Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 15 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JUdIscl\e Korrespondenz Nr 15. die Annehmlichkeiten eines Pogroms zu spüren bekommen. Der russische Pogrom von 1915 ist die Vergeltung für die Judenpogrome von 1905! Rußland feiert ein blutiges Jubiläum... Spectator. Aus dem öslerreicnischen Okkupationsgebiete in Polen. Aus Warschau wird geschrieben: Ein Verwaltungsmitglied der Gesellschaft zur Unterstützung kriegsnotleidender Juden bereiste in letzterer Zeit mehrere Städte im österreichischen Okkupationsgebiet in Polen.Dem von ihm der Evakuierungskommission in Warschau erstatteten ausführlichen Bericht entnehmen wir folgende Schilderungen: Der erste Besuch des Berichterstatters galt der Stadt Sosnovice. Vor dem Kriege lebten in dieser Stadt ca. 17,000 Juden, gegenwärtig zählt diese Stadt 13,000 jüdische Einwohner, die sich zum größten Teil mit Handel befassen. Ungeachtet der Tatsache, daß die Bevölkerung von Sosnovice infolge des Krieges eine starke Abnahme erfahren hat — mehr als die Hälfte der christlichen Bevölkerung bestand aus Arbeitern, die nach der bei Kriegsausbruch erfolgten Schließung der Kohlengruben und Fabriken die Stadt verlassen haben, um nach Deutschland auszuwandern oder in ihre Heimatsdörier zurückzukehren — nimmt noch gegenwärtig diese Stadt eine wichtige Stellung im Wirtschaftsleben ein. Sie ist der Stapelplatz für die aus neutralen Ländern und vielfach auch aus Deutschland eingeführten Waren. Allein ungeachtet des großen Anteils der Juden an dem Handel ist die Armut unter der Sosnowicer jüdischen Bevölkerung sehr groß. Das geht aus der großen Zahl der Notleidenden hervor, die den dortigen Wohltätigkeitsverein in Anspruch nehmen. So gibt die städtische jüdische Notstandsküche bis 2000 Mittagsmahlzeiten täglich aus. Dieser Verein liefert auch an Bedürftige unentgeltlich oder zu billigen Preisen verschiedene Produkte, erhält ein Krankenhaus usw. und verzeichnet eine wöchentliche Ausgabe von 1800 Rubel. Dieser verdienstvolle Verein hat die Herren Bernhard Oppenheim, den bekannten Industriellen Ignatz Landau und den Direktor des genossenschaftlichen Kreditinstituts, S. M e i m u n, zu Leitern. Die Arbeit in den Sosnowicer Kohlengrufben hat; nun wieder begonnen: Auch ein Teil der Fabriken arbeitet wieder. Die zweite Stadt, die der Berichtertatter besuchte, war Bendin. Die Einwohnerzahl nachts, Tote und Verwundete zusammen ... Sie haben ja nur Juden massakriert und acht Tage lang geplünüert! . . . Wir konnten uns natürlich nicht wehren . . . Wie hätten wir uns auch wehren können, Mossie? ... Sie ohrfeigten uns, sie gaben uns Fußtritte und spieen uns an . . . Warum? . . . Ach! . . . Warum? Es brachen Feuersbrünste aus, die man nicht löschte. Der größte Teil dieses armen Viertels fiel den Flammen zum Opfer. Eins seiner Kinder starb noch im Spital infolge eines Fußtrittes, der ihm den Schädel zertrümmert hatte. Und von den neun Personen, die sie früher waren — fast glücklich in ihrem Elend — verließen nur fünf die verfluchte Stadt, von allem entblößt, auf immer in Trauer versetzt. — Sie wissen nicht, wie diese Soldaten schlecht sind, Mossie\ wie sie schlecht sind ... ja, so schlecht... Er schüttelte den Kopf und wiederholte mit Nachdruck: — Nein, niemand weiß, wie sie schlecht sind . . . Ich horchte bebend dieser Erzählung von Elend, Ungerechtigkeit, Entbehrungen und Wandern von Stadt zu Stadt, von den den Juden verbotenen Städten und Dörfern, wo man sie mit Steinen bewarf und mit