Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 16 (2.12.1915)
- Date
- 1915-12-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 16. jüdische Korrespondenz Seite 3 Der neue Statthalter, Freiherr von Bleyleben, hat sich in seinen bisherigen Stellungen als Landespräsident in der Bukowina sowie als Statthalter in Mähren als würdiger Nachfolger des Grafen Bienerth gezeigt. Er wird sich in seiner neuen Stellung sicherlich ebenso voll und ganz seinen Aufgaben gewachsen zeigen, wie bisher. Auch den Juden gegenüber hat sich Freiherr von Bleyleben in der Bukowina wie in Mähren stets wohlwollend und gerecht erwiesen. Wir begrüßen ihn in seiner neuen Stellung in der sicheren Erwartung, daß er auch als Landeschef von Nieder-Oesterreich denselben Grundsätzen huldigen wird. Streiflichter. Die lieben Juden des Zaren. Aus Stockholm wirJ geschrieben: Im russischen Ministerium wird darüber baraten, wie das Wolmrecht der Juden in Rußland immer mehr erwettert werden kann und überhaupt die Tscherta abgeschafft werden soll. — Die Kadetten-Partei hat dieser Tage die Feier ihres 10jährigen Bestandes begangen. — Diese Partei hat mit Mut sich gegen die „Schwarzen Hundert" gewandt und dafür unter den .luden viel Dank geerntet. In Odessa werden jetzt Vorbereitungen getroffen zur Herausgabe eines Sammelbuches in russischer Sprache, zugunsten der jüdischen Kriegsopfer. Dem Komitee gehören an Bialik, Frug, Ussischkin, Juschkewitsch u. a. Bekannte russische Schriftsteller haben Beiträge zugesagt. Das russische Kriegsministerium hat beschlossen, die jüdischen Studenten von den Hochschulen nicht zum Militärdienst einzuziehen, weil sie doch nicht in den Offiziersschulen aufgenommen werden können. Der Petersburger Bürgermeister Oraf J. Tolstoi unterbreitete dem Ministerium des Innern ein Gesuch, in dem auf die Notwendigkeit hingewiesen wird, die für die aus dem Kriegsgebiet nach Petersburg kommenden jüdischen Flüchtlinge geltenden Beschränkungen aufzuheben. Der neue Vize-Minister Fürst Wolkowski hat dieses Gesuch dahin beschieden, daß zwar auf Grund der ministeriellen Rundverfügung vom 17. Aug. die Juden sich außerhalb des „Ansiedlungsrayons" aufhalten dürfen, aber nicht in den Residenzstädten. Dagegen wird das Ministerium dem vorübergehenden Aufenthalt der Flüchtlinge in Petersburg, bis sie nach anderen Orten weitergeschickt werden, keine Schwierigkeiten in den Weg legen. Die echt russischen Leute, die sogenannten „Schwarzen Hundert", sind fest überzeugt, daß der Zeitpunkt nahe ist, wo wieder Pogrome beginnen können. Sie wollen Ende November einen Kongreß abhalten, worauf sie alles besprechen wollen, da sie nicht über alles schreiben können. Sie wollen auf dem Kongreß auch beantragen, daß die Duma aufgelöst wird, wenn sie nicht bis dahin aufgelöst ist. Man müsse gegen die Stadtverwaltungen auftreten und die strengste Kontrolle über die Semstwos und andere liberale Organisationen ausüben und Gerüchte verbreiten, daß die Juden und die Intelligenz daran dächten, die Revolution vorzubereiten und daß sie Gesetze zur Ausplünderung der Bevölkerung wie in Frankreich herausgeben wollen. Sie verlangen den Kampf gegen die Presse der Linken und ein festes Ministerium. Wie man hört, sind die Austreibungen der Juden aus den Gebieten des Minsker Gouvernements wieder tortgesetzt worden. Diese Befehle kamen so plötzlich, daß die Flüchtlinge keine Zeit hatten, ihr