Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 13 (11.11.1915)
- Date
- 1915-11-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Jlidlsche Korrespondenz Seite 3 Am Vorabend des Sabbath wird es feierlich j im Hause des polnischen Juden. Der Leuchter : wird angezündet, man wandelt, Qebete murmelnd, um den Tisch, dann setzt man sich zum . Festmahl. Qeht man an solchen Abenden durch den Ort, so findet man keinen Juden auf der Straße, aber alle Fenster sind festlich erleuchtet und drinnen sieht man die Familien um den Tisch sitzen, auf dem der heilige Leuchter brennt. Am Sabbathmorgen sieht man dann die langbärtigen Gestalten, angetan mit dem besten Kaftan, unter dem Arm die heiligen Bücher, langsam zum Tempel wandern. Am Sabbath verrichtet der Jude keinerlei Arbeit. Seinen Kaufladen muß er auf militärischen Befehl offen halten. Er muß auch Kunden bedienen. Aber durch nichts ist er zu bewegen, eine Rechnung zu unterschreiben. Ja, viele weigern sich den Geschäftsstempel aufzudrücken und ersuchen den Käufer, das selbst zu besorgen. Oft auch hielt mir der Ladeninhaber die üeldschalen hin, damit ich mir selbst das Geld herausnahm. Nichts hat die Juden in Sanok so empört, als daß die Russen sie zwangen, am Versöhnungstag Brot zu backen. Sehr peinlich werden auch die Speisevorschriften eingehalten. Oft ersuchten uns unsere jüdischen Quartiergeber, nicht auf ihrem Herde zu kochen. Einen Kochtopf herleihen — nie! Eines muß noch gesagt werden: wenn wir in Galizien eine Auskunft wünschten, über den Weg, über die augenblickliche Kriegslage, wo Heu zu kaufen sei, wo man Vieh haben könne — so wendeten wir uns immer an den polnischen Juden und konnten eines Bescheides sicher sein. Er weiß alles und gibt wahrheitsgetreue Auskunft, freilich oft nur widerwillig und nach längerem Hin und Her. Von ihm brauchen wir nie Verrat zu fürchten, in seinem Hause schliefen wir stets sicher. Der Russe ist sein Erbfeind. Der Jude und der Pole waren die einzigen in Galizien, die treu zu Oesterreichs Sache hielten. Und wir hätten in jenen menschenleeren, verlassenen Gegenden vieles entbehren müssen, wenn der polnische Jude nicht auf seinem kümmerlichen Leiterwagen Proviant herbeigeschleppt hätte. Man muß sie kennen gelernt haben, diese seltsamen Menschen, in allen Lebenslagen, in Glück und Unglück, in ihrer Heimat, um sich ein richtiges Urteil zu bilden über ihre häßlichen und ihre schönen und edlen Eigenschaften. Erich Sieghardt.' (Aus d. *M. N. N.") Die Woche. Thronfolger und jüdische Massendepuiaiion. Dem Feldpostbriefe eines jüdischen Hauptmanns von der wolhynischen Front entnehmen wir folgende Schilderung: „Der gestrige Tag wird uns unvergeßlich bleiben, brachte er uns ja den Besuch unseres Thronfolgers. Daß sich der hohe Gast durch sein Aufireten alle Herzen im Fluge erobert hat, brauche ich nicht erst hervorzuheben. Aeußerst sympatisch und lieb als Mensch, schön und mild, findet er für jeden ein gutes Wort. Zunächst vollzog sich vor der ausgerichteten Front der militärische Teil der Feier. Mir war es als AmateurpHotographen gegönnt, die ganze Zeit über in der Nähe des Thronfolgers zu verweilen. Nach der offiziellen Begrüßung wurde die Truppe eingehend besichtigt, sämtliche Offiziere und die dekorierte Mannschaft mit Ansprachen beehrt, worauf der Thronfolger persönlich einer Reihe von Soldaten die Auszeichnungen an die Brust heftete. Am Eingang des Städtchens war eine Triumphpforte errichtet und neben derselben erwartete die gesamte jüdische Bevölkerung des russischen Städtchens P. den Thronfolger, um ihm ihre Huldigung darzubringen. Beiderseits