Stöcken schlug. Er wußte selbst nicht mehr, wovon und wie sie während dieser Schreckenstage gelebt hatten. Endlich konnte der Alte eine Stelle in einer kleinen Bank bei einem Glaubensgenossen finden. Die zwei am Leben gebliebenen Söhne — der eine verheiratet und Vater eines Mädchens — arbeiteten im Bahnhofe als Träger. — So schwach, Mossie, so schwach . . . und kränklich! . . . Die Tochter verkaufte Orangen und Knoblauch. — Orangen! . . . Orangen! ... Die arme Sarah! Eines Abends, als er seinem Prinzipal half, die Rechnungen eines eben anwesenden Edelmannes aufzustellen, hörten sie Qewehrsalven, erst weit entfernt, dann näher . . . dann ganz nahe in der Straße . . . und ein Kugelregen fiel durch die zertrümmerten Fensterscheiben in das im ersten Stock gelegene Zimmer . . . — Eine andere Stadt, MossW, aber dieselben Kugeln, dieselben Kugeln . . . Sie warfen sich zu Boden und versuchten, kriechend, das andere Zimmer — ein Hofzimmer — zu erreichen. Ein neuerlicher Kugelregen zerbrach den Luster in tausend Stücke. In der Dunkelheit hörten sie plötzlich Schritte der die Treppe hinaufkommenden Soldaten. Wütendes, rasendes Qeschrei . . . dann aber dumpfe Schläge . . . — Macht auf! . . . Aufmachen! . . . dieser Stadt betrug vor dem Kriege 55,000, darunter 30,000 Juden. Gegenwärtig sind nicht mehr als 18,000 Juden in der Stadt zurückgeblieben. Die Hauptbeschäftigung der Bendiner Juden war vor dem Kriege der Handel: die Versorgung der zahlreichen Arbeiterbevölkerung mit den verschiedenen Produkten. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung war in der metallurgischen Kleinindustrie und im Handwerk beschäftigt. Die Zahl der in diesen zwei Berufszweigen beschäftigten jüdischen Familien beträgt etwa 700. Die meisten jüdischen Handwerker sind Schneider. Der Krieg hat besonders in der Lage der jüdischen Handwerker eine Verschlechterung herbeigeführt. Die Wohltätigkeitsgesellschaft unterstützt etwa 850 Familien, von denen die Mehrheit dem Handwerkerstand angehört. In Bendin gibt es ein besonders jüdisches „Speisungs-Komitee" (das allgemeine Komitee gewährt keine Unterstützung an Juden). Die gesamte Hilfsaktion wird von der Wohltätigkeitsgesellschaft geleitet, deren Vorsitzender und rühriger Leiter der bekannte Politiker und ausgezeichnete Organisator Dr. W e i n z i eh e r ist. Gleich nach Kriegsausbruch wurde die Stadt in dreißig Reviere eingeteilt. Jedes Revier untersteht einem besonderen Vertrauensmann, der sich um die Bedürftigen seines Reviers zu kümmern hat. Die Gesellschaft erhält eine billige Notstandsküche, die 2000 Portionen täglich austeilt, ferner auch ein Kinderheim für 200 Kinder und eine Schule, die von 900 Kindern besucht wird. Die Wohltätigkeitsgesellschaft erhält keinerlei Subvention von außen, sie ist ausschließlich auf ihre eigene Kraft angewiesen. Der Abgesandte stattete auch P e t r i k a u einen Besuch ab. Die Zahl der Juden vor dem Kriege betrug in dieser Stadt 15,000, ein Drittel der auf etwa 45,000 Seelen sich beziffernden städtischen Gesamtbevölkerung. Diese Zahl hat durch den Krieg keine Verringerung erfahren. Die Hauptbeschäftigung der Petrikauer Juden bildet der Kleinhandel. Ungefähr 1500 Familien leben vom Handwerk. Es bestehen nur 10 Schulen, so daß etwa 500 Kinder im Schulalter ohne Schulunterricht bleiben. Den Bedürftigen, an denen in Petrikau kein Mangel herrscht, gewährt die städtische jüdische ' Wohltätigkeitsgeseflschaft Unterstützungen. Etwa 800 Familien sind auf diese Unterstützungen angewiesen. Die vom Prinzipal