Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 12 (4.11.1915)
- Date
- 1915-11-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12. Jüdische Korrespondenz Seite 3 dem Eintritt der Türkei in den Weltkrieg, sondern schon mit dem Ausbruch des europäischen Krieges, am 1. August 1914, ein. Palästina ist ökonomisch noch kein sich selbst genügendes Land. Es ist auf den Absatz seiner Pflanzungsprodukte außerhalb des Landes angewiesen und noch mehr auf den Zufluß von Kapitalien für ländliche und städtische Anlagen. Auch die Kreditinstitute in Palästina sind aufs Engste mit europäischen Banken verbunden. Der Krieg brachte eine fast völlige Isolierung des Landes. Der Absatz war unterbunden, auch die Zufuhr von notwendigen Lebens- und Produktions-Mitteln, wie Zucker, Petroleum und Kohle. Der Kredit im Lande und der Geldumlauf waren auf das Schwerste erschüttert und die Krise wurde durch die Schließung der Jüdischen Bank, der Anglo-Palestine-Company durch die türkische Regierung, noch gesteigert. Die meisten Kolonisten und Unternehmer mußten ihre Arbeiten einstellen, und so war urucKende Arbeitslosigkeit die unmittelbare und schwerste Folge für die jüdischen Arbeiter in btaat unü Land. In dieser ernsten Situation zeigten uie gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Arbeiterschaft ihre Fähigkeit zur beibsthilie und bemerkenswerte Umsicht. Vor allem aber eine erstaunüche proletarische Solidarität. Der genossenschaftliche Zusammenschluß, der schon in Friedenszeiten in Palästina zu großer Bedeutung gelangte, hat sich auch im Kampfe gegen die schweren Krisenerscheinungen bewährt. In den Kolonien entstanden Arbeitsgenossenschaften, üie mit Pflanzungsbesitzern Pachtverträge abschlössen und die Pflege ihrer Gärten für ein jähr übernahmen. Auch in den Städten bildeten die arbeitslos gewordenen qualifizierten Arbeiter Prouuktivgenossenschaften und Akkordgruppen, um Privataufträge, sowie öffentliche Arbeiten direkt zu übernehmen und auszuführen. Die gesellschaftlichen Institutionen sind der Arbeiterschaft in dieser Beziehung entgegengekommen, so der Jüdische Nationalfonds und der amerikanische Hilfsfonds, indem sie eine Reihe von Ameliorationsarbeiten, Häuserbauten, Nivellierungsarbeiten und Wegebauten in Jaffa, Haifa, sowie in einigen Kolonien in Angriff nahmen. Den Mittelpunkt der Organisierung der genossenschaftlichen Gruppen bildete das Arbeit s-b'H-r e a u des Palästinaarbeiterfonds in Jaffa. Es sorgte für den Arbeitsnachweis und vermittelte zwischen den Genossenschaften und den Leitungen der verschiedenen Land- und Siedlungsgesellschaften, sowie den Gemeinde- und Kolonie-Verwaltungen1. Was den Arbeitern fehlte, waren oft Kredite zur Anschaffung von Rohstoffen für Werkzeuge und Betriebskapital. Hier griff sehr wohltätig der Palästinaarbeiterfonds ein, der allerdings infolge des Krieges seine Eingänge aus Europa einbüßte, für den aber speziell in Amerika im abgelaufenen Kriegsjahre eine sehr lebhafte und Feuilleton. Jüdische Fürslengeschlechler im Kaukasus. Wie kürzlich berichtet wurde, ist Großfürst Nikolaus von Rußland bei seiner Ankunft in Tiflis von einer Abordnung der kaukasischen Fürstengeschlechter unter Führung des Fürsten Bagration-Imeretinsky begrüßt worden, die ihm ihre Treue und Anhänglichkeit an den Zaren zum Ausdruck brachte. Ob Großfürst Nikolaus, so fragt die „Frankfurter Zeitung", der in diesem Kriege die Juden Westrußlands und Galiziens so unmenschlich behandelte, bei diesem Empfange wohl daran gedacht haben mag, daß ihm in den kaukasischen Fürsten, deren Huldigung er gnädig entgegennahm, Abkömmlinge der ältesten jüdischen Familien des russischen