Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 18 (16.12.1915)
- Date
- 1915-12-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUdiscl\e Korrespondenz Seite 3 Ende November auf 279 Millionen Kronen. Der Höchststand der in Wien untergebrachten Flüchtlinge betrug 250.000; heute werden hier noch 137.000 Flüchtlinge in Evidenz geführt. Der Flüchtlingsstrom erreichte seinen Höchststand im Juni 1915, veranlaßt durch das Zuströmen der Italiener. Zur Aufrechterhaltung des Unterrichts mußten 300 Flüchtlingsschulen errichtet werden. Ueber vermißte Flüchtlinge wurden rund 192.000 Anzeigen erstattet. Zu ihrer Erforschung mußten 126.512 Anfragen und Briefe versendet werden; sie hatten in 59.000 Fällen Erfolg. Zur Unterstützung der Flüchtlinge aus den Intelligenzkreisen wurde in Wien unter Führung des Ministers Ritter v. Bilinski ein besonderes Hilfskomitee gegründet, das in fünf Sektionen nach Berufen getrennt, arbeitet. In diesen wurden von diesem Komitee bisher 32.572 Personen mit Unterstützungen beteilt. Unter den Unterstützten befinden sich Aerzte, Advokaten, Industrielle, Grundbesitzer, Beamte, Angehörige der künstlerischen Berufe und andere mehr. Die Ausstellung „Die Kriegshilfe" ist ein schönes Zeugnis für die Kriegsarbeit des Hinterlandes; sie bedeutet einen Sieg der Monarchie über die wilde Grausamkeit der Feinde. Die Jargonfrage. (Schluß.) Die Haltung der offiziellen Zionisten gegenüber dem Jargon wird jedoch vielfach seitens der anderen jüdisch-nationalen Gruppen bekämpft. Besonders sind es die „Poale-Zionisten" aller Länder, die „Jüdisch-Sozialisten" in Galizien und der Bukowina, die „Bundisten" in Rußland und Polen etc., welche den Standpunkt vertreten, daß der Jargon eine jüdische Volkssprache ist und auch den Anspruch, als Nationalsprache betrachtet zu werden, habe. Auch ein großer Teil der jüdischen Schriftsteller widmet viefach seine Kraft der Jargonliteratur; gerade die berühmtesten Hebräisten scheuen nicht davor zurück, Jargon zu schreiben und es sind nicht gerade die schlechtesten ihrer Geistesprodukte, die im Jargon erscheinen. Im Grunde genommen muß erklärt werden, daß der Jargon in der Gestalt, die er in den letzten 20 Jahren angenommen hatte, unmöglich als deutscher Dialekt schlechthin bezeichnet werden kann. Der moderne Jargon hat nicht nur eine sehr große Zahl hebräischer Worte aufgenommen, er besitzt auch eirie eigene, genau umschriebene Orthographie, eine ausgeprägte Stilbildung und gewissermaßen auch eine Grammatik. Im Zeitungsstil unterscheiden sich wohl die Produkte de einzelnen Länder infolge der Aufnahme vieler Fremdworte aus den diversen Landessprachen. So z. B. finden wir in der jüdisch-amerikanischen Presse eine Menge englischer Worte, in der jüdisch-russischen Presse eine Menge russischer Worte, ja, selbst die jüdischen Blätter in Rumänien benützen sich vielfach mit rumänischen Worten, wogegen der Jargon in Galizien am stärksten der deutschen Dank der von der Russenqual befreiten Qrodeker Dann entwirft der Redner ein ergreifendes Bild der Leiden, der Entbehrungen, des Elends und der Vernichtung — inmitten derselben den ungebeugten Glauben aller, daß die furchtbaren Tage — die niemals wiederkommen mögen — vorübergehen werden. Er sprach deutsch, doch in verständlicherem Jargon, reich an hebräischen Worten und Zitaten. Gleich einer Offenbarung strömt seine Festrede über die Menge, die Gläubigen folgen ihr offenen Mundes mit gespanntester Aufmerksamkeit. Sie nicken alle zustimmend, die Hände erheben sich, die Rücken beugen sich. Die Rede war zu Ende. Wieder ein Höllenlärm, der aber übertönt wird vom Gesang des Synagogenchores. Es schluchzen auf die rührenden Gesänge, hell klingt und singt die Sopranstimme eines Jünglings