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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-23 · 19 (23.12.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
19 (23.12.1915)
Date
1915-12-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jüdische Korrespondenz PTLPrtdjlThTi-2aer' Wochenblatt für judische Interessen., ^^^Tm^ü^Z' Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Redakteur: Jonas Kreppel. I Erscheint jeden Donnerstag Mr. 19. h Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 7. Erscheint jeden Donnerstag Wien, 23. Dezember 1915. I. Jahrgang. Luzzatti, Polen und Juden. Die kurze Session des italienischen Parlamentes, welche mit einigen phraseologischen Ministerreden und, trotz aller Gegenwirkungen, einigen herben Kritiken der Regierung und der Kriegshetzer ausgefüllt war, brachte auch einen Antrag des gewesenen Ministers Luigi Luzzatti betreffend die Herstellung eines selbständigen Polens — notabene unter russischem Protektorate. In meritorischer Beziehung hat dieser Antrag wohl denselben realen Wert, wie die Reden Sonninos und Salandras. Mit Worten kann man keine Siege erringen und mit Anträgen keine Staaten errichten, das Schicksal Polens wird am wenigsten in der italienischen Kammer entschieden werden und die Entente wird diesbezüglich wenig dreinzureden haben. Die Entscheidung liegt in den Händen derjenigen, welche Polen erobert haben und welche die Zukunft dieses Landes bestimmen werden. Luzzattis Antrag hat demnach bloß die Bedeutung einer Demonstration nach Außen, der jeder greifbare Effekt fehlen dürfte. Nichtsdestoweniger finden wir es für notwendig, dem Antrag jLuzzattis ein wenig näherzutreten und zwar von jüdischem Standpunkte: Es ist kaum ein Jahr her, als derselbe Luzzatti im „Corriere della Sera" einen flammenden Protest gegen während des Krieges in Polen vorgekommenen Judenpogrome veröffentlicht und die gesamte Kulturwelt zu einer energischen Abwehraktion aufgerufen hatte. In dieser Angefcr. ...Arf'linV I nygartw^jft. ^jüitSWi 1 solche „Freundlichkeit" entschieden verbitten.! Fast das ganze polnische Volk steht heute im j Lager der Zentralmächte, nicht nur physisch infolge der Okkupation aller polnischen Gebiete, sondern auch geistig, da es nur von einem endgiltigen Siege der Zentralmächte seine Befreiung vom russischen Joche und die Erlangung der Möglichkeit eines freien, national-kulturellen Lebens unter entsprechenden Formen erwartet. Luzztttis Antrag ist; nur im Interesse Rußlands gestellt und soll den, russischen Interessen dienen. Polen soll;wie-derum eine Beute des russischen Eisbären" w-erden, Polen wie Juden sollen weiterhin, geknechtet und verfolgt, gegen einander gehetzt tffid aufgewiegelt werden. Luzzattis Antrag kann demnach nur den Polen zum Trotz und den Juden zum Leid gestellt worden sein. Die Auseinandersetzung in Bezug auf die polnischen Interessen wollen wir den Polen selbst überlassen, aber in Bezug auf die jüdischen Interessen müssen wir auf das Schärfste gegen den Antrag Luzzatti protestieren. War der vorjährige Luzzatti'sche Protest nur irgendwie ernst gemeint, dann muß Luzzatti auch fernerhin konsequent bleiben und nicht der Entente zuliebe die Interessen zweier Millionen seiner Glaubensgenossen opfern. Luzzatti mag über den „Erlösungskrieg" Italiens wie immer denken — er darf aber nicht im Geringsten darüber im Zweifel sein, was den Interessen der Juden Polens frommt. Er darf absolut die Augen vor den Gefahren nicht verschliessen, die ihnen drohen, falls Polen in der Zukunft auch nur den geringsten Zusammenhang mit tf.nßtand haben solHe. Keine wre^rrrmer ge-^ Iten Italiens Protestversammlungen arrangiert worden und es wurde nicht mit großen Worten zum Schutze der wehrlosen Juden gegeizt. Luzzatti beschuldigte wohl die Polen selbst als die Arrangeure dieser, Pogroms, wogegen von polnischer Seite auf das Heftigste protestiert und erklärt wurde, daß diese das Werk der Russen seien. Tatsache ist. daß diese Pogroms sich in solchen Gebieten Polens abgespielt haben, die unter russischer Herrschaft sich befanden und daß selbst nach den Aeußerungen Luzzattis die russische Soldateska wie nicht minder