Reiches gegenüberstanden? Denn es gibt im Kaukasus kein Fürstengeschlecht, das seinen Stammbaum nicht bis in die fernsten Zeiten der jüdischen Geschichte zurückführt, und es ist eine historisch beglaubigte Tatsache, daß die Juden vor mehr als zweiundeinhalb Jahrtausenden in den Kaukasus kamen. Nachdem der assyrische König Tiglat-Pileser das israelitische Nordreich niedergeworfen hatte, verpflanzte er nach der Kriegssitte der damaligen Zeit die Ueberwundenen nach einer entfernte« Gegend seines Reiches, und er wählte dazu die Gebirgstäler des Kaukasus, der damals zu Assyrien gehörte. Durch Zuzug aus Babylon, später auch aus Palästina, wurde die Zahl der im Kaukasus lebenden Juden ständig vermehrt, und ihr Ansehen wuchs ganz außerordentlich, als mehrere der eingeborenen Völkerschaften, darunter die wichtigen Chazaren, den jüdischen Glauben annahmen. Als der Istam auf seinem Eroberungszug auch nach dem Kaukasus kam, fielen die bekehrten Völkerschaften vom Judentum ab, mit ihnen auch ein Teil der jüdischen Stämme, die sich nach der Eroberung des Kaukasus darch die Russen dem orthodoxen Glauben zuwandten. erfolgreiche Agitation entfaltet wurde. Das New-Yorker PaIästina*-Comite der Poale-Zion stellte für die erwähnten Zwecke dem Jaffaer ßureau Frs. 18.000 zur Verfügung. Die städtischen gewerkschaftlichen Gruppen und Arbeiterklubs organisierten L e i h- Kassen, an denen sich auch Handwerker beteiligt haben. Auch in diesen r allen hat der Palästina-Arbeitertonds einen Teil des Gründungs- Kapitals vorgeschossen. Außerdem erlegte er, eoenso wie m Friedenszeiten, für mehrere Genossenschaften bestimmte Beträge als Kaution und leistete für sie Garantie bei anderen Kredit-Instituten. Genossenschaftlich organisierten sich die Arbeiter auch als Konsumenten. Schon in Friedenszeiten erhielten in den Städten die Klubs und in den Kolonien die Arbeiterkomitees oft Arbeiterküchen. Im Kriege war die Notwendigkeit billiger Nahrung umso dringender, und so entstanden überall K o n s u m-G enossenschatten aller Art, zumeist mit Hilfe von Vorschüssen seitens des Falästina-Arbeitertonds. In Jaffa, Haifa, Jerusalem, Pethach Tikwah, Ness Ziona, Rechoboth, Beer Jacob und in mehreren anderen Ortschaften, entstanden Arbeiterküchen, genossenschaftliche B äc k e r e i e n und Wäschereien. Dabei betätigten die beschäftigten Arbeiter ihre Solidarität mit den Arbeitslosen im weitesten Umtange. in den meisten Kolonien schloßen sich die Arbeiter zu Kommunen zusammen. Die vorhandene Arbeitsgelegenheit wurde auf alle Arbeiter gleichmäßig verteilt. Für die Arbeiterrinnen mußte gesondert gesorgt werden. Sie fanden Beschäftigung in den erwähnten Konsumanstalten, sie schloßen sich aber auch zu kleinen Produktiv-Genossenschaften für die Erzeugung von Gemüse zusammen. Die Steigerung der Eigenproduktion zur Sicherung der Lebensmittelversorgung ist überhaupt das aufallendste Merkmal der Bemühungen der ganzen jüdischen Gesellschaft Palästinas, die Schwierigkeiten der Krise zu mildern oder zu überwinden. Auch auf diesem Gebiete bewährten sich die Genossenschaften in hohem Grade, Ländliche Produktivgenossenschaften bestehen bekanntüch in Palästina schon seit Jahren, vor allem in Unter-Galiläa auf den Grundstücken des Jüdischen Nationalfonds. Die bekanntesten sind die Genössenscbaften M s!r'c ti ä,w j a h und D aganiah. Die Arbeiterbetriebe haben durch ihre Lieferungen von Getreide, Gemüse und Milch wesentlich dazu beigetragen, die Lebensmittelnot zu mildern, vor allem den Lebensmittelwucher zu verhindern. Natürlich konnten die geschilderten Maßnahmen nicht allen Arbeitern Beschäftigung verschaffen. Einige Hundert haben das