Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 15 (25.11.1915)
- Date
- 1915-11-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. limrÄÄ«___l_l u £- <_ Redaktion und Administration: vierte^ k 120 Wochenblatt für jüdische Interessen, w^, vi«., m******?. Nachdruckmit v«ucr 9» lleuigibe gestattet | Redakteur: Jonas Kreppet. Ersehet nt jeden Donnerstag ■p. isT Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppet. Wien, 25. November 1915. Redaktion und Administration: Wien, VIII. AlserstraSe 7. Erscheint jeden Donnerstag I. Jahrgang. Pogrom-„Jubiläum". Gerade zehn Jahre sind es her, seitdem Nikolaus H. unter dem Drucke der im Kriege gegen Japan erlittenen Niederlagen sich gezwungen sah, das „berühmte" Oktobermanifest W*J2riassen, mit welchem der Selbstherrscher *"*%ifpär*Reussen seinem Volke ein Surrogat von Konstitution gewährte. Das „echt-russische" Volk hat diese kaiserliche Gnade mit der Veranstaltung einer Reihe blutiger Judenpogroms beantwortet, lieber das ganze, weite russische Reich erstreckte sich damals diese echtrussische „Volksbewegung". Von Stadt zu Stadt wandelte die Pogromepidemie und forderte überall ihre blutigen Opfer. Die gesamte Kulturwelt rauschte vor Empörung und Entrüstung hoch auf. In allen europäischen und amerikanischen Zentren wurden Protestversammjungen und Protestkundgebungen veranstaltet. Haarsträubend waren die Schilderungen dieser Pogroms, die eine ganze Literatur geschaffen und sogar durch Künstlerhand in grauenerregenden Gemälden verewigt wurden. Es war ein „blutiger Frühling", der dort im kalten Norden zur Herbstzeit 1905 gefeiert wurde. Als Folge dieser schrecklichen Ereignisse ergoß sich damals ein unendlicher Flüchtlingsstrom über alle europäischen Länder. In Massen flüchteten die unglücklichen Juden, kaum das nackte Leben rettend, außerhalb der Grenzen ihres stiefmütterlichen Vaterlandes Schutz und Hilfe suchend. Hilfskomitees wurden damals in aUen Ländern gebildet, große Summen gelinge, der armen Witwen und Waisen wurden arrangiert. Die Judenschaft der ganzen Welt wie nicht minder breite nicht -jüdische Kreise hatten vollauf zu tun, um die Folgen dieser Pogrome wenigstens teilweise zu mildern. Zehn volle Jahre sind seit damals verflossen, in unserer schneilebenden Periode der Elektrizität eine hübsche Spanne Zeit. Wiederum ist Rußland in einen schweren, blutigen Krieg verwickelt, den es selbst mutwillig heraufbeschworen hat und wiederum wird das Zarenreich von einem Pogromfieber geschüttelt. Es sind jedoch Pogrome ganz anderer Art, deren Zeugen wir sind. Die Heere des Zaren haben einen Pogrom erlitten, wie es in der Weltgeschichte seinergleichen nicht gibt. Die russische Dampfwalze, welche weite Gebiete europäischen Kulturbodens zerstampfen wollte, wurde in Rückbewegung gesetzt und sie kollerte sich vom Btmajec und der Nida bis an die Strypa, den Styr, die Rokitnosümpfe und die Düna. Ganze russische Armeen wurden vernichtet, Millionen russischer Soldaten gerieten in Gefangenschaft, etwa 20 mächtiger Festungen zerbarsten unter dem Krachen der österreichisch-ungarischen und deutschen Mörser. Rußlands Machtstellung wurde niedergerungen, rat- und hilflos stehen der Zar und seine Generale da, ohnmächtig, die eigenen Länder zu schützen und nur auf die Hilfe der russischen Sümpfe und des „Generals Winter" vertrauend, dem weiteren Vordringen des Feindes Einhalt gebieten zu können glauben. Wiederum, wie damals, hat sich auch jetzt ein breiter Flüchtling^strom ergossen. Jedoch nicht mehr in der Richtung nach Europa, sondern in der Richtung, nach dem tiefen Rußland. Hunderttausende wetafloser Bürger mußten der-frf utafcfr tum to.heti Soldateska. Heim und Herd verlassen, um zusammen mit den geschlagenen Armeen vor dem siegreichen Gegner zu flüchten. Das Elend dieser Flüchtlinge, unter welchen sich sicherlich ein gewaltiger Perzentsatz Juden befindet, ist vielleicht noch größer, als die Not der vor zehn Jahren durch den Pogrom betroffenen Juden. Ihr Elend ist noch größer, da sie infolge der Kriegsereignisse von der übrigen Welt abgeschlossen sind. Ihre Pein ist noch bejammernswerter, da ihnen seitens der europäischen Kulturwelt nicht einmal ein Wort des Trostes wird. Große, sogenannte „Kulturnationen" sind heute Rußlands Verbündet; und müssen als Mitschuldige eben schweigen. Das mächtige Amerika befindet sich in einem ,3usinesstaumel" und liefert für Geld und gute Worte dem Zarenreiche Munition zur Fortsetzung des Krieges und die Mittel zur Befestigung der inneren Reaktion. Blutig ist das zehnjährige Pogromjubiläum, noch blutiger als die damaligen Pogrome selbst. Die russische Gesellschaft befindet sich heute nicht in Jubiläums-Stimmung. Selbst Purischkewitsch und seine Freunde, die „echt-russischen Leute", sind heute nicht in der Laune, das Jubiläum ihrer damaligen „Triumphe" über die wehrlosen Juden zu feiern. Vielleicht geht heute dem Zaren und seinen Ratgebern ein Licht auf, vielleicht gehen sie in sich und gewinnen die Erkenntnis, daß der heutige Pogrom der Zarenheere nur eine Vergeltung für die blutige Schuld ist, die sie auf sich durch die damaligen Pogrome geladen haben. Groß ist die Not und das Elend, welche die Millionen russischer Juden jetzt infolge der Kriegsereignisse erlitten und erleiden, aber wenn ihnen diesmal derTrosi fehlt, daß die gesamte Kulturwelt sich ihrer annimmt und gegen das ihnen zugefügte Unrecht über zwei Mi 1 Honen ihrer Leidensgenossen hoffentlich endgiltig vom russischen Joche befreit wurden und daß ihre Peiniger am eigenen Leibe Feuilleton. Pogrome®) Von Octave Mlrbeau. Es war an einem regnerischen Herbsttage, auf dem Kai von Antwerpen . . . Auf einem Lumpensack, etwas abseits, saß ein Mann, der meine Aufmerksamkeit unwillkürlich fesselte. Es war ein Greis. Sein Bart war ungewöhnlich lang und ungepflegt. Wie die meisten seiner Leidensgenossen, war er mit einem Gehrock bekleidet, der einmal schwarz gewesen sein mußte, und trug eine Tuchkappe. Er sprach zu niemand und starrte vor sich hin, als ob er in sich selbst hineinblicken wollte. Auf seinem verschlossenen Gesichte lagen die unsägliche Verzweiflung und unaussprechliche Müdigkeit alles menschlichen Elends; seine Augen bewahrten dennoch etwas von Jugendglanz und eine rührende Sanftheit. Ich fühlte, daß ich indiskret war, konnte mich aber von diesem schwergeprüftem Antlitz, in dem noch ein Jugendblick leuchtete, nicht abwenden . . . Er bemerkte mich erst spät und begann mich dann zu beobachten. Plötzlich lächelte er und ich vernahm seine singende Stimme: — Boniour, mossie! . . . Ich streckte ihm die Hand entgegen. Er schauerte sichtlich zusammen. Seine weiche, feuchte Hand ruhte einige Augenblicke in der meinigen; ich war so sehr aufgeregt, daß ich seine ersten Worte überhörte ... Er verglich sich mit Hiob und murmelte: — Hiob, Hiob . . . Ich setzte mich zu ihm auf einen schwarzen Holzkoffer und er begann mit der Erzählung seiner Leidensgeschichte . . . Als junger Winkeladvokat, der gegen den Willen der Eltern ein armes Mädchen heiratete, mußte er nach einem Auftritte mit einem antisemitischen Richter das kleine russische Städtchen verlassen, wo er nur mühsam sein Brot verdiente; er kam nach Frankreich mit seiner Frau und seinen drei Kindern . . . Seine Augen leuchteten auf, als er von Paris sprach. Ungeachtet aller Versprechen und Empfehlungen konnte er keine halbwegs auskömmliche Stellung finden . . . Das Ehepaar mietete sich, in der Nähe des „Hotel de Ville" ein und ernährte sich schwer und kärglich durch allerhand Kleinhandel, auch „Konfetti" . . . *) Angesichts der Haltung gewisser französischer Kreise gegenüber Rußland, dürfte es besonders interessant sota, wie ein französischer Schriftsteller vor dem Krieg nusiaeke Zasttod* betrachtete. (D. R.) Ein Kompagnon — „kein Jude, o nein, Mossiö" —, mit dem man auf dem Boulevard Ornano zusammentraf, bestahl ihn und ein regnerischer „mardi-gras" besiegelte seinen Ruin ... An einem strengen Wintertage verweigerte sein Vermieter weiteren Kredit, ließ die Tür seines armsei gen Zimmers gewaltsam öffnen, riß seine kranke, schwangere Frau vom Bette und warf mit Hilfe zweier Camelots die ganze Familie aufs Pflaster . . . Er hatte zwar eine Anzeige erstattet, mußte sie aber unter Androhung einer Geldstrafe zurückziehen, da er keine Zeugen hatte, während der Vermieter mehrere Zeugen vorlud. Die Armen haben ja nie Zeugen . . . — Ich habe aus Zorn geweint, ia, Mossie, geweint. Dieser Mann, der