die russischen zivilen Machthaber an denselben nicht unbeteiligt waren. Tatsache ist es andererseits, daß auch in den zeitweilig unter russischer Okkupation gestandenen Gebieten Galiziens solche Pogrome vorgekommen sind. Hingegen ist es wiederum eine unleugbare Tatsache, daß seit der Okkupation Polens durch Oesterreich-Ungarn und Deutschland die Lage der dortigen Juden eine radikale Aenderung zum Besseren erfahren hat und daß seitdem nichts vorgekommen ist, was zu Besorgnissen über die Lage der dortigen Juden Anlaß geben könnte. Die dortigen Juden sagen vielmehr jeden Tag Lob und Preis ihrem e wigen Vater im Himmel dafür, daß er sie vom russischen Joche befreit und den Klauen des Zaren entrissen habe. Ihre Herzen sind voll Dankbarkeit für ihre Befreier, die Zentralmächte und sie haben nur den einen Wunsch, nichts mehr von Rußland wissen zu müssen. Die Schlußfolgerung aus diesen Tatsachen müßte selbst einem verblendeten Ententeanhänger klar sein, umso eher einem Luzzatti, der sich keineswegs zu einem Salandra-Mameluken herabwürdigen lassen sollte. Wenn in Polen unter der russischen Herrschaft Pogrome gegen die Juden stattgefunden haben, wogegen diese Erscheinungen unter der Herrschaft der Zentralmächte vollständig verschwanden, trotzdem die Bevölkerungsverhältnisse im Lande dieselben geblieben sind, so ist dies der klarste Beweis dafür, wer eigentlich diese Pogrome verschuldet hatte und gegen wen die Lebensinteressen der etwa zwei Millionen Juden Polens zu schützen sind. Derselbe Luzzatti, der erst vor Jahresfrist solch flammende Worte zum Schutze seiner Brüder gefunden hatte, soll doch jetzt nicht selbst deren Wiederauslieferung an die russische Barbarei propagieren. Denn eigentlich darauf geht ja Luzzattis Antrag los. Derselbe kann absolut nicht im Interesse der Polen gestellt sein, gegen welche ja Luzzatti erst voriges Jahr als Ankläger aufgetreten ist. Die Prien würden sich auch eine arteten Garantien der Ententemächte können da irgendetwas ausrichten. Die Entente hat übrigens gerade während des Krieges genug Beweise geliefert, daß sie den Juden zuliebe die Laune eines russischen Ministers nicht verderben will. Unter der Herrschaft der Zentralmächte brauchen die Juden Polens keine fremden Garantien, die Lösung der polnischen Frage wird seitens dieser Mächte ebenso zur Zufriede.ihe.t der Polen, wie der der Jude,i erfolgei:. Luzzattis Antrag ist wohl bloß eine bedeutungslose Demonstration, aber im Interesse der Juden sollte er sich auch davon zurückhalten. Dies gebietet ihm seine Zugehörigkeit zum Judentume und die Konsequenz seiner vorjährigen Proteste gegen die Judenpogrome in Polen unter Rußlands Herrschaft. Flüchtlingsfiirsorge und Fluchtlin g sre pafrii erung. Anläßlich der vorige Woche in Wien eröffneten Ausstellung „Die Kriegshilfe", in welcher u. a. auch die Flüchtlingsfürsorge in allen Einzelheiten dargestellt wird, hat das k. k. Ministerium des Innern eine besondere Schrift unter dem Titel „Staatliche Flüchtlingsfürsorge im Kriege 1914/1915" erscheinen lassen, welche eine detaillierte Schilderung der gesamten staatlichen Flüchtlingsfürsorgearbeit bringt und auch statistische I)at.:n in tabellarischer Form über die Zahl der Flüchtlinge, ihre Unterbringung, die Kosten für ihre Unterhaltung etc. enthält. In der Einleitung zu dieser Schrift wird auf die großen Schwierigkeiten verwiesen, welche die Flüchtlingsfürsorge mit sich brachte: stand man doch vor einem neuen Probleme, welches seit den Zeiten der Völkerwanderung seinesgleichen nicht hatte, handelt es sich doch darum, Hunderttausende Familien verschiedener Konfession, Nationalität, Klassen und Schichten mit allem zu versorgen, was der moderne Mensch unbedingt benötigt. Es war nicht nur für Brot | und Dach zu sorgen, sondern auch für j Kleidung, Hygiene, Schul-Unterricht. Gottes- ' dienst etc., man mußte auch mit gewissen Unbequemlichkeiten rechnen, die sich aus der Unterbringung der Flüchtlinge in ihnen bisher fremden Gebiete;i unter einer oft durch Sitten, Sprache und Lebensanschauung verschiedenen Bevölkerung ergeben dürften. Nichtsdestoweniger ist nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten