Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 15 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495279-3495294--0076-3520671- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 15. Jüdische Korrespondenz Seite 3 Vermittlung kamen fremde Kapitalien zu man-! nigfachen Unternehmungen in das Land. Aber j schon damals erweckte der Wohlstand der Juj den den Neid ihrer serbischen Konkurrenten; doch wagten diese unter dem Fürsten Milosch und seinem Sohne Michael nicht, sie zu beunruhigen. Wie ersterer über Religionsfreiheit dachte, zeigt folgender Vorfall: Als der Fürst eines Sonntags in der kleinen Stadt Posarevatz bemerkte, daß während des Gottesdienstes außer den christlichen auch die jüdischen Läden geschlossen waren und erfuhr, daß dies auf Zwang der Ortsbehörden erfolgte, fragte er den Bürgermeister, ob denn die christlichen Magazine auch am Sonnabend geschlossen wären, um der jüdischen Sabbatfeier dieselbe Ehre zu erzeigen, die dem christlichen Sonntag erwiesen werden mußte. Auf die natürlich verneinende Antwort schaffte er diese Ortsvorschrift sofort ab. Im Jahre 1842 wurde die Dynastie der toleranten Obrenowitsch durch das Haus Kara-Qeorgewitsch ersetzt, und diese Umwälzung brachte eine vollständige Veränderung der Lage der Juden hervor. Die neue Dynastie beraubte die Israeliten eines großen Teiles ihrer Rechte, vertrieb sie aus dem Innern des Landes und drängte sie vorwiegend in Belgrad zusammen. Der Zweck dieser mit der Verfassung im Widerspruch stehenden Maßnahmen war, die Beseitigung der Konkurrenz der Israeliten zugunsten einer geringen Anzahl serbischer Kaufleute, welche nur mit Hilfe von Privilegien fortkommen konnten. Charakteristisch ist, daß die serbische Regierung es nicht wagte, ihre antisemitischen Dekrete öffentlich bekannt zu geben und in die Gesetzsammlung des Fürstentums einzureihen. Als im Jahre 1859 Fürst Milosch aus dem Hause Obrenowitsch wieder ans Ruder kam, erhielten die Juden ihre alten Rechte zurück, nach seinem 1861 erfolgten Tode trat indes eine neue Bedrückung der Juden ein, indem die Skuptschina in diesem Jahre ein Gesetz annahm, welches zwar denjenigen jüdischen Untertanen, die sich im Innern des Landes niedergelassen hatten, gestattete, ihr Gewerbe in ihrem Wohnsitz zu betreiben, ihnen | jedoch untersagte, ein anderes zu unternehmen, oder ihr Gewerbe an ihre Leibeserben zu übertragen. Allen übrigen Israeliten wurde es ver-! boten, sich im Innern des Fürstentums niederzulassen. Die Folge dieser Maßregeln war völlij ge Verarmung der serbischen Juden, und eine Anzahl von ihnen verließ das ungastliche Land. Auch die neue Verfassung des Fürstentums vom Jahre 1869, die ausdrücklich den Grundsatz der Gleichberechtigung aller Bürger verkündete, Dann, auf einmal, vernahm man den Galopp der Pferde und ein herzzerreißendes Qeschrei . . . Ein Mann, wie aus Wachs, entblößten Hauptes und mit in Fetzen hängenden Kleidern, trat ein, wankend. Man umringte ihn . . . Mit Mühe auf einen Tisch gestützt erzählte er, daß das Massaker organisiert war ... Man raubte Geld, Wertsachen, vergewaltigte Frauen, morderte Kinder und warf die verstümmelten Leichen zum Fenster hinaus . . . Plötzlich schwieg der Mann, drehte sich um sich selbst, klammerte sich mit zuckenden Fingern an der Tischdecke fest und fiel zu Boden, das ganze Besteck mit sich reißend. Erst dann bemerkte man, daß sein Hemd blutbefleckt war und daß er eine klassende Wunde an der Brust hatte . . . Die vier Offiziere verschwanden . . . Der arme Alte, einen ruhigen Moment ausnützend, lief nach Hause. Das Pflaster war mit Patronenhülsen bedeckt . . . Trunkenbolde