Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 17 (9.12.1915)
- Date
- 1915-12-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17. JUdische Korrespondenz Seite 3 Weise zu bedrängen: sie erfanden neue „praktische Arbeiten", überhäuften uns mit schriftlichen und mündlichen Prüfungen usw. In der medizinischen Fakultät setzte man plötzlich Prüfungen an und alle Russen fielen durch. Immer häufiger kamen bedrohliche Nachrichten, so daß schließlich uns, alle eine wahre Panik ergriff. Man erhielt auch die Abschrift eines Briefes, den ein russischer Konsul einem französischen Präfekten als Antwort auf eine Anfrage geschrieben hatte und worin der Konsul riet, gegen die Studenten keine offenen Maßnahmen zu ergreifen, ihnen aber das Leben und das Studium unmöglich zu machen . . . Das französische Publikum fürchtete damals einen Verrat Rußlands an seinem Verbündeten und den Abschluß eines Sonderfriedens mit Deutschland. Immer mehr und mehr verließen die Russen das ungastlich gewordene Land und flohen nach Spanien, in die Schweiz oder nach Amerika." Hinzuzufügen ist nur noch, daß das Gros dieser Russen — Juden sei! . . . Die Jargonfrage. Unter den Problemen, welche die Kriegsereignisse auf die Tagesordnung gebracht haben, nimmt auch die Jargonfrage einen nicht unbedeutenden Platz ein. Selten wann ist über die Bedeutung des Jargons in philologischer und politischer Beziehung soviel diskutiert worden, wie jetzt. Die jüdische Volkssprache, welche bislang besonders unter den deutschsprechenden Juden schlechtweg als Jargon bezeichnet und mit einer gewissen Geringschätzung behandelt wurde, hat jetzt gerade unter diesen Kreisen große Gönner gefunden und Gelehrte von Beruf wie nicht minder gewisse Politiker geben sich große Mühe, nachzuweisen, daß dieser Jargon eigentlich bloß eine deutsche Mundart darstellt, und daß die jargonsprechenden Juden eigentlich als Deutsche zu betrachten seien. In Konsequenz dessen wird besonders in den eroberten polnischen Provinzen dieser Angelegenheit große Aufmerksamkeit gewidmet. Von deutscher Seite wird erklärt, daß der Jargon eigentlich ein deutscher Dialekt ist und als Deutsch zu behandeln sei. Von jüdisch-nationaler Seite wird der Standpunkt vertreten, daß der Jargon eine jüdische Volkssprache ist und als solche spezieller Anerkennung und Berücksichtigung erfordert. Andererseits haben sich gewisse Hebfaisten gefunden, die schön jetzt gegen die Anerkennung des Jargons als jüdische Volkssprache opponieren, da nur Hebräisch die einzige jüdische Volks- und Nationalsprache sein kann. In linguistisch-philologischer Beziehung muß offen zugegeben werden, daß der Jargon tat- FeuiOeion. Marscrmlik und Genossen. (Jüdische Gestalten aus Russisch-Polen.) R u s s i s c h-P o 1 e n, im November. Wieder waren wir in einer russisch-polnischen Stadt angelangt und wieder sahen wir das gewohnte Bild: den weiten „Ring" in dessen Läden sich Soldaten drängten, während auf dem breiten Bürgersteig mit kalter, ernster Würde oder beweglich, voll neugierigen Interesses polnische Juden in großer Menge spazierten. Welche Stadt war es doch nur gleich? Kowel, oder Cholm, oder Lublin? Einerlei; das Bild ist das gleiche und gleich sind auch die Gestalten. Der eine trägt einen weißen Patriarchenbart, der andere ein rotblond umrahmtes Christusantlftz; der eine ist stark und muskulös, der andere zeigt alles Elend von sieben Generationen, ist hager und schmutzig, hat rotgeschwollene Augen und fahle Haut. Es finden sich unter ihnen auch ideale Männerschönheiten mit kohlschwarzem Haar und Bart und ebenso erschreckende Gnomengesichter, häßlicher als alle boshaften Karikaturen, die jemals nach polnischen Juden gezeichnet