Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 18 (16.12.1915)
- Date
- 1915-12-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 jüdische Korrespondenz Nr. 18. sind. Die russische Regierung erwiderte, daß sie zuerst das Gutachten des „General-Gouverneurs von Galizien" (?), Grafen Bobrinskij, darüber einholen muß, aus welchen Ursachen und unter welchen Umständen die betreffenden Personen nach Rußland verschleppt wurden. Macht es;chon einen grotesken Eindruck, daß die russische Regierung noch immer von einem gallischen General-Gouverneur spricht, dessen Entscheidungen irgendwie maßgebend sein kennten, so dürfte Graf Bobrinskij im besten Falle kaum imstande sein, diesbezüglich irgendwelche Aufklärungen zu geben, da ja die Verschleppung der unglücklichen Geiseln eine ganz willkürlicher, plan- und zwecklosen terroristischer Akt war. Das ganze ist nichts anderes, als eine faule Ausrede, mit deren Hilfe Rußland die Geiseln weiterhin zurückbehalten will. Aktion zur Befreiung der verschleppten galizischen Rabbiner. Von besserem Erfolge dürfte hoffentlich eine Aktion sein, welche einige galizische Rabbiner unter Führung des Abgeordneten Dr. v. Loewenstein, zwecks Befreiung der verschleppten galizischen Rabbiner im Austauschwege unternommen haben. Abg. Dr. v. Loewenstein hat diesbezüglich im Ministerium des Äußern interveniert und erhielt seitens des Referenten, Generalkonsul v. Hempel, die Versicherung, daß das k. u. k. Auswärtige Amt dieser Aktion das größte Wohlwollen entgegenbringt und bereit ist, das Mögliche zur Herbeiführung einer Freilassung der verschleppten Rabbiner im Austauschwege zu unternehmen. Um diese Angelegenheit einer Erledigung zuzuführen, ist es notwendig, dem k. u. k. Auswärtigen Amte eine genaue Liste der in Betracht kommenden Rabbiner mit näherer Angabe des Datums, wann sie beiläufig verschleppt wurden, sowie genauer Angabe ihres gegenwärtigen Aufenthaltsortes in Rußland, vorzulegen. Es ist nun Sache der jüdischen Gemeinden Galiziens, dem Abg. Dr. v. Loewenstein (Wien, I. Schwarzenbergplatz 17) die erwünschten Angaben so rasch als möglich zugehen zu lassen, damit die Aktion in offizieller Weise unternommen werden könnte. England gibt die russischen Juden preis. Dem New-Yorker Jüdischen Tageblatt wird aus London folgender Bericht telegraphiert: „Lord Robert Cecil, Unterstaatssekretär im Ministerium des Aeußern, empfing dieser Tage den Redakteur der russischen Zeitung Gazeta Kopejka, S. Gorodezki, dem er im Laufe einer längeren Unterredung über die russische Judenfrage nachstehende Erklärung gab: „Die englische Regierung hat immer mit der Forderung einer völligen Emanzipation der russischen Juden sympathisiert, allein die Judenfrage ist eine innere Angelegenheit des russischen Reiches, in die wir, die Verbündeten Rußlands, uns nicht einmischen dürfen und wollen. Die Verbündeten respektieren sich gegenseitig und wir werden uns deshalb mit jeder Art der Lösung dieser Frage durch die russische Regierung zufrieden geben müssen." Korrespondenz. Drohobycz. Das düstere Bild, das bis nun infolge der Kriegsereignisse hier geherrscht hat, beginnt allmählich zu schwinden. Die entvölkerte Stadt, die unter der russischen Invasion furchtbar gelitten hatte, besannt sich allmählich zu bevölkern. Die Gemüter werden beruhigter und mit Zuversicht blickt alles in die Zukunft. Das normale Leben kehrt wieder und die früher so lebhafte Stadt gewinnt wiederum ihr früheres Bild, hin großes Verdienst um die