der Straße war ein dichtes Spalier gebildet. Links standen die festlich gekleideten Mädchen, die ersten zwei hielten ein großes, mit Reisig bekränztes Kaiserbild in Händen. Rechts stand die Vertretung der jüdischen Gemeinde, die angesehensten jüdischen Bürger verschiedenen Alters. Einer hielt ein silbernes Tablett mit Salz und Brot, daneben befand sich ein Baldachin, unter dem "Vorsteher und Rabbiner, mit dem Tallis umhüllt, die Thora trugen. Hinter der Repräsentanz hatte sich die ganze Kehilla, an 900 Köpfe, versammelt, alles schön geordnet und im Sabbatgewand. Scheinbar wußte der Thronfolger nichts von dieser Huldigung, denn das Auto hielt erst im letzten Augenblick. Nun traten die Aeltesten vor, reichten dem hohen Gast Salz und Brot als Willkommgruß, der Rabbiner sprach einen Segensspruch, ein anderer Herr einige Begrüßungsworte, die der Thronfolger in herzlicher Weise beantwortete, worauf er sich mit den Mitgliedern der Deputation leutseligst unterhielt. Dann wandte er sich zu den Mädchen, nahm von denselben eine Huldigungsadresse entgegen, bedankte sich ebenso herzlich und setzte dann unter brausenden Hochrufen der Versammelten die Fahrt fort. Die Huldigung trug einen echtjüdischen Charakter und machte auch auf die vielen Offiziere, die dieser spontanen Kundgebung beiwohnten, einen ausgezeichneten Eindruck ..." Vergebliche Mühe. Die Pariser „Lanterne" vom 16. Oktober schreibt, die amerikanischen Juden hätten zwar Sympathien für England und Frankreich, aber diese würden überwogen durch die Abneigung gegen Rußland. Daran seien alle Versuche Rußlands, eine Anleihe in Arherika unterzubringen, gescheitert. Die jüdische Presse habe bis vor kurzem keine bestimmte Partei ergriffen, jetzt trete sie offen für Deutschland ein. Es sei höchste Zeit, eine nachhaltige Propaganda unter den Juden zu eröffnen. Vor allem sei es von Wichtigkeit, sie zu überzeugen, daß die Versprechungen des Zaren keine leeren, durch die Not erpreßten Redensarten seien, sondern durch seine edlen Verbündeten zweifellos garantiert und aufrecht erhalten würden. Wer's glaubt, wird selig! . . . Streiflichter. Es bleibt alles beim Allen. Ein aus Rußland zurückgekehrter hoher dänischer Beamter, der durch seine philosemitischen Bestrebungen bekannt ist, macht dem Korrespondenten der „Telegraphen-Union" über die Lage der russischen Juden u. a. folgende Angaben: Die Behauptung der russischen Offiziellen, daß durch Maßregeln das furchtbare Schicksal der Juden in Rußland verbessert werden solle, ist unwahr. Die liberalen Parteien haben sich zwar in den letzten Monaten mit der Judenfrage beschäftigt, doch hat die Auflösung der Duma den Bemühungen von dieser Seite ein jähes Ende bereitet. Die jetzt allein maßgebenden Kreise in Rußland bestärken den Antisemitismus in der unerhörtesten Weise. Nicht allein, daß mit offiziellen Geldern längst eingegangene Hetzblätter, wie der „Weiße Adler", ins Leben zurückgerufen worden sind, ist auch noch speziell für Petersburger Zwecke eine neue Zeitung gegründet worden, die „Semstschina", ultrakonservativ u. ultraantisemitisch. Die Leitartikel dieses Blattes sind derartig, daß sie die Mißbilligung anderer Blätter finden. Die Semstschina fordert täglich in gratis verteilten Exemplaren zu Pogromen auf und schreibt den Juden als vaterlandsverräterischen Spionen in deutschem Solde die alleinige Schuld an Rußlands Unglück zu. Die Juden, die das Unglück hatten, an Orten zu wohnen, die von dem russischen Heere auf dem Rückwege passiert wurden, erfuhren eine geradezu unmenschliche Behandlung. Hunderte von ihnen wurden gekreuzigt. Bei