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Jüdische Korrespondenz · 1915-11-18 · 14 (18.11.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
14 (18.11.1915)
Date
1915-11-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14. JUdlscKe^KorreSpondenz Seite 3 fugang gehabt, wären wir sicherlich nicht lebend davon gekommen. So aber kamen wir zu Weihnachten in Tomsk an. Anfangs schien es, als wolle man uns dort belassen, aber bald kam der Befehl, uns weiter zu transportieren. Nun ging es durch die sibirische Wüste, durch Schnee und Eis weiter dreihundert Kilometer nördlich von Tomsk. Im April wurden vier von uns nach Kiew gebracht. Es hieß, daß wir zum Austausch bestimmt waren. Daraus wurde aber nichts und nach einigen Wochen mußten wir wieder den Weg nach Sibirien antreten. Dann folgte erst — nach zweimonatlicher Haft in Petersburg — die Befreiung. Jüdisch-deutsch und deutsch. Die Frage, ob der Jargon eine jüdische Volkssprache oder bloß ein deutscher Dialekt ist, beschäftigt jetzt sehr ernst die weitesten jüdischen und nichtjüdischen Kreise und es wird darüber eine breite Diskussion geführt, besonders mit Rücksicht auf die Verhältnisse in Polen und Qalizien. Indem wir uns vorbehalten, diesbezüglich unseren Standpunkt näher zu präzisieren, brin* gen wir zunächst zum Abdrucke nachstehenden Aufsatz, welchen ein ausgezeichneter Kenner und Fachgelehrter auf diesem Gebiete, Herr Rabbiner Prof. Dr. N. Porges-Leipzig in den „Leipziger Neuesten Nachrichten" veröffentlicht hat. „Mit keiner Sprache sind die Juden jemals so, wie man zu sagen pflegt, lästerlich als mit unserer Teutschen umbgangen, dann sie haben solcher einen gantz frembden Thon und Laut gegeben, die guten teutschen Wörter gestürhmelt, geradbrecht, verkehret, neue uns unbekandte erdacht, wie auch unzählich viel Hebreische Wörter und Red-Arten in das Teutsche gemischet, daß solcher gestalt, wer sie Teutsch reden höret, nit änderst glaubt, als sie reden pur lauter Hebreisch, indem fast kein einiges Wort verständlich fürkommet." Also schrieb der im Hebräischen und Jüdischdeutschen wohlbewanderte, hochgelehrte und hochangesehene Aldorfer Professor Wagenseil in seiner 1699 erschienenen „Belehrung der Jüdisch-Teutschen Red- und Schreibart". Aber die von ihm abgedruckte sehr umfangreiche Textprobe des Jüdischdeutschen, betitelt „Ein schön Maase" (hebr. für Geschichte) „von König Artis Hof . . . und vom dem berühmten Ritter Wieduwilt" zeigt auf 72 Quartseiten Text nicht mehr als 3 hebräische Ausdrücke. Wagen- Seil war nicht nur ein bedeutender, sondern auch ein ehrlicher Gelehrter, der wohl irren, aber nicht wissentlich Falsches behaupten konnte. Bei seinem harten Urteil über das Jüdischdeutsche ließ er sich von dem Eindrucke leiten, den das gesprochene Wort auf sein Gefühl und seinen Geschmack machte, ohne zu wissen, daß die jüdischdeutsche Sprache der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts von der des 16. Jahrhunderts sehr verschieden war. Das Judendeutsch hat, soweit wir es zurück verfolgen können, drei Entwicklungsstufen aufzuweisen, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. 1. Teutsch, 2. Jüdischdeutsch oder Iwri-Teutsch (d. h. Hebräischdeutsch), 3. Feuilleton. Die Russenherrschafi in Lemberg. Dieser Tage fand im Saale der Wiener Handelskammer eine Versammlung statt, die sich durch ihren Verlauf außerordentlich eindrucksvoll gestaltete. Eine Dame aus Lemberg, Frau Marie Ooldfarb, erschien am Vortragstisch, um vor einem eleganten und distinguierten Publikum von ihren Erlebnissen während der russischen Invasion in Lemberg zu erzählen. Einfach und schmucklos, bloß selbst Gesehenes und selbst Erlebtes darstellend, kam die Vortragende