Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 14 (18.11.1915)
- Date
- 1915-11-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JIMttscKe Korrespomleiiac Nr. 14. Streiflichter. Jakob H. Schiff gegen Rußland. Die „Times" gab kürzlich in einer Kabelrneldung ihres Newyorker Berichterstatters eine scheinbar wörtliche Erklärung Jacob H. Schiffs wieder. Danach habe dessen Firma Kuhn, Loeb u. Co. eine Beteiligung an der Ententeanleihe abgelehnt, weil man ihr die verlangte Zusicherung verweigert habe, daß die russische Regierung nichts von dem Oelde erhalte. Das jetzt vorliegende Original der Erklärung deckt sich wörtlich mit der „Times"- Meldung. Nur fehlt folgende Einschaltung hinter den Worten die „russische Regierung": „gegen deren Unmenschlichkeiten sämtliche Mitglieder meiner Firma von jeher ihre Stimmen erhoben haben". Wer hat den Satz aus zarter Rüchsichtnahme auf russische Oefühle unterschlagen? Der Korrespondent, der Zensor oder die Londoner Redaktion? Aus New-York wird geschrieben: Als die englischen und französischen Delegierten behufs Abschluß der Anleihe hier einlangten, verbreitete sich in den jüdischen Quartalen das Gerücht, daß der bekannte jüdische Philantrop Jacob H. Schiff, resp. sein Bankhaus Kuhn, Loeb u. Comp., sicii an der Anleihe zu beteiligen gedenken. In allen jüdischen Kreisen entstand infolgedessen eine große Aufregung und Mr. Schiff wurde mit tausenden Briefen bestürmt, in welchen er an seine früheren Aeußerungen, daß Rußland der größte Feind der Menschheit ist, erinnert und beschworen wurde, den Freunden Rußlands keinen Cent zur Verfügung zu stellen. Die Stimmung in den jüdischen Quartalen war eine derartige, daß Mr. Schiff sich veranlaßt sah, durch seine Vertrauensmänner alle Gerüchte über seine Beteiligung an der Anleihe zu dementieren. Die Juden Amerikas empfinden als eisie große Genugtuung, daß sie wenigstens auf diesem Wege Rache an dem barbarischen Rußland nehmen und den Petersburger Machthabern zeigen konnten, daß das jüdische Volk doch nicht so ganz wehrlos sei. Die Sehulfrage in Warschau. In Nr. 10 der „Jüdischen Korrespondenz" veröffentlichten wir die Aeußerungen des Reichsratsabgeordneten Dr. Steinhaus über dessen Verhandlungen in Warschau bezüglich der jüdischen Schulfrage. In diesem Berichte heißt es u. a,, daß nach den zwischen den führenden jüdisch-polnischen Kreisen und dem Schulreferenten der deutschen Verwaltung Herrn Dr. Haas getroffenen Vereinbarungen die Einführung des Jargons in den jüdischen Schulen nur ein Uebergangstadium für die vollständige Einführung der polnischen Sprache bilden soll. Wir werden nun seitens des Herrn Abg. Dr. Steinhaus aufmerksam gemacht, daß dieser Satz bloß den Standpunkt der jüdisch-polnischen Kreise wiedergibt, der aber nicht Gegenstand der Vereinbarungen mit Herrn Dr. ebes den letzten Gouverneur Grafen Szeremetiew entführte. Eine Stunde später war ganz Lemberg dekoriert; aus allen Fenstern, von allen Baikonen wehten österreichische, ungarische, polnische und deutsche Fahnen, Kaiserbilder prangten in jedem Fenster. Fässer mit erfrischenden Getränken standen in den Straßen, Süßigkeiten in großen Körben, Blumen ohne Zahl. Endlich erblickten wir die ersten österreichischen Vorposten; ein Jubelrausch ergriff die Menge; ein Blumenregen bedeckte die Soldaten; man überschüttete sie mit Geld, Gold und Juwelen; man küßte ihre Hände, ihre Füße, ihre Pferde. Mit dem siegreichen Einzug unserer Armee nach dem Jubelrausche der glücklichen Befreiung versiegten aber die Quellen zur Erhaltung unsrer Anstalten; wir stehen vor der niederdrückenden Gefahr, sie schließen zu müssen, wenn wir nicht andre Hilfsquellen