Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 17 (9.12.1915)
- Date
- 1915-12-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 jüdische Korrespondenz Nr 17. und Angst aufschrie, zerrten sie ihn ins Freie und ließen ihn von Kosaken auspeitschen. Als er nach einer halbstündigen Tortur, halbohnmächtig in den Wagen gebracht würde, schrie ihm der ältere Offizier noch nach: „Da hast du'" es, du Hundesohn! damit du dir merkst, daß vor dir kein österreichischer, sondern ein russicher Offizier steht!" — hiebei versetzte er dem Geisel abermals einen so fürchterlichen Schlag ins Gesicht, daß die übrigen Geiseln, die Zeugen dieser ganzen Szene waren, vor Grauen aufschrieen. In Lemberg, wo die Geiseln nach zwölfstündiger Fahrt in einem unbeleuchteten Wagen um 3 Uhr früh ankamen, wurden sie freigelassen und angewiesen, ihre Passierscheine vom Lemberger Stadtvorsteher vidieren zu lassen, was ihnen nur nach langem Warten und mit Hilfe reichlicher Trinkgelder gelang. Viele traten die Rückreise nach Jaroslau zu Fuß an, einige blieben krank in Lemberg zurück, der Rest kehrte mit der Bahn heim. Diese grauenhafte Schilderung macht wohl jeden Kommentar überflüssig. Den „kulturtriefenden" Engländern und Franzosen sei dieses Kulturdokument zur Lektüre empfohlen. Zur Frage der jüdischen Wellor g anisaiion. Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, daß in allen jüdischen Kreisen schon jetzt die Frage einer jüdischen Weltorganisation nach dem Kriege eifrig und eingehend diskutiert wird. Der Mangel einer solchen hat sich besonders während des Krieges fühlbar gemacht und in Konsequenz dessen wird der Standpunkt vertreten, daß diesem Mangel nach dem Kriege abgeholfen werden muß. Wohl ist es wahr, daß eine solche Organisation, wenn sie existiert hätte, bei dem Umfange und bei der Ausdehnung des Krieges auf fast sämtliche europäische Staaten, wenig auszurichten imstande wäre, jedoch könnte eine solche Organisation wenigstens die Juden in den neutralen Ländern zu einem einheitlichen Vorgehen im Interesse ihrer Brüder veranlassen und es wäre vielleicht möglich gewesen, den so grausam und unmenschlich verfolgten russischen Juden einigen Schutz angedeihen zu lassen. Noch dringender ist die Existenz einei solchen..-Organisation in der er-; sten Jkriode nach dem» Kriege,- wo eg so viel' Arbeit zugunsten der durch die Kriegsereignisse so schwer betroffenen Glaubensbrüder geben wird. Fragt man sich nun, die Judenschaft welchen Staates dazu berufen ist, die Leitung einer derartigen Organisation zu übernehmen, so muß man ohne Uebertreibung zugeben, daß hiefür einzig und allein die Juden in den Ländern der Zemralmächte in Betracht kommen. Die Juden Oesterreich-Ungarns und Deutschlands zusammen mit ihren Brüdern in Bulgarien und der Türkei dürften nach dem Kriege die an Zahl größte Judenschait aller anderen Staaten bilden. Nach der Befreiung der Juden Polens vom russischen Joche dürfte selbst die Zahl der Juden in Rußland hinter der Zahl ihrer Brüder in den Vierbundstaaten zurücktreten, abgesehen davon, daß im günstigsten Falle die Juden Rußlands sich schwerlich einer derartigen Freiheit und kulturellen Entwicklung wie ihre Brüder in Oesterreich-Ungarn und Deutschland erfreuen dürften. Dieser letzte Unistand ist es auch, welcher der Judenschaft in den Vierbundstaaten die führende Rolle in allen jüdischen Fragen zuweist. Zum T eile aus Ost- und zum Teile aus Westjuden bestehend, sowohl „Aschkenasirn" wie „Sphardim" umfasend, ostjüdischen Geist und westliche Kultur in sich vereinigend, der größten Freiheiten und vollster Freizügigkeit sich erfreuend, einem Staatenbunde angehörend, dessen politische und wirtschaftliche Interessen für alle Teile so gemeinsam sind, wird es die Judenschaft dieser Länder leicht haben, zu allen das Judentum betreffenden Fragen Stellung zu nehmen und ihren Einfluß zugunsten der Juden aller Länder geltend zu machen. Im letzten Jahrhunderte hatten wohl die Juden Frankreichs und Englands in allen wichtigen Fragen die führende Rolle. Es geschah