Land im Laufe der Krise verlassen. Aber die Ausdauer, mit der der größte Teil der jüdischen Arbeiter die Folgen der Krise bekämpft, und die Methoden genossenschaftlicher Solidarität in Arbeit und Verbrauch, die die Arbeiter dabei in An- Die Osseten, Tschetschenzen, Zacchuren, Mingrelier und andere gelten als Abkömmlinge von Juden und ihre mediatisierten Häuptlinge nehmen in Rußland Fürstenrang ein. Die Fürsten von Mingrelien führen den Titel Dadian, der ihre Abstammung von König David bezeichnen soll und ein Dadian von Mingrelien war nach dem Sturz des Fürsten Alexander von Bulgarien und vor der Wahl des Prinzen Ferdinand von Koburg russischer Kandidat für den bulgarischen Fürstenthron. Auch der Sprecher der vom Großfürsten Nikolaus empfangenen Abordnung, der Fürst Bagration-Imeretinsky, stammt aus jüdischem Geschlecht, denn die Familie der Bagratuni (woraus der Name Bagration entstand), wird schon vom Historiker Moses von Chorone als eine der angesehensten jüdischen Familien des Kaukasus in den Jahrhunderten vor Christi Geburt erwähnt. Bezeichnend für die ernste Auffassung dieser Ueberlieferung erscheint der Umstand, daß der „Annuaire de la noblesse de la Russie contenant les princes de l'empire", der in der kaiserlichen Druckerei in Petersburg gedruckt wird, sich auf das ausführlichste mit der jüdischen Abstammung des Fürstengeschlechtes Bagration- Imeretinsky beschäftigt und dabei ausdrücklich hervorhebt, daß die Fürsten lmeretinsky an ihre Abstammung vom König David glauben und daß keine andere souveräne Dynastie einen so alten Ursprung nachweisen könne. In der Genealogie der Bagration kommt der Name David in früheren Jahrhunderten nicht seften vor, so gib-es 881 einen David I., dann einen David II. „le Repara<tettr"usw. Wie der erwähnte Annuaire bemerkt, bekannten sich die Träger der Fürstenkrone der Bagration Jahrhunderte hindurch zum jüdischen Glauben, und erst durch Verfolgungen aller Art sind sie gezwungen worden, ihren Väterglauben abzuschwören und Christen zu werden. Abraham PoiocRi. Das nunmehr von der russischen Herrschaft befreite Wiina erinnert an eine aufsehenerregende kulwendung brachten, verdienen große Beachtung. Sie waren natürlich nur dank dem einmütigen Vorgehen des erwähnten Arbeitsbureaus mit den gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der jüdischen Arbeiter möglich._ Österreich-Ungarns dekorierte Helden. Unter diesem Titel ist soeben im Verlage der „Wiener Gewerblichen Druck- und Verlagsanstalt" das erste Heft eines Werkes — redigiert vom k. u. k. Oberstleutnant C. Nosek, Buchschmuck und Origmalzeichnungen von Maler Ervin Edl. v. Rischka — erschienen, das von aktuellstem Interesse isi und sozusagen einem in allen beteiligten Kreisen empiundenen Bedürfnisse entspricht. Das Werk ist ein Ehrenlexskon, in welchem die Namen aller jener unserer Helden aufgezählt sind, denen es gegönnt war, im gewaltigen Ringen des Weltkrieges Orden und Auszeichnungen zu erringen; es ist em Sammelwerk, das an Hand bekanntgewordener Episoden und in Abbildungen die Waftentaten der btre.tei in diesem beispiellosen Kampfe an unseren Augen vorüberziehen läßt; ein schlichtes, aber Allen liebes Andenken an die große Zeit, in der eine Welt neu geboren wurde. Wo ist die Familie, wo der Einzelne, der in diesem vornehmen Lexikon nicht nach dem Vater, dem Bruder, dem Freunde oder Kameraden suchen könnte? Auch jeder Dekorierte selbst wird dieses Werk gerne seinem Bücherschatze einverleiben. Das Werk erscheint, um es Jedermann leicht zugänglich zu machen, in Lieferungen. Jede derselben enthält im lexikalen Teile die Namen der Dekorierten, nach Ordenskategorien und dem