der großen Flucht aus Warschau wurden die Juden aus den Zügen geworfen und in den unendlichen Sümpfen ihrem Schicksal überlassen. Die meisten Stadtverwaltungen verwehren flüchtigen Juden Unterkunft in der Stadt, so daß die Bedauernswerten seit Monat«« außerhalb des Weichbildes in Erdhütten kampieren müssen. Den jüdischen Zeitungen ist das Erscheinen entweder überhaupt verboten, oder sie dürfen mit keinem Worte Anspielungen auf die entsetzlichen Verhältnisse machen. Ehrenhalle der k. k. Landwehr, des k. k. Landsturmes und der k. k. Gendarmerie. Ausgabe des ersten Heftes. — Die Angehörigen der k. k. Landwehr, des helliäuser erhalten, die ganz zu dem reizvollen Bild passen, das die gras- und epheuüberwucherteu Grabsteine darbieten. Es ist noch nicht allzulange her, daß man den alten Friedhof, der mit zu dem Schönsten zählt, was von Altfrankfurt übriggeblieben ist, unter Denkmalschutz gestellt hat. Der Wormser Judenfriedhot ist älter, der Präger berühmter. Aber in seiner geschlossenen Einheit dürfte der Frankfurter fast einzigartig dastehen. Dieser Tage fand man Gelegenheit, das alte Gräberfeld unter fachmännischer Führung zu begehen. Prof. Julius Hülsen, der künstlerische und technische Beirat des vor mehr als zehn Jahren gebildeten Komitees zur Erhaltung dieses altehrwürdigen Kunst- und Kulturdenkmales, hatte einen kleinen Kreis dazu eingeladen. Das genaue Alter des Friedhofes dürfte kaum mehr festzustellen sein, aber man darf annehmen, dal.1 er urn die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts entstanden ist. Schon in jener Zeit war der Friedhof mit wehrfähigen Mauern umgeben; bei den verschiedenen Judenverfolgungen bildete er oft die letzte Zufluchtsstätte der Ghettobewohner. Seit 1828, seit der Eröffnung des neuen Friedhofs im Norden der Stadt, ist der alte geschlossen. Bisher hat man rund siebentausend Grabsteine registriert. Die ältesten stammen aus dem Jahre 127t1. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts lassen sich etwa sechzig Steine nachweisen. In anderen alten Friedhofe!' trifft man da und dort auch Sarkophage, hier finde; man nur schmale Grabsteine, die in dieser Qrundiorm einander gleichen und sich nur durch ihre Verzierung kung, die sich wohl auf den begrenzten der Ghelrogemeinschaft zugewiesenen Raum zurückführen läßt, liegt die wundervolle Einheitlichkeit des Gräberfelds. Und wie die natürliche Wucherung von Bäumen und Pfkiuten eine Fundgrube für den Botaniker darbietet, so die übermoosten Steine ein künstlerisches Material, das in dieser Reichhaltigkeit und Stilechtheit nicht leicht wiedergefunden wird. Die ältesten Denkmäler gehören der romanischen Formensprache an, die jüngsten zeigen Biedermeiercharakter. Der bildnerische Schmuck erschöpft sich in ornamentalen Umrahmungen und Bekrönungen. in „Wappen" und Rosetten. Jeder Stein trägt aui der Stirnseite das alte Wappen der Familie, das jeweilig den Hauszeichen in der alten Judengasse entspricht, Haus- Feuilleton. Der Tag des Gerichts. Von Z. B. A. Seit Monaten schon war Rabbi Izik Schochet auf dem Schlachtfeld. Aus allen Kämpfen und Gefechten ging er unverletzt hervor, als ob ihn eine unsichtbare Hand schirmend beschützt hätte. Er war auch heilig und fest überzeugt, daß dies so sein müsse. Wer konnte ihn denn sonst in seiner Gemeinde bei seinem heiligen Beruf vertreten. Wer war imstande, so herzergreifend die heiligen Melodien an den heiligen Tagen vorzubeten und durch erhebenden Gesang heilige Stimmung zu wecken und etwas von der erhebenden Größe der heiligen Tage vor die Seele der stillen Beter zu zaubern .... Er — das