dies, trotz ihrer kleinen Zahl, infolge ihrer hervorragenden Stellung und ihres Einflusses bei den Regierungen ihrer Länder. Der Umstand, daß England und Frankreich mit Rußland alliiert sind, hat jedoch der Aktionsfreiheit der dortigen Juden Schranken auferlegt und ganz besonders waren sie während des Krieges gewissermassen gegenüber allen russischen Greueltaten zum Schweigen verurteilt. Nach dem Kriege muß demnach in dieser Richtung eine radikale Aenderung eintreten und die Führung aller jüdischen Angelegenheiten muß auf die Juden Oesterreich-Ungarns und Deutschlands übergehen. Ueber die Form der künftigen Weltorganisation schon heute detailliert zu sprechen, ist noch verfrüht. Im Prinzip jedoch muß schon jetzt dieser Angelegenheit eine gewisse Aufmerksamkeit geschenkt werden und die maßgebenden Kreise mögen sich mit dieser Frage ganz ernstlich beschäftigen. Hazofeh. Die Behandlung der Juden in Frankreich- Frankreich führt, wie seine Blätter jeden Tag großsprecherisch verkünden, den Krieg „für das Recht, die Zivilisation und die Menschheit". Es müßte also vor allem im eigenen Lande sich der Unterdrückten annehmen. Das gerade Gegenteil aber ist der Fall. Die afrikanischen Tirailleure laufen heuer wie im vorigen Winter noch in ihren Leinenhosen herum. Ob sie erfrieren, ist gleichgültig. Es ist ja doch nur Kanonenfutter. Die Juden werden ganz besonders schlecht behandelt. Gustave Herve, der allein das Recht zu haben scheint, die Mißstände im französischen Heerwesen in seiner „Guerre Sociale" zu rügen —er brachte jüngst auch die Geschichte von den Leinenhosen der Afrikaner — nimmt sich in der letzten Zeit auch der Juden im französischen Heere und im Frankreich , überhaupt an. Unlängst forderte er den Präfekten von Oran in Algerien auf, doch der Familie eines mit Namen genannten französischen Bürgers israelitischen Bekenntnisses die ihr seit 15 Monaten zustehende Kriegsunterstützung endlich zukommen zu lassen. Weiter erwähnte er einen Fall von drei gleichfalls mit Namen aufgeführtenpolnischen Juden, die als .F^wjlligft ins, Jr^zösisc^, ..Jieer., ejngejtreten ' seien, aber jetzt als Spione im bürgerlichen Gefängnis säßen, weil sie, wie sie von Hause aus gewöhnt wären, unter sich Deutsch (Jüdisch?) sprächen. Herve hat auch den ersten Ansturm auf die in Frankreich Schutz vor den russischen Pogromen suchenden russischen Juden mit abschlagen helfen. JDie französische Regierung wollte sie ihren russischen Schergen ausliefern und, als das an dem Widerspruch der öffentlichen Meinung scheiterte, sie wenigstens ins französische Heer einreihen. Vor Monaten ist der Versuch vereitelt worden. Jetzt haben im Pariser Gemeinderat die Gemeinderäte Poirier de Narcay, Galli und Dausset den Antrag eingebracht, die Staatsangehörigen aus den verbündeten Staaten, die im militärpflichtigen Alter ständen, zum freiwilligen Diensteintritt aufzufordern. Weigerten sie sich dessen, so solle man sie ausweisen. Herve sagt darüber in der „Guerre Sociale" vom 26. November: „Sofort begann, wie vor einigen Monaten, als eine ähnliche Maßregel wie ein Damoklesschwert über ihren Häuptern hing, ein allgemeiner Auszug der Kinder Israels zu der hohen Pforte der Präfektur, wo arme, aus dem Häuschen gebrachte Juden jedes Alters und jedes Geschlechts eine lange Reihe bildeten, um die Auswanderungserlaubnis nach dem gastlichen Amerika zu erlangen." Herve nimmt sich wie immer der armen Juden an und fragt die Antragsteller im Pariser Stadthause, wofür sich denn die Juden schlagen sollten. Er sagt darüber: „Für Rußland wollen die Juden sich nicht schlagen, weil Rußland bis jetzt wenigstens das gelobte Land des Antisemitismus ist, das Land, wo die Juden auch kein einziges staatsbürgerliches Recht besitzen, das Land, wo sie noch nach mittelalterlicher Sitte auf bestimmte Landstriche wie auf ein gewaltiges Ghetto beschränkt sind, das Land der Pogrome, wo seit einem Vierteljahrhundert die Volkswut, aufgestachelt durch eine verrottete Bureaukratie, zu Massenabschlachtungen übergeht, deren traurige Ueberbleibsel