Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 17 (9.12.1915)
- Date
- 1915-12-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz ^vlPrteX^hTi-2o!ler" Wochenblatt für jüdische Interessen.4 f^a^^ÜSS^: Nachdruck mit voller Quellenangabe gestaltet. Redakteur: Jonas Kreppel. Ers chei nt jeden Donnerstag Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 7. Erscheint jeden Donnerstag Nr. IT. Wien, 9. Dezember 1915. I. Jahrgang. Wie die Russen die galizischen »Geiseln« behandelt haben. Moses Weinstock, Kaufmann aus Jaroslau, als Flüchtling in Wien, Novaragasse 40 wohnhaft, schildert in bewegten Worten die grausame Behandlung, die er und noch 29 andere angesehene Bürger der Stadt Jaroslau von den russischen Militärbehörden und -Organen anl^^ci^frer Festnahme als Geiseln und fllfeVÄbtransportes nach Lemberg zu erdulden hatten: Am 10. Oktober 1914 wurden die Jaroslauer Bürger: Blatt Leo, Brandwein Moses, Kostrzynski, Sliwinski, Licht Moses, Hornik, Weinstock Moses, Tugendhaft, Qoldmann Moses, Eilberg Wolf, Holzberger, Glücksmann M., Zmudzinski, Stieber Elias, Stieber Baruch, Lowiski, Tumidajski Anton, Sonnenschein Kopel, Polz Josef, Licht Simon, Baranski, Weinstock Elias, Horn Chaim, Montag Wolf, Kaitsch W., Springer M., Weismann Abi, Bernstein Osias, Kulmann und Wozny Paul unter dem Vorwande ins Rathaus gelockt, daß die Russen anläßlich ihres bevorstehenden Rückzuges vor den österreichischen Truppen einen Pogrom in Jaroslau planen und daher über Maßnahmen zu dessen Verhütung beraten werden soll. Nach Ankunft im Rathause wurde ihnen vom Dolmetsch des Jaroslauer Stadtkommandanten eröffnet, sie werden, da die freiwilligen Sokol-Druzynen die russischen Truppen beschießen und „fanatische" Juden gegen das russische Militär Demonstrationen veranstalten, als Geiseln festgenommen; sollten sich die De- --t"*^me«stfalieftMi "»ledcrhqjett <&At¥ ¥«n Seiten»d«- Schützendrüzynen nur ein einziger Schuß fallen, werde die Stadt bombardiert und die Geiseln gehängt werden. Den Geiseln wurden 15 Minuten Zeit gegeben, von ihren Familien schriftlich Abschied zu nehmen, worauf sie, trotz ihrer mangelhaften, bloß flüchtigen Bekleidung und Ausrüstung, vielfach ohne Mäntel, um 9 Uhr abends in strömendem Regen und bei empfindlicher Kälte unter Eskorte von 34 Kosaken zu Fuß nach Lemberg abgeschoben wurden. Vor dem Abmarsch wurde ihnen eingeschärft, daß die Eskorte angewiesen sei, jeden, der sich weiterzumarschieren weigert oder zu fliehen versucht, augenblicklieh zu erschießen. Unter unsagbaren Strapazen und Qualen, die die jedwedem menschlichen Gefühl unzugänglichen Kosaken aus angeborener Grausamkeit und Uebermut noch absichtlich zu vermehren bestrebt waren, indem sie die Gefangenen über Sümpfe, Felder und Tümpel, über Stock und Stein in finsterer Nacht führten, sie Flüsse und reißende Bäche durchwaten ließen, sie vom Steg, den sie selbst benützten, mit Kolbenschlägen ins Wasser hinunterwarfen und unausgesetzt durch Püffe, Schimpfen und Schreien wie eine Herde Tiere zur größten Eile antrieben — erreichten die Geiseln von Jaroslau den San-Fluß (den sie, bis an die Knie watend, durchqueren mußten), dann über Koniaczow um 3 Uhr nachts Makowisko, wo sie, halb tot vor Ermüdung im Schulgebäude untergebracht wurden. Das Gebäude war indessen von Abbrändlern aus der Umgebung vollbesetzt und so mußten die Geiseln in ihren durchnäßten, kotigen Gewändern auf bloßem Fußboden Rast suchen, die ihnen aber nicht lange gewährt wurde, da sie um 7 Uhr früh wieder unter den gleichen Mühsalen und Quälereien über Bobrowka, Korzenica nach Lukawiec getrieben wurden. Viele von ihnen — es waren darunter Männer in vorgerücktem Alter, kränklich und gebrechlich, so Hornik 73 Jahre. Osias Bernstein 70 Jahre, Stieber 70 Jahre. Osias Kaitsch 60 Jahre alt — waren solchen Anstrengungen nicht gewachsen und wurden schon am ersten Tage krank. Doch gab es kein Erbarmen bei ihren Henkern, sie mußten weiter und gleichen Schritt halten, sonst setzte es Kolbenschläge und Peitschenhiebe ab. In Lukawiec wurde die