ausiitnliu machen sollten. Schon erhielt ich in den letzten Tagen die traurige Botschaft, daß einer der Kinderhorte geschlossen werden mußte. Hunderte von verlassenen Kindern lungern schutz- und brotlos in den Straßen Lembergs. Die Mütter tot, die Väter verschleppt oder im Felde; die Kinder in der Fremde, sich seihst überlassen! . . . Meine Damen und Herren! Gibt es ein beschämenderes Bild für die Menschheit als dieses, das hohnlachend der Kultur errtgegengrinst? Und so stehen wir vor schwersten Aufgaben! Doch da wir so vieles überstanden haben, wollen wir nicht die Hoffnung verlieren, daß uns auch aus dieser Not getwlfen wird." Das Publikum, das dem Vortrag mit tiefster Ergriffenheit gelauscht hatte, dankte der Rednerin durch rauschenden Seifelt. Unter dem tiefen Eindruck des Vortrages hatte sich sofort an Ort und Stelle ein kleines Komitee von Damen der Gesellschaft und einigen Abgeordneten gebildet dem auch schon namhafte Spenden zugegangen statt. Herausgeber und veiantworüicher Redakteur: Haas war. Diese Vcr Handlungen hatten nur auf j die gegenwärtigen Verhältnisse Bezug, ohne der Zukunft irgendwie präjudizieren zu wollen. | CrironiJk:. Kuttusvorsteher Baron Louis von Rothschild. Bei der am 14 d. M. abgehaltenen vertraulichen Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes wurden über Vorschlag des Präsidenten Dr. Alfred Stern im Sinne des § 18 (neu) der Wahlordnung nachfolgende Herren in den Kultusvorstand kooptiert: K. k. Hofrat Dr. Josef Löwner, Heinrich Mendel, Dr. Wilhelm Pappenheim, Louis Freiherr von Rothschild und Dr. Rudolf Schwarz- Hiller. Es geschieht zum ersten Male, daß der Chef des Wiener Hauses Rothschild persönlich Mitglied des Kultusvorstandes wird. Bisher war das Haus Rothschild im Kultusvorstande immer indirekt durch einen seiner Prokuristen vertreten. Die Juden in Sibirien. Aus dem bei der Stadt Narim im Gouvernement Tomsk eingerichteten großen Konzentrationslager für die Flüchtlinge aus den Westprovinzen sind plötzlich auf Verordnung der Behörden sämtliche Juden, die zu vielen Tausenden zählen, entfernt und nach Ostsibirien abgeschoben worden. Auf die Notschreie der Verstoßenen hatten die höheren Beamten nur die Antwort, ihnen sei der Erlaß über die Freizügigkeit der Juden noch nicht bekannt gegeben. Narim gehöre zu dem Gebiete, wo den Juden der Aufenthalt verboten ist. Die russische Trommel ans Thora-Pergament. „Egyenlöseg" schreibt: Zwei Zugsführer, und zwar Stefan Sirmai und Franz Weisz, überbrachten dieser Tage dem Pester Rabbiner Dr. Elias Adler eine Kriegsreliquie, welche selbst unter den an Erinnerungsgegenständen dieses an Ereignissen und wunderbaren Wendungen so reichen Weltkrieges sicherlich einen der ersten Plätze einzunehmen verdient. Es ist das eine russische Trommel, welche einen der charakteristischesten Beweise echt russischer Kultur darstellt. Das Leder der Trommel besteht aus Pergament, und zwar aus solchem Pergament, welches aus einer Thorarolle der auch den Christen heiligen Schrift herausgerissen wurde. Der heilige Text, und zwar der im zweiten Buch Moses geschilderte Auszug aus Aegypten, ist deutlich darauf zu lesen, und bloß an jenen Stellen, wo der Tambour auf die Trommel schlug, ist die Schrift etwas verblaßt und verwichst. Da der aus der Thorarolle herausgerissene Teil nicht so breit war wie der Durchmesser der Trommel, wurde er auf beiden Seiten angestückelt. Laut Informationen der Ueberbringer, wurde diese Kriegsreliquie bei Rawaruska erbeutet. Rabbiner Dr. Adler beschloß, dieses Andenken an den Weltkrieg dem ungarisch-jüdischen Museum zur Aufbewahrung zu überweisen. Der Chacham Bäsch! in Jerusalem. Der