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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-16 · 18 (16.12.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
18 (16.12.1915)
Date
1915-12-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. U/A-l1fl«Wo4* *«- Jr^Jonl,« __1 Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1 20. WOCneilDlatt W jUdlSChe IntereSSen. Wien, VI«. Aiserstraße 7. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Redakteur: Jonas Kreppel.! Erscheint ied7n nnnnprstaB Nr. 18. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. | Erscheint jeden Donnerstag Wien, 16. Dezember 1915. I. Jahrgang. Friedensworle - Frledensarbeif. Es ist in den letzten Tagen so ziemlich viel vom Frieden gesprochen worden. Im ungarischen Parlamente und im deutschen Reichstage wurde die Friedensfrage zur Sprache gebracht; der ungarische Ministerpräsident und der deutsche Reichskanzler haben sich darüber offen und klar ausgesprochen. Objektiv ist die Möglichkeit eines Friedensschlusses gegeben. Der Sieg der Zentralmächte und ihrer Verbündeten ist so evident, daß auf natürlichem Wege eine Wendung des Kriegsglückes nicht anzunehmen ist. Die auf allen Kriegsschauplätzen geschlagenen Ententemächte und ihre Anhängsel wollen jedoch die Konsequenzen aus den bisherigen Ereignissen noch immer nicht ziehen und sie haben die aufrichtigen Worte des Grafen Tisza und des Reichskanzlers von Bethmann-Hollweg mit gekünsteltem Hohn und gequältem Spott beantwortet. Das Lachen mag ihnen wohl sehr schwer angekommen sein, aber sie haben es wenigstens äußerlich trotzdem zustande gebracht. Wenn man so sechzehn Monate lang in Heuchelei arbeitet, kann man schon auch dann spotten, wenn das Herz bricht und werm bittere Reue das böse Gewissen plagt. Nun denn, der Wille der Herren Grey und Poincare, Salandra und Sasonow geschehe. Wollen sie den Krieg weiter fortsetzen und sich neue Schläge holen, dann stehen ihnen die Heere der Zentralmächte zur Verfügung. Der Friedenspreis wird dann wohl höher sein, aber damit scheinen die Herren nicht rechnen zu wollen. Wer einmal unter der Zuchtrute liegt, der zählt nicht mehr die auf seinen Körper nie- ScbJäge., fortwährend anwachsenden Zinsen seiner Schulden. Diese Taktik scheint auch die Entente verfolgen zu wollen und da nur noch größere Siege der Zentralmächte und ihrer Verbündeten sie aufs Knie zwingen können, so müssen eben diese neuen Siege erfochten werden. Was also in den letzten Tagen vom Frieden gesprochen wurde, ist vorläufig nichts anderes als Worte. Der Kampf dauert weiter und sein Ende ist vorläufig unabsehbar. In den Ländern der Zentralmächte ist man aber schon so sehr vom endgültigen Siege überzeugt, daß man gleichzeitig den Krieg fortsetzt und Vorbereitungen zur Friedensarbeit macht. Der Krieg, der diesen Mächten aufgezwungen wurde, fand sie nicht unvorbereitet. Der Friede, der trotz aller Verschlagenheit und Verschrobenheit der Entente kommen muß, wird in den Ländern den Zentralmächte einen gut vorbereiteten Boden finden. Wir in Oesterreic h-U n g a r n sind bereits auf dem besten Wege zu dieser Friedensarbeit. Während unsere tapferen Heere in Nord und. Süd Wundertaten vollbringen, während die Bevölkerung im Hinterlande mit einer geradezu bewunderungswürdigen Einmütigkeit alles daran setzt, um den kämpfenden Brüdern in der Front die Erringung des Sieges zu ermöglichen, sind die maßgebenden Faktoren damit beschäftigt, die künftige Friedensarbeit vorzubereiten. Die Veränderungen im österreichischen Kabinette und die Berufung dreier hervorragender Persönlichkeiten zur Leitung der wichtigsten Ressorts, des Innern, der Finanzen und des Handels, sind eben solche Vorbereitungen für die Friedensarbeit. Es handelt sich ja darum, nach dem Kriege unser gesamtes politisches, wirtschaftliches und finanzielles Leben auf neue, breitere Grundlagen zu stellen und schon jetzt werden die Männer an die Spitze der Ressorts gestellt, die berufen sind, diese Neugestaltung der innerpolitischen Verhältnisse durchzuführen. Die Neugestaltung der innerpolitischen Verhältnisse ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer zukünftigen Friedensarbeit und der Chef des österreichischen Kabinetts, Graf Stürgkh, konnte sich wohl keinen besseren Mitarbeiter, als den Prinzen Hohenlohe wählen. Die Neugestaltung der wirtschaftlichen VerbjättHisse,, der wirtschaftliche Ausgleich mit übgarn, sowie die Handelsverträge mit den Verbündeten und; mit den übrigen Staaten, erfordert ebenfalls einen ganzen Mann und die Wahl des neuen Handelsministers muß als eine überaus glückliche bezeichnet werden. Die Regelung des Finanzwesens und die Wiederherstellung des Gleichgewichtes im Staatshaushalte nach dem Kriege gehört ebenfalls zu den wichtigsten Aufgaben der zukünftigen Friedensarbeit. Der neue Finanzminister ist hiezu die berufenste Persönlichkeit und seine großen Erfolge auf allen Gebieten seiner bisherigen Wirksamkeit bürgen dafür, daß er auch da ganze Arbeit verrichten wird. Eine der wichtigsten Aufgaben der Staatsverwaltung ist die Regelung der Kriegsentschädigungs-Frage sowie der Wiederaufbau der durch die Kriegsereignisse zerstörten Gebiete. In dieser Beziehung arbeiten alle maßgebenden Faktoren seit Wochen und Monaten sehr energisch und planmäßig. Es ist bereits sehr Vieles an diesbezüglicher Vorarbeit geleistet worden. Mitten im Kriege werden die Kriegsentschädigungs-Frage und der Wiederaufbau des zerstörten Landes in der liberalsten Weise geregelt. An dem Tage, da die Friedensglocken ertönen werden, wird auch diese Angelegenheit nach reifer Vorarbeit einer definitiven Lösung zugeführt werden. Auch die österreichische Juden schaff, die durch die Kriegsereignisse so arg in Mitleidenschaft gezogen wurde, scheint die kommenden Dinge zu ahnen und sich hiefür vorzubereiten. Entsprechend den ziemlich verworrenen Partei-Verhältnissen der österreichischen Judenschaft geht diese Arbeit wohl ------„_. , Wer ejnmp} ver der etwas schwerfäthfe vor sieb. Ab#r im StiBte InSüfVenz'TSfefttr^clffi^nTcItnH^ %TT!m-1üeiner sTncrdech gewisse VörtscTl'r'irte gemacht worden. Nicht alles ist wohl, wie es wünschenswert sein sollte. Der Partei-Egoismus, persönliche Reibungen etc. sind noch nicht ganz in den Hintergrund getreten. Gar mancher, der zur solidarischen Arbeit aufruft, verfolgt die Absicht, die Selbständigkeit gewisser Aktionen zu hintertreiben, um seine eigene Gruppe in den Vordergrund zu schieben. Wir wollen jedoch hoffen, daß die ernste Zeit all diese Kleinlichkeiten endgültig beseitigen und eine segensreiche Vorfriedens- und Nachfriedensarbeit ermöglichen werde. Die Friedensworte in den Parlamenten der Zentralmächte sind vorläufig ohne wünschenswertes Echo geblieben. Die Urheber des Weltkrieges wollen dem nutzlosen Blutvergießen noch immer kein Ende bereiten. Der Kampf dauert fort, aber die Sieger sind bereits eifrig an der künftigen Friedensarbeit. Organisation in der polnischen RicKiUnie«). Wer wollte leugnen, daß wir in einer großen gewaltigen Zeit leben? Eine völlige Neuorientierung der großlinigen Völkerpolitik hat sie uns gebracht, und auch wir Juden werden uns den Gesetzen der Entwickelung dieser neuen Zeit kaum entziehen wollen. Wie tief das Werdende in dasjenige eingreifen wird, was wir das „Judenschicksal", besonders im Hinblick auf jene Judenmassen nennen, die im tiefen Schatten der Unfreiheit inmitten der Unkultur lebten, läßt sich selbst heute noch kaum in ungewissen Umrissen erkennen. Aber Eines scheint wiederzukommen, daß wir Juden, denen man sonst so aufdringlich den Sinn für „Konjektur" nachsagt, das Großzügige des Zuges der Zeit nicht auch in den berichtigten Dienst der von Niemand bestrittenen jüdischen Interessenstellen, die im Einklang mit dem vaterländischen selbstverständlich stehen müssen. In klaren Linien liegt zur Zeit das Bild der zukünftigen Völkerfreundschaften und wirtschaftlicher Annäherung vor uns. Die Räder der gewaltigen wirtschaftlichen Beziehungen sind, *) Im Anschlüsse an den Artikel „Zur Frage einer jüdischen Weltorganisation nach dem Kriege" in Nr. 17 der „Jüdischen Korrespondenz" reproduzieren wir obigen Aufsatz nach der „Jüdischen Volkszeitung" (Breslau), in welchem dasselbe Thema