Eskorte durch eine neue abgelöst, deren Kommandant die Geiseln durchsuchte und ihnen alles einigermassen Wertvolle abnahm, so dem Bürger Springer pine Uhr im Werte von 50 K, Lowicki ein Taschenmesser, Weismann seine Zigarettendose, Blatt ein Taschenmesser, Schlüssel zu seinem Geschäftslokal, eine elektrische Taschenlaterne und anderes mehr. Die Geiseln wurden in einer Schulruine ohne Fenster untergebracht, wo sie auf dem Fußboden und etwas Streustroh übernachten sollten; doch die Hungerqualen und die Sorgen um ihre Zukunft und das Schicksal der Ihrigen ließ sie keine Ruhe finden; darüber wurden wieder mehrere von ihnen krank. — Alle Bitten um ein bißchen Brot oder sonstige Nahrung fruchteten nichts; erst nach der Aufforderung, die Peiniger sollen sie lieber erschießen als Hungertodes sterben lassen und nachdem den Soldaten eine reichliche Belohnung in Aussicht gestellt wurde, brachten diese 40 Stück kleine Kartoffel (für 30 Geiseln) und ließen sich dafür einen halben Rubel zahlen. Heißhungrig stürzten sich die Geiseln auf den Herd, wo die Kartoffel brieten, rißen sie aus dem Feuer und verzehrten sie halbroh, gerieten hierbei, ihrer Sinne nicht mächtig, miteinander in eine Balgerei und da die Stärkeren mehrere Stücke an sich brachten, blieb für die anderen nichts übrig. — Es mußte wieder mit den Soldaten unterhandelt werden, die ihnen nach langem Hin und Her endlich weitere 60 Kartoffel um den Preis von 10 Rubel brachten, sich aber hartnäckig weigerten, ihnen Wasser zu geben. Am anderen Morgen (12. Oktober 1914) hatten die Geiseln noch Schrecklicheres zu bestehen; die Wachmannschaft ließ sich für einen kleinen Topf klaren warmen Wassers einen halben Rubel zahlen; den bleichen Preis for- 'aerfgri' arr^iai^ m*t>i\m 'Law proi, uucir war dieses bereits verschimmelt und ungenießbar, so daß den verhungernden Geiseln nichts übrig blieb, als die Passanten um Brot anzubetteln. Drei Tage verbrachten die Geiseln unter diesen Qualen in Lukawiec, worauf sie nach einer Musterung durch den Adjutanten des dortigen Ortskommandanten nach Wielkie Oczy und Tags darauf nach Niemiröw weiter getrieben wurden. Auf der Reise nach Wielkie Oczy steigerten sich die Grausamkeiten der Eskorte bis zu den unerhörtesten Bestialitäten; unter Prügeln und tollem Geschimpfe wurden die Geiseln bald in knietiefen Kot, bald durch Sümpfe und Tümpel, über Bäche und Flüsse getrieben, die nach einer Stütze Suchenden mit Kolbenstößen ins Wasser oder in den Sumpf hineingeworfen, wie Tiere mit langen Stöcken und Gerten gejagt; bei dieser Gelegenheit blieben manchem die Schuhe im Kot stecken, doch wurde ihm keine Zeit gelassen, sie herauszuholen oder wieder anzuziehen; so mußte der Rabbinerstellvertreter Moses Goldmann fast den ganzen Weg von Lukawiec nach Wielkie Oczy nur mit einem Schuh zurücklegen, da ihm der andere im Sumpf stecken geblieben war; aber auch die vorbeimarschierenden russischen Truppenabteilungen versäumten es nicht, die Geiseln mit ihren Nagaiken zu bearbeiten, zu beschimpfen und zu verhöhnen. Mehrere der Gepeinigten schwebten in Todesgefahr, mehrere wurden ohnmächtig, bis alle, von Erschöpfung und Mißhandlungen völlig abgestumpft, in einen Zustand dumpfer Verzweiflung und Apathie verfielen und alles mit sich geschehen ließen, ohne sich dessen bewußt zu werden. In diesem Zustande erreichten sie Wielkie Oczy, wo sie in dem dortigen Gerichtssaal über die Nacht untergebracht wurden. Hier fanden sich bald barmherzige Leute ein. die den Geiseln Speise und Trank brachten, so daß diese zum erstenmal seit der Gefangennahme ihren brennenden Durst und Hunger stillen konnten; doch bevor sie selbst noch etwas genossen hatten, beteilten sie mit den Gaben vorerst ihre Peiniger, um sie für sich milder zu stimmen. Leider erwies sich dies als vollkommen fruchtlos. Am anderen Morgen mußten die Geiseln halbrohes Brot auf ihren Weitermarsch nach Niemiröw mitnehmen, weil der Eskortekommandant, dessen sonstiges Verhalten das Gleiche blieb, sich weigerte, den Abmarsch etwas zu verschieben, bis das