bisherige Chacham Bäschi in Jerusalem Moses Francko, ist wegen seines hohen Alters von seinem Amte zurückgetreten. Zu seinem Nachfolger ist der Oberrabbiner Danon, zHrzeit in Ismir, ernannt worden, der sein Amt in Kürze antreten wird. ETne Spende der New-Yorker Judeaschaft. Die New-Yorker jüdische Hilfstelle hat der Frankfurter Hilfstelle notleidender Juden in Polen 500.000 Mark gesendet und weitere Beträge in Aussicht gestellt. Die Zeppetiafarcbt in den Synagogen. Verspätet eingelaufene amerikanisch-jüdische Blätter bringen ehre Londoner Meldung, wonach am letzten Kolnidre-Abend die Frattengaksrien sämtlicher Londoner Synagogen geschlossen bleiben mußten und auch in den Männerabteilungen ganz besondere Vorsichtsmaßregeln getroffen, und ein strenges Ueberfüllungsverbot erlassen wurde. Die Polizei bat diese Maßnahmen mit der Befürchtung begründet, daß ein eventueller Zeppelinangriff während des Kolnidre-Gottesdienstes eine Panik hervorrufen könnte, deren Folgen unabsehbar wären. Gleichzeitig wird aus London gemeldet, daß der Lord- Mayor von London in voller Amtsuniforni am Jom-Kippur in einer Synagoge in Whitechapel erschienen sei und eine Ansprache an die Versammelten hielt. Der Lord- Mayor erklärte, daß er über die schreckliche Lage der Juden in Rußland genau informiert sei und sprach die Bereitwilligkeit aus, die Bemühungen wegen Beschaffung eines Hilfsfondes für die russischen Juden mit aller ihm zu Gebote stehenden Macht zu fördern. Wichtiger wäre es allerdings gewesen, wenn der Lord-Mayor von London erklärt hätte, seine sicherlich nicht geringe Macht dafür zu verwenden, daß die russischen Greuel gegen die Juden ein Ende nehmen, daß ihnen endlich die Menschenrechte zugesichert werden, dann wäre die Beschaffung eines Hilfsfonds überflössig. Jüdische und mohamedanlscbe ZeltfeststeUung. Vor kurzem entwarf Herr C. Ludwig im „Berliner Tageblatt" eine anziehende 'Schilderung von der türkischen Feier des Bairamfestes und er wundert sich über den Brauch, daß die Gläubigen beim Kadi als Jona» Kreppet - Buchdrurterel .Metantrich", Wien IX, Zeugen ihre Wahrnehmung über den Mond, Größe, Gestalt usw. zu Protokoll geben und mit ihren Namen und Vatersnamen das Schriftstück unterzeichnen. Es wird zweifellos interessieren, zu erfahren, daß laut Talmud, Traktat feuschhaschonoh, 24, genau nach demselben Vorgang in Palästina vor der Tempelzerstorung das Erscheinen des Neumondes vor dem Oberhaupt des Synhedriums durch die Lichtzeugen bestätigt wurde. Diese Prozedur erschien daher notwendig, weil nach dem Neumond die Jahresfeste festgesetzt wurden. Auch der Name „Bairam", vom persischen „Biran" gleich Bohrei. weist auf das Hervorbrechen des Mondes hin. Die Kriegshygiene in der altjüdischen Literatur. Die „Hygienische Rundschau" enthält eine Studie von dem Wiesbadener Arzte Dr. Ratner, die zeigt, wie die „Alten" über die Kriegshygiene und darauf bezügliches dachten. Bei einer viele Tage belagerten Stadt durfte auch der Sabbath, der im Frieden unter allen Umständen als Ruhetag galt, die Niederzwingung zur Eroberung nicht unterbrechen, sondern die Belagerung war fortzusetzen. An gleicher Stelle wird geboten, in feindlicher Gegend die Fruchtbäume möglichst zu schonen. Dann folgt das Gebot, daß Jungverheiratete von der Kriegsteilnahme auszuschießen seien und ein volles Jahr hievon befreit sind, ebenso Leute, die ein Haus bauen oder einen Weinberg gepfanzt, aber noch nicht in Gebrauch genommen haben. Allzu Aengstliche sollen ebenfalls zuhause bleiben, damit sie die anderen durch ihre Angst nicht ungünstig beeinflussen. An einer anderen Stelle heißt es: „Wenn man eine Stadt belagert, so darf man dies