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Jüdische Korrespondenz · 1915-11-18 · 14 (18.11.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
14 (18.11.1915)
Date
1915-11-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JlidlscHe Korrespondenz Nr 14. gen schon rechtzeitig diesem einzig in der (ieschichte stehenden strategischen Kreuzzuge aus dem Wege. So kam es denn, daß vor, mit und nach dem Eintreffen der Rückzugsheere ein anderes Heer in die Städte einflutete, das Heer der Elenden und Obdachlosen, die vor allem Brot und Schutzdach für ihre halb verhungerten Kinder suchten. In Jekaterinoslaw befinden sich zurzeit 112.(K)0 Flüchtlinge, im durch und durch jüdischen Minsk 50.000, in Poltawa und Smolensk je 25.Ü0U. In den Städten des innern Rußlands wie Astrachan, Kaluga, Pensa, Tambow usw. schwankt die Zahl der Heimatlosen zwischen und 40.000, in Samara erreichen sie die Ziffer von 52.000. Dazu kommen etwa 50.000 Flüchtlinge in den Städten Beßarabiens und eine noch nicht annähernd festzustellende Anzahl in Sibirien und im Kaukasus. Wir haben hier absichtlich zunächst die unter russischer Herrschaft sich befindenden Städte genannt, um die Flüchtlingsfrage in den unter deutscher und österreichisch-ungarischer Verwaltung stehenden Gebieten aus dem allgemeinen russischen Fliichtlingsproblem herauszuheben. Die russische Regierung, die dieses Massenelend mut- und böswillig ganz ohne Not geschaffen hat, hat sich von den scharfen Anklagen der Duma doch dazu bewegen lassen, sich das angerichtete Unglück näher anzusehen. Sie erschrak vor ihrem eigenen Werke. Jetzt, da die sogenannte Evakuierung die Teile Rußlands berührt, die zu dem Kern des Reiches gehören, gebot man Halt und machte sogar die Flüchtlingsfrage zum Gegenstande der öffentlichen Diskussion. Eine große Moskauer Versammlung brachte eine Resolution gegen die Zwangsaussiedlung zu Tage und auch den Beschluß zur Einleitung einer Hilfsaktion für die Flüchtlinge. Bei diesem Anlasse wurden auf Grund eines reichen Tatsachenmaterials Bilder vom Leidenswege der Vertriebenen entworfen, die selbst die „breite russische Natur" ein wenig aus dem Gleichgewichte brachte. Was für die nichtjüdischen Heimatlosen an praktischer Hilfe dabei herausgekommen ist, weiß man nicht recht. Vermutlich nicht viel. Die jüdische Philantropie in Rußland hat sich aber bei dieser Gelegenheit so bewährt, daß sie als eines der Wunder dieses an Ueberraschungen so reichen Krieges bezeichnet werden kann! In Petersburg und Moskau, in Kiew und Poltawa, in Riga und Minsk feierte das jüdische Brudergefühl glänzende Triumphe. Die Kreise um Schloßberg und Winawer vergaßen all ihre politischen Sorgen, gründeten Komitees und brachten Gelder zusammen, die in die Millionen gingen. Bei den spärlichen Nachrichten, die auf weiten Umwegen aus Rußland zu uns herüberkommen, ist es schwer, sich ein klares Bild über die Art der Hilfsaktion zu machen. Man darf aber in dieser Beziehung zu dem klaren Blick und der von echtem Brudersinn diktierten Tatkraft der Männer, mit denen wir uns auf politischen und religiösem Gebiete oft genug scharf auseinandersetzen mußten, volles Vertrauen haben. Es wird dieses Vertrauen gerechtfertigt durch das, was man heute in Warschau über den derzeitigen Zusammenbruch des Hilfswerkes in den okkupierten