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Jüdische Korrespondenz · 1915-12-09 · 17 (9.12.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
17 (9.12.1915)
Date
1915-12-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 jüdische Korrespondenz Nr. 17. zu sein. Wenn man einen Russen wegen der einen oder anderen russischen Gemeinheit interpelliert, so antuortet er mit überlegenem Lachein: „Was kann ich dafür? Unsere Regierung hat Schuld!" Jeder Russe spricht von seiner Regierung so, als ob sie aus Eskimos oder Botokuden, die das unglückliche Land erobert hatten, bestünde; und doch gehört dieser selbe Russe in neunzig von hundert Fällen dem ßeamtenmilieu, also der die Regierung bildenden Gesellsehaftsgruppe an. Diese für die Russen als höchst bequeme Ausrede dienende Anschauung, daß in Rußland die Regierung und die Gesellschaft zwei isolierte Gruppen bilden, von denen die eine für die von der zweiten begangenen Gemeinheiten nicht verantwortlich gemacht werden dürfe, ist selbstverständlich auch im Auslande, besonders in Deutschland, stark verbreitet. Auch die gesamte russische Judenheit huldigte bisher dieser Ansicht. Nun kam der Krieg und öffnete auch den russischen Juden die Augen. Als die von den Russen an den russischen Juden begangenen Greuel keinerlei einigermaßen energische Aktion seitens der russischen Gesellschaft hervorriefen, als die „liberalen" russischen Blätter die bekannte Rede des Abgeordneten Friedmann nur unvollständig wiedergaben, dafür aber Andeutungen über das „landesverräterische Verhalten" der Juden machten, als in der Duma keine Majorität für die Dringlichkeit mehrerer die Lage der Juden betreffender Interpellationen aufzutreiben war und als selbst die liberale Kadettenpartei, die die Mehrzahl ihrer Mandate den Stimmen jüdischer Wähler zu verdanken hat, es für nicht „zeitgemäß" fand, einen Gesetzentwurf über die Beseitigung aller jüdischen Ausnahmegesetze einzubringen, — ging den russischen Juden endlich ein Licht auf. Und so lesen wir in der in Moskau erscheinenden russisch-jüdischen Zeitschrift „Jewrejskaja Shisn" (Nr. 6, vom 9. August d. J.) folgende bedeutsame Auslassung: „Die russischen Juden erfanden in ihrem Optimismus der Verzweiflung einen eigentümlichen Trost: Die Bürokratie ist gegen uns, doch die Gesellschaft ist für uns. — Dieser Trost ist sehr leichtsinnig. Denn man darf die Bürokratie nicht als einen Gegensatz zur Gesellschaft betrachten. Eine jede Bürokratie entspricht immer und vollkommen dem reellen Verhältnisse der sozialen Machtgruppe. Ein jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Nicht mehr und nicht weniger. Und was uns die heutige russische Gesellschaft geben kann, zeigte uns am diesen Beruf ausübt, tut nichts anderes, als daß er zu Ehren der Toten „lernt", das heißt sich mit Bruchteilen der Heiligen Schrift eingehend beschäftigt. Zur Ehrung des Andenkens eines Toten zu „lernen" ist Pflicht der Angehörigen. Wenn aber die Angehörigen keine Zeit haben, hingegen einige Opfer zu bringen vermögen, so rufen sie den „Mischnajislerner", der an ihrer Statt „lernt", während sie ihrer Arbeit nachgehen. Nicht ganz ohne Räson ist das Amt der „Tickerin". Dies ist die Dame, die vor der Hochzeit der Braut beim Toilettemachen hilft und sie gleichzeitig über ihr neues Leben aufklärt. Ein würdiger Herr, der „Federmann", versieht das Amt des Totenbeschauers auf etwas veraltete Weise. Er trägt Gänsefedern in der Tasche und hält sie unter die Nase des Totgeglaubten: ob sein Atem sie noch bewegt; er hat auch einen Spiegel bei sich, den er vor den Mund des Schwerkranken hält; wenn der Spiegel nicht anläuft, ist es ein Beweis, daß des Kranke schon gestorben ist. Die armen Angehörigen wissen dies onehin schon; dem „Federmann" muß aber Gelegenheit geboten werden, ein paar Kopeken zu