Notwendigstes mitzunehmen. In jüdischen Kreisen haben die neuen Austreibungen große Unruhe hervorgerufen. — In Kischinew ist ein neuer Gouverneur eingesetzt worden. Die jüdische Deputation, die ihn begrüßte, fuhr er gleich hart an und sagte, die Juden seien keine Patrioten, sie behalten das Kleingeld, sie seien schuld an der Teuerung, ganz ähnliche Vorwürfe, wie sie die antisemitische Presse täglich verzapft. — An der Petrograder Universität ist der jüdische Gelehrte Schirmanteski zum Privatdozenten für westeuropäische Literatur ernannt worden. — Es ist bekannt gemacht worden, daß die Post jede Sendung zur Weiterbeförderung ablehnt, wenn sie die Bezeichnung Petersburg statt Petrograd führt. — Eine Kommission, bestehend aus Regierungsvertretern und Advokaten hat beschlossen, dem Justizminister vorzuschlagen, eine Prozentnorm einzuführen für jüd. Adwokaten. In dem Wohnungsgebiet der Juden sollen 15% zugelassen werden, außerhalb desselben 10%. Die liberalen Advokaten haben diesen Beschluß abgelehnt. — Die sozialistischen Arbeiter-Verbände protestieren dagegen, daß die Regierung immer noch als Qrund der russischen Niederlagen den „jüdischen Verrat" bezeichne. Der Protest mahnt die Arbeiter, die Feinde des Volkes auf einer anderen Seite zu suchen, wo auch die wirklichen Zerstörer des Reiches zu suchen seien. — Aus Moskau berichtet man, daß zahlreiche Damen der höheren Gesellschaft sich in einem Memorandum an den Kaiser wenden, damit dieser den Juden keine vollen bürgerlichen Rechte erteile. Aufruf iür die notteidenden Juden in den besetzten Teilen Rußlands. In den von unseren verbündeten Heeren besetzten Teilen des russischen Reiches leben fast 2V2 Millionen Glaubensgenossen, die durch den Weltkrieg in schwerste Not geraten sind. Hunderttausende unter ihnen sind durch die grausame Kriegsführung unserer Feinde von Haus und Hof vertrieben worden und konnten nichts als das nackte Leben retten. Der Beginn des Winters hat die durch das Stocken von Handel und Wandel, Arbeitsmangel und Teuerung der Lebensmittel in jenen Gebieten geschaffene Lage bereits weiter verschärft. In umfassender Weise als bisher Hilfe zu leisten, ist ein dringliches Gebot mitfühlender Menschenliebe. Die verfügbaren Mittel sind nahezu erschöpft. Es handelt sich um die Erhaltung und Vermehrung der Volksküchen, Wärmehallen, Konsumläden, Leihkassen, um Beschaffung von Kleidung und Heizmaterial, um die Rückführung der Vertriebenen an ihren Wohnort und ihre Neuinstallierung. Wir wenden uns daher nochmals an die opferfreudige Bereitwilligkeit unserer Mitbürger und erbitten weitere, Beträge für den jüdischen Hilfsfonds 1915, dessen Bestimmung es ist, unseren von den Kriegsereignissen unmittelbar betrofenen auswärtigen Glaubensgenossen Unterstützung zuteil werden zu lassen. Wir dürfen hoffen, daß, wie stets vordem, auch in der heutigen schweren Zeit die deutsche Mildtätigkeit nicht an den Grenzen unseres Vaterlandes Halt machen wird. Gütige Spenden bitten wir mit der Bezeichnung „für den jüdischen Hilfsfonds 1915" zu senden an die Commerz- und Disconto-Bank, Berlin, Charlottenstraße 47, (Postscheck-Konto 1303), an das Bankhaus Lincoln Menny Oppenheimer, Frankfurt a. M. (Postscheck-Konto Nr. 1276) oder an die Unterzeichneten. Hilfsverein der deutschen Juden: Dr. James Simon, Berlin, Tiergartenstraße 15a, Großloge für Deutschland N. O. B. B. Geheim. Justizrat