nur an drei Stellen tun, die vierte Seite muß man freilassen, damit jeder, der es will, sich retten und flüchten kann." Die im Kriege Gefallenen werden auf dem Schlachtfelde an Ort und Stelle beerdigt. Von vier Geboten waren die Leute im Kriegslager befreit, unter anderem vom Händewaschen vor dem Essen, das sonst strenge Vorschrift war. Dagegen müssen nach dem Essen die Hände gewaschen werden wegen des in geringen Spuren in Kochsalz enthaltenen „sodomitischen Salzes, das den Augen schädlich werden könnte und Erblindung hervorrufe". Josuah erließ Bestimmungen über die Defäkaktion; hinter jedem Zaun durften die Kämpfer ihre natürlichen Bedürfnisse verrichten; im Feldlager selbst oder auf offenem Felde dürfen natürliche Bedürfnisse nicht befriedigt werden, sondern es ist ein Gebot, einen besonderen Weg dafür herzustellen. Bezüglich der Ausrüstung der Soldaten muß erwähnt werden, daß jeder unter seinen Waffen ein Stöckchen haben mußte, um auf dem dazu bestimmten Platze die Erde aufzugraben und den Auswurf nach Verrichtung des Bedürfnisses einzudecken. Wenn die Heerscharen in ein fremdes Gebiet eingedrungen und es erobert und besetzt hatten, dann dürfen sie alles, auch das sonst als unrein streng Verbotene, ja sogar Schweinefleisch genießen. Ebenso dürfen sie, wenn sie Gefallen an einem Weibe finden, damit Beziehungen eingehen, es aber nicht laufen lassen, sondern müssen es später in die Heimat führen und ehelichen. Neue Bücher. Russischer Volks Imperialismus, von Karl Leuthner. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) Qeb. 1 Mk. Geb. 1 Mk. Karl Leuthners Versuch, die Ursachen des russischen Volksimperialismus klarzulegen, beruht auf einer intimen und anschaulichen Kenntnis der russischen Volkes, der russischen Politiker, der ganzen sozialen Atmosphäre, aus der im letzten Grunde die treibenden Motive der Politiker sich herleiten. Er stellt fest, daß zum ersten Male in russischer Geschichte Ansätze zu einer nationalen Politik vorhanden sind, die weit über den Kreis der Intellektuellen in die kleinbürgerlichen Kreise reichen, und daß es sogar gelungen ist, dem riesigen russischen Bauernvolk den Stimmungsgehalt des moskowitischen Imperialismus in religiöser Verbrämung und Maskierung nahe zu bringen. Man kann ohne Obertreibung sagen, daß nirgends mit solcher Eindringlichkeit und Überzeugungskraft der Nachweis von der Votkswerdung des russischen Eroberergedankens gelührt wurde. Man wird die Bedeutung der Schrift sehr bald erkennen und aus jedem Worte den leidenschaftlichen Politiker und Volksmann heraushören, der berufen zu sein scheint, eine besondere Rolle in dem zukünftigen Österreich zu spielen. Deutsch-Ulfrainisch-(Ru«ien)-Polntech-Russischer Soldaten-Sprachführer von Hauptmann S. Th. Haasmann u. a. Preis 49 Pfg. (in Partien billiger). (Verlag von Hachmeister & Thal in Leipzig.) Zu den Kämpfen an der Westfront machen wir unsere Leser neuerlich auf die ganz vorzügliche Karte aufmerksam, die bei G. Freytag & Berndt, Wien, VII., Schottenfeldgasse 62 (Robert Friese, Leipzig, Seeburgstraße 96), unter dem Titel: G. Freytags Kriegsfcarte von Nordostfrankreich und Belgien, 1:750.000, 70.100 cm groß, zum Preise von K 1.20 M I.—, mit Postzusendung K 1.30 M 1.10 erschienen ist. Settr ubersichtlich und klar gibt das schöne große Blatt eine Darstellung des Gebietes zwischen Rotterdam—Dover— Orleans—Lyon—Straßburg, reicht demnach weit über Paris hinaus. Viele Namen und eine gute Qeltadzeichnung erhöhen den Wert der Karte, die gegen Emsendung, des Betrages (auch in Briefmarken) von Jeder Buchhandlung wie vom Verlage zu beziehen Ist Pramergasse 6. (VeTarrtwortTieh S. OffiiAtrt).