verdienen. Schließlich darf man jenes Mannes nicht vergessen, der im Herbst und Winter die kleinen Kinder auf dem Rücken zur Schule trägt. Auch dies ist ein eigener Berut. Denn im Alter von vier bis fünf Jahren, wenn sie den russischen Morast noch nicht zu durchwaten vermögen, müssen die kleinen Dinger schon vom irühen Morgen bis zum späten Abend mit den Buchstaben kämpfen. Ist doch die Grundlage und der Mittelpunkt des ganzen russischen Gettolebens die Talmudschule, mit ihrem traditionellen, mit der modernen Pädagogik wenig übereinstimmenden Unterrichtssystem. In den unter deutscher Verwaltung stehenden eroberten russischen Gebieten hat man diese Schulen bereits heute reformiert, vom Standtpunkt der Hygiene und des Kinderschutzes aus. Der Unterricht wurde auf durchschnittlich vier Stunden täglich herabgesetzt und das Lehrmaterial der weltlichen Gegenstände vorgeschrieben. Diese Reform wird, wenn sie durchgeführt wird, bis in die Wurzeln diese russisch-polnisch-jüdische Gesellschaft umwandeln, deren seltsame Gestalten nur in diesem Luftkreis denkbar sind, in dem jeder einzelne seit seiner Kindheit mit der Luft zusammen die Kenntnis der heiligen Lehren, Deutungen, Gewohnheiten, guten und bösen, tiefe Weisheit bergenden und völlig veralteten Traditionen eingesogen hat. (P. Lloyd.) g. g. deutlichsten die Dumasitzung vom 20. Juli, in der sich die Majorität für die Abschaffung der Ausnahmegesetze aussprach'.' Für jeden Kenner der Verhältnisse steht es außer jedem Zweifel, daß die in diesem Zitat wiedergegebene Ansicht für den russischen Juden durchaus neu ist. Daß sie auch in die Presse Eingang gefunden hat, ist außerordentlich symptomatisch. In der russischen Judenheit vollzieht sich augenblicklich ein bedeutsamer Umschwung: selbst die russifizierten Juden wenden sich merklich vom Russentum, das sie noch vor kurzem anhimmelten, weg. Es sprechen hiefür zahlreiche Anzeichen, die an sich unbedeutend erscheinen, aber dem Kenner der Verhältnisse viel zu denken geben. So finden wir in der Petersburger (nichtjüdischen, doch von Juden gerne gelesenen) Tageszeitung „Rjetsch" ab und zu Annoncen wie folgende: „Erzieherin mit guten Kenntnissen des Jidischen von einer gebildeten Familie in Petersburg gesucht". Vor zwei Jahren suchte die gleiche Familie entweder eine russische oder deutsche Erzieherin. Daß aber eine jidisch-sprechende gesucht wird, ist wieder eine Folge des oben angedeuteten Stimmungsumschwunges und zugleich vielleicht eine Folge des Erlasses, nach dem der Gebrauch der jidischen Sprache in Petersburg unter Strafe gestellt wurde. Annoncen dieser Art kommen immer häufiger vor. — Im Annoncenteil der russisch-jüdischen Blätter stehen vor Rosch- Haschonoh zahlreiche Glückwunschanzeigen. Und auch diese Glückwünsche sehen jetzt ganz anders aus als vor Jahren: alle die Gratulanten heißen plötzlich mit ihrem Vornamen: Hirsch, Chajim, Lea, Rochel, während sie noch vor kurzem Grigorij, Chariton, Lisa und Raissa hießen. Auch diese Rückkehr zum nicht-russifizierten jüdischen Namen ist sehr bedeutungsvoll. CtvroniR. Wilson für die Gleichberechtigung der Juden. Aus New-York wird gemeldet. Präsident Wilson habe in zwei Briefen an den früheren Präsidenten eines jüdischen Ordens. Simon Wolf, geschrieben, er werde bei den Friedensverhandlungen als Vertreter eines Volkes, das auf dem Standpunkt der Gleichberechtigung aller. Nationen steht, darauf bestehen, daß Rumänien und Rußland den Juden die Gleichberechtigung gewähren. Er wird also keinem Vertrag mit Rußland zustimmen, der nicht als erste Forderung die Gleichberechtigung der Juden enthält. Beide Briefe wurden in einer öffentlichen Versammlung in Baltimore verlesen. Die Rückkehr der galizischen mittellosen Flüchtlinge. Um eine tunliehst rasche und geordnete Rückkehr der galizischen mittellosen Flüchtlinge in