Datum der Verleihung geordnet, nebst der Angabe, aus welchem Anlasse die Auszeichnung erfolgte. Der zweite Teil jeder Lieferung bringt eine reichhaltige Sammlung von Episoden, in welchem die Waffentaten einer großen Anzahl der im ersten Teile des Heftes angeführten Dekorierten geschildert werden. Soweit erhältlich, werden hier auch die Bildnisse der Dekorierten gebracht. Der Selbstschilderung ihrer Waffentaten, zu welcher an alle Dekorierten die Aufforderung ergeht, wird breiter Raum gegeben. Reichhaltiger Bilderschmuck, photographische Aufnahmen vom Kriegsschauplatz, die Bildnisse der im Vordergrund der Kriegsbegebenheiten stehenden Persönlichkeiten sowie Tafeln, auf welchen die Orden der einzelnen Kategorien in Mehrfarbendruck und in naturgetreuer Abbildung erscheinen, vervollständigen die Ausschmückung dieses Werkes, zu welchem schließlich künstlerisch ausgeführte Einbanddecken geliefert werden, sodaß das ganze Werk in Bänden vereinigt, ein inhaltlich wertvolles, äußerlich vornehm und würdig ausgestaltetes Andenken an die große Zeit des Weltkrieges sein wird. Während aber dieses Werk gedruckt wird und Bogen um Bogen die Maschine verläßt, rollt Heller um Heller in langer Folge dem Kriegsfürsorgeamt zu, dem ein erheblicher Teil des Reinerträgnisses zufließt. Die Abonnenten dieses Werkes haben also auch die Genugtuung, in nicht unerheblicher Weise zur Förderung dieser so segensreich wirkenden Kriegsfürsorgeaktion beigetragen zu haben. Anfragen und Bestellungen übernimmt die Geschäftsstelle von „Österreich-Ungarnsi dekorierte Helden", Wien, V11I/2. Josefstädterstraße 43. turhistorische Begebenheit aus dem siebzehnten Jahrhundert, über welche polnische Geschitsschreiber folgendes berichten: Ein Angehöriger des gräflichen Hauses P o t o c k i, geboren zu Wilna, beschäftigte sich schon in seiner frühesten Jugend mit theologischen Studien. Er prüfte die Dogmen aller bekannten Religionen und unternahm Reisen in verschiedene Länder Europas, um sich mit gelehrten Männern über religiöse Fragen zu unterhalten. Nach längerem Aufenthalt in Paris, wo er mehrere Disputationen mit den Professoren der Sorbonne abhielt, ging er nach Italien, wo er sich längere Zeit aufhielt, viel mit gelehrten Juden verkehrte und den Entschluß faßte, in den Bund der israelitischen Religion einzutreten. Allein die Rabbiner, die den Zorn des Papstes fürchteten, gingen auf seinen Wunsch nicht ein und rieten ihm, in seinem eigenen Interesse, Italien zu verlassen. Er ging hierauf nach Holland, wurde in Amsterdam Jude, erhielt den Namen Abraham und widmete sich fortan mit großem Eifer dem Studium des jüdischen Schrifttums. Nach einigen Jahren verheil Abraham Potocki Amsterdam und unternahm, als polnischer Jude verkleidet, eine Reise in die alte Heimat. In seiner Geburtsstadt Wilna angelangt, wurde er aber erkannt und auf Veranlassung seiner einflußreichen Verwandten in den Kerker geworfen. Er protestierte gegen die ihm angetane Schmach, leugnete auch, ein Graf Potocki zu sein, aber nachdem er schrecklichen Martern unterzogen worden war, gestand er alles Vorgefallene ein und wurde auf Betreiben der eigenen Famihe zum Feuertode verurteilt. Lelewel in seiner Biographie des Grafen Potocki (Wilna 1805) teilt die Worte mit, die der Verurteilte angesichts des Todes an die Beiwohner des grausigen Schauspiels gerichtet hat: „Glaubet nicht, daß es eine Gerechtigkeit sei, die ihr ausübt. Die Wahrheit ist bei Gott — ich sterbe für meine Überzeugung." Und mit dem Rufe: „Höret ihr alle, der ewige Gott ist der Ewig-Einzige", stürzte er sich in die Flammen. Die Juden Wilnas setzten später seine Asche auf ihrem Gottesacker bei.