Brot gar gebacken war. Doch auch dieses Brot durften die Geiseln nicht genießen, weil sie es einer Abteilung kriegsgefangener Oesterreicher, die auf demselben Wege eskortiert wurde und die von Hunger und Entbehrung übermannt war. ausliefern mußten. Diesen Augenblick nennt Weinstock einen „tragikomischen". Die Geiseln hätten den in einem grauenhaften, mitleiderregenden Zustande sich weiterschleppenden Kriegsgefangenen wohl das Brot gegönnt, mußten aber selbst für sie Hunger leiden. Dies hatte zur Folge, daß einige der Geiseln vor Ermattung marschunfähig wurden und auf Vorspännen weiterbefördert werden mußten, deren Auslagen selbstverständlich die Geiseln selbst zu tragen hatten. Mit nüchternem Magen hatten die Geiseln Wielkie Oczy verlassen müssen und langten — über Drohomysl, Hruszow, Lipowice und Biehaty marschierend — abends in Niemiröw an, ohne etwas gegessen zu haben. In Niemiröw mußten sich die Geiseln mit frischer Leibwäsche versorgen, weil sie die auf ihren Nachtlagern annektierten Insekten bereits unerträglich peinigten. Nach langen Unterhandlungen mit dem Stadtkommandanten und gegen tägliches Schmiergeld von 30 Rubeln gelang es den Geiseln, einige Tage Rast in Niemiröw zu erlangen. Diese Zeit benützten sie dazu, um bei einigen einflußreichen Persönlichkeiten vorzusprechen und um Hilfe in ihrer Not zu bitten; auch schrieben sie Bittgesuche um Intervention an alle ihnen bekannten Lemberger Persönlichkeiten wie an den Rabbiner Dr. Caro und Erzbischof Grafen Szeptycki und schickten schließlich einen gewissen Chil — dem sie für seine Mühewaltung 120 K zahlten — nach Lemberg, damit er dort für sie Schritte unterndmtcrflBeH^^^ gen seiner Bemühungen hörten sie je wieder und auch die sonstigen Schritte blieben erfolglos. Und so mußten sie denn von Niemiröw nach Lubaczow weiterziehen, wo sie übernachten sollten. Die Eskorte schloß sich dem Stadtkommandanten von Niemiröw an, welcher eben auch über Lubaczow nach Oleszyze mußte. Dieser benützte die Gelegenheit, um den Geiseln Schmiergelder abzupressen, indem er sie zum Schein zwingen wollte, den Marsen gleich weiter von Lubaczow nach Oleszyze mit ihm bei Nacht fortzusetzen. Da aber offenbar seine Instruktionen anders lauteten und die Geiseln auf seinen Kniff nicht eingehen und lieber weitermarschieren wollten als ihm wieder eine Abschlagungszahlung zu leisten, schickte er sie von halbem Wege nach Lubaczow zurück. Hier begann wieder der alte Jammer. Als Wache erhielten sie wieder die nämlichen Peiniger, die sie in Lukawiec zur Verzweiflung gebracht hatten. Diese versuchten wieder die Geiseln zu malträtieren und auszubeuten; doch war in Lubaczow gerade der russische Generalstab stationiert und der bloße Hinweis darauf genügte, daß sie sich einige Mäßigung auferlegten. Immerhin wurde den Geiseln die Synagoge als Nachtherberge bestimmt und ihnen so wenig schmutziges Streustroh zum Lagern mitgegeben, daß die meisten auf den harten Bänken schlafen mußten. Nach einigen Tagen ihres Aufenthaltes in Lubaczow wurden die Geiseln endlich gegen ein Lösegeld von 40.000 Rubeln freigegeben, worauf sie von zwei Soldaten eskortiert, auf den Bahnhof in Lubaczow gebracht wurden, um die Reise nach Lemberg anzutreten und vollends freigelassen zu werden. Doch mußten sie noch im letzten Augenblicke Bitteres erleben. Auf dem Lubaczower Bahnhofe angekommen, mußten sie in empfindlicher Kälte drei Stunden lang den Abgang des Zuges abwarten und wurden dann unter Eskorte zweier Soldaten in einen Schweinewagen einwaggoniert. So fuhren sie bis Rawa- Ruska, wo man sie in einem offenen Brettertransportwagen unterbringen wollte. Dagegen weigerten sie sich nach Kräften und stiegen in einen Personenwagen 3. Klasse ein. Hiedurch erbost, stürzten zwei Offiziere hinzu, pferchten unter wütendem Zetern und Lästern die 30 Geiseln in zwei Abteile hinein, packten dann den zunächst stehenden Moses W e i n s t o c k der eine an den Haaren, der andere bei den Ohren, hoben ihn auf und versetzten ihm wuchtige Schläge ins Gesicht. Als dieser vor Schmerz