verbarrikadierte Tür gab unter dem wuchtigen Drucke der Gewehrkolben nach . . . Ein Unteroffizier hielt eine Laterne in der Hand . . . . Die Soldaten stürzten herein und heulten wie die Wilden . . . Der Edelmann schrie, man sollte doch menschliche Geschöpfe nicht morden, gab sich den Soldaten zu erkennen, schob dem Unteroffizier einen Hundertrubelschein in die Hand und verschwand. In diesem Moment — während die Soldaten den Kassenschrank aufzubrechen versuchten — fühlte der Alte eine Bajonettspitze am Halse. Er öffnete sein schmutziges Foulardtuch und zeigte mir die Narbe. — Warum bin ich nicht tot? . . . Ach! Warum?... Diese Soldaten sind schlimmer als die wilden Tiere... Man betrinkt sie Gott weiß mit was . . . und dann stürzen sie auf die Frauen, auf junge Knaben . . . Das ist fürchterlich, Mossie . . . Und immer lachen sie, mordend und durchbohrend . . . Im Spital erfuhr er, daß seine beiden Söhne gleich im Bahnhofe von den zum Massaker herangezogenen Truppen erschossen worden waren . . . Sein Schwager, der Rabbiner, wurde fortgeschleppt und ins Gefängnis geworfen . . . Seither hat man von ihm nichts mehr gehört . . . — Dort .Mossie, dort im Schnee ... in den Minen! . . . Später erfuhr er auch, daß seine Tochter, die arme Sarah, auf ihrem kleinen Qemüsewagen tot aufgefunden wurde und daß die Bestien den Mut hatten, die abgeschnittenen Beine der Bedauernswerten in den offenen Bauch zu stecken . . . Warum hat ihm seine Nachbarin diese schrecklichen Sachen erzählt? ... Er hätte davon nichts erfahren . . . Und jetzt hat er dieses Gespenst fortwährend vor Augen, — er wirds bis zu seinem letzten Atemzuge vor Augen haben! Auch seine Schwiegertochter starb infolge eines Kolbenstoßes in die Brust. — Warum bin ich nicht tot, ich, der Aelteste? . . . Warum überlebe ich dies alles? . . . Ach! . . . Warum? Dummheit! . . . Von allen Seinigen war ihm nur noch sein Enkelchen, die kleine Sonia verblieben . . . — Hübsch, Mossie, hübsch . . . Und ihre keinen Hände und ihr kleiner Mund . . . Ach! ... und ihre Augen . . . Das war die Tochter seines Lieblingssohnes. — Warum zog er ihn vor? Er sprach nicht mehr zu mir, — aber zu sich seihst. Er blickte wieder in die Ferne . . . Und ich hörte, daß sein Sohn Jakob hieß. Er wiederholte langsam das Die serbischen Juden. Mit dem Fall der Festungr Hisch hat die im Gange befindliche Niederringung Serbiens einen weiteren erfreulichen Fortschritt gemacht, und der Tag dürfte nicht mehr allzufern sein, an dem dieser Staat das von ihm angerichtete Unheil schwer büßen wird. Wenn also demnächst über Reich und Haus Peters von Kara-Georgewitsch entschieden wird und möglicherweise manche Teile des bisherigen serbischen Staates ihren Besitzer wechseln sollten, werden voraussichtlich auch wiederum zahlreiche unserer Glaubensgenossen sich neuen Verhältnissen anzupassen haben. Für die gegenwärtige Zahl der serbischen Juden läßt sich nur ein Annäherungswert angeben, da die letzte Volksstatistik, welche 5997 Israeliten bei einer damaligen Bevölkerung von nicht ganz drei Millionen Seelen verzeichnet, vom Jahre 1910 datiert. Die Kriege gegen die Türkei und Bulgarien in den Jahren 1912 und 1913 brachten dem Lande bekanntlich einen erheblichen Gebiets- und Bevölkerungszuwachs, und wenn man die Gesamteinwohh#*** zahl des neuen Serbiens auf etwas über fünf Millionen beziffert, so darf man wohl heute die Zahl der serbischen Juden auf 7000 bis 8000 veranschlagen, von denen auf Belgrad mit (im Jahre 1910) 89.876 Einwohnern über 4000, und auf Nisch mit damals 