doch auf Momente zu j sprechen, wie sie selbst aus den vielen Berichten über die Zeit der galizischen Russenherrschaft nie vernommen worden waren — Momente von einer Furchtbarkeit, daß die Rednerin nur mit Mühe ihre Bewegung unterdrücken konnte und in den Reihen des Publikums selbst mehr als einmal Schluchzen hörbar wurde. Nach einer kurzen Ansprache der Frau Lisette Oelber betrat Frau Marie Qoldfarb die Estrade und hielt den Vortrag, dessen wesentliche Partien wir nachstehend folgen lassen: Wir standen nach dem Eindringen der Russen in Lemberg alle ratlos da. Aus privater Initiative entstanden .'in 4er ersten Woche schon zwei Küchen; eine für <üe Familien polnischer Legionäre und eine für die jüdischen Flüchtlinge. Inzwischen begann die russische Verwaltung zu amtieren, die folgende Befehle erließ: 1. Alle Waffen sind bei Strafe von 3000 Rubel oder drei Monaten schweren Kerkers im Rathaus abzuliefern. 2. Alle Fenster von Boden- und Ketlerräumen müssen vermauert werden, an Baikonen und offenen Fenstern darf sich niemand zeigen. 3. Für die kleinste Beschädigung der Telegraphendrähte sind die Hauseigentümer verantwortlich; wieder unter Strafe von 3000 Rnbel oder drei Monaten Zuchthaus. 4. Alle Scholen, sowohl öffent- Jiddisch oder Jargon, so lassen sich diese drei Stufen am kürzesten bezeichnen. Im Mittelalter haben die deutschen Juden, die nachweislich schon Anfangs des 4. Jahrhunderts auf deutschem Boden (in Köln) ansässig waren, nirgends hebräisch gesprochen, sondern überall nur deutsch, reines, unverdorbenes „Teutsch". Auch nicht die leiseste Spur weist darauf hin, daß sie schon damals in ihrer Aussprache und Redeweise sich von der Sprache ihrer nichtjüdischen Umgebung irgendwie unterschieden hätten. Es wäre solches sicherlich in den zahlreichen juden feindlichen Schriften unter den zahllosen judenfeindlichen Anwürfen des deutschen Mittelalters nicht unerwähnt geblieben. Die Juden in Deutschland haben nicht nur deutsch gesprochen, sondern auch deutsch geschrieben, allerdings mit hebräischen Buchstaben, da es sich nur um den Kreis der Glaubensgenossen handelte, ähnlich wie sie anderswo für den eigenen Gebrauch französisch, italienisch, spanisch, griechisch, slavisch, arabisch und persisch mit hebräischen Schriftzeichen schrieben. Und wie in der Stenographie nicht nach der üblichen Rechtschreibung, sondern nur nach dem lautlichen Klange des Wortes phonetisch geschrieben wird, so war es auch von Anfang an und immer in der jüdischdeutschen Schrift. Schon in der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden deutsche Bücher, teils religiösen, teils weltlichen Inhalts in hebräischer Schrift gedruckt, und zwar nicht nur in deutschen Städten, wie Augsburg, Basel, Konstanz, Ichenhausen, Zürich, sondern auch in Cremona, Mantua und Venedig für die in Italien lebenden Juden deutscher Herkunft. Das treue Festhalten der deutschen Juden an ihrer deutschen Muttersprache, auch inmitten einer anderssprachigen Bevölkerung, dieses im vollen Sinne des Wortes ausgesprochene deutschheimatliche Gefühl der aus Deutschland vertriebenen Juden, findet ein Seitenstück nur noch an der Treue, mit der die aus Spanien im Jahre 1492 vertriebenen und nach der Türkei ausgewanderten Juden das Spaniolische als ihre Muttersprache bis heute festgehalten haben. Die deutschen Juden waren innerlich so tief durch die deutsche'Sprache beeinflußt und so eng mit ihr verwachsen, daß sie auch in uichtdeutscher Umgebung weiter deutsch dachten und sprachen, schrieben und lasen, und dies zu einer Zeit, wo die deutsche Heimat ihre Juden nicht vaterländisch, sondern stiefmütterlich behandelte. Das Deutsche, das die Juden im 16. Jahrhundert sprachen und