der mächtige Bariton des Chorführers erfüllt wie glühende Lava die engen Räume. Ein Summen mengt sich in die Gesänge, laute Klage, durchaus Trauer, reine Erhebung zu Gott, offenbart sich aus; den gesanglich schweren Seufzern. Fünf bis sechs Gesänge folgen, durchaus fremd unseren Ohren, aber jeder einzelne ganz vereinzelt schön, tief und recht biblisch. Beifallsmurmeln begleitet die gesungenen Gebete. Dann wurde das „Gott erhalte" deutsch und hebräisch gesungen, damit schloß auch die gottesdienstliche Feier. Dann reicht der Rabbiner gar vielen freudig bewegt seine Hände, wieder ein Drängen, Hasten, Rennen, hinaus ins tägliche Leben, in die dumpfen Hütten, in die Engen des schmutzigen Ghettosv Draußen herrschte glühende Hitze, die Sonne versendet ihr glänzendes Gold überall hin, auf verkohlte Häuser, auf Düngerhaufen, auf schmutzige Kaftans, auf verlebte Züge, auf Wunden und Oräber, auf das längst getrocknete Blut, dessen jeder Tropfen als ein teures Geschenk hinsickerte in den Boden des Riesenfriedhofes — Grodek! Aus dem „Pesti Hirlap". Uebersetzt von Prof. Ed. Nascher. Sprache ähnelt. Die literarischen Erzeugnisse im Jargon besitzen hingegen einen ziemlich einheitlichen Stil und einen von jeder fremden Beimengung reinen Wortschatz, mit Ausnahme der hebräischen Worte, die überall gleich angewendet und die nur seitens gewisser extremer Jargonisten absichtlich „verjüdischt" werden, was dem Sprachcharakter wenig nützlich ist. Es wäre demnach absolut verfehlt, den Jargon als deutschen Dialekt zu bezeichnen, er muß und soll unbedingt als eine Sprache für sich anerkannt werden. Vom jüdischen Standpunkte bedeutet der Jargon ein starkes Hindernis gegen die assimilatorischen Bestrebungen, da die Erhaltung des Jargons auch die Erhaltung des rein-jüdischen Geistes erleichtert. Andererseits ist der Jargon ein sehr gutes Mittel zur Erleichterung der Kultivierung der breiten jüdischen Volksmassen. Gerade seine große Aehnlichkeit mit der deutschen Sprache bringt es mit sich, daß jeder Jude sehr leicht dieselbe erlernt und kaum ist er imstande, das deutsche Alphabet zu buchstabieren, kann er auch schon deutsch lesen und schreiben. Der große hebräische Wortschatz im Jargon ist schließlich auch für die Verbreitung der hebräischen Sprache von einigem Nutzen. Zieht man alle diese Umstände in Betracht, so läßt sich sagen, daß der Jargon eigentlich als „Mädchen für Alles" dienen kann und es deswegen unrichtig wäre, denselben auf künstlichem Wege ganz zu beseitigen. Die Hebräisten dürfen nicht vergessen, daß ohne den Jargon die Assimilation der Ostjuden sicherlich viel bedeutendere Fortschritte gemacht hätte, ebenso, wie dies in allen westeuropäischen Ländern der Fall war. Die Jargonisten hingegen müßten bedenken, daß nur die hebräische Sprache die eigentliche Nationalsprache des jüdischen Volkes sein kann und wird, insoferne es jemals gelingen sollte, ein jüdisch-nationales Leben auf einem bestimmten Territorium zu schaffen. Schließlich erleichtert der Jargon die Kultivierung der breiten jüdischen Volksmassen und darf infolgedessen grundsätzlich nicht bekämpft werden. Dort, wo große jüdische Volksmassen zusammenbleiben, hat der Jargon für absehbare Zeit auch eine Zukunft, die weder von Seiten der Hebräisten noch von Seiten der Assimilanten gestört werden kann. Die Frage, inwiefern der Jargon als politicum behandelt werden soll, ist jedenfalls eine sehr delikate und soll nicht unter dem Eindrucke der Tagesereignisse gelost werden. Der Jargon hat während des Krieges der Sache der Zentralmächte sehr große Dienste geleistet, aber damit ist noch nicht gesagt, daß alle jargonsprechenden Juden kurzerhand als zur deutschen Nation gehörig betrachtet werden dürfen. Für