Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 14 (18.11.1915)
- Date
- 1915-11-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Rorpespondenz Preis per Nummer 10 Heller. .vr * « < £M . M « » j Redaktion und Administration: viertdjähriich k 120. Wochenblatt für jüdische Interessen. wien, vm. Aiserstraße 7. Nachdruck mit voller QutlleBaBgabe gestattet. Redakteur: JOfiaS Kreppel. [ E r s che i n t j e d e n D o n n er S tag Hr. 14. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppel. | Erschei nt jeden Donnerstag Redaktion und Administration: Wien, VIII. Aiserstraße 7. Wien, 18. November 1915. I. Jahrgang. Hilfe für die ganzischen Juden. Das Interesse für die Lage der galizischen Juden ist in allen jüdischen Kreisen sehr rege geworden und allseitig werden Aktionen zu ihrem Gunsten geplant und unternommen. Wir konstatieren es mit einer gewissen Genugtuung, daß unser Appell in Nr. 11 der „Jüdischen Korrespondenz" kein Ruf in der Wüste war. Gleichzeitig mit unserem Artikel hat auch der Rabbiner Gedalie Schmelkes von Przemysl, welcher die russische Invasion mitgemacht hatte und die Not der galizischen Juden aus eigener Anschauung kennt, in einem anderen jüdischen Blatte einen warmen Appell in dieser Richtung veröffentlicht und auch in gewissen Wiener jüdischen Kreisen ist eine Aktion auf breiter materieller Basis im Zuge, deren Aufgabe es sein soll, den Flüchtlingen bei und nach ihrer Rückkehr in die Heimat hilfreich unter die Arme zu greifen und ihnen die Wiederaufrichtung ihrer Existenzen beziehungsweise die Schaffung neuer Existenzmöglichkeiten zu erleichtern. Aber auch in Galizien selbst läßt sich eine Regsamkeit in dieser Hinsicht konstatieren. Wie man uns aus Krakau mitteilt, dürfte sich demnächst dortselbst ein Hilfskomitee für Westgalizien konstituieren. Für Ostgalizien soll ein separates Hilfskomitee in Lemberg entstehen. Beide stellen sich sehr breite Aufgaben und es wird beabsichtigt, die Aktionen mit der wünschenswerten Energie zu führen. Indem wir all diese geplanten und in Aus- ^ty^'f^ asörar^amairiaas Wfrmsfe begrüßen, können wir nicht umhin, gleichzeitig zu bemerken, daß vielleicht eine Verständigung all dieser Komitees mit einander und ein gemeinsames, systematisches Arbeiten wünschenswert und zweckentsprechend wäre. Mag auch aus lokalen Rücksichten eine Dezentralisierung notwendig sein, so trifft dies bloß bis zu einer gewissen Grenze zu. Im allgemeinen könnte eine einheitliche Aktion viel mehr, auftun und segensreichere Erfolge erreichen. Und noch eines: Die geplanten Aktionen müssen von jeder Einseitigkeit frei sein. Es geht nicht an, daß in einer solch wichtigen Angelegenheit einige Leute* die von Vornherein eine bestimmte Parteimarke tragen, sich zusammentun und sich der Oeffentlichkeit als allgemein-jüdisches Komitee präsentieren. Derartige Aktionen können kein Vertrauen erwecken und müssen im Vorhinein als verfehlt betrachtet werden. Es ist jetzt nicht an der Zeit, Parteiinteressen zu verfolgen — dafür wird es in ruhigeren Zeiten noch genug Gelegenheiten geben — und Hilfskomitees müssen auch auf ihre Zusammensetzung mehr Bedacht nehmen. Von schätzenswerter Seite wird eine Anregung gemacht, die wir gerne der Oeffentlichkeit übergeben. Ebenso, wie sehr viele galiziscfae Juden infolge der Kriegsereignisse so unendlich gelitten haben, ebenso gibt es eine gewisse Gruppe galizischer Juden, die gerade während des Krieges glänzende Geschäfte gemacht und viel Geld erworben haben. Man keim* in jeder Stadt die Namen dieser Personen und man weiß beiläufig, wie hoch ihre Gewiimsie einzuschätzen sind. Es wäre nun recht und billig,, wenn diese sich selbst eine Art moralischer Kriegssteuer zugunsten ihrer vom Kriege so schwer betroffenen Brüder auferlegen sollen, Man spricht ja in allen kriegführenden Staaten davon, eine Kriegsgewinnsteuer einzuführen and in manchen Ländern geht man bereits m s<üe Durchführung dieses Planes. Die jidisch^tf Hilfskomitees besitzen wohl keine gesetzliche