Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 18 (16.12.1915)
- Date
- 1915-12-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr 18. vaterländischen Gebieten daraus erwüchsen, liegen so klar auf der Hand, daß ein näheres Kingehen sich erübrigt. Nur soviel sei angedeutet, daß zu den Hauptträgern des wirtschaftlichen Lebens dieser Länder das jüdische Element keinen geringen Prozentsatz stellt. Bei den engeren wirtschaftlichen Beziehungen aber, die nun hüben wie drüben von unserer Zeit erhofft und erstrebt werden, kann das nur fördernd wirken. Vom jüdischen Gesichtspunkte aber fällt ins Gewicht, daß damit eine Organisation geschaffen sein würde, die uns schmerzlos doli definitiven Abschied von der Alliance vornehmen ließe, da wir eine Institution hätten, die die überwältigende Majorität der europäisch-orientalischen Judenheit zu gemeinsamer humanitärer Arbeit im jüdischen Sinne vereinigt. Fragt sich nun noch, ob die Schaffung einer solchen Organisation nach den politischen Richtlinien Schwierigkeiten bereiten würde oder unmöglich wäre. Kein Hindernis besteht hierfür, kaum besonders große Schwierigkeiten. Die einzige Schwierigkeit ist, die Männer von großzügigem Wesen zu finden, und sie zu veranlassen, das Werk in Angriff zu nehmen, eine Organisation anzubahnen, die die deutschen, österreichischen, ungarischen, bulgarischen und ottomanischen Juden umfaßt. Sie würde ganz anders wirken können in katastrophalen Zeiten, als je eine der bestehenden gewirkt hat oder selbst die Zusammenarbeit mehrerer der bestehenden. Freilich, wiederholt und immer wiederholt muß es werden, dazu fehlt es einstweilen an den Männern. Aber vielleicht werden sie durch Hinweise geweckt, jene Männer, die bereit sind, die jüdischen Kräfte der uns befreundeten und verbündeten Staaten zusammenzufassen zu emsiger, fleißiger Mitarbeit an den vaterländischen wie an den jüdischen Interessen! Möge diese große Zeit auch unter uns Juden nicht ein kleines Geschlecht vorfinden! Justus. Die »lieben Juden«1 des Zaren. Die „liberalen" Ansichten, die der russische Finanzminister B a r k bei seinem Aufenthalt in London über die Judenfrage zum Ausdruck brachte, geben der reaktionären russischen Presse Anlaß zu heftigen Angriffen. „Golos Ruski" bezeichnet die Ausführungen Barks als eine Beleidigung für Rußland und behauptet, daß Bark nur in seinem eigenen und nicht im Namen der Regierung oder des Landes gesprochen habe. Nach der Meinung dieses Blattes legt die Alliance mit dem „demokratischen England" und dem „republikanischen Frankreich" Rußland keinerlei Verpflichtungen wegen der Behandlung seiner inneren Angelegenheiten auf. Die liberalen und jüdischen Organe sind natürlich anderer Ansicht. Sie betonen, daß die Regierung für die Ausführungen des Herrn Bark verantwortlich ist und beklagen um so mehr, daß trotzdem bisher kaum eine Besserung hinsichtlich der Behandlung der Juden zu verzeichnen sei. Feuilleton. In der Grodelter Synagoge. Das Militärverpflegungskommando zu Grodek empfing eine offizielle Mitteilung vom Vorstande der jüdischen Gemeinde, daß in der Synagoge aus Anlaß der Befreiung der Stadt von den russischen Henkern ein erhebender Gottesdienst stattfinden soll. Die dienstfreien Offiziere wurden aufgefordert, dem besagten Dankgottesdienste anzuwohnen. Man müßte nur einmal durch das Grodeker Judenviertel schreiten, auf daß das Auge träne, die Seele sich beschwert fühle, und daß jedes Menschenherz erstarre. L'eberall bleiche, immer sich neigende Gestalten, der irre Blick abgezehrter Weiber, das Geheul jüdischer Gassenjungen und ein