Timendorfer, Berlin, Taubenstraße 16—18, Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden, Justizrat Dr. J. Blau, Frankfurt a. M., Krögerstraße 1. Die Woche. Das Regierungsjubiläum des Kaisers. Mittwoch um Uhr nachmittags, am Vortage des Gedenktages des Regierungsautrittes Sr. Majestät des Kaisers, fand im israelitischen Stadttempel ein feierlicher Gottesdienst statt. Im Anschluß an den Gottesdienst wurde eine Festsitzung des Kultusvorstandes abgehalten. Englische und russische Juden. In London fand vorige Woche eine große Versammlung, unter Vorsitz von Leopold de Rothschild, statt, zugunsten der Juden in Rußland. Zahlreiche Anwesende zeigten ihr Interesse und bedeutende Redner kamen zum Worte. Der Chiefrabbi Dr. Herz schilderte die Lage der russischen Juden, und bedauerte, daß man erst jetzt beginne, die Not derselben zu erfahren. Dabei sei das Leid schon ein altes, ein fast unerträgliches für die zahlreichen Vertriebenen. Am ergreifendsten waren die Worte des Dr. Gaster, der viel deutlicher die Verhältnisse in Rußland schilderte und dabei die Zensur der Presse hervorhob, die nicht gestattet, daß man sich deutlich über die armen Juden in Rußland ausspreche. „Unser Mund ist verschlossen", rief er aus, und alle verstanden, wohin dies zielte. „Wir sind dafür da, um für die Freiheit unserer Brüder zu wirken, und protestieren dagegen, daß sie lebendig schmachten in den Gräbern." Das war für London eine starke Rede. Mr. Leopold de Rothschild und Claude Montefiore waren der Meinung, daß solche Reden nicht gehalten werden dürften, aber die Versammlung war anderer Meinung und war hingerissen von der offenen Stellungnahme Dr. Gasters. Auch Israel Zangwill sprach in ähnlicher Weise wie Dr. Gaster. Claude Montefiore dagegen erzählte der Versammlung, daß den russischen Juden ein Hoffnungsstrahl (?) winke, ihre Lage sei schon besser (?) geworden — aber die Versammlung war anderer Meinung, sie glaubte es ihm nicht. Ja, wenn Dr. Gaster Rothschilds Einfluß und Rothschild Gasters Mut hätte, wie viel wäre da für die jüdischen Dulder in Rußland gewonnen! Feuilleton. E Jiid . . . e Offizier!? Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht der „V 0 rwärts" folgendes: Genrebildchen aus Polen von Max Eck-Troll, im Felde. E Jüd .... e Offizier!? Noch heute sehe ich die freudig leuchtenden Blicke der kleinen, schwarzäugigen Jüdin von Krasnosielz, als ich mit ihr um den Preis eines halben Paketes leicht-russischen Tabakes feilschte und dabei zu ihr im Jiddisch sagte: „Sie sinn meschugge worn. Zwei Mark wollen Sie haben for so e bißchen Tabak, wo das ganze Packet nor 2 Mark kost. Zwei Mark . . . Se wolln bemogln e daitschen Juden, wo sich kost der Tabak in Friedenszeit nor 1 Mark?" „E Jüd . . . e daitscher Offizier!? Werd ich Ihnen jäben den Tabak for eine Markstück, weil Sie sind e daitscher Jüd . . . Offizier!" Und freudig leicht wie eine Gazelle sprang sie durch den kleinen Kleinkramladen an die Türe, die zur Stube führte. Wie wenn das freudigste Ereignis der Welt eingetreten sei, rief sie hell auf in die kleine niedrige Ladenstube: „E daitscher Jüd ... e Offizier!?" Beide Flügel der Türe öffneten sich sperrangelweit und-heraus traten freudig bewegt Mamme, Tatte nebst zahlreichen Kindern, um mich mit großen neugierigen Augen zu bestaunen . . . wie die größte Sehenswürdigkeit des zwanzigsten Jahrhunderts, wie eine Attraktion in Castans Panoptikum. In