schliefen schnarchend auf Leichen . . . Verwundete stöhnten und jammerten, andere krochen auf den Bäuchen, um einen Unterstand zu finden . . . Ein junger rotbärtiger Mensch mit zermalmten Gesicht versuchte, wie ein Hund, den blutigen Kot der Straße zu trinken . . . Der Alte raste immer vorwärts . . . Endlich fand er seine kleine Sonia schlafend . . . Ueber die armselige Matratze gebeugt, weinte er unaufhörlich, bis es heller, lichter Tag wurde . . . — Es war das letzte Mal in meinem Leben, daß ich weinte, Mossie! . . . Das Gewehrfeuer fing am nächsten Tage von neuem an . . . Der Gouverneur befahl, auf die Apotheken und Spitäler nicht zu schießen, aber die Offiziere waren nicht mehr Herren ihrer Leute ... Es gab grauenhafte, wilde, bestialische Szenen . . . — Man kann es nicht glauben, Mossi6 . . . Gegen Mittag kam die Artillerie der benachbarten Stadt mit ihren Kanonen. Der Gouverneur erklärte den ins Schloß berufenen Notabein, daß die Stadt dem Boden gleich gemacht werden würde, falls man die Terroristen nicht sofort ausliefert ... Die armen Juden weinten, ohne etwas tun zu können. — Was tun? Sagen Sie, Mossie! . . . Zwei Geisel wurden zurückgehalten und am selben Abend im Gefängnishof erhängt . . . — Wir rechneten auf die Artilleristen, die gebildeter und weniger roh sind . . . Ach . . . Dumheit . . . Die Kanonen donnerten zwei Tage hindurch. Der Arte sehwieg . . . Auch er schien müde, alle diese Schreckensszenen zu erzählen . . . Er sprach nunmehr mit einer tonlosen, etwas leisen Stimme, die aus hielt die gegen die Juden erlassenen Gesetze I aufrecht, zwang sie aber zum Militärdienst. ' Neben Oesterreich legten die damals noch für Recht und Freiheit unterdrückter Nationen eintretenden Regierungen von England und Frankreich Verwahrung gegen diese Ausnahmebestimmungen ein; doch hatten deren Proteste keinen Erfolg. Allen ungerechten Bedrückungen ungeachtet taten die jüdischen Soldaten im Jahre 1876 im Kriege gegen die Türkei ihre volle Schuldigkeit, vier von ihnen erhielten Orden wegen ausgezeichneter Tapferkeit. Erst der Berliner Kongreß vom Jahre 1878 brachte den serbischen Juden die völlige bürgerliche Gleichstellung. Alsbald wurden zwei Israeliten als Abgeordnete in die Skupschtina gewählt, mehrere in der Justiz- und Staatsverwaltung angestellt. Im Königreich Serbien gab es schon im Jahre 1892 im höheren Staatsdienste drei Juden, von denen einer sogar Staatssekretär des Aeußern war. Der Anteil der serbischen Juden an der Gesamtbevölkerung zeigt eine stetig steigende Tendenz; ihre Zunahme erfolgt durch den Ueberscnuß der Geburten; eine Zuwanderung findet in nur geringem Maße statt. Die Wand-! lungen in der Lage der serbischen Juden sind eng verknüpft mit dem unheilvollen Spiel der ', einander ablösenden und sich blutig bekämpfen- | den Dynastien, deren heutige den Weltkrieg wohl schwerlich überdauern dürfte. (H. Isr. Familienblatt.) Die Kooplierungen in den Wiener Kullusvorsland. Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, daß der Wiener Kultusvorstand sich durch Kooptierung anstatt durch Wahlen ergänzt hat. Da die leitenden Männer es für untunlich gefunden haben, während der Kriegszeit neue Wahlen durchzuführen, so wurde in den letzten Monaten der Kultusgemeinde-Statut in der Richtung geändert, daß in Ausnahmsfällen die Mandatsdauer der Vorstandmitglieder verlängert und eventuelle Vakanzen durch Kooptierung ergänzt werden können. Im Sinne dieser Bestimmung wurden bei der letzten vertraulichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes fünf neue Mitglieder in denselben kooptiert und zwar die Herren: Hofrat Dr. Löwner, Heinrich Mendel, Dr. Wilhelm Pappenheim, Louis Freiherr von Rothschild, Dr. Rudolf Schwarz- Hiller. Wir wollen hier nicht die prinzipielle Frage berühren, ob diese Kooptierung dem demokrader Ferne zu kommen schien . . . Und er blickte starr zum Boden . . . Ich nahm seine Hand ... Er rührte sich nicht . . . Ich drückte seine Hand. Er erhob die Augen und lächelte gedankenlos, aber seine Hand blieb kalt in der meinigen wie eine Totenhand . . . Endlich zog er sie zurück, um auf dem Boden den Plan des von ihm bewohnten Hauses mit der Spitze seines zersetzten Regenschirmes zu zeichnen . . . Im Hause wohnten ungefähr vierzig arme Leute ... Als eine Frau zum ersten Male Wasser vom Brunnen holen wollte, fiel sie unter den Kugeln der Soldaten... Auch in den benachbarten Häusern durfte man kein Wasser vom Brunnen schöpfen . . . Alles war von Soldaten bewacht . . . Die Unglücklichen mußten die schrecklichsten Durstesqualen ertragen . . . Man erlaubte wohl zu essen, trinken durfte man aber nicht!... Am fünften Tage hoffte man, daß endlich Ruhe eintreten werde . . . Die Soldaten verließen den Hausgarten, man sah keine Schildwachen mehr ... in der Stadt schwächte sich das Gewehrfeuer ab . . . — Trinken, Mossie . . . Trinken, trinken . . . Sie waren alle toddurstig, wahnsinnig durstig . . . — Trinken! . . . Trinken! . . . Zwei Männer hatten den Mut, sich dem Brunnen mit Eimern zu nähern. Aller Blicke waren auf die beiden Unerschrockenen gerichtet . . . Das Geklirre der herabgelassenen Ketten hörte sich wie eine wahre Musik an . . . — Wir hörten sie gleiten . . . gleiten . . . Ach! . . . Aber als die Wasserträger zurückkamen, zeigten sich plötzlich die bis dahin versteckten Dragoner . . . Der eine Mann fiel auf der Stelle, während der andere davonlief, den Eimer mit Wasser auf den Boden schleudernd . . . — Wir kannten alle den Getöteten . . . alle liebten und betrauerten den braven Burschen . . . doch, es ist schrecklich . . . man muß es gestehen . . . man betrauerte mehr das vergossene Wasser . . . Plötzlich bemächtigte sich der Wahnsinn der Belagerten. Sie vereinigten sich im Hofe, verbrachten die Nacht stöhnend, jammernd, betend, schlafend, schreiend, sich umarmend . . . — Ich sah nie in meinem Leben so traurige Sachen, Mossie . . . Nie in meinem Leben . . . Morgens ertönten fürchterliche Schläge im Hofe ... Das Tor gab nach und era berittener Offizier erschien plötzlich vor den totenbleichen und erschrockenen Gefangenen. Mit einem Revolver in der Hand, schrie er den gewöhnlichen Befehl: — Hände hoch! tischen Geiste unserer Zeit entspricht. Wir wollen bloß konstatieren, daß die öffentliche Meinung mit der Wahl der kooptierten Männer im Großen und Ganzen nicht unzufrieden ist und daß es vielleicht ein richtiger Schritt seitens des Kultuspräsidenten und seiner nächsten Freunde war, aus der Not eine Tugend zu machen und den Kultusvorstand mit einigen Männern zu ergänzen, die als die richtigen Männer auf dem richtigen Platze bezeichnet werden. Dies umso eher, als der Wiener Kultusvorstand sehr dringend einiger neuer und energischer Männer bedurfte, besonders nach dem Ableben solcher tatkraftiger Mitglieder wie Vizepräsident Dr. G. Kohn und Adolf Schramek s. A. Freilich bleibt es abzuwarten, inwieferne die neuen Männer sich in ihren neuen Stellungen bewähren werden und ob sie die Hoffnungen rechtfertigen dürften, die auf sie gesetzt werden. Es obliegt ihnen diesbezüglich eine umso höhere Pflicht, als sie erst kraft ihrer Taten das Vertrauen der Wählerschaft zu gewinnen haben, die sie zwar nicht gewählt, aber als ihre Vertreter anzusehen