stetige Konsolidierung der Verhältnisse gebührt dem Leiter der hiesigen Bezirks- Hauptmannschaft Oberstleutnant Quzkowski, der mit nebligem Verständnisse und warmfühlendem Herzen für die Bedürfnisse der Oesamtbevölkerung wie ein Vater sorgt und darüber wacht, daß niemandem ein Unrecht geschieht. t:,s war ein guter Qriff Sr. Exzellenz des Statthalters v< n Colard. diesen pflichtbewußten und verständnisvollen Mann zum Leiter der politischen Behörden einer StaJt wie Drohobycz zu ernennen, wo die Verschiedenheit der Bevölkerungsschichten und -klassen viel Verständnis, Energie und Geschicklichkeit erfordert, um die Wunden, die der Krieg der Bevölkerung geschlagen, zum Teile zu lindern. Auch die jüdische Bevölkerung hat in Oberstleutnant Guzkowski einen warmen Anwalt und Beschützer, der für ihre speziellen Interessen, Wünsche und Bedürfnisse das vollste Verständnis hat und denselben die weitgehendste Berücksichtigung angedeihen läßt. Dr. M. Ans Sarajewo wird geschrieben: Der durch seine vielseitige humanitäre Tätigkeit hier und im Lande bekannte Oberbeamte der Aktienbrauerei, Herr Ch. W e i t z n e r, feierte dieser Tage sein 25-jähriges üienstjubiläum in diesem zu den größten Industrie-Unternehmungen des Landes zählenden Etablissement. Anläßlich desselben versammelten sich alle Kollegen beim Jubilar und brachten ihm ihre Glückwünsche dar. — Im November 1890 kam Weitzner in die damalige Löwy'sche, jetzt Sarajevoer Aktien-Brauerei. Herr Weitzner hat in diesen 25 Jahren nicht nur als pflichtgetreuer Beamte an dem großartigen Aufschwünge dieses Unternehmens redlichen Anteil erworben, sondern sich auch am öffentlichen und Kulturleben der Judenschaft Bosniens hervorragend beteiligt. Als außerordentlich tätiger Funktionär bei fast allen israelitischen Vereinen und Institutionen, wie auch als einer der besten Hebräisten des Landes genießt der Jubilar bei den Israeliten beider Riten die größte Wertschätzung. Auch schriftstellerisch hat sich Herr Weitzner wiederholt mit Erfolg betätigt und haben seine von gewissenhafter Quellenforschung Zeugnis gebenden Abhandlungen in vielen Blättern der Monarchie und des Auslandes Eingang gefunden. Ebenso hatten seine oft gehaltenen kulturhistorischen Vorträge belehrenden Wert. Trotz treuester Pflichterfüllung in seinem Berufe, fand er überdies noch immer Zeit, auf humanitärem Gebiete sich hervorragend zu betätigen. So ist er unter anderem auch der Gründer der Aktion zur rituellen österlichen Bespeisung israelitischer Soldaten. Ebenso war er der Initiator der Hilfsaktion für die galizischen Flüchtlinge in Wien, Prag, Pohrlitz und anderen Städten. Diese beiden Institutionen, wovon die erstere schon viele Jahre geübt wird, haben sich als überaus segensreich erwiesen. Der Jubilar erfreut sich in den weitesten Kreisen besonderer Beliebtheit und hat von vielen Seiten zu diesem seinem Ehrentag Glückwünsche erhalten. Chronik. Die Stellung der Juden in Saloniki. Einer in Saloniki erscheinenden jüdischen Tageszeitung L'Echo de Salonique entnehmen wir einen für die politische Stimmung der Juden Salonikis, die in dieser Stadt bekanntlich die Majorität der Bevölkerung sind, sehr charakteristischen Bericht. Die Salonikier Zeiteng, die auf dem zionistischen Standpunkt steht, war in einem anderen jüdischen Organ Salonikis angegriffen worden, weil sie gegen Rußland und gegen den Anschluß Griechenlands an die Entente scharf Stellung genommen hatte. L'Echo de Salonique schreibt nun in Erwiderung auf diese