderte die Anhänger der Rechte zur Einigung, denn der Funke der Revolution könne zu einem großen Brande ausarten und ganz Rußland umfassen. Zamyslowskij erwähnte die Flüchtlingsfrage. Redner griff die Flüchtlingskommission an und warf ihr vor, daß sie ohne Kontrolle Staatsgelder den ländlichen Institutionen gebe. Der Parteitag beschloß eine Reihe von Resolutionen. Eine von ihnen wendet sich gegen die Aufnahme der Deutschen in den russischen Staatsverband. Diejenigen Deutschen, welche die russische Staatsbürgerschaft nach dem Jahre 1870 erlangt haben, sollen für fremde Staatsbürger erklärt werden. Der Wirkungskreis des Gesetzes vom 15. (2.) Februar soll auf ganz Rußland ausgedehnt werden. Ferner wird gefordert: Enteignung des Besitzes der Mennoniten und anderer Sektierer, Kreditentziehung für die deutsch-jüdischen Banken, Monopolisierung der Versicherungsgesellschaften, weil sie deutsch sind. In der Resolution über den fortschrittlichen Block wird gesagt, daß man den Krieg nicht vor der vollständigen Besiegung der feindlichen Truppen beenden dürfe. Es muß daher alles, was diesem Zwecke nicht angepaßt ist, vertagt werden. Die Forderung des Blocks wegen Errichtung eines verantwortlichen Ministeriums verletzt die Rechte der Autokratie. Die Amnestie politischer und religiöser Verbrechen ist nicht angezeigt. Die Erweiterung des jüdischen Siedlungsrayons ist gegen die Existenz Rußlands gerichtet, denn die Juden führen zusammen mit den Deutschen Krieg gegen Rußland. Der politischen ukrainischen Bewegung muß ein Ende bereitet werden, denn diese von Oesterreich-Ungarn und Deutschland unterstützte Bewegung ist für den Staat gefährlich. Ferner wurde eine Resolution gegen die Tagung der gesetzgebenden Körperschaften angenommen. Das zufällige Uebergewicht des fortschrittlichen Blocks droht mit der Schwächung der Kräfte des Staates. Die Woche. Kriegsminister Freiherr von Krobatin. Der Kaiser hat den Kriegsminister in Anerkennung seiner besonderen großen Verdienste in den Freiherrnstand erhoben. Die Auszeichnung des Kriegsministers hat in der ganzen Monarchie die höchste Befriedigung hervorgerufen. Freiherr von Krobatin hat wohl an den großen Siegen auf allen Kriegsschauplätzen seinen entsprechenden Anteil. Daß das ganze Räderwerk der militärischen Organisation so tadellos funktioniert, daß die Armee und die tapferen Soldaten mit allem Notwendigen versorgt sind, daß wir in Oesterreich-Ungarn keine Munitionsfrage, keine Verpflegungsfrage, keine Nachschubfrage kennen — all das ist nicht zum Geringsten das Verdienst des Kriegsministers, der still und geräuschlos, aber emsig und intensiv arbeitet und mit einem seltenen Organisationstalente jenes große Werk leitet, das so regelmäßig und ohne jede Friktion funktioniert. Freiherr von Krobatin hat die wiederholten Gnadenbeweise des obersten Kriegsherrn wohl verdient. Türkische Siege. Nach den glänzenden Siegen der Türken über die Engländer in Mesopotamien ist nun der großartige Erfolg der türkischen Waffen auf der Halbinsel Gallipoli gekommen, welcher allen Träumen des Zaren auf eine Beherrschung Konstantinopels ein jähes Ende bereitet. Das türkische Gebiet wird gar bald vom Feinde frei sein, und die türkischen Heeressäulen werden sich gegen die Feindesländer in Bewegung setzen. Jeder neue Sieg des Vierbundes bringt uns dem Ende des Krieges näher. Mögen die Feinde auch noch so sehr verschroben sein, sie werden doch aufs Knie gezwungen. Die Siege der Türken sind auch Siege des gesamten Vierbundes und sie wurden in Wien wie in Berlin mit ebensolcher Freude begrüßt, wie in Konstantinopel. Mit ganz besonderer Freude be- 1 grüssen die Juden aller Länder die Siege der türkischen Waffen und wünschen ihnen endgiltigen Erfolg. Ein jüdischer Bürgermeister in Piotrkow. Der jüdische Kaufmann Salomon Friedberg wurde vom Kommandanten der unter österreichisch-ungarischen Okkupation stehenden Stadt Piotrkow in Polen, General Schneider, zum Bürgermeister dieser Stadt ernannt. Die „echt-russischen Leute" und ihre allpolnischen Freunde dürften wohl vor Wut ohnmächtig die Fäuste ballen. Die polnisch-jüdischen Studenten. Aus Genf wird gemeldet: Im Lügenwerk der Entente ist letzten Endes auch die letzte „Affäre" an der hiesigen Universität begründet. Vor einigen Tagen gingen jüdische Studenten zum Professor Eternod, um ihn um Stundung der Kollegiengelder zu bitten. Professor Eternod lehnte ab und beleidigte noch obendrein die Studenten mit der Bemerkung: „Le Juifs de Pologne sont traitres, ils ont vendu la Russie." (Die Juden Polens sind Verräter, sie haben Rußland verkauft.) Man kann sich denken, welchen Eindruck diese Worte auf die gesamten jüdischen Studierenden machten. Die Studenten protestierten öffentlich gegen diese Insinuation. Der Senat der Universität beschäftigte sich mit dieser Angelegenheit und bewies den jüdischen Studenten aus Polen vollste Sympathien. Er erklärte die Anklage gegenüber den polnischen Juden für durchaus unbewiesen, und Professor Elternod bedauerte sodann die gebrauchten Worte, denen er jede antisemitische Gesinnung absprach. In einer Versammlung wurde beschlossen, keine weiteren Schritte mehr zu unternehmen und sich mit der Resolution des Senates der Universität und der Erklärung des Professörs zufrieden zu geben. Chronik. Wahre Toleranz. Wie wir von gut unterrichteter Seite vernehmen, hat das königlich bayrische Kriegsministerium auf Antrag der Rabbinate von Ansbach und München für alle bayrischen Gefangenenlager die von wahrhaft toleran- 'ter Gesinnung getragene Verfügung erlassen, daß den indischen Gefangenen auf Wunsch rituelles Essen verabreicht werde. Zur leichteren Durchführung dieser Bestimmung sind besondere Küchen eingerichtet. Diesem Beschluß, der bereits seit mehreren Monaten in Kraft ist, hat die Regierung neuerdings eine Verfügung folgen lassen, welche die Weitherzigkeit und das wohlwollende Entgegenkommen der Regierung für die religiösen Wünsche ihrer gefangenen Feinde bemerkt. Sie bestimmt, daß die jüdischen Gefangenen an Sabbath und den Feiertagen von der Arbeit zu befreien sind. Auffindung von den Russen ermordeter Geiseln. Als im Oktober 1914 die Russen bei Sochaczew ihren Rückzug antraten, nahmen sie auch aus seiner Gegend 12 jüdische Geiseln mit. Neun kehrten von ihnen nach einigen Wochen zurück und erzählten, daß 3 Geiseln von den Russen aufgehängt worden seien. Jetzt entdeckte ein Bauer östlich von Sochaczew die Leichen auf einem Felde, die nur dürftig verschart worden waren, so daß ein menschlicher Fuß durch den Regen blosgelegi worden war. Der Bauer grub nach und stieß auf die Leichen der drei verschleppten Juden: Chaim Semmel, Jossif Jakubowicz und Laib Schmele. Die Leichen hatten noch Stricke um den Hals und wurden an den Kleidungsstücken von ihren Verwandten erkannt. Eine türkische Verordnung gegen Proselytenmacherei. In den letzten Jahren wurde wiederholt darüber Klage geführt, daß an den hauptsächlich von französischen Ordensgeistlichen geleiteten Schulen in der Türkei systematisch Proselyten geworben wurden. Das neue türkische Reglement über die Privatschulen enthält nun im Paragraph 37 folgende gesunde Bestimmung: „Es ist nicht erlaubt, die Schüler zur Teilnahme an dem Religionsunterricht einer fremden Konfession anzuregen oder zu verpflichten, deren religiösen Uebungen beizuwohnen. Es ist weder erlaubt, die Schüler zu verhindern, an den Kursen teilzunehmen, weil sie den religiösen Zeremonien nicht beiwohnen, wie es auch nicht geduldet werden darf, daß die Schüler selbst aus eigenem Antrieb dem Gottesdienst einer anderen Konfession als der ihrigen beiwohnen." „Die jüdischen Wühlereien". Die antisemitische russische Tageszeitung „Semschtschina" veröffentlicht einen Aritkel, in dem erklärt wird, daß die Moskauer Unruhen und die liberalen „Treibereien" der Städtekonferenz in Moskau auf Wühlereien von jüdischer Seite zurückzuführen seien. Russische Geistliche gegen die Gleichberechtigung der Juden. Aus Kopenhagen und über eine in Kiew abgehaltene Konferenz der russischen Geistlichen im Kiewer Gouvernement berichtet, auf der Beschluß gefaßt wurde, ( die Gleichberechtigung der Juden zu bekämpfen. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. — Buchdruckerei „Melantrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Grünhut).