penetranter Gestank drückt schwer auf den Beschauer, es scheint mehr als zweifelhaft, oh dieser erstickende Geruch aus den von Zeit zu Zeit aufflammenden Sparren der Hütten, ob es Düngerdampf oder das Odeur der entsetzlichen Armut sei, das die Luft verdichtet. Doch aus jedem Antlitz, der Greise sowohl wie der Jüngeren, der neugierigen Mädchen oder der lebensüberdrüssigen alten Weiber, strahlt dennoch der Ausdruck des Dankes den Offizieren entgegen, welche sich hier zusammenfanden, und auf höheren Befehl in die Synagoge eilen. Ein ohrbetäubender Lärm durchhallt die enge, schmutzige Gasse, erregte, unverständliche Leute fliegen hinüber und herüber und gehen in dem allgemeinen Lärm unter, an | den Schwingenschlag aufgeschreckter Dohlen gemahnend, die über das brache Feld streichen. Bärtige Männer rennen über die Straße, Gebetmäntel auf den Schullern und unter den Armen die Folianten mit vergilbten, abgegriffenen Blättern tragend. Barfüßige Judenmädchen lungern vor den Häusern, oder am Eingang der ieergeplünderten Läden, stumme, todesblasse Gestal- 1 ten Staren mit tränenleeren Augen auf die Trümmer ihrer alten Wohnhäuser, den traurigen Friedhof ihrer Lebensarbeit, auf die verkohlten Reste ihres Besitzes! Dem in New York erscheinenden jiddischen „Morgen-Journal" geht unter dem 30. Oktober folgender telegraphischer Bericht aus London zu: „In den Kreisen der russischen Reaktionäre herrscht gegenwärtig große Erregung über die von der Regierung in der Judenfrage an den Tag gelegte Nachgiebigkeit den liberalen Forderungen gegenüber. Dieser Tage wurde in Moskau eine Konferenz zur Erörterung der Maßnahmen gegen diesen „neuen Kurs" einberufen. Es wurde eine Kundgebung erlassen, in der die Reaktionäre in schärfster Form gegen die „Reformpläne" der Regierung, ganz besonders aber gegen die „Konzessionen an die Juden" auftraten. Es sei jetzt nicht die Zeit, sich mit der Judenfrage zu befassen, diese müsse bis nach Beendigung des Krieges aufgeschoben werden. Die Kundgebung gipfelt in der offenen Drohung mit einer „Revolution von oben". „Es würde dadurch" — so heißt es darin — „eine unüberbrückbare Kluft zwischen Regierung und Gesellschaft entstehen, die die schlimmsten Folgen zeitigen könnte." Unter den Teilnehmern an der Konferenz befanden sich u. a. die Fürsten Obolenski und Meschtscherski, die Generale Buturlin und Sawostin, der Provinzialschulinspektor Muraminow, zahlreiche Führer des Adels und der ländlichen Verwaltungsbehörden. Dieser Widerstand der maßgebenden reaktionären Kreise ist nicht ohne Wirkung auf die Regierung geblieben. Diese Wirkung kommt namentlich auch in dem Umstand zum Ausdruck, daß jetzt die Zeitungsmeldungen über die vom Minister Bark in London gemachten Versprechungen zugunsten der Juden kategorisch dementiert werden." * Am 10. November fand im russischen Justizministerium eine Beratung über die Frage der Zulassung jüdischer Rechtsanwälte an den russischen Gerichten statt. Die Erörterungen wurden mit der Ansprache des Gehilfen des Justizministers, Weriowkin, eröffnet, in der dieser darauf hinwies, daß gegenwärtig eine „Prozentnorm" für die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte bestehe, die im allgemeinen 9% nicht übersteige. An einigen Orten ist sogar 1% festgesetzt. Man müsse diese für die Zulassung der jüdischen Rechtsanwälte geltenden Beschränkungen ganz aufheben, oder doch in weitem Maße einschränken. Die bekannten russischen Rechtsanwälte Karabtschewski, Maklakow und Dobroehostow traten scharf gegen die Beschränkungen auf. Einen starken Eindruck machten besonders die Ausführungen