Bialystok: Von der Ortskommandantur wurde mir zum Uebernachten ein Zimmer in einem hübschen Hotel in der Nikolaistraße angewiesen. In Bialystok sind alle Hotels in jüdischem Besitz. Fast alle sind sehr sauber und ziemlich modern eingerichtet. Ein junger Mann, vornehm angezogen, zeigte mir in seiner Funktion als Ortspolizist das Quartier. Er tat es im Auftrag der Ortskommandantur, die ihn zum Zeichen seines Amtes und seiner Würde mit einer grün-weiß gestreiften Armbinde ausgestattet hatte. Der Wirt sagte sofort, als er mich sah, die Worte: „Es tut mer leid, alle Zimmer sein vernimmen!" Schon wollte ich mich sang- und klanglos entfernen, als mein Begleiter hilfreich eingriff: „Na, Moritz ... Du wirst doch noch haben e gutes Zimmer für e daitschen Offizier . . . e Jüd?!" „E daitschen Offizier . . . e Jüd?!" war die erstaunte Antwort. „No selbstverständlich hob ich ä Zimmer for Sie .... e feines Zimmer . . Zimmer Numero eins!" 5 Minuten später saß ich mitten im „guten Zimmer" des Wirtes .... Die ganze Familie um mich herum: Tatteleben, Mammeleben, Rebeckchen, das 17-jährige Töchterchen, Nathanche, das 8 Jahre alte Söhnchen und eine Reihe von Verwandten und Bekannten des Hauses. Aus aller Augen leuchtete mir die freudvolle Antwort mit dem Frage- und Ausrufungszeichen entgegen: „E Jüd ... e Offizier?!" Und so könnte ich noch so manches ähnliche Erlebnis schildern, das immer wieder ausklang in der staunenden Frage: „E Jüd .... e Offizier?!" Und wir tranken Tee, aßen Mazes dazu und rauchten famose russische Zigaretten, die der Vater des Hauses bereitwilligst herumreichte. Dabei plauderten wir in der angenehmsten Form über die Herrschaft der Russen in der Stadt, schließlich über Kunst, deutsche und russische Literatur und über die bevorstehenden jüdischen Feiertage . . . Neujahr .... Laubhütten . . . So habe ich in diesem netten Familienkreise einen der schönsten Abende im polnischen Feldzug erlebt. Ein Denkmal iür die „Honen Rabbi Low". Vor dem neuen Stadthaus in Prag, das sich an der Grenze zwischen Altstadt und Judenstadt erhebt, wurde kürzlich ein interessantes Denkmal enthüllt, das sich harmonisch in das altertümliche Stadtbild einfügt. Die historische Grenze der Stadtviertel wird durch zwei Portalfiguren angedeutet, von denen die eine, ein Rittersmann, die christliche Altstadt, die zweite, die Gestalt des Rabbi Low, das Ghetto symbolisiert. Der .Hohe Rabbi" war eine der markantesten Persönlichkeiten der Prager Judenstadt; in Posen geboren, lebte er in Prag von 1573 bis 1686 mit Ausnahme einiger Jahre, in denen er das Amt eines Oberrabbiners in Polen und später von ganz Großpolen versah. Um die Gestalt des Rabbi Low, der einen bedeutenden Ruf als Theologe, Mathematiker und Astronom hatte, kabbalistische Studien trieb und auch an den Hof Kaiser Rudolf II. kam, spann sich ein ganzer Kreis von Sagen, deren bekannteste die Sage vom Golem ist, der zum Leben erweckten Tonfigur, die nunmehr auch auf den Film gekommen ist. Der mit den Geheimlehren vertraute Rabbi soll sehr alt geworden sein, weil er dem Tod immer wieder ein Schnippchen zu schlagen wußte. Dieser nahm daher die Gestalt einer Rose an, die Löws Enkelin ihm überreichte. Der Rabbi nahm sie freundlich, aber ahnungsvoll an, und damit gewann der Tod Gewalt über ihn. Der Schöpfer des Monuments auf dem Prager Stadthaus ist der Bildhauer Professor Ladislaus S a 10 u n in Prag.