Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 15 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495279-3495294--0077-3520672- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 13. und London haben sich seit jeher eifrig persönlich an dem jüdischen öffentlichen Leben beteiligt und vielfach leitende Stellungen eingenommen, was auch jetzt dortselbst der Fall ist. Nur in Wien war es anders. Das Wiener Haus Rothschild war immer durch einen seiner Prokuristen indirekt in dem Kultusvorstande vertreten. Es geschieht jetzt zum ersten Male, daß der Chef des Wiener Hauses Kultusvorsteher wird. Wir wollen dies als Zeichen der Zeit registrieren. Vielleicht wird das Beispiel des Barens Rothschild auch andere jüdische Kreise dazu veranlassen, den jüdischen Angelegenheiten etwas' mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die Zeiten, wo ein Jüdischer Universitäts-Professor in Wien auf seine Mitgliedschaft zum Kultusvorstande resignierte, als ihn ein christlicher Kollege gelegentlich gefragt hatte, ob er denn in der Seitenstettengasse Schofar blase, sind hoffentlich längst dahin. N—g. JUdlschdeuiscli und DeuiscK. (Schluß.) So erhielt sich das Jüdischdeutsche bei den deutschen Juden in Sprache und Schrift, bis schließlich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts durch die Bemühungen der immer zahlreicheren gebildeten Juden durch die Gründung deutscher Schulen in den jüdischen Gemeinden das Jüdischdeutsche bekämpft und überall ungemein schnell und' auch völlig beseitigt wurde. In den Ländern des Ostens aber, in Galizien, Polen, Rußland und Rumänien blieb Jüdischdeutsch nach wie vor die Umgangssprache der Juden und entwickelte sich dort, jeder Beeinflussung durch die deutsche Schriftsprache entzogen, zum sog. Jargon oder Jiddisch. Erstere Bezeichnung ist bei den polnischen und russischen, letztere bei den nach Amerika und England aus dem Osten eingewanderten Juden die übliche. Man schätzt die Zahl der Jargon oder Jiddisch redenden Juden gegenwärtig auf mehr als vier(?) Millionen. Noch mehr hebräische und slawische Beimischungen, noch mehr Verballhornungen und Entstellungen, noch mehr slawische Färbung der Aussprache kennzeichnen diese letzte Stufe des Judendeutsch. Immerhin ist der Wortschatz auch jetzt noch etwa zu dreiviertel deutsch, die Wortformen und der Satzbau fast durchweg deutsch, nur hie und da durch slawischen Einfluß und Einschlag geändert. Wenn z. B-. der russische Jude sagt: „mir quicken sech" statt, „wir freuen uns", ist „mir" statt „wir" deutsch, wenn auch nicht unsere Schriftsprache, „quicken" statt „erquicken" deutsch, „sech" (mit hartem ch wie in „lachen" zu sprechen) statt „sich" deutsch mit Umfärbung des i in e, und „sich" statt „uns" entspricht dem slawischen Sprachgebrauch, der beim rückbezüglichen Fürwort für alle Personen ohne Unterschied und ohne Ausnahme die 3. Person fordert. Es gibt verschiedene Mundarten des Jiddischen, die voneinander namentlich in der Aussprache der Vokale, aber auch im Wortvorrat abweichen. Doch sind die Unterschiede nicht so bedeutend, daß eine gegenseitige Verständigung der verschiedenen, jiddischsprechenden Gruppen dadurch erschwert würde. Die Rechtschreibung des Jiddischen kennt keine(?) festen Regeln und ist gleich der des Jüdischdeutschen grundsätzlich eine phonetische. In neuerer Zeit ist zur Erleichterung des Lesens die Hinzufügung hebräischer Vokalzeichen üblich geworden. Das Judendeutsch bietet dem Sprachforscher ein noch wenig angebautes Feld lohnender wissenschaftlicher Arbeit. Seit etwa fünfzig Jahren hat der Jargon in Rußland und das Jiddische in Amerika eine ausgedehnte Literatur hervorgebracht, die auch an innerer Bedeutung das frühere jüdischdeutsche Schrifttum weitaus übertrifft. Eine immer wachsende Zahl jiddischer Zeitungen, eine stattliche Menge Novellen und Erzählungen, lyrischer Gedichte und Theaterstücke, humoristischer und satyrischer Schriften bezeugt die nicht geringe Ausdehnung und Bedeutung des Jiddischen. Auch das Auftauchen einer neuen nationaljüdischen Bewegung hat zum Aufschwung der jiddischen Literatur beigetragen. Der