worden sind. Sie gehen über den breiten Platz und durch die lange Straße, die in ihn mündet, dann kehren sie um. Wieder und wieder begegnet man der gleichen Gestalt, und wenn man morgen oder übermorgen an der Ecke stehen bleibt, kann man sicher sein, sie wieder zu sehen. Der eine trägt einen beinahe neuen langen schwarzen Rock und eine flache russische Schirmmütze; der andere ist in eine unmögliche Zusammenstellung von Lumpen gewickelt. Es gibt welche, die betteln, die meisten aber absolvieren ihren endlosen Spaziergang ohne jede derartige Absicht, obgleich sie ihr Elend nicht ableugnen könnten, das durch Kartoffeln ersetzte Fleisch und Brot, und alles übrige, die ewige Unsicherheit ihres Schicksals, das der Krieg geradezu zu einem Rätsel gemacht hat. Ein Rätsel ist es, auf welche Art und Weise sie auch noch die in Wasser gekochten Kartoffeln für sich, ihre Weiber, ihre vier-fünf-zehn Kinder beschaffen; womit sie sich vor dem Kriege beschäftigt haben und was sie jetzt treiben, da auch fern vom Schlachtfelde wohlbegründete Existenzen ins Wanken geraten? Die Stadt, wo zehntausend oder zwanzigtausend Menschen leben, merkwürdige und bedauernswerte Menschen, über die die Dampfwalze des Krieges in Wahrheit hinweggegangen — die Stadt ist noch immer , ziemlich nahe zum Kriegsschauplatz. In der Umgebung | sächlich eine Entwickelung der deutschen Sprache darstellt und demgemäß als solche zu behandeln ist. Nicht darum handelt es sich jedoch jetzt. Diese Frage hat mehr einen politischen Hintergrund und von diesem Gesichtspunkte gesehen, muß zugegeben werden, daß der Jargon in seiner heutigen Gestalt tatsächlich eine Art jüdischer Volkssprache darstellt, ohne jedoch deswegen als jüdische Nationalsprache gelten zu können. Diese Frage ist selbst im jüdischen Lager nicht neu. Es hat deswegen in den jüdischen Kreisen schon heftige Kämpfe und Diskussionen gegeben. Merkwürdigerweise haben sich gerade die Zionisten, welche sich jetzt so stark für den Jargon begeistern, früher gegen denselben äußerst ablehnend verhalten, da sie in ihm eine Konkurrenz für das Hebräische sahen. Es ist nicht lange her, daß die Förderung des Jargon geradezu als ein Verrat an der jüdisch-nationalen Sache gegolten hatte. In Rußland, wo sich die moderne Jargon-Literatur am stärksten entwickelte, gab es vor etwa zwanzig Jahren keine einzige Jargonzeitung, während die hebräische Presse ziemlich verbreitet war. Wohl standen der Herausgabe von Jargonzeitungen hauptsächlich die Hindernisse seitens der russischen Zensur entgegen, welche prinzipiell für Jargonblätter keine Erlaubnis erteilen wollte, aber auch ohnehin erfreute sich der Jargon in den jüdischen intelligenten Kreisen keiner großen Beliebtheit. Als die bekannte Warschauer Verlagsgesellschaft „Achiassaf" im Jahre 1900 das Jargon-Wochenblatt „Der Jud" gründete, wurde sie deswegen vielfach angefeindet und als Verräterin an der hebräischen Sache verschrien. Erst der große materielle Erfolg, welchen „Der Jud" mit sich brachte, führte zur Entstehung anderer Jargonblätter sowie zur Erneuerung der Bemühungen um die Erlangung von Konzessionen für Jargon-Tageszeitungen. Seither datiert die kolossale Entwicklung der Jargonpresse und der Jargonliteratur in Rußland, welche auch auf die Verhältnisse in Galizien nicht ohne Einfluß blieb. Die Verhältnisse in Amerika, wo sich die Jargonpresse und -literatur viel früher entwickelte, können nicht maßgebend sein, da die dortige Presse in literarischer Beziehung früher auf sehr niedriger Stufe stand und selbst seitens der Jargonisten mit Geringschätzung behandelt wurde. - Die Entwicklung des Jargons führte dazu, daß im Sommer des Jahres' 1907 nach Czernowitz eine