Angriffe: „Gerade in dem Augenblick, wo das Land alte Kräfte und den Opferwillen aller seiner Kinder braucht, legen wir Wert darauf, zu beweisen, daß die grolle Mehrheit der jüdischen Jugend Salonikis, obwohl sie gut zionistisch und national-jüdisch gesinnt ist, doch nicht minder gut patriotisch fühlt." Auf die Frage, wie die griechischen Zionisten bei ihrem Widerwillen gegen Rußland beharren könnten, wenn Griechenland zugunsten der Entente, also zugunsten Rußlands, seine Neutralität aufgeben müßte, antwortet L'Echo de Salonique: „Welch merkwürdige Frage! Sie werden dasselbe tun, wie die Tausende von athenischen Patrioten, die gestern noch im Theater riefen: Hoch der Kaiser! Sie werden dasselbe tun, wie die Tausende von mazedonischen Muselmanen, die keinen Krieg auf Seiten der Entente wollen, sie werden dasselbe tun, wie alle Anhänger der Neutralität in Griechenland, sie werden dasselbe tun, wie in Italien alle Freunde Deutschlands und alle nicht zu überzeugenden Gegner der Intervention, sie werden dasselbe tun, was in Frankreich Männer, wie Herve getan haben, das, was auch Jaures getan hätte; das, was alle revolutionären Sozialisten Frankreichs und Englands getan haben, sie werden das tun, was ein Luzatti getan hat, der, seit sein Land mit der Entente verbündet ist, seine energischen Angriffe auf die Bedrücker seiner Brüder eingestellt hat; sie werden das tun, was alle Israeliten in Frankreich und England getan haben. Sie werden sagen: Zuerst das Vaterland. Aber solange wir neutral bleiben, werden Zionisten und jüdischen Nationalisten von dem jedem Staatsbürger gewährten Recht, zu denken und seine Gedanken frei auszusprechen, Gebrauch machen und überall ihrem Haß gegen Rußland öffentlich Ausdruck geben, und niemand darf ihnen deshalb grollen und sie für schlechte Patrioten halten." Galizische Juden in Rußland. Aus K a 1 u g a wurde dem amerikanischen Konsul in Petersburg mitgeteilt, daß im dortigen Zuchthaus 30 galizische Juden interniert sind. Da die anderen „evakuierten" galizischen Juden sich schon auf freiem Fuß befinden, bemüht sich jetzt der amerikanische Konsul, auch diese 30 Personen aus dem Gefängnis zu befreien. Die französische Zensur und die russischen Judenverfolgungen. Aus einer Notiz des in Paris erscheinenden „Univers lsraelite" vom 29. Oktober geht hervor, daß die französische Zensur jede Verbreitung der Nachrichten über die entsetzlichen Leiden der russischen Juden anläßlich ihrer Zwangsaustreibung aus den polnischen Gouvernements unterdrückt hat. Nicht weniger als vier Seiten der genannten Wochenschrift sind aus diesem Grunde der Zensur zum Opfer gefallen. Ein Jüdischer Unterstaatssekretär in der Türkei. Der Unterstaatssekretär im türkischen Handelsministerium, Sasson Effendi, ein Jude, wurde in Bagdad zum Abgeordneten für das türkische Parlament gewählt. Der Prophet Jesaias an England. Viele Anzeichen deuten darauf hin, daß am Suezkanal und in Aegypten die Entscheidung des Weltkrieges fallen wird. Die Engländer stehen in dem Rufe, ein bibelkundiges Volk zu sein; mögen sie folgende Prophetenworte heute nachlesen: „Wehe den verbrecherischen Söhnen — ist der Spruch des Ewigen — die einen Plan betreiben, der nicht von mir ausgeht, und Bündnisse schließen, die meinem Geiste fremd sind, um frevel auf frevel zu häufen. Jetzt ziehen sie hinab nach Aegypten, ohne meinen Mund befragt zu bähen, um sich in Pharaos Feste zu schützen und im Schatten Aegyptens sich zu bergen. Aber die Feste Pharaos wird