seither alle Entbehrungen, alle Trauer und alle Gewalttätigkeiten gekannt haben muß — dieses herzzerreißende Denkmal des menschlichen Elends —, weidete sich förmlich an den geringfügigsten Einzelheiten dieser Ungerechtigkeit. — In Frankreich, Mossie ... In Frankreich . . , Ach! . . . Aus seinen Mundwinkeln floß Speichel, sein Atem war ekelhaft. Ich fühlte mich unbehaglich . . . Dank den Bemühungen eines jüdischen Wohltätigkeitsvereins verließ er Paris und kehrte nach Rußland zurück. Er etablierte sich als Kleiderhändler in einem kleinen südlichen Städtchen, verdiente kaum seinen Unterhalt, lebte aber glücklich und zufrieden mit seiner Frau und seinen sechs Kindern. Dies dauerte nahezu sechzehn Jahre . . . Bei diesem Punkte seiner Erzählung angelangt, schwieg er plötzlich ... Er starrte wieder vor sich hin . . . Wohin mag er nur geblickt haben? Er ließ dann auch den Bruder seiner Frau kommen, der Rabbiner war, und man zwang ihn seither, alle seine! Ersparnisse für die Ausbildung seiner fünf Söhne zu verwenden. Zwei sollten Advokaten, einer Arzt und die zwei jünjgsten „Inginiere" werden. Die Tochter stickte. Es schien mir, als ob ein Lächeln seine Lippen umspielte, aber eine plötzliche Zuckung verrenkte sein Gesicht und seine überaus lange Nase schrumpfte zusammen . . . — Wozu alles dies, Mossie? . . . Ach! Wozu? . . . j Dummheit! . . . Eines Abends — es war am Anfang der Revolution, die Stadt war seit Monaten schon im Belagerungszu- ', stände, die ganze Familie starb Hungers — eines Sab-! batabends ermächtigte der Gouverneur die Juden, die Geschäfte bis 10 Uhr offen zu halten. Das ganze Judeni viertel jubelte, da man am Vortage eines orthodoxen | Feiertages war und vielleicht ließ sich doch etwas Geld! verdienen . . . Man schmückte die Schaufenster und beleuchtete sie besser, um Kunden anzuziehen. Plötz^ lieh, um Viertel auf Zehn, ja, „um Viertel nach Neun, Mossie, genau ein Viertel" drang eine Bande betrunkener Soldaten in das schmale Gäßcnen ein, wo sich sein Laden befand, und ein Kugelregen zerbrach alle Scheiben. - Warum? Ach! . . . Warum? Sein jüngster Sohn — bei diesen Worten zitterte seine schmutzige Hand mit schwarzumränderten Nägeln — ein „so geistreiches Kind, Mossie" fiel blutbrechend in seine Arme . . . Der unglückliche Vater, mit der Leiche belastet, sah, wie ein betrunkener Dragoner die Augen seines Aeltesten herausstach ... Er brach ohnmächtig zusammen . . . Als er wieder zu sich kam, war sein Bart abgerissen, ein Ohr durch einen Säbelhieb abgeschlagen. . . Sein Kinn schmerzte ihn am meisten ... In seinem Laden war es stockdunkel; er stolperte über Körper und unterdrückte nur dann seine Scnmerzensrufe, als er die sich entfernenden Salven und das scheinbar aus dem Boden, aus den Mauern, aus den Tiefen der Erde herauskommende Stöhnen zu hören glaubte . . . Beim Flackerlicht einer angezündeten Kerze stellte er fest, daß kein einziges Kleidungsstück in den Auslagen geblieben war. Die Plünderer hatten alles zugrunde gerichtet, alles fortgeschleppt . . . Auf den Stufen des Kontors, ganz im Hintergrunde des Ladens, inmitten von geleerten und zerbrochenen Schubläden, zerstampften und blutigen Gegenständen, lag seine Frau; es schien ihm vorerst,?ls ob sie ohnmächtig läge . . . — Ich habe ihre Röcke herunterziehen müssen — fügte er ganz leise hinzu . . . Und seine Augen schloßen sich unwillkürlich. Und dann noch leiser: — Sie waren gehoben, Mossifi! . . . Eine Frau von über Fünfzig! . . . Er erkannte alsdann, daß sie tot war, erwürgt, die Augen voll Schrecken weit aufgerissen . . . Er schaute mich einen Augenblick wortlos an . . . Eine Blutwelle floß unter seiner gelblichen Haut, die plötzlich rot wurde ... Ich sah neuerdings das iürchterliche Zucken seines Gesichtes . . . und er begann wieder von seiner Frau, seiner geliebten Frau, zu sprechen. — Eine so gute Frau, eine so sparsame Frau. . . Er wurde lebendiger. Sein Atem wurde unerträglich. Ich bemerkte, daß er fast ohne Zorn und ohne Schmerz sprach . . . Vielleicht hatte er keine Kraft, seine Gefühle auszudrücken ... Ich fühlte, daß meine Augen sich mit Tränen füllten . . . — Nicht genug an dem ... Sie haben die Körper fortgeschleppt . . . und begruben sie Gott weiß wö,