schrieben, war ein unverfälschtes Oberdeutsch. Allmählich aber wandelte sich ihr reines Deutsch in Jüdischdeutsch, und zwar unter dem Einflüsse der nach Polen ausgewanderten und dort immer noch deutschsprechenden Glaubensgenossen. Polen war seit dem 13. Jahrhundert ein Asyl für jüdische Flüchtlinge aus Deutschland. Die wahnsinnige Beschuldigung der Brunnenvergiftung in den Jahren der schwarzen Pest (1348—50) brachte der Mehrzahl der deutschen Juden den Tod. Wenige nur, die vereinzelt auf den Dörfern wohnten, blieben verschont, manchen gelang es liehe als private, müssen geschlossen werden. Alle Vereine sind aufgelöst. 5. Als Strafmittel für Jugendliche und Frauen leichter Sitten wird die Nagajka eingeführt. 6. Mit Nagajkaschlägen werden auch Schwestern in den Spitälern gestraft, so oft sie die Anordnungen ihrer Vorgesetzten nicht ausgeführt haben. 7. Um 8 Uhr abends b!s 5 Uhr früh müssen alle Tore geschlossen werden. Je weiter die Russen nach Westgalizien vordrangen, desto mehr füllte sich Lemberg mit Flüchtlingen aus den kleinen Städten und Dörfern, welche furchtbare Greueltaten der Kosaken erzählten. Eine immer steigende Angst bemächtigte sich der Bevölkerung, insbesondere der Juden. Tag für Tag führten Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten Scharen zusammengetriebener, von Todesangst verzerrter Leute durch die Hauptstadt zum „Gradonaszalnik" — Stadtkommandanten. All diese Märtyrer wurden in Lemberg interniert; das jüdische Rettungskomitee erhielt die Erlaubnis, ihnen Nahrung und Kleidung zuzuschicken, und nun konnte man in diese Hölle auf Erden Einblick tun. In mancher Zelle, in der die Unglücklichen zusammengepfercht wurden, starben Menschen, kamen Kinder zur Welt, zarter Veranlagte verfielen dem Wahnsinn, der Melancholie. Andre, Glücklichere, begingen Selbstmord. Nach dem Falle von Przemysl wurden 15.000 Menschen aus Przemysl aus ihrer Stadt vertrieben; sie durften nur so viel mit sich nehmen, als sie selbst tragen konnten — Hab und Gut mußte zurückgelassen werden —, die Vertriebenen eilten wieder der Hauptstadt zu — Lemberg mußte sie empfangen, sie beherbergen, sie speisen. Ich leitete damals einen Kinderhort; es war kaum Platz für ISO; wir nahmen aber 200 Kinder auf. Eines Tages erschien bei mir eine Frau, dem Wahnsinn nahe. Sie habe sechs Kinder — ein Nachbar zeigte der Ochrana an, daß ihr Mann <sin austrophü sei; er wurde gepeitscht und verschleppt. Eine meiner Mitarbeiterinnen int Kinderhort, eine staä&clie ältere Lehrerin, ernach Polen zu entfliehen, wo sie freundliche Aufnahme und Schutz vor verleumderischen Anklagen fanden. Auch im 15. Jahrhundert, dessen Judenverfolgungen zumeist in Judenaustreibungen ausliefen, haben viele deutsche Juden in Polen eine Zufluchtsstätte gesucht und gefunden. Das Deutsche blieb auch dort weiter ihre Umgangssprache, wurde aber, weil vom deutschen Mutterboden losgelöst, allmählich nicht nur rückständig, sondern auch, namentlich in den Vokalen, entstellend gefärbt und immer mehr verderbt. Dieses Jüdischdeutsch, das in Ton und Aussprache einen für deutsche Ohren unangenehmen, fremdartigen Klang hatte, ist erst von Polen her nach Deutschland eingedrungen. Die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts in Polen immer mehr aufblühenden Hochschulen jüdischen Wissens wurden von vielen lernbegierigen Jüngern aus Deutschland aufgesucht, die nach ihrer Heimkehr das Jüdischdeutsch der polnischen Juden in die Judengassen brachten. Vollends aber, als in den Jahren 1648—55 die aufständischen Kosaken in ungezügelter Wildheit und mit ausgesuchter Grausamkeit die jüdischen Gemeinden in Polen und Litauen hinmordeten und die dem Gemetzel Entronnenen zu Tausenden Obdach