Diejenigen, die auf dem jüdisch-nationalen Standpunkte stehen, ist ja dies eigentlich prinzipiell ausgeschlossen. Diejenigen hingegen, die der Assimilationsidee huldigen, mögen bedenken, daß es eine Assimilation en masse überhaupt nicht gibt und daß sich nur einzelne Individuen assimilieren können, wo die Möglichkeit hiefür gegeben ist. Es ist ratsamer, den Jargon vorläufig als solchen zu beurteilen und zu behandeln. Die prinzipielle Lösung des Problems aber der zukünftigen Entwicklung der Verhältnisse im jüdischen Lager zu überlassen. Spectator. Jiiddisches Theater im Gefang enlag er. Immer wieder erleben wir es: nichts ist so wunderbar, daß es in der wunderbaren Geschichte des jüdischen Volkes nicht vorkäme. Während auf der blutigen Bühne des Welt-Theaters die Tragödie der polnischen und russischen Juden von Akt zu Akt fortschreitet, spielen auf einer kleinen, aus rohem Holz gezimmerten Bühne innerhalb der Drahtzäune eines deutschen Gefangenenlagers jüdische Schauspieler und Dilettanten ihren gefangenen Brüdern Theater vor, singen ihnen von alten jüdischen Helden und neuen Duldern und erheitern mit Scherz und Spott über das jüdische Leben ihre Herzen. Die 1100 Juden unseres Gefangenenlagers haben keine leichte Zeit hinter sich. In den ersten Monaten der Gefangenschaft suchte eine schwere Seuche das Lager heim und hat auch unter den Juden zahlreiche Opfer gefordert. Erst nachdem die Krankheit endlich überwunden war, und Zeit und Kräfte der Verwaltung, die bis dahin allein zur Schaffung eines gesicherten Gesundheitszustandes völlig in Anspruch genommen waren, für andere Dinge frei wurden, konnte an die Befriedigung höherer Bedürfnisse herangegangen werden. Lesehallen, Spielplätze und das Theater wurden geschaffen. Letzteres wurde aus einer früher als Notlazarett verwendeten Baracke hergestellt. Einige französsche Gefangene, Artisten und Musiker, taten sich zusammen, beschafften Instrumente und bildeten ein Orchester. Aus dem Ertrag der ersten Konzerte kamen die Mittel, die Bühne technisch zu vervollkommnen; ein versenktes Orchester, Kulissen, Hintergründe wurden hergestellt, und bald fand die erste französische Theater-Aufführung statt. Der volle Erfolg dieses Theaters ließ einen jüdischen Schauspieler, der seit Monaten als gefangener russischer Soldat im Lager ist, nicht schlafen. Sein Name ist Fabischeff, doch ist er, wie er mir anvertraute, in den jiddischen Theaterkreisen Warschaus, Londons und New-Yorks und anderer Jargon-Zentren nur unter seinem Bühnennamen F a b o w bekannt. Er hat schon in vielen Städten gespielt, seit 12 Jahren ist er im Beruf, kam kurz vor dem Kriege aus New-York, wo er drei Engagements hatte, nach Warschau, um seine Angehörigen nach Amerika zu holen, wurde beim Kriegsausbruch zurückgehalten, ins Heer eingereiht. Von einer deutschen Kugel am Leib verwundet, lag er über 3 Monate in einem deutschen Lazarett und kam dann als Gefangener in das Lager. - Dieser Mann also wollte durchaus ein j i d d is c lies Iheatcr im Lager schallen. Man muß die Verhältnisse in einem Gefangenenlager kennen, um zu ermessen, was das heißt. Er hatte nichts als seine zehn leeren Finger. Außer einem Flötenspieler, den man allenfalls noch zum Fach zählen könnte, war unter den jüdischen Gefangenen sonst keiner, der je etwas vom Theaterspielen verstanden hätte. Jedoch, nachdem die Erlaubnis der Kommandantur erteilt und ein Vertrag mit dem französischen Theater abgeschlossen war, auf Grund dessen das Theater jeden Sonnabend Abend gegen e,ne bestimmte Entschädigung den Juden zur Verfügung steht und das französische Orchester die musikalische Ausführung übernimmt, gingen alle Vorbereitungen in kurzer Zeit von statten. Bald fanden sich genügend Solisten, selbst