fühlte er — habe einen hehren Beruf, und dürfe keiner russischen Kugel zum Opfer fallen. Mit diesem tiefen Vertrauen ging er bewußt seiner Pflicht nach; war der erste beim Stürmen und fehlte nie, wo es galt, durch einen gefahrvollen Patrouillengang seiner Kompagnie zu dienen. An einem Herbstmorgen wurde er zur Rekognoszierung ausgeschickt. Es dämmerte u. beim bleichen Schein ein gottliches Gebot erfülle, indem er den ruchlosen Feind vertilge. Er fühlte, daß er mit dieser Horde, die seine Heimat verwüsten und seine Brüder vertilgen wollte, einen persönlichen Strauß auszukämpfen habe, dieser Krieg war seine urpersönliche Sache, und darum fühlte er einen wonnigen Graus, wenn er seine Kugel abfeuerte und ein Kosak entseelt vom Rosse purzelte; sein Brüder waren von einem Mordbanditen befreit. An einem Herbstmorgen wurde er zur Rekognoszierung ausgeschickt. Es dämmerte und beim bleichen Schein der ersten Strahlen konnte man das hügelige Gelände bis tief ins Tal hinein ganz gut überblicken. Sein Ziel fest im Auge behaltend ging er seinen Weg. Er schritt über wel-.l kes Laub hinweg und erinnerte sich, daß jetzt Roschhaschono sei; der Tag des Qerichts, an dem der Spruch über alles Lebende gefällt wird; an dem der Weltenlenker urteile, was am Leben bleiben und was dem Tod verfallen, was da siegen und was.unterliegen solle. Der ganze heilige Schauer des großen Tages zitterte durch seine Seele. Er sah sich.in Oedanken zuhause, in der kleinen, niedlichen, voifepfropften Synagoge, beim Betpult, an dem es sich so unnachahmlich ernst andachtsvoll beten läßt, um stilles Glück, Brot. Fried und Freud .... Er fühlte, daß er auch dieses Jahr glücklich durchkämpfen und sein Leben in die Zukunft hinüberretten werde. Nur die hunderttausend Toten, die blutigen Menschenopfer der Zeit und Die durch ihn hinsanken leblos, Die ließen ihn nicht ruhen. Es war ihm unbegreiflich und schien ihm wie ein böser Traum, daß er, der beim Töten eines Huhnes zusammenschauderte, seit einem Jahre auf Mensehenjagd ausgehe, töte. Zerknirscht und gebeugt betete er still vor sich hin: „Unser Vater und König! Wir sündigen vor Dir!" Dann flüsterte er: „Unser Vater und König! Zerstöre Du den Ratschluß unserer Feinde Schüsse krachten. Vom Dickicht beschoßen russische Posten die Patrouille. Bald standen sich die Feinde gegenüber. Es ging aufs Messer. Rabbi lzik war geschickter; er durchbohrte seinen Gegiier mit dem Bajonett. Der Russe sank und seufzte mit ersterbender Stimme: „Unser Vater und König! Wir sündigten vor Dir!" lzik dachte an sein Heim, die Synagoge, den Jomhadin und an sein wallendes Sterbegewand, das an Auferstehung, an himmlische Freude und ewigen Frieden gemahnt und — verröchelnd sank er hin ... . Eine Kugel durchbohrte sein Herz in dem Momente, als in der niedlichen Dorfsynagoge seiner Heimat der Vorbeter das gewaltig erschauernde Gebet rezitierte vom Roschhaschono, an dem geschrieben, vom Jomkipur, an dem besiegelt wird, was da leben und was sterben solle . . . ." — (Der Israelit). Der alle Judenfriedruof in Frankfurt- Di e „F. Z." schreibt; Es sind nicht allzu viele, die den alten Judenfriedhof am Börneplatz in Frankfurt aus eigener Anschauung kennen. Die meisten haben, nur seine häßliche graue Mauer in Erinnerung, was aber dahinter liegt, ist nur wenigen zu Gesicht gekommen. Das ist ein Schatz von fast märchenhafter Schönheit, ein versonnener Winkel, über den so etwas, wie; ßhettostimmung gebreitet ist. Rundum schauen hohe Häuser herein, im Osten ragt eine häßliche Brandmauer auf. Nur nach Süden hin, neben der Synagoge, haben sich alte beschieferte Qie-