viele der Pariser Juden bilden. Wenn Sie, Herr Galli (das ist ein nationalistischer Schreier und Pariser Abgeordnete) die Ihrigen hätten hinschlachten sehen in Kischinew, wenn Sie wüßten, daß Ihre Religionsverwandten (Galli ist selber jüdischen Geblüts) in Rußland keinerlei staatsbürgerliche Rechte haben, wenn Sie selbst vor Verfolgung und Pogrom hätten fliehen müssen, würden Sie dann als Freiwilliger für Rußland ins Feld ziehen und auch noch Ihre Haut für Ihre Peiniger zu Markte tragen?" Aber für Frankreich, für das „Frankreich der Menschenrechte?" Hören wir Hervö weiter: „Zehntausend russische Juden sind in dem Augenblick, wo die deutschen Heere auf Paris marschierten, im August 1914, zehntausend russische Juden sind damals als Freiwillige bei uns eingetreten, aus bloßer Liebe (?) zu dem Frankreich der Revolution und aus Anhänglichkeit für das republikanische Frankreich. Aber wie hat man diese zehntausend Freiwillige, von denen mehrere Tausende im Artois und in der Champagne ruhmreich gefallen sind, wie haben wir sie behandelt? Haben wir nicht die Eselei begangen, die russischen Juden als Ausländer samt und sonders in eine neue Fremdenlegion zu stecken, der wir als Ausbildungspersonal Gefreite und Unteroffiziere unserer alten Fremdenlegion gegeben haben, was bedeutet: tapfere Kerle, die zwar ein bißchen ungehobelt, dafür aber um so abgefeimter und die dazu noch oft wütende Antisemiten waren, gewöhnt, den Dickschädeln der Legion im Frieden mit einer Disziplin zu begegnen, t wie sie bei den afrikanischen Strafbataillonen üblich ist. Haben Sie, Herr Galli, denn keine Ahnung davon, mit welchen Qualen die unseligen jüdischen Freiwilligen ihre Selbstverleugnung bezahlt haben? Und trotzdem wundern Sie sich, daß die frisch aus Rußland hierhin geflüchteten Juden den Eintritt auch ins französische Heer ablehnen?" . Ejß(.ajide,r.es ,J&$tpl.,tiber, Fra^^igb^; Vorgehen gegen die „Fremden" (lies: Juden) ,wd in dem Organ der im Auslande studierenden Russen, „Golos Sarubeschnawo Studentschestwa" geschildert: „Die französischen Polizeikommissäre taten ihre Pflicht den russischen Studenten gegenüber sehr ungleich. Es gab Orte, wo sie liebenswürdig und höflich waren und erklärten, ihre heikle Frage sei durchaus nicht als Forderung oder Drohung aufzufassen. An anderen Orten war es ganz umgekehrt: die Polizeibeamten wurden sehr anzüglich und scheuten nicht vor ganz unzweideutigen Drohungen zurück. Ich studierte in Toulouse im Elektrotechnischen Institut, aber meine Studien sollten nicht lange dauern. Bald begann die Verfolgung der Russen. Es fing damit an, daß ein dort erscheinendes reaktionäres Blatt „L'Expreß du Midi", schrieb, in der Stadt bummelten Russen oder eigentlich „sogenannte" Russen, gesunde junge Leute, die für ihr Vaterland nicht kämpfen wollten und sich noch erfrechten, unerwünschte und unpatriotische Redensarten zu machen. Die Studenten versammelten sich und arbeiteten eine Protestkundgebung gegen die falschen Gerüchte unter dem französischen Publikum aus, worin sie erklärten, daß die russischen Studenten in Toulouse einstweilen riieht^einberufen seien. Das Blatt druckte djese Erklärung ab und der Zwischenfall schien eirledigt. Bald aber sannen sich der Direktor des Instituts Herr Gamichel und die übrigen Professoren einen neuen Streich aus: sie forderten von den Studenten die Militärausweispapiere. Wieder versammelten sich die Studenten und telegraphierten an den russischen Konsul und an den sozialistischen Minister Sembat. Nochmals wurde die Sache damit beigelegt. Nun begannen aber die Professoren, die Studenten auf andere überall zu haben! Schicht-Wäsche - Kriegs-Wäsche billigste, schonendste und wirksamste Waschart t Weiche die Wäsche mit Wasch-Extrakt ,Frauenfob' einige Standen oder über Nacht ein. Wasche dann wie gewohnt weiter. Nur wenig Seife — am besten Schicht-Seife, Marke „Hirsch" — ist noch nötig, die schönste Wäsche zu erzielen. Erspart Arbeil, Zell, Geld und Seife. Ominol ist das beste zum Reinigen der Hände und zum Scheuern in Küche und Haas.