Gebieten erfährt. Damit sind wir am Punkte, der der eigentliche Gegenstand dieser Betrachtung sein soll. Ueber die russische Front hinaus könnten wir heute auch dann unseren Brüdern keine Hilfe hinüberreichen, wenn sie derselben bedürfen sollten. Diesseits aber, auf neu-deutschem Gebiet eröffnen sich uns Aufgaben und Pflichten, die wir im Jubel des Sieges nicht übersehen dürfen, müßten wir nicht anders später vor den großzügigen Helfern in Petersburg und Moskau unser Gesicht in Scham verhüllen. Nachdem im Beschlüsse der Regierung, die Evakuierung einzustellen, der Flüchtlingsstroin einen Damm erhalten hatte, stauten sich große Massen in Warschau, Wilna und anderen größeren Städten, die bald, verhältnismäßig unversehrt, mit Polen und Juden, mit all ihrer Lehensnot und Flüchtlingssorge in deutschen Besitz übergingen. In Warschau traf die deutsche Macht an 200.000 jüdische Flüchtlinge aus der Provinz an, in Wilna gut 100.000 aus Kowno und Umgegend. (Aus ersterer Stadt haben, nach einem Berichte des amerikanischen Konsuls an seine Regierung, 80.000 Personen die Rückreise nach der zum größten Teile verwüsteten Heimat angetreten.) Dieses Heer der Unglücklichen bekam gleich Verstärkung und erhält sie auch jetzt anhaltend durch die heimische Bevölkerung, der in dieser schweren Uebergangszeit, da die Verbindung mit Rußland abgebrochen und mit Deutschland noch nicht hergestellt ist, alle Wege versperrt und alle Lebenszweige einfach abgeschnitten sind. Katastrophal mußte aber der Umstand wirken, daß die russische Hilfsaktion, die ihre Zentrale in der russischen Residenz hatte, mitten in der Arbeit außer Fühlung mit diesen Zentren des Elends geraten ist. Wer sich eine kleine Vorstellung von der Lage machen will, sehe sich an Hand der folgenden Zahlen den gewaltigen Apparat an, der jetzt über Nacht ins Stocken geraten ist: Bis zur Einnahme der polnischen Hauptstadt durch die Deutschen hat die jüdische Gemeinde für die einheimischen und auswärtigen Kriegsopfer folgende Summen erhalten: Vom Tatiana- Komitee in Petersburg 185.000 Rubel, vom jüdischen Hilfskomitee dortselbst 659.730 Rubel. Kleinere Komitees und Hilfsvereine in Petersburg schickten speziell für die Heimatlosen aus Sochatschew 500 Rubel, für Volksküchen 900 Rubel, für Waisenversorgung 3000 Rubel, zu Gunsten der Darlehenskasse für Kriegsopfer 10.000 Rubel. Aus Kiew gingen rund 20.000 Rubel ein, aus Kischeriew 8500 Rubel. Die Moskauer Stadtverwaltung leistete einen Beitrag von 14.000 Rubel zu dem noch Privatspenden im Gesamtbetrage von 23.406 Rubel kamen. Das Jekaterinoslawer Komitee schickte für schutzlose Kinder 1000 Rubel. In Warschau selbst sind aus öffentlichen, und Privatmitteln 15.000 Rubel zusammengekommen. Im ganzen hatte die Gemeinde 1,138.351 Rubel zur Verfügung. Bei der Besitznahme der Stadt durch die Deutschen verfügte die Gemeinde noch über einen Rest vom 162.742 Rubel, die bei der täglich zunehmenden Not schon in kurzer Zeit aufgebraucht wurden. Aus dem jüdischen Rußland fließen aber keine neuen Gelder mehr zu. Indes wächst das Massenelend buchstäblich mit jeder Stunde und nimmt Dimensionen an, von denen wir uns hier keinen schwachen Begriff machen können. Hunderttausende in Wilna und Warschau, denen alle bisherigen Hilfsquellen verschlossen sind, schreien nach Brot. Vergessen