Zionismus stößt zwar den Jargon mit der linken Hand von sich, zieht ihn aber mit der rechten wieder zu sich heran. Das Hebräische soll zwar nach dem Programm der Zionisten die jüdische Nationalsprache sein, und darum wird namentlich in Palästina die Herrschaft des Jargons von den hebräischsprechenden, intransigenten Nationaljuden heftig bekämpft. Aber angesichts der Tatsache, daß nur ein sehr geringer Teil der Zionisten das Hebräische geläufig sprechen kann, wird das Jiddische als vorläufige oder zweite Volkssprache von den Zionisten nicht allein geduldet, sondern auch begünstigt und weit über Gebühr gerühmt. Zu einer völlig neuen ungeahnten Würdigung des Jiddisch-deutschen jedoch hat der vieles umwertende Krieg geführt. Das Deutsch der osteuropäischen Juden hat nicht allein den Truppen in Feindesland die Verständigung mit den Einwohnern ermöglicht und auch sonst manche Dienste geleistet, sondern auch den Militärbehörden in den besetzten Gebieten des Ostens ihre Arbeit wesentlich erleichtert. Daß ihre Verordnungen nicht nur in polnischer und russischer, sondern auch in jiddisch-deutscher Sprache veröffentlicht werden, ist selbstverständlich, da Hunderttausende polnischer und russischer Juden den Jargon sprechen. Aber diesem Jiddischdeutsch scheint dort eine mehr als vorübergehende Rolle vorbehalten zu sein. Der deutschen Sprache und der deutschen Kultur wird es dort den Weg vorbereiten und bahnen. Wie auch immer das Schicksal der besetzten polnischen und russischen Gebiete in Zukunft sich entscheiden und gestalten mag, deutscher Geist und deutscher Einfluß wird dort unter allen Umständen Anspruch auf ungeschmälerte Geltung erheben und durchsetzen müssen. Zur Erreichung dieses politischen Zieles werden die Juden wertvolle Helfer sein, da, wo es sich um deutschgewordenes Gebiet handeln wird, als treue deutsche Bürger, und jenseits der Ostgrenze des deutschen Reiches als ein durchaus zuverlässiges deutschfreundliches Element. Die Millionen Juden, die mehrere Jahrhunderte hindurch mitten unter Anderssprechenden ihr Deutsch, wenn auch nicht in voller Reinheit und Schönheit, so doch mit ganzer Innigkeit und Treue bewahrt haben, eignen sich vortrefflich zu Pionieren des Deutschtums in nichtdeutschen Ländern. Die Geschichte der Juden nach Moses Mendelssohn hat bewiesen, daß sie, sobald ihnen Gelegenheit geboten wird, die deutsche Sprache zu erlernen und deutsche Bildung sich zu erwerben, ihr Jiddisch-deutsch gern aufgeben, und so ist nicht zu zweifeln, daß auch die polnischen und russischen Juden das gleiche tun werden, sobald der Segen deutschen Unterrichts sich ihnen fühlbar machen wird. Dem Jargon scheint es beschieden, dort, wo das Deutschtum siegreich vordringt, den Kulturdünger abzugeben, der im Verwesen das Neuland deutscher Kultur befruchten wird. Das Jüdischdeutsch erschien einst dem Prof. Wagenseil wertvoll als geeignete Sprache zum Zwecke der Judenbekehrung, den deutschen Sprachforschern erscheint es wertvoll wegen des darin aufgewahrten mittelalterlichen Sprachgutes, den Zionisten will es wertvoll erscheinen als ein Mittel zur Wahrung eines besonderen jüdischen Nationalcharakters, dem deutschen Politiker soll und wird es wertvoll erscheinen als ein Vorläufer und Wegweiser deutschen Geistes in der Welt. Die Woche. Die Befreiung der verschleppten galizischen Rabbiner. Wie wir erfahren, haben mehrere der in Wien weilenden galizischen Rabbiner unter Führung des Herrn Abgeordneten Dr. von Loewenstein eine Aktion unternommen, um die Befreiung der von den Russen bei ihrem Abzüge aus Galizien verschleppten Rabbiner im Austauschwege zu erwirken. Die Aktion hat bei den maßgebenden Kreisen vollen Anklang gefunden. Björnson über die galizischen Juden. Aus Kopenhagen wird gemeldet: Der berühmte skandinavische Schriftsteller Björnson, welcher längere Zeit auf dem galizischen Kriegsschauplatze geweilt hatte, auuerte sich gegenüber dem Reaakteur des „Jüdischen Wochenblattes " folgendermaßen über die dortigen Juden: „Gelegentlich eines Gespräches sagte mir ein galizischer Rabbiner, daß das jüdische Volk gegenwärtig große Zeiten überlebe. Ich