24.949 Einwohnern über 800 entfallen. Die Israeliten sind seit dem fünfzehnten Jahrhundert im Lande wohnhaft, wohin sie sich, gleich den meisten Balkanjuden, durch die Inquisition aus Spanien vertrieben, flüchteten. Unter der damaligen türkischen Herrschaft war ihnen erlaubt, überall im Lande zu wohnen und Grundbesitz zu erwerben. Irgend welchen erheblichen Verfolgungen waren sie seitens der toleranten Osmanen nicht ausgesetzt. Auch die fürstliche Familie Obrenowitsch, die das Land vom zweiten bis zum Beginn des fünften Jahrzehnts des vorigen Jahrhunderts unter türkischer Oberhoheit verwaltete, war den Juden durchaus wohlgesinnt. Fürst Milosch Obrenowitsch, welcher von 1815 ab mehr als 21 Jahre in Serbien regierte, legte in Angelegenheiten der'Religionsfreiheit sehr aufgeklärte Ideen an den Tag, sodaß unter seinem Regiment die Israeliten gar keinen Anlaß zu Klagen hatten. Er proklamierte die Gleichheit aller serbischen Staatsbürger ohne Unterschied der Religion, und die Juden trugen durch ihre industrielle Tätigkeit sehr viel zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes bei, denn durch ihre Wort: Jakob, als ob er diesen geliebten Sohn mit de» zitternden Lippen liebkosen wollte . . . — Jakob! . . . Jakob! . . . Mein Mund und mein Rachen wurden trocken. Mein Entsetzen über diese unglaubliche Fülle von Verbrechen war so groß, daß ich nichts mehr fühlen konnte . . . Er nahm sein vergöttertes Enkelchen mit sich und fand, dank einem wahren Wunder, Arbeit in einem anderen Gouvernement, in einem Hotel, wo er kleine Aufträge besorgte und bei den Rechnungen mithalf ... Dort ging es auch schlecht . . . Arbeiterunruhen, Feuersbrünste in den Dörfern . . . Hausdurchsuchungen, Razzias, Morde ... die Straßen voll mit Soldaten und Plünderern . . . Die Kosaken stürmten immerzu auf die Volksmenge mit der „Nagaika", die fürchterlicher als Säbel und Bajonette ist . . . Ueberall sprach man von Pogromen . . . Zwei Monate verflossen in der größten Angst. Nicht wegen seiner, aber wegen der kleinen Sonia, die fortwährend zitterte . . . Werden die Mordsoldaten kommen? Er bebte . . . Endlich verwirklichten sich die Hiobsnachrichten. Er erfuhr eines Abends, daß die Stadt gesperrt würde . . . Also nochmals ... An diesem Abend, im großem Speisesaal des Hotels, verzweifelten die aufgehaltenen Reisenden über die Unmöglichkeit einer Weiterreise. Sie beruhigten sich aber, als sie an einem Nachbartische vier Dragoneroffiziere sahen, die ruhig tranken und sich unterhielten. Es waren „Mossies" aus Petersburg, Gardeoffiziere, deren einer, der jüngste, angeblich ein Großfürst, Cousin des Zaren ist. Plötzlich krachte ein Revolverschuß und alle Gespräche hörten auf. Als Antwort auf diesen Schuß hörte man mehrere Gewehrsalven ... Die Offiziere tranken und unterhielten sich ruhig weiter, als ob nichts geschehen wäre ... Sie steckten die Köpfe zusammen und beriete« . . . Einer der Reisenden wagte sich schließlich an den Offizierstisch und redete sie an . . . Die Antwort war höflich und ausweichend, wie von Leuten, die nichts wußten . . . Keine Provozierung, keine Ironie ... nur Gleichgültigkeit . . . Die Frauen f'ngen an zu lamentieren ... Als ein Kind zu weinen begann, wollte der Alte zu seinem Enkelchen eilen . . . Doch plötzlich ... ein neuer Revolverschnß zwang alle Anwesenden zum Schweigen . . . Von der Straße her hörte man die dumpfen Schläge der Rolläden, die eiligst geschlossen wurden. Bevor noch jemand im Saale ein Wort zu sagen wagte, hörte man wieder ein wütendes Oewehrieuer...