euch zu Schande und der Schutz im Schatten Aegyptens euch zur Schmach gereichen . . . Alle sind enttäuscht über das Volk, das ihnen keine Hilfe gebracht hat, das keinen Beistand und keine Hilfe leistet und nur Enttäuschung und Schande bringt ... Ja, die Hilfe, die von Aegypten erwartet wird, wird eitel und nichtig sein . . . (Jesaias 30, 1—7). Siehe, du vertraust auf diesen geknickten Rohrstab, auf Aegypten, der jedem in die Hand fährt und sie durchdringt, der sich auf ihn stützt. (Jesaias 36, 6.) N. Die hebräische Sprache in Persien. Die hebräische Sprachbewegung gewinnt in der letzten Zeit angeblich auch in Persien trotz der Ungunst der Umstände immer mehr Boden. Die in Teheran in persischer Sprache erscheinende jüdische Zeitschrift „S c h a 1 o m" hat eine Serie von Artikeln veröffentlicht, in denen zur Gründung von hebräischen Sprachkursen aufgefordert wird. Die Anregung hatte einen bemerkenswerten Erfolg. Es sind bereits verschiedene Klubs gegründet worden, die es sich zur Aufgabe machen, ihre Mitglieder zum Gebrauche des Hebräischen als Umgangssprache zu erziehen. Es fehlt in Persien allerdings sehr an klassischer hebräischer Literatur. Eine Bezalel-Ausstellung in New-York. In New-York fand in der Zeit vom 8. bis zum 24. November eine große Ausstellung verschiedener Kunstgegenstände aus dem „Bezalel" statt. Die Kunstgegenstände wurden nach New-York durch den Leiter der Kupferabteilung des „Bezalel", Herrn Bardin, gebrächt. Die Kunstgegenstände aus Kupfer wurden mehrere Wochen in italienischen Häfen zurückgehalten, da die italienischen Beamten durchaus glaubten, daß das Kupfer für Deutschland bestimmt sei und die Gegenstände als Bannware konfiszieren wollten. Zur Unterdrückung der jüdischen Presse In Petersburg. Wie wir bereits mitgeteilt haben, hat der Petersburger Militärgouverneur Russki die neugegründete jidische Tageszeitung „Petrograder Tageblatt" am neunten Tag ihres Bestehens verboten. Wie wir erfahren, sind jetzt auch die Konzessionen für das hebräische Wochenblatt „Hachajim", von dessen geplantem Erscheinen wir Kenntnis gegeben haben, und für eine neue jidische Tageszeitung „Der Tag" zurückgenommen worden. Wieder ist die gesamte jüdische Bevölkerung Rußlands, trotz der Proteste der Duma und der Empörung der jüdischen und liberalen russischen öffentlichen Meinung, stumm und taub gemacht worden. Neue Btidier. „Die Kriegsgesetze Oesterreichs." Systematische Zusammenstellung der aus Anlaß des Krieges und mit Bezug auf denselben kundgemachten kaiserlichen Verordnungen sowie anderer Verordnungen und Erlässe der Ministerien und Länderstellen; ergänzt durch die Anführung der hiedurch abgeänderten bisher geltenden Bestimmungen sowie durch Heranziehung der amtlichen Erläuterungen, der bezüglichen Judikatur und Literatur. Herausgegeben von Dr. Max Breitenstein & Dr. Demeter Koropatnicki. Erscheint in zirka 12 bis 16 Heften zum Preise von 1 Krone pro Heft. Verlag von M. Breitenstein, Wien, IX/a Währingerstraße Nr. 5. Aktuelle Kriegsbroschüren ,Dor Wohkriag and dio Jvdanfraga" von J.KreppeL PreteJM* dstorrafoA-i/HffW^ naoft dam FriadonasoMvaso" vmJJCneppeL Preis K*2Q* i_ m__«^«.__■__i. MdafatoMu ttmv »JUInt«Jfa**iaajiaailaiiWM» MMMtfraes« %t Z* Ih(Mm «tereft «*/• tOmlatmtrntlon ömr ••J**l*0*?mmJzZ^JiZ-7.~~~ ,! . aowfo Amt all* Buohhmnmlmgaa. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jon»« Kreppel. - »uchdracRetei .MWantrich«, Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortnen S". Orflnhttt).