will nur üiese Worte wiederholen, da mir ganz einfach die Worte fehlen, all das zu schildern, was ich gesehen und gehört habe. Es ist unmöglich, all die Not und das Elend zu schildern, dessen z.euge ich war, besonders in denjenigen Ortschatten, welche seitens der Kosakenhorden geplündert und gebrandschatzt wurden. Die Kosaken haben sich mit einer Art Vorliebe die Juden als Opfer ihrer unmenschlichen Taten auserwählt. Die jüdische Bevölkerung dieser Uebite hat am meisten unter den Kriegsereignissen gelitten und ich kann nur die Worte wiederholen, daß das jüdische Volk gegenwärtig große Zeiten erlebe." Auf die Frage, welchen Eindruck die jüdischen Soldaten auf ihn gemacht haben, erwiderte Björnson: „Wohl ist es wahr, daß das jüdische Volk seine Kräfte am besten in den Friedenszeiten entwickelt, ebenso, wie jede Pflanze am besten auf dem für sie geeigneten Boden gedeiht. Ich kann jedoch versichern, daß im jetzigen Kriege der jüdische Soldat seinen nichtjüdischen Kameraden nicht im geringsten nachsteht. Lin spezielles Lob muß ich den jüdischen Offizieren zu teil werden lassen, besonders die jüdischen Offiziere in der österreichisch-ungarischen Armee sind prachtvoll, ausgezeichnet, ich besitze auch viele Freunde unter ihnen." Chronik. Ein Lob der jüdischen Soldaten an den Dardanellen. Die Konstantinopeler „Aurore" bringt folgende Aeußerung eines hohen kommandierenden Offiziers der Üardanellenfront über die dort kämpfenden jüdischen Soldaten: „Unsere jüd. Brüder vergießen ihr Blut an der Seite ihrer türkischen Genossen mit einem alles Lob übersteigenden Patriotismus. Wir können sie nur rühmen ob ihrer freue und ihrer aufrichtigen Anhänglichkeit an den heiligen Boden des Vaterlandes. Sie ertülien ihre Pflicht mit der größten Gewissenhaftigke.t und Genauigkeit. Jeder gute Muselmann hegt für unsere jüdischen Brüder Liebe und- Freundschaft und hat volle Anerkennung für ihre Vaterlandsliebe." Galizische Rabbiner in Gefangenschaft. Der Verband der galizischen Juden in Nord-Amerika hat sich an Präsident Wilson gewandt, damit dieser bei der russischen Regierung dafür eintrete, daß verschiedene galizische Rabbiner, die jetzt in Rußland gefangen sind, freigelassen werden. Die jüdische Sprache in Rußland. Der Bürgermeister von Petersburg, Fürst Obolenski, hat die Juden S. Sokolowski, D. Sokolowski, Rawitsch und Eliassohn wegen Jidischsprechens auf den Straßen der Hauptstadt mit 200 Rubel oder 4 Monaten Gefängnis bestraft. Professor Dr. Schechter gestorben. Aus New-York wird der Tod des Professors Dr. Salomon Schechter gemeldet. Er war Professor des jüdisch-theologischen Seminars in New-York, nachdem er vorher Professor des Hebräischen an der Universität in Cambridge und am Londoner University College gewesen war. Er unternahm viele Reisen durch Italien, Aegypten und Palastina, und machte die Entdeckung der „Genizah" bei Kairo, wo er viele wertvolle Handschriften fand. Er schrieb eine große Anzahl von Büchern und Abhandlungen theologischen und philosophischen Inhalts. Er erreichte ein Alter von 67 Jahren. Anna Benvenisti geb. Adutt s. A. Am 22. November verschied in Wien die bekannte Wohltäterin Anna Benvenisti geb. Adutt im 8l-sten Lebensjahre. Die Verblichene widmete Ihr Leben vorzüglich der allgemeinen Wohltätigkeit und erfreute sich in allen Kreisen größter Wertschätzung und Hochachtung. Ihre Verdienste auf dem Gebiete der Wohltätigkeit wurden seitens Sr. Majestät des Kaisers durch Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone belohnt. Ehre Ihrem Andenken! Überall zu haben! Schicht-Wäsche - Kriegs-Wäsche billigste, schonendste und wirksamste Waschart: Weiche die Wäsche mit Wasch-Extrakt fFrauenlob< einige Stunden oder über Nacht ein. Wasche dann wie gewohnt weiter. Nur wenig Seife — am besten Schicht-Seife, Marke „Hirsch" — ist noch notig, die schönste Wäsche zu erzielen. Erspar! Art» eil, Zell, Geld und Seife. Omlnol ist das beste zum Reinigen der Hände und zum Scheuern in Küche und Haus. Herautgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. — Buchdruckerei „Metantrich", Wien IX., Ptamergasse 6. (Verantwortlich S. ürünhut).