Maklakows, in denen er darauf hinwies, daß Juden nur durch Protektion das Recht zur Ausübung des Advokatenberufes erlangen können. Der Oberprokureur des ersten Senatsdepartements erklärte sich gegen jede Protektionswirtschaft. Sämtliche jüdischen Rechtsanwälte müßten in dieser Hinsicht gleichgestellt Vor der Synagoge staut sich die Menge: Jeder möchte als erster eintreten in das Gotteshaus, jeglicher hat Angst, nicht eingelassen zu werden, alles sehnt sich, des Rabbi Worte zu hören, und hinzusinken vor Gott, dem Retter, der einer russischen Schreckensherrschaft und den mörderischen Tagen schwerer Prüfungen endlich ein Ziel gesetzt hatte. Dieses Drängen, Stoßen und Hasten, diese entfesselte Leidenschaft, rechtzeitig in das Innere der Synagoge zu gelangen, ist so seltsam, so befremdend, der Glanz leuchtender Blicke so gespensterhaft, die von den bleichen Gesichtern aufflammende Röte so brennend, daß man die explosive Freude dieser Menge im Prunken ihres Wehes und ihrer Lumpenhülle phantastisch nennen möchte. Nein, nein, ich glaube nicht, daß sie es als Prunken nehmen, die meistgequälten, meistverfolgten Elenden Galiziens, diese hinkenden, schielenden, schlagberührten Parias, doch es liegt etwas Profanes in diesem Geräusche, etwas von Hökerinnengeschrei in diesem ungezügelten Geheul. Sie selber wissen es, hören und fühlen es vielleicht gar nicht,, doch wir, welche wir die innersten Geheimnisse von Andacht in Gebeten erwarten, stehen mit unerklärlichem Befremden inmitten der ruhelosen Ameisenhaufen an der Synagogenpforte. Die Vorhalle war überfüllt, der wegweisende, alte Mann, mit dem schäbigen Filzhute auf dem Haupte, dem langen Kaftan um seine schlottrigen Glieder, vermag nur schwer den Offizieren einen Weg zu bahnen, obgleich er schreiend und verzweifelt gestikulierend schilt und stößt die Renitenten, die er vergeblich mahnt, stille zu stehen, damit die Offiziere in das Innere der Synagoge gelangen könnten. Aber hier in diesem Innern der Synagoge umgibt uns eine wahre Stickluft, und je mehr wir uns den schmalen Treppen nähern, von welchen wir, langsam niederschreitend, hineingelangen konnten in das seltsame, östliche, biblische Bethausinnerste, umso heißer, schwerer un unerträglicher wirkt die furchtbare Atmosphäre auf uns ein, ein betäubender Duft wie der des von schmelzender Talgkerze herabfließenden Unschlitts. An den Wänden primitive, alttesein, und niemand dürfe zu Advokatur zugelassen werden. Zamislowski machte den Vorschlag, für die Zulassung jüdischer Rechtsanwälte eine Prozentnorm entsprechend dem allgemeinen Prozentverhältnis der jüdischen Bevölkerung in Rußland festzusetzen. Gegen diesen Vorschlag wandte sich Maklakow, der ausführte, Zamislowski wolle mit seinem falschen Zahlenspiel bloß Sand in die Augen streuen. Wäre Zamislowskis Prozentsystem überhaupt annehmbar, dann müßte das Prozentverhältnis der jüdischen Rechtsanwälte nicht entsprechend der allgemeinen Bevölkerung Rußlands, sondern im Verhältnis zur handeltreibenden Bevölkerung festgesetzt werden. Darauf gelangte die Frage der jüdischen Advokaturgehilfen zur Erörterung. Weriowkin beantragte, nur diejenigen jüdischen Advokaturgehilfen zu vereidigten Advokaten zu befördern, deren politische Unverdächtigkeit außer Zweifel steht. Diesem Antrag trat Maklakow in scharfen Worten entgegen, indem er erklärte, daß, gelte diese Bestimmung auch für nichtjüdische Rechtsanwälte, auch ihm selbst die Möglichkeit der Advokatur abgeschnitten wäre. Die Kriegsnilfe.3 Am 14. d. M. wurde in Wien eine Kriegs-. hilfe-Ausstellung eröffnet. Dieselbe bietet der breiten