wir über den vielfachen schwierigen Zukunftsfragen in Polen nicht die dringendsten Gegenwartsaufgaben und gehen wir an deren Lösung unverzüglich mit warmer Bruderliebe, mit jüdischem Pflichtbewußtsein und Solidaritätsempfinden heran. " * Indem wir den obigen Artikel reproduzieren, der sich hauptsächlich mit den Verhältnissen in den unter deutscher Okkupation sich befindlichen Gebieten Polens befaßt, möge bemerkt werden, daß auch die Verhältnisse in den unter österreichisch-Ungarischer Okkupation sich befindlichen polnischen Gebieten ähnlich sind und daß auch die. dortige jüdische Bevölkerung einer breiten Hilfsaktion benötigt. Die befreilen Czemowüzer »Geiseln«. Nach vierzehnmpnatiger Dauer wurden endlich die von den Russen gelegentlich ihrer ersten Invasion in Czernowitz verschleppten Geiseln im Austauschwege freigelassen und sie kehrten dieser Tage nach Wien zurück. Unter diesen Geiseln befanden sich auch der jüdische Bürgermeister Dr. Weisselberger und der Chefredakteur Dr. Menczel, welche wohl gerade ihres Judentums wegen nach Sibirien verschleppt wurden. Den Befreiten wurde seitens der in Wien weilenden Bukowinaer ein großartiger Empfang zuteil. Bürgermeister Dr. Weisselberger schilderte in seiner Antwort auf die Begrüßungsansprachen in haarsträubender Weise die Behandlung, welche diesen Geiseln seitens der Russen zuteil wurde. Man habe schon vieles über die russischen Inquisitionsmarter gehört, die Geiseln hatten jedoch jedesmal von neuem erfahren müssen, daß der Schrecken, mag er noch so arg sein, überboten werden könne. Nun sind sie frei. Nach ihren Schilderungen kann man sich erst eine Vorstelhing davon machen, wie es den Tausenden und Abertausenden galizischer Juden ergeht, die von den Russen bei ihrem Abzüge aus Galizien mitgeschleppt wurden. Das Los dieser unglücklichen muß wahrlich himmelschreiend sein. Herr Dr. Menczel äußerte sich unserem Redakteur gegenüber, daß er Gelegenheit hatte, auf seiner Hin- und Zurück Wanderung nach und von Sibirien wie auch über weite Gegenden Rußlands, Vielen dieser Flüchtlinge zu begegnen und sich über ihre Lage zu informieren. In den nächsten Tagen dürfte wohl darüber ein ausführlicher Bericht veröffentlicht werden. * Was die beireiten Geiseln erzählen. Bürgermeister Dr. Weisselberger erzählte über seine Gefangennahme, seinen Aufenthalt in Rußland und seine Befreiung folgendes: Ain 15. September 1914 verlangte der russische Militärkommandant von Czernowitz von mir die Einberufung des Gemeinderates, die ich mit der Motivierung ablehnte, daß de Versammlung infolge der Abwesenheit vieler Mitglieder nicht beschlußfähig sei. Er begnügte sich nun mit der Einberufung des Stadtrates. Am seiben Tage wurde das österreichische Regierungspaiais zum erstenmal vom russischen Zivilgouverneur bezogen. Vor diesem mußte ich auch mit dem Stadtrat erscheinen. Es wurde jedoch ohne Schroffheit mit uns verhandelt. Das war um b Uhr abends. Um halb 2 Uhr irüh wurde ich aus dem Schlafe geweckt. Vor meinem Bette stand ein russischer Offizier, begleitet von zwei Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett und einem Mitglied der Zivilpolizeiwache. Der Offizier hielt mir den Revolver vor die Brust und sagte mir in russischer Sprache etwas, das ich nicht verstand. Den Begleitumständen aber entnahm ich, daß er mich