jüdische Sprachkonferenz einberufen wurde, welche die Proklamierung des Jargons als Nationalsprache durchführen wollte. Diese Aktion wurde gerade von zionistischer Seite auf das Heftigste bekämpft, die Verhandlungen läßt die neue Verwaltung Straßen bauen und ein oder zwei große Brücken wieder instandsetzen. All dies bedeutet Arbeit und Erwerb; dem polnisch-jüdischen Elend aber nützt es wenig. Weshalb? Diese Frage habe ich an Ort und Stelle selbst gestellt, und zwar an einen vernünftigen, unbefangenen und mit den besonderen Verhältnissen wohlvertrauten Mann. — Ich werde statt langer Erörterungen lieber ein Beispiel anführen — erwiderte er. Er sah sich um und zeigte mir einen Mann unter den Spaziergängern. Es war eine alltägliche Gestalt, mit rotbraunem Bart, schäbig, aber nicht eben zerlumpt und auch nicht allzu ausgehungert. Er sah aus wie einer, der auch seine bisherigen Tage nicht in allzu großem Wohlleben verbracht hatte. — Dieser Mensch ist von sehr weit hergeflüchtet: aus Nowo-Alexandria an der Weichsel. Als die jetzige Ordnung halbwegs hergestellt war, versuchte er zu arbeiten. Drei Tage lang schaufelte er die Straße, dann ließ er es sein. Er sagte: nie war er an so grobe Arbeit gewöhnt gewesen, und mochte was immer geschehen: er könnte sich auch weiter nicht daran gewöhnen. — Was war denn seine Beschäftigung in Nowo- Alexandria? — fragte ich verwundert,denn der Mensch sah wirklich nicht aus wie einer, den eine unüberbrückbare Kluft von der physischen Arbeit trennt. Mein Führer antwortete lächelnd: — Dieser Mensch war .in Nowo-Alexandria Marschalik . . . Marschalik? Das Wort klang gut, aber durchaus mystisch. Die Erklärung folgte jedoch bald. Marschalik bedeutet so viel wie Spaßmacher. Und der Beruf des Marschaliks besteht darin, auf jedem Hochzeitsfest zu erscheinen, wo er die Gäste durch humoristische Reden, spaßhafte Bemerkungen belustigt. Der Marschalik ist also ein naher Verwandter des Wandersängers, des fahrenden Poeten alter Zeiten, ia selbst des Hofnarren. Hofnarr bei König Ludwig, oder einem anderen großen Herrn: gut, — das ist eine ziemlich reale Daseinsbasis. Aber Marschalik in Nowo-Alexandria: das ist eine phantastische Existenz. Sie waren nie in Nowo-Alexandria, — ich aber wohl; allerdings war damals von der ganzen Ortschaft nichts anderes mehr vorhanden als massenhaft Kamine und paar obdachlose Juden. Daraus aber ließ sich die einstige Gemeinde rekonstruieren: ein kleines, russisch-polnisches Städtchen mit kle nen Häusern und furchtbar viel Armut. Man versuche sich einmal vorzustellen, wie viele Hochzeiten der Konferenz waren sehr stürmisch und nach langwierigen Debatten einigte man sich auf eine Resolution, wonach der Jargon als jüdische Volkssprache erklärt wurde, mit dem ausdrücklichen Bemerken, daß hiedurch die Bedeutung und die Zukunft der hebräischen Sprache für das jüdische Volk nicht im Geringsten berührt werde. Selbst diese Resolution fand keine Gnade in den Augen der Hebräisten und es wurde damals die Parole ausgegeben, den Jargon zu bekämpfen. Bei den öffentlichen Versammlungen der Zionisten in Rußland galt die Parole „Russisch oder Hebräisch!" Bei einem sogenannten Hebräer-Tage in Galizien im Jahre 1910 wurde diese Parole aufgenommen und in „Hebräisch oder Polnisch" umgesetzt. Nebenbei bemerkt, geschah dies einige Monate nach der großen Jargonbewegung seitens der galizischen Zionisten anlässlich der Volkszählung, gelegentlich welcher diese selbst den Jargon als jüdische Volkssprache bezeichnet haben — freilich handelte es sich ihnen hiebei bloß um eine politische Demonstration nach außen hin. Noch schärfer wurde der Jargon seitens der Zionisten in Palästina bekämpft. Dort