die laut der amtlichen Aufrufe A und B vom 30. November freigegebenen galizischen Bezirke und in die Stadt Lemberg zu ermöglichen, werden geschlossene Sammeltransporte eingerichtet werden. Die Zentraltransportleitung hat die Zusammenstellung großer Sammelzüge zugesagt. Jenen mittellosen Flüchtlingen, welche solche Sammelzüge benützen, wird nebst freier Fahrt auch freie Gepäckbeförderung gewährt. Flüchtlinge, die in staatlicher Unterstützung stehen, haben sich bei jener Fürsorgestelle, von welcher sie die Unterstützung erhalten, nicht unterstützte mittellose Flüchtlinge bie den Bezirkspolizeikommissariaten ihres Wohnungsbezirkes zu melden. Sie bedürfen solange sie die geschlossenen Sammelzüge nicht verlassen, weder eines Reisepasses noch einer militärischen Bewilligung zum Ueberschreiten der Grenzen des engeren Kriegsgebietes, sondern nur einer Legitimation und einer Anweisung, welche ihnen bei den Bezirkspolizeikommissariaten ihres Wohnbezirkes eingehändigt werden. Vom Abgang eines Sammelzuges werden die Teilnehmer einzeln rechtzeitig verständigt werden, und wird überdies eine kurze Verlautbarung in der Presse erfolgen. Die nach Lemberg rückkehrenden Flüchtl.nge müssen einen Nachweis über ihre innerhalb der letzten zwölf Monate erfolgte Impfung gegen Blattern beibringen. Auskünfte Uber die unentgeltliche Vornahme von Impfungen werden erteilt beim Wiener Hilfskomitee, 3. Bezirk, Am Heumarkt Nr. 12, und in der Fürsorgezentralstelle, 2. Bezirk, Zirkusgasse. Im Hinblick auf die große Zahl von Flüchtlingen erscheint es geboten, daß sich die Rückkehrenden in ihrem Interesse möglichst rasch und rechtzeitigt zur Abreise melden. Dr. Salomon Schechter s. A. Wie bereits gemeldet, verstarb vor kurzem Dr. Salomon Schlechter, Rektor des Jüdisch-Theologischen Seminars von Amerika. Vorher war er Dozent der rabbinischen Wissenschaften ari der Cambridge- Universität in England. Schechter stammt aus Rumänien, woselbst er im Jahre 1847 geboren wurde. Seine Jugendjahre waren ausschließlich dem Studium der rabbinisch-religiösen Literatur gewidmet. Als er später nach Wien kam, studierte er mehr in neuzeitlicher Weise „Jüdische Theologie" unter den bekannten „Erforschern" jüd scher Geschichte, Weiß und Friedmann. Auch hörte er an der Wiener Universität philosophische und andere allgemein wissenschaftliche Fächer. Nach Empfang des Rabbinerdiploms durch Weiß setzte er reine theologischen und anderen Studien an der Berliner Universität fort und hörte dort talmudische Vorlesungen bei Dr. Israel Lewy. 1862 ging Schechter nach England als Hauslehrer für das Hebräische zu Eland O. Montefiore, dem Neffen des berühmten Philantropen gleichen Namens. 1865 veröffentlichte er seine erste literarische Arbeit: „Studien über den Talmud" in der „Westminster Review". 1887 erschien sein Werk: „Aboth de Rabbi Nathan", das über die Sittensprüche der Talmudlehrer handelt; außerdem gelangten aus seiner Feder verschiedene Skizzen und gelehrte Aufsätze in den Blättern: „Jewish Chronicle", „Jewish Quarterly Review" „Revue des Etudejuives" und in der von Grätz begründeten „Breslauer Monatsschrift" zum Abdruck. Mehrere dieser Aufsätze wurden später gesammelt und unter dem Titel: „Studien in Judaicis", (1896), in Buchform der Oeffentlichkeit übergeben. 