und Hilfe suchend westwärts sich wandten, wurden namentlich die deutschen und österreichischen Judengemeinden von jüdischdeutsch sprechenden Flüchtlingen überschwemmt. Diese Bemitleidenswerten fanden wegen ihres jüdischen Wissens vielfach Stellung in den jüdischen Gemeinden und Familien als Rabbiner oder Schul- und Hauslehrer, wodurch sie nicht wenig zur fortschreitenden Verderbnis des Jüdischdeutschen in Deutschland beitrugen. Und je höher die Schranken aufgerichtet wurden, die den gesellschaftlichen Verkehr zwischen Juden und Christen hinderten, desto mehr entfernte sich das Judendeutsch in Wort und Schrift von der landläufigen deutschen Sprache. Dem Christen schien es ein barbarisches Kauderwelsch. Und doch hat auch diese Mundart ihre eigene Literatur, deren Erzeugnisse fast durchweg nur für Ungelehrte und Weiber bestimmt waren, daher auch der Name „Weiberdeutsch" für Jüdischdeutsch. Die hierhergehörigen Schriften sind teils in Reimen, teils in Prosa, teils religiös erbaulich, teils weltlich unterhaltend, entweder ursprünglich jüdischdeutsch verfaßt oder nach einer deutschen Vorlage gearbeitet oder aus änderen Sprachen ins Jüdischdeutsche übersetzt. Selbst von Bocaccios Decamerone sind einzelne Stücke in jüdischdeutscher Uebersetzung gedruckt. Unter den zahlreichen Drucksorten für Jüdischdeutsch steht seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in bezug auf Zahl und Güte der Drucke Amsterdam, wo es neben der spanischen auch eine deutsch-polnische Judengemeinde gab, weitaus an erster Stelle. Hier erschien die erste vollständige jüdischdeutsche Bibelübersetzung 1676—78. Wiederum ein Beweis, daß die aus Deutschland stammenden Juden auch in fremden Landen ihrer deutschen Sprache treu geblieben sind. (Schluß folgt.) zählte mir, ihr Bruder sei angezeigt worden, daß er viele Zentner Mehl für die Oesterreicher einkaufe. Darauf kamen um 3 Uhr früh zwölf Gendarmen, die Untersuchung begann. Herr F. wurde aus dem Bett gezerrt, seine und seiner Schwester Bitten, man möge ihm erlauben, sich anzukleiden, waren umsonst. Die Schwester bekam so viele Nagajkaschläge, daß sie ohnmächtig zusammensank, der Bruder wurde arretiert. Derartige Fülle kamen Tag für Tag vor. Die Straßen Lembergs hatten gänzlich ihr Bild gewechselt; interessante ethnographische Bilder rollten sich auf, Typen aus allen Volksschichten Rußlands zogen in den unablässig durchmarschierenden Kolonnen vorüber, denen Scharen von Halbweltsdamen aller Nationen folgten — und mitten in diesem Straßengewimmel Tausende von Kindern, schutzlos, bettelnd, halbnackt, zu den scheußlichsten Diensten gepreßt und mit wenigen Kopeken entlohnt. Die Ochrana korrumpierte systematisch die Kinder und das Volk. Kinder führten Soldaten in öffentliche Häuser. Von Woche zu Woche konnte man das wachsende Verderben der Jugend konstatieren — der Jammer der ganzen Menschheit faßte mich an. Nach langen, finsteren Monaten russischer Gefangenschaft erlebten wir endlich Tage bangen, sehnsüchtigen Hoffens. Schon seit 18. Mai evakuierten die Russen Lemberg; Tag und Nacht wurden die Einwohner ihrer Habe beraubt, mehr als 600 Klaviere wurden von Lemberg verschickt — kein Bürger war seines Lebens und seiner kärglichen Freiheit sicher. Jeder Tag brachte eine unerwartete Verschickung. In den letzten schutzlosen Nächten wurden zwei jüdische Familien ermordet, alle jüdischen Geschäfte . beraubt, aus allen Magazinen Nahrungsmittel requiriert, denn man wollte die Stadt dem Hungertode preisgeben. Die letzten Nächte waren Sodom und Gomorrha für uns. Es kam aber doch der 22. Juni. Ich wagte mich in die Stadt hinaus. Da begegnete ich dem Automobil, wel-

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