Oeffentlichkeit ein Bild jener großartigen Arbeit, welche an staatlicher und an privater Hilfe geleistet werden mußte, um dem Massenelend, der großen Völkerwanderung der Neuzeit, die der Krieg unter den heimatlos Gewordenen verursacht hat, zu begegnen. Eine große Armee war im Hinterlande zu versorgen, und eine Unzahl von Köpfen und Händen waren und sind noch immer angestrengt an der Arbeit, um das Notwendige zu bewältigen. Es ist mehr als eine Ausstellung, es ist ein Tätigkeitsbericht, der aus nüchternen Ziffern, graphischen Darstellungen und Abbildungen eine deutliche überraschende, eindrucksvolle Sprache spricht. Für den oberflächlichen Beschauer sind in drei Stockwerken auf Fächern, Tischen und in allen Winkeln Modelle, Reliefs und Abbildungen der staatlichen Flüchtlingslager ausgestellt und Handarbeiten der Flüchtlinge, die in den Beschäftigungskursen der verschiedenen Barackenlager hergestellt wurden: Stickereien, Näharbeiten, Schnitzereien, Schuherzeugnisse usw., alles nationale Heimatkunst. Wer aber tiefer in das Riesengebiet der Flüchtlingsfrage eindringen will, muß sich in den statistischen Tabellen an den Wänden gründlicher umsehen. Er kann da überraschende Erfahrungen sammeln. Es seien hier vorläufig nur einige dieser vielsagenden Ziffern herausgehoben. Im ganzen mußten 1,110.000 Personen Haus und Hof im Kriegsgebiet verlassen und in den österreichischen Kronländern Zuflucht suchen; 610.000 davon waren der staatlichen Unterstützung bedürftig. Die Kosten dieser Unterstützungen beliefen sich bis stamentarische Abbildungen, wie Moses' Geburt, die zehn Gebote, der milde leuchtende Dornbusch, der flammende Horeb. In der Mitte des Tempels eine umgitterte Erhöhung, der Platz des Rabbiners oder des Vorbeters, hier sitzt ein bleicher Junge mit verweinten Augen, in seinen Armen eine Thorarolle haltend. Am Gitter empfängt uns der Rabbiner und ein Aeltester der Gemeinde, sie reichen uns die Hände und weisen uns, sich vor uns verneigend, unsere Sitzplätze an. Das furchtbare Heulen erreicht jetzt seinen Höhepunkt. Am Eingang herrschte lebensgefährliches Drängen, Hilferufe, rasch auflebende und wieder verstummende Streitworte. Noch immer drängt die kaum absehbare Menge herein, einzelne schlagen auf die Lederdeckel ihrer zerschlissenen Betbücher. Andere poltern mit Stöcken auf den Bänken, um Ruhe zu schaffen. Aus den Galeriezellen leuchten brennende Blicke von Weibern und Mädchen, welche das Innere der Synagoge nicht betreten dürfen, und in die peinliche Enge der schmalen Galerieräume wie eingepfercht sind. Die Stöcke und Hände haben mit Erfolg gearbeitet, allmählich verstummt der wüste Lärm. Der Rabbi steht oben auf der Stute vor dem heiligen Schrein. Ein ernster, hochgewachsener Mann, aus dessen sonngebräuntem Angesicht Intelligenz leuchtet. Der an den Moses des Michel Angelo gemahnende rotbraune, glänzende Bart reicht tief herab. Alles blickt andächtig zu ihm auf, des alten Vorbeters stumpfer ' Ton setzt in ein Gebet ein, doch geht es in dem immer wieder hervorbrechenden Oeräusch vollends unter. Der Rabbi gibt ein Zeichen, das kurze Gebet ist zu Ende, einen Augenblick herrscht Grabesstille. Doch neue Kaftangestalten kommen, wieder das Klappern mit den Betbuchdeckeln, wieder laute Rufe im kleinen Andachtsraum. Der Rabbi ergreift das Wort. Seine Stimme ist leise, ruhig, sein Vortrag gemessen, seine Haltung ungesucht, er schreit nicht, er gestikuliert kaum, seine Rede ist eine Kette von Dank, Ergebung und Glückseligkeit, eine Lobeshymne auf die drei siegreichen Herrscher, Franz Jesefr Wilhelm und Mehmed V., ß$