die schwere Arbeit gelungen und die .Flüchtlingsfürsorge-Frage wurde in einer für jeden Oesterreicher befriedigenden Weise gelöst. Freilich, es muß zugegeben werden, daß zum Gelingen des Werkes auch vielfach die Beteiligung aller Bevölkerungsklassen sowie die Privatinitiative das ihrige beigetragen haben. Eine ganze Reihe privater Institutionen wurde geschaffen, mit deren Hilfe die Aufgabe der staatlichen Flüchtlingsfürsorge wesentlich erleichtert wurde. Sowohl in Wien wie auch in allen Gegenden, in denen die Flüchtlinge untergebracht wurden, bildeten sich Privatkomitees, wurden große Mittel gesammelt, stellten sich Tausende Männer und Frauen in den Dienst der Fürsorge. Dank dieser gemeinsamen Arbeit der staatlichen Organe und der privaten Komitees konnte so Großartiges erreicht werden. Nun stellen wir in letzter Zeit vor einer neuen Aufgabe, die vielleicht nicht kleiner und leichter ist, als die frühere. Der Flüchtlingsstrom, der sich im vorigen Jahre gegen Westen ergossen hatte, ist seit Monaten im Zurückfliessen begriffen. Fortgesetzt werden neue galizische Bezirke für die Rückkehr der Flüchtlinge freigegeben, die Repatriierung der Flüchtlinge wird nicht nur wesentlich erleichtert, sondern auch im Interesse der Allgemeinheit als wünschenswert und notwendig erklärt und durch verschiedene Maßnahmen gefördert. Es liegt dies auch im Interesse der Flüchtlinge selbst, so rasch als möglich in ihr altes Heim, zu Haus und Herd, zurückzukehren und ihren früheren Beruf wieder aufzunehmen, um das Leben in den verlassenen Ortschaften wiederum in das normale (ieleise zu bringen. _______Die Sadae.ist aber nicht so einfach. Trotz aller Fortschritte und Konsolidierung der Verhältnisse sind die Spuren der Kriegsereignisse in den bezüglichen Gebieten noch nicht ganz verwischt. Ganze Ortschaften fielen ja dem Vandalisnms des Feindes zum Opfer und selbst diejenigen, die verschont blieben, haben durch die Kriegsereignisse vielfach gelitten. In die Hunderttausende geht die Zahl der Baulichkeiten, die durch den Krieg und durch den Feind zerstört wurden und große Massen Flüchtlinge finden nach der Rückkehr in ihre Heimat kein schützendes Dach. Die Verkehrsverhältnisse sind noch nicht vollständig geiegelt und auch die Approvisionierung begegnet vielfachen Schwierigkeiten. All diese Umstände gestalten, besonders in der rauhen Winterzeit, die Repatriierung der Flüchtlinge zu einem überaus schwierigen Probleme, das wiederum nicht weniger Kraftanstrengung, Hilfsmittel, Geschicklichkeit und Organisationsarbeit erfordert, als die vorjährige Flüchtlingsfürsorge. Gerade aber das so glänzend gelungene Werk der Flüchtlingsfürsorge darf der gegenwärtig aktuellen Frage der Flüchtlings-Repatriierung als beispielgebend dienen. Die staatlichen Organe, sowohl in den Ortschaften, wo die Flüchtlinge sich aufhalten, wie auch in denjenigen, wohin sie zurückkehren sollen, dürften diesmal dieser Frage dasselbe Interesse, dasselbe Wohlwollen und dieselben Mittel widmen, wie bei der Flüchtlingsfürsorge. Auch die Privat-Initiative muß diesmal einspringen und das ihrige zum Gelingen des Werkes beitragen. Auf diesem Wege wird auch die Flüchtlingsrepatriierungs-Frage in befriedigender Weise gelöst werden können. Wer die große Fürsorge de? maßgebenden Regierungskreise für die Flüchtlinge näher kennt, zweifelt keinen Moment, daß diese auch der Flüchtlings-Repatriierung in demselben Maße ihr Interesse widmen. Sind es doch dieselben Flüchtlinge, die zu versorgen sind, und handelt es sich doch nicht mehr um unproduktive Ausgaben, sondern um die Ermöglicliung zur Rückkehr ins normale Leben. Der neue Minister des Innern, Prinz Hohenlohe, hat bereits Gelegenheit genommen, dieser Angelegenheit großes Interesse zu widmen und die notwendigen Maßnahmen in Aussicht zu stellen, welche zum Ziele führen konnten. Auch die staatlichen Organe in Galizien ihrerseits dürften alles Nötige unternehmen, um die glatte Abwickelung der Repatriierung zu ermöglichen. Ebenso, wie bei der Flüchtlingsfürsorge, kann wohl am Anfange nicht alles genau klapnen Fs können sich hie und da gewisse Schwie-

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