Exekutive, sie haben nicht die Möglichkeit, irgend jemandem Steuern aufzuerlegen. Die moralische Pflicht ist aber oft viel stärker als jeder Zwang und wir wollen hoffen, daß unsere durch den Zufall und die Kriegsereignisse reich gewordenen Brüder ihrer atmen, durch den Zufall und die Kriegsereignisse so hart mitgenommenen Glaubensgenossen «cfct vergessen werden. Die Kammer wählen in Griechenland und die Juden. (Brief aus Saloniki.) Die Intriguen Veniselos', welcher gegen den Willen des Königs und gegen die Interessen des griechischen Volkes die griechische Armee der Entente zur Verfügung stellen; wollte, haben neuerdings zu seinem Sturze gej führt. Nachdem er trotzdem das Spiel nicht : verloren geben wollte und gestützt auf die bei | den letzten Kammerwahlen errungene Majori-! tat der Regierung Schwierigkeiten zu machen versuchte, sah sich der König gezwungen, die Kammer aufzulösen und neuerdings an das Volk zu appellieren. Die große Erbitterung, welche in ganz Griechenland infolge der Uebergriffe der Entente herrscht, läßt erwarten, daß diesmal das griechische Volk Veniselos die Gefolgschaft versagen und der Entente ein für allemal zu verstehen geben wird, daß sie in Griechenland nichts zu suchen hat. Die Frage, die bei den im nächsten Monate stattfindenden Kammerwahlen entschieden werden soll, ist eine allgemein politische und hat für uns Juden zunächst nur so viel Interesse, als wir einen Sieg der Entente, zu welcher auch Rußland gehört, absolut nicht wünschen können und infolgedessen ist für die Juden Griechenlands die Richtlinie für ihr Verhalten bei den Wahlen gegeben. Gebieten schon die Interessen des Vaterlandes und die Treue zum König den griechischen Juden, bei den künftigen Wahlen in erster Linie die Kandidaten der Regierungspartei zu unterstützen, so legt ihnen das Interesse der gesamten Judenschaft erst recht die Pflicht auL mit ihren Stimmen liür "M^ helfen, damit dem Erbfeinde des jüdischen Volkes, dem brutalen, barbarischen Rußland keine wie immer geartete Stütze oder Hilfe zuteil werde. Bei den letzten Wahlen haben auch die Juden Griechenlands überall für die Regierungskandidaten gestimmt. Eine teilweise Ausnahme machten hiebei nur gewisse jüdische Kreise Salonikis, welche mit ihren Stimmen den Veniseloskandidaten zum Siege verholfen haben. Sie taten dies beileibe nicht, um Venizelos Ententepolitik ihr placet zu geben, sondern aus Dankbarkeitsgefühl für Veniselos, der bei der Einverleibung Salonikis an Griechenland sich der dortigen Juden angenommen hatte und ihnen nicht nur Schutz gegen gewisse Feindseligkeiten des aus Konkurrenzneid aufgestachelten Pöbels gewährte, sondern ihnen auch die vollste Gleichberechtigung und die Berücksichtigung ihrer speziellen Interessen verschaffte. Man mag über die damalige Haltung der Salonikier Juden wie immer denken, man mag die Pflicht der Dankbarkeit wie hoch einschätzen — muß doch den Juden Salonikis gesagt werden, daß sie diesmal eine andere Haltung bekunden müssen und nach den Stimmungen in den jüdischen Kreisen zu urteilen, kann auch mit Sicherheit gerechnet werden, daß sie diesmal ihre Stimme für den Sieg der Regierungskandidaten in die Wagschale werfen werden. In solchen ernsten Momenten, da über die Zukunft des Vaterlandes entschieden werden soll, da die Interessen der gesamten Judenschaft auf dem Spiele stehen, da müssen und werden alle Motive persönlicher Natur in den Hintergrund treten. Die Juden Salonikis haben bei den letzten Wahlen ihre Dankbarkeitspflicht gegenüber Veniselos erfüllt — diesmal werden sie anders handeln. Für die Juden Griechenlands haben die letzten Ereignisse auch noch andere Fragen aufs Tapet gebracht. Nach dem Balkankriege wurde den Juden in Neu-Griechenland die Befreiung vom Militärdienste während mehrerer Jahren konzediert, da ein Teil derselben sich mit Auswanderungsabsichten herumgetragen hat, andere wiederum ausländisches Staatsbürgerrecht besaßen und sich die Freiheit über die eventuelle Annahme des griechischen