1890 erfolgte Schechters Wahl zum Talmudlehrer (Dozenten) an der Universität von Cambridge und 1891 erlangte er den Grad eines M. A. h. c. 1892 erlangte er die Prämie für eine Italienreise zum Zwecke der Prüfung alter Handschriften in den großen italienischen Bibliotheken. Das Werk „Agadath Schir ha Schirim", ein Buch über die Agadas zum Hohen Liede und andere Veröffentlichungen im „Jewish Quarterly Review", waren ebensowohl wie Arbeiten in Kohuts großem, wissenschaftlichem Nachschlagwerk die teilweisen Ergebnisse dieser italienischen Unternehmungen, auch reichte er einen erschöpfenden Bericht über diese Forschungen beim Vizekanzler der Cambridge Universität ein. 1894 hielt er eine Reihe theologischer Vorlesungen in der University Hall in London, 1895 wurde er nach Philadelphia berufen, um dort Vorlesungen über den jüdischen Geschichtsforscher Grätz zu halten. Auch diese Arbeiten sind späterhin in wissenschaftlichen Blättern erschienen. Am 13. Mai 1896 entdeckte Schechter das erste Blatt der hebräischen Urschrift des Buches „Jesus Sirach" (Eclesiaticus) und im Dezember 1896 wurde er nach Aegypten und Palästina geschickt, um dort seine Forschungen fortzusetzen. Er kam von Kairo zurück, beladen mit Schätzen, die die Unterlagen für viele seiner wissenschaftlichen Arbeiten und Monographien wurden. Die Sammlung der in den Grüften Kairos — bekannt unter dem Namen „Genisa" — gefundenen Handschriften ist durch ihn und Dr. Taylor der Bücherei der Cambridge Universität zum Geschenk gemacht worden; sie ist unter dem Namen „Taylor- Schechter-Sammlung" in der Gelehrtenwelt bekannt. Die beiden Gelehrten veröffentlichten dann später ajs Ergebnisse ihrer Forschungen das Werk: „Die Weisheit des Ben Sira" (Cambridge 1899). Während Schechter mit der Sichtung der von ihm entdeckten Handschriften beschäftigt war, verlieh ihm die Cambridge Univesität den Titel eines Litt. D. (Februar 1898), zu derselben Zeit wurde er auch zum a. o. Prüfungsprofessor an die Victoria Universität, Manchester, England berufen. Er war auch Mitglied des Board of Oriental Studies an der Londoner Universität. 1901 übernahm Schechter das Rektorat des Jüdisch-Theologischen Seminars von Amerika. Sofort nach seiner Ankunft in New-York übernahm er bei der Herausgabe der „Jüdischen Enzyklopädie" die Bearbeitung des talmudischen Teils. Diese Enzyklopädie ist bekanntlich ein großes jüdisches illustriertes Konversationslexikon nach Art des Brockhaus oder Meyer, ein Werk, wie es das Judentum bis jetzt leider nur in englischer und hebräischer Sprache - eben dieses — besitzt. 1902 veröffentlichte Schechter „Midrasch-Hagadol" nach einem Yemener Manuskript, und „Saadjana" nach Handschriften aus der Kairoer Genisa. Schechter hatte eine Unmenge wissenschaftlicher Ehrenstellen inne. So war er u. a. Mitglied des Senats der New-Yorker Universität, Direktor der „Erziehungs-Vereinigung", des „Verbands konservativer Gemeinden" u. s. w. Der Verstorbene machte auch öfters Reisen in Deutschland, vor einigen Jahren weilte er einige Wochen in Frankfurt a. M. und in Wiesbaden, woselbst zahlreiche Gelehrte aus ganz Deutscriland ihn aufsuchten. Personalien. Mitrowitz. (Slavonien.) Vergangenen Sonntag nach dem Abend-Gottesdienste fand im hiesigen Tempel eine Trauerandacht für den früh heimgegangenen Oberrabbiner Dr. Hermann Gärtner s. A. statt. An derselben nahmen teil: der Kultuspräsident Herr Josef Fleischmann mit sämtlichen Mitgliedern der Kultusgemeinde, die Oberhäupter aller Bezirksbehörden sowie die Geistlichkeit sämtlicher Konfessionen. K. u. k. Feld-Seelsorger Oberrabbiner Dr. Lebovics würdigte in beredten Worten die Verdienste und Tugenden seines Vorgängers. Der Verblichene, geboren in Dukla (Oalizien), war ein jüdische Gelehrter im vollsten Sinne des Worte« wieauch ein gediegener Kanzelredner. Nach einer fünfjährigen Amtstätigkeit ist er seiner Gemeinde im Alter von 42 Jahren entrissen worden, eine Witwe und zwei kleine Kinder hinterlassend. Oberrabbiner Dr. Gärtner erfreute sich in unserer Stadt der höchsten Achtung und Wertschätzung und die gesamte Gemeinde bewahrt ihm ein ehrenvolles Andenken. Adolf Sommer, Gemeindesekretär. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. - Buchdruckerei „Melantrich«, Wien 'X., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Grünhut). I

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