für Damenrollen, und ein aus zehn Mitgliedern bestehender Chor zusammen. Fabow schrieb für sie alle aus dem Kopf die Rollen und die Partituren auf, leitete täglich die Proben und instruierte das Orchester, dessen Dirigent, ein französischer Berufsmusiker, sich mit anerkennenswertem Eifer in das so ganz anders geartete Wesen der jüdischen Musik hineinzuleben suchte. Fabow zimmert aber auch den „Thron" für den Kaiser Chiskiah, benagelt ihn mit Stoff und bemalt ihn mit dem Mogen-Dawid, malt Hintergründe und Kulissen, besorgt in einem Kostüm-Verleihgeschäft der Stadt die erforderlichen Kostüme für alle Solisten und Statisten, schreibt an einer als Nachttisch hergerichteten Kiste mit kalligraphischer Schrift die Theaterzettel nebst Erläuterungen in jidischer, hebräischer, deutscher und russischer Sprache, und bringt nach kaum h Wochen die erste Vorstellung zustande. Goldfadens historisches Drama „Bar Kochba" wurde gespielt, und es braucht nicht erst gesagt zu werden, daß es ungeheuren Erfolg hatte. Das Theater faßt etwa 600 Personen, wovon freilich über 100 Freiplätze für die deutschen Unteroffiziere des Lagers, die Aerzte und einige Ofiizieie reserviert waren. Immerhin brachten die verkauften Billets (die Preise waren von 80 Pf. abwärts bis 10 Pf. festgesetzt) einen erheblichen Ueberschuß, so daß außer den notwendigen Abschreibungen für die Kosten der späteren Aufführungen noch 60 M. dem Unterstützungsfonds für unbemittelte jüdische Gefangene überwiesen werden konnte. Außer dem „Bar Kochba" und dem auf denselben altjüdischen Ton gestimmten „Churban Jeruschalajim" („Zerstörung Jerusalems") wurden noch leichtere „Komödien" gespielt, in denen Szenen aus dem kleinbürgerlichen jüdischen Leben mit charakteristischer Darstellung der typischen Personen (Rebbe, Bocher, Schadehen) usw. in zwingender Komik vorgeführt wurden. Hier feierte Fabow schauspielerische Triumphe, aber auch von den Dilettanten offenbarten einige beträchtliches Talent. Freilich, unsern künstlerischen Maßstab wollen wir lieber nicht anlegen, aber nicht darauf kommt es an, was wir, die Außenstehenden, dazu sagen, nicht darauf, welche Meinung der Herr Kommandant und das Offizierskorps des Lagers, die sich zu der nächsten Vorstellung angesagt haben, von dem jüdischen Theater bekommen werden, sondern worauf es ankommt, ist lediglich dies: Daß es einem, ganz in seinem Beruf lebenden jüdischen Schauspieler gelingt, unter den ungünstigsten Verhältnissen seinen Brüdern und Landsleuten eine ständige Bühne zu schaffen, und sie allwöchentlich für einige Stunden aus ihrem Grübeln über die Not ihres Volkes und ihre eigene herauszureißen. Und es ist sicherlich ein gutes Zeugnis für die Kraft der jüdischen Theaterkunst, daß sie ein Jargon- Theater im Gefangenenlager schaffen konnte. Josef Julius Präger. Die Woche. Die verschleppten Geiseln. Prinz Karl von Schweden, der sich in großherziger Weise der Kriegsgefangenen beider Teile annahm, hat anläßlich der Beratungen in Stockholm den russischen Delegierten des Roten Kreuzes ein Memorandum überreicht, in dem die russische Regierung gebeten wird, den in Rußland zurückgehaltenen Zivilpersonen, namentlich den Verschleppten, die nicht in wehr-> fähigem Alter stehen und nach Oesterreich- Ungarn, beziehungsweise Deutschland zurückkehren wollen, die Rückkehr zu gestatten. Wie wenig man sich leider von dieser hochherzigen Aktion des schwedischen Prinzen versprechen kann, beweist nachstehender Fakt: Der amerikanische Konsul in Moskau hat, sich an die russische Regierung mit der Aufforderung gewendet, die zahlreichen, in Tula zurückgehaltenen galizischen Geiseln, Polen, Juden und Ruthenen, freizulassen, da für ihre Internierung gar keine völkerrechtlichen Gründe vorhanden