Staatsbürgerrechtes vorbehielten. Es geschah dies deswegen, weil diese Juden, die sich unter türkischer Herrschaft aller Freiheiten and Rechte erfreuten, angesichts der Haltung eines gewissen Teiles der griechischen Presse um ihre Zukunft besorgt waren. Diese Besorgnisse haben sich wohl als unbegründet erwiesen, aber die erwähnte Konzession blieb bis auf weiteres in Kraft. Nunmehr kursieren Gerüchte, daß die griechische Regierung die Absicht habe, die Juden Neu-Griechenlands zum Militärdienste heranzuziehen. Die Juden werden natürlich mit Freude zu den Waffen eilen, wenn es sich um die Verteidigung ihres Vaterlandes handeln sollte. Es wäre ihnen aber höchst peinlich, eventuell zugunsten der Entente zu den Waffen greifen zu müssen. Sie hegen jedoch das Vertrauen, daß es dazu nicht kommen werde. Die energische Haltung des Königs und der Regierung bieten ihnen die Gewähr, daß die griechische Armee nicht ins Schlepptau der Entente geraten wird. Die Engländer und die Franzosen, die sich früher gewisser Sympathien in Griechenland und auch unter den dortigen Juden erfreuten, haben diese infolge ihrer jedem Völkerrechte hohnsprechenden Vergewaltigung der griechischen Unabhängigkeit vollständig verscherzt. Die Bevölkerung von Saloniki verhält sich streng ablehnend gegenüber diesen ungebetenen Gästen, trotzdem diese einen Goldstrom mitgebracht haben, und auch die Juden, welche vorzüglich als Hafenarbeiter und Händler von der Landung so großer Truppenmassen Vorteil ziehen könnten, verhalten sich überaus reserviert. Die Freunde Rußlands können auf jüdische Sympathien nie rechnen, selbst wenn sie hiefür mit blankem Golde bezahlen und am wenigsten sind die Nachkommen der Märtyrer aus Spanien dafür zu haben. S'phardi. V*^8«!RKi*iMW*ES^^ Dringende Gegenwartsaufgaben in Polen. Der „Israelit" schreibt: Man ist heute geneigt, im polnischen Juden ein nahes Zukunftsproblem zu sehen, und man sucht sich durch Vorträge und Literatur, zuweilen auch durch eigene Anschauung der Dinge an Ort und Stelle das nötige Verständnis zu verschaffen für die Fragen und Erscheinungen, die mit dem ersten Regenbogen nach dem Weltgewitter am jüdischen Horizonte auftauchen werden. Die wenigsten denken aber daran, daß es im okkupierten Polen auch Gegenwartsfragen in Menge zu lösen gibt und Augenblicksproblerne, die ein rasches Handeln dringend erheischen. Daß wir es gleich mit der ganzen tragischen Deutlichkeit heraussagen: In Wilna, Warschau und anderen Zentren des früheren Judenrayons sind Hunderttausende von jüdischen Flüchtlingen der bittersten Not ausgesetzt, dem Hunger in seiner einfachsten und darum grausigsten Form. Wie sich diese Golusheere in den Städten angesammelt haben, ist noch in guter trauriger Erinnerung. Die russischen Armeen entschlossen sich bekanntermaßen zu der Taktik von 1812 und „lockten" den Feind über Weichsel und Njemen bis zur Düna und noch weiter. Daß der Deutsche die Rolle des großen Korsen von dazumal so schlecht spielte und ganz daran vergaß, über die Beresina wieder die Flucht zu ergreifen, ist wahrlich nicht die Schuld des braven Nikolajewitsch. Er hatte es gut gemeint. In Bezug auf die jüdischen Bewohner an den Heeresstraßen Litauens und Polens verfolgten aber die „russischen Helden" nicht die Taktik von 1812, sondern die von 1096 oder die des heiligen Kosakenvaters von 1600, Chmelnitzki. Mordend und sengend flohen die geschlagenen Scharen durch das Land und schleppten alles mit, was den einziehenden Deutschen irgend von Nutzen sein konnte: Metall, Getreide und — die Juden. Dieses intelligenteste, rührigste und betriebsamste, mehr oder weniger deutschsprechende Menschenelement durfte sich der Feind so wenig zunutze machen, wie die Brücken, Maschinen und industriellen Betriebe. Auch diese lebende Brücke zu einer neuen Zeit von Licht und Freiheit mußte gesprengt werden. Was nicht vernichtet werden konnte, wurde in Waggons als Fracht verladen und weiter geschoben. Viele aber, die die nötige Voraussicht und Mittel hatten, gin-