in anderer Form behandelt wird. wie aus den Presseerörterungen und öffentlichen Diskussionen ersichtlich ist, eingestellt in das Uhrwerk der völkerpolitischen Richtlinien. Sollte das nicht auch uns Wegweiser sein zu großzügiger Arbeit im jüdischen Interesse? Deutsche und österreichisch-ungarische Juden haben nicht nur die Möglichkeit, sondern fast den Zwang in engeren Konnex mit den großen jüdischen Massen Russisch-Polens zu kommen, jenem überwiegenden Teile unserer Glaubensgenossen, der für die Judenheit bislang ein Kind steter Sorge gewesen ist. Zum ersten Male fallen die Hoffnungsstrahlen der Befreiung aus bitterstem Drucke und der barbarischen Unkultur in jene seufzenden Massen. Wir haben die Gelegenheit, mit ihnen in enge Beziehungen zu treten und haben vielleicht selbst die Aussicht, auf ihr Zukunftsschicksal ein wenig einzuwirken, wenn wir unseren Einfluß nur in den Dienst des Rechtes und der Kultur stellen. Unsere unvergleichlichen Feldgrauen und nicht wenige unserer Glaubensgenossen unter ihnen haben uns den Weg unter Einsetzung ihres Lebens geöffnet, der den Eingang zu dem so reichen Orient bedeutet. Der Weg Warschau—Berlin—Budapest—Sofia—Konstantinopel—Bagdad ist hergestellt und wirtschaftliche, geistige und kulturelle Fäden werden aller menschlichen Voraussicht nach sehr bald Orient und Occident verbinden. Und was tun wir Juden der Kulturstaaten, besonders aber wir Juden eines Landes, das an der Spitze der Organisationskunst marschiert, wir Juden eines Landes, dessen machtvolle Stärke diese weiten unbegrenzten Aussichten zu einem wesent- Uoheo. Teü*. geaabaife» — Wir. stnuvfe ' MHimy tflii' afe Hafen mm "fort yrtege gaafflew an den Bettelstab und ins tiefte Elend gebrachten Glaubensgenossen nach Möglichkeit zu lindern. Zweifellos der ehrendste Zug des unvergänglichen Ruhmes des jüdischen Wesens und seiner unbegrenzten Hilfsbereitschaft, seines Mitgefühls, seiner Aufopferung im Dienste des Wohltuns. Es wäre Frevel, die erhabene Größe dieses echtjüdischen Wesenszuges nicht anzuerkennen und etwa der vollen Betätigung der Juden auf diesem Gebiete den eminenten hohen Wert verkleinern zu wollen. Allein darüber hinaus sollte die Weitsichtigkeit zu größerem großzügigerem Beginnen anregen, sollte uns aufschauen lassen in die Entwickelungsmöglichkeiten, in die Zukunft der politischen Wahrscheinlichkeiten. Soeben haben wir es mit Schmerz erlebt, daß eine Organisation der ehrenvollsten Tradition, die in dielHände unkluger Chauvinisten des französischen Revanchegedankens gefallen war, so gut wie zu Grabe getragen werden mußte. Die „Alliance Israelite Universelle", deren reiche Mittel gerade jetzt den weitesten Segen für Juden hätte bringen müssen, versagte nicht nur im kritischen Moment, sondern wirkte grade umgekehrt, wie es die Begründer und reichen Gönner der Institution beabsichtigten. Ehrlich gesagt, ist an ein Wiederaufblühen der „Alliance Israelite Universelle" in deutschen Landen nicht zu denken. Einfluß und Ansehen in internationalen jüdischen Fragen ist dahin, und an eine Wiedererhebung über den Charakter einer spezifischen einseitigen Landesorganisation wird sie sich kaum noch einmal erheben. Wenn wir deutschen Juden und mit uns die Glaubensgenossen in jenen Ländern, die in treuer Waffenbrüderschaft mit unserem Vaterland stehen, die Zeichen der großen Gegenwart und die Zukunftsentwickelungen recht begreifen, wenn wir endlich einmal die großzügigen Männer fänden, die den politischen Richtlinien entsprechend auch die großen jüdischen, rein humanitären und kulturellen Ziele ins Auge faßten, und die jüdische Organisation unter den Gesichtspunkten der großen zukünftigen Entwicklungen schaffen, dann wird der Beweis erbracht sein, daß wir auf dem Wege sind, für die Juden Segensreiches zu schaffen. Deutschlands Juden mit denen Oesterreich- Ungarns und den Glaubensgenossen in Russisch- Polen in einei- Organisation zusammengefaßt mit den Juden des ottomanischen Reiches und Bulgariens: das wäre wie geschaffen; und die inneren Vorteile, die auch auf manchen anderen

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