bemüßigt ist. Sollte dies der Fall sein, dann dürfte man es nachträglich mit Zufriedenheit begrüßen, daß die Verhältnisse dazu geführt haben, einige Männer in den Kultusvorstand zu bringen, die vielleicht in normalen Zeiten bei einem Wahlkampfe nicht dazu gekommen wären, oder sich gar nicht den Aufregungen ein Wahlkampfes — besonders bei den Formen, welche diese Kämpfe in den letzten Jahren angenommen haben — auszusetzen entschlossen hätten. Wie gesagt, wollen wir den neuen Kultusvorstands-Mitgliedern vorläufig nur ein eingeschränktes Vertrauen entgegenbringen. Es wird ihre Sache sein, sich auf diesem Gebiete ebenso zu bewähren, wie sie es auf den anderen Gebieten des öffentlichen Lebens, in welchen sie sich bisher betätigten, getan haben. Sie sind in einer großen, ernsten Zeit zur Mitarbeit in dem Vorstande der größten jüdischen Gemeinde Oesterreichs berufen worden. Der Wiener Kultusgemeinde harren jetzt, besonders in der Periode nach dem Friedensschlüsse, große Aufgaben und tatkräftige Männer werden Gelegenheit haben, ihr ganzes Können, ihren Eifer und ihre Tatkraft in den Dienst allgemein-jüdischer Interessen zu stellen. Ohne das persönliche Moment speziell hervorheben zu wollen, wollen wir dem Fakt daß der Chef des Wiener Hauses Rothschild ein Mandat in den Kultusvorstand angenommen hat, als besonders symptomatisch unterstreichen. Die Chefs der Rothschildhäuser in Paris Alle Hände hoben sich . . ., nur die kleine Sonia, die den Befehl nicht verstand ... die ihn nicht verstehen konnte, die nur zu lächeln verstand, blickte zum Offizier hinauf, lächelnd, die kleinen Händchen gesenkt. Ihr Großvater wollte sie belehren: — So . . . so! . . . Und der Greis zeigte mit zitternden Händen die rettende Geste ... Es war aber schon zu spät . . . Der Offizier zielte auf das Kind und, ungeachtet des Schreckensschreies der erstarrten Menge, streckte er es zu Boden . . . Ich höre noch, ich werde mein Leben lang die heisere Stimme des Greises hören: — Mit einem Revolverschusse, Mossie! . . . Das Kind fiel lautlos zu Boden ... es hatte einige Zuckungen, es kratzte das Hofpflaster mit dem Fingerchen . . . Ein wenig Blut auf ihm ... ein wenig Blut rings herum . . . und es starb . . . wie ein Vögelchen . . . — Ich blieb allein, ganz allein im Leben ... Ich war allein auf Erden! . . . Ich verstand, daß er wohl weinen möchte ... Er konnte nicht weinen ... Er bis die Lippen, sein Bart stieg hinauf, seine Nase zuckte zusammen . . . Aber er weinte nicht . . . seine Tränenquelle war versiegt für immer . . . Er wiederholte, die Hände ringend: — Ein kleines, unschuldiges Ding ... so klein . . . so klein ... ein Nichts, Mossiß . . ., wie ein Vögelchen . . . Ach! . . . Dann, plötzlich, kopfschüttelnd: — Warum ich reise? ... Ich weiß es nicht . . . Ich betrachtete den Greis und fühlte mich außerstande, die Augen von ihm abzuwenden, ein Trostwort zu sagen ... Es grauste mich schrecklich . . . Der Schrecken paralysierte mich . . . Konnte man denn überhaupt sprechen? Was konnte ich sagen, was nicht lächerlich und eisig vor diesem fürchterlichen Beispiel menschlichen Leidens gewesen wäre? Der alte Jude verlangte von mir weder Trost noch Mitleid ... Er verlangte gar nichts ... er verlangte nur, schweigen zu dürfen . . . Endlich wurde er rot und senkte sein Haupt . . . Er schämte sich zu weinen; er schämte sich vielleicht, nicht mehr weinen zu können ... Ein fürchterliches, unwiderstehliches Schluchzen faßte mich bei der Gurgel, Tränen stiegen in meinen Augen empor. Und ich wandte mich ab, damit er meine Tränen nicht sehe . . . Bearbeitet von M. v. Kamtnsky. (P. Lloyd.)