kam es so weit, daß eine Vorlesung des Literaten Brenner im Jargon im hebräischen Gymnasium in Jaffa nicht stattfinden durfte, und als ein Jahr später der bekannte Jargonist Dr. Ch. Zytlowski über Einladung der jüdischen Arbeiter in Jaffa einen Jargonvortrag halten wollte, kam es zu gewaltigen Demonstrationen, die in blutige Schlägereien auszuarten drohten, wenn nicht die türkische Polizei rechtzeitig eingeschritten wäre. Ä j Aus all dem ist zu ersehen, daß der Jargon gerade von jüdisch-nationaler Seite die heftigste Gegnerschaft gefunden hat, und wenn er sich trotzdem so stark entwickeln konnte, so geschah es wider den Willen der Zionisten. Diese benützten sich wohl mit demselben und ein großer Teil ihrer Presse erscheint im Jargon. Sie motivierten dies jedoch mit der Notwendigkit, zu den breiten jüdischen Volksmassen Zutritt zu erlangen. Sie betrachteten und behandelten den Jargon bloß als notwendiges Uebel, als vorübergehendes Hilfsmittel, bis die Entwicklung des Hebräischen die gänzliche Beseitigung desselben ermöglichen werde. (Schluß folgt.) Spectator. Zur Stimmung unter den russischen Juden. Im „Jüdischen Echo" schreibt A. F.: Die Russen sind wohl das einzige Volk der Welt, das das Privilegium zu haben glaubt, für alle Vorgänge im Lande nicht verantwortlich es hier — die Umgebung mitinbegriffen — im Jahre gab, und wenn es selbst viele gab: wie viele darunter waren, von denen der Marschalik nicht nur Kopeken, sondern auch Rubel mit heimbrachte? Marschalik in Nowo-Alexandria: das ging mir nicht aus dem Kopfe, und seine groteske Position, sein Beruf, seine Daseinsbasis, die Möglichkeiten seines Erwerbs beleuchteten mir besser das Leben, die gesellschaftliche Einrichtung, die Weltanschauung des jüdischen Russisch-Polen als viele Daten, die ich gesammelt und viele Bilder, die ich in den langen Kriegsmonateil gesehen habe, während ich dieses Land durchquerte, wo diese Gestalten ihrer Väter und Urväter Leben unverändert gelebt haben, bis der Krieg nicht ihre ganze Welt in Trümmer stürzie. Mein Führer, der mich auf den Marschalik aufmerksam gemacht hatte, sprach mir dann noch von einigen ähnlichen Existenzen — Typen, die sicherlich überall im Aussterben sind, wo die Bedrückung aufgehört hat, wo politische und wirtschaftliche Freiheit die Tore des Gettos geöffnet haben. Denn der Marschalik hat auch Gefährten, Menschen, die ebenso schwankend leben, als Aermste von der willkürlichen Steuer einer armen, engen, abgesonderten Gesellschaft. Unter ihnen sind die, deren Funktion mit religiösen Vorschriften enger zusammenhängt, einfach Gemeindeangestellte. Aber neben dem Rabbiner, Vorbeter, Kantor, Tempeldiener — den im Wesentlichen gleichartig beschäftigten Männern aller Kirchen — versucht noch eine ganze Schar Menschen von den Traditionen der ärmsten Gläubigen, der russischpolnischen Juden, zu leben. Sicherlich kennt man überall die kleine Blechrölire mit der hebräischen Schriftrolle darin, die in dieser Gegend an der Tür keines einzigen jüdischen Hauses fehlt. Die Röhre hat eine kleine Oeffnung, durcl; die hebräische Buchstaben sichtbar sind, und zwar auf eine streng vorschriftsmäßige Art. Nun gibt es einen Menschen, dessen Beruf darin besteht, daß er die Häuser des Dorfes der Reihe nach aufsucht und prüft, ob die Blechröhre — die Mesüses — und die Schrift in Ordnung seien. Dieser Mann führt den Titel „Mesüsesbeschauer" und erhält für seine Leistung zwei bis zehn Kopeken. Die Arbeit ist sicherlich nicht schwer. Andererseits ist es gewiß, daß die Rothschilds den Gruna zu ihrem Vermögen nicht auf die Art gelegt haben. Zu den Berufen von höherem geistigem Niveau gehört jener, der „Mischnajislerner" genannt wird. Wer