für verhaftet erklärte. Ich war überzeugt, daß dies auf einem Mißverständnis beruhen müsse und daß sich die Angelegenheit vor dem Gouverneur aufklären müsse. Vor dem Tore erwartete mich ein Wagen, in dem man mich zur Wohnung des Staatsanwalts Dr. Lazarus brachte. Dort veilieü der Offizier mit seinen Begleitern den Wagen und sagte zu dem Kutscher: „Wenn er sich rührt, dann erschieß ihn." Dieser Mann stieg aber vom Wagen und ohne ein Wort zu reden, trat er auf mich zu und seufzte. Ich fragte ihn, was ihm so Sorge mache, worauf er erwiderte, daß es ihm um mich leid tue. „Aber fürchten Sie nichts," sagte<er, „es wird Ihnen nichts geschehen!" In einer Weile kam auch Dr. Lazarus herunter, und man setzte ihn neben mich in den Wagen. Auf unsere Fragen nach dem Grunde der Verhaftung .verweigerte, der 'Offizier jede"Antwort! :;Wir wurdet!4 ä^f den Bahnhof gebracht und fanden in einem unendlich schmierigen Wagen 4. Klasse den Reichsratsabgeordneten Dr. Speiutl und den Hotrat Duzinkiewicz. Nach einiger Zeit wurde auch Dr. Menczel herbeigeschleppt. Nach 24stündiger Fahrt reichte uns ein Soldat zum erstenmal etwas zum Essen, und zwar ein Stück Schwarzbrot und einige saure Gurken. Ich vermute, daß er das aus eigener Initiative tat, offiziell gab man uns nichts. Nach einiger Zeit erreichten wir Winenca und wurden nachts in das Polizeigefängnis gebracht. Vom Fußboden des Gefängnisses erhoben sich, als wir eintraten, unbeschreibliche Verbrechergestalten, so daß wir unter dem Eindrucke standen, wir waren in dieses Gefängnis gebracht worden, um dort ermorde« zu werden. Nach einigen Vorstellungen gelang es uns, beim Polize.beamten vorgeführt zu werden und durchzusetzen, daß wir im Vorzimmer des Parteienraumes untergebracht werden. Dabei stellte es sich heraus, daß über unseren Stand nichts in den Papieren enthalten war, die über uns geführt wurden. Nach einiger Zeit erhielten wir merkwürdigerweise die Erlaubnis, in einem Hotel unter Bewachung zu wohnen. In Winenca blieben wir 2V» Monate. Unsere Lage gestaltete sich dadurch erträglicher, daß einer von uns durch irgendeinen Zufall etwa tausend Rubel bei sich führte, die er im Strumpf versteckt hatte. Anfang Dezember kam der Befehl, uns nach Sibirien zu transportieren. Das geschah per Etappe, das heißt zu Fuß in Gesellschaft von schweren Verbrechern und Zuchthäuslern. In den ersten Tagen ging es verhältnismäßig gut. Aber bald zerrissen unsere Schuhe, die einem Marsche von etwa z wanzig Werst per Tag nicht gewachsen waren. Trotzdem mußten wir weiter auf den Strümpfen oder barfuß wie wir konnten oder wollten. Niemand kümmerte sich darum, wie es vorwärts ging. Unser Geld wurde uns allen genommen, aber glücklicherweise gelang es wieder einem von uns, einige hundert Rubel in den Strümpfen zu behalten; hätten wir diese nicht zur Ver- Uberall zu haben! Schicht-Wäsche - Kriegs-Wäsche billigste, schonendste und wirksamste Waschart; Weiche die Wasche mit Wasch-Extrakt ,Frauenlob< einige Stunden oder Ober Nacht ein. Wasche dann wie gewohnt weiter. Nur wenig Seife — am besten Schicht-Seife, Marke „Hirsch" — ist noch nötig, die schönste Wasche zu erzielen. Erspart Arbeil, Zeit, Geld und Seife. Omlnol ist das beste zum Reinigen der Hände und zum Scheuern in Küche und Haus.

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