Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 12 (4.11.1915)
- Date
- 1915-11-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 JUdlsche Korrespondenz Nr. 12. Die Woche. SlÄllhaller General v. Collard und die Juden. Aus New-York wird gemeldet: Die neugegründete jüdische Organisation „Jung-* iaiizien" in New-York benützte die Erneiiiiiuig des Generals v. Collard zum Statthalter von (iaiizien als Anlaß, um an diesen ein Memorandum zu richten, worin den Hoffnungen Ausdruck verliehen wurde, welche die galixisch-jiidisehe Kolonie in Amerika an seine künftige Tätigkeit knüpft. Auf dieses von H. Bader ausgearbeitete Memorandum langte folgende Antwort aus Lemberg ein: „Seine Exzellenz der Statthalter hat das Memorandum des „Jung-Oalizien" mit dem größten Interesse gelesen. Als Antwort sei die Versicherung abgegeben, daß der Statthalter den Weg der Gerechtigkeit gegen jeden Menschen ohne Unterschied des Glaubens nicht verlassen wird. Die galizischen Juden in Amerika mögen versichert sein, daß ihre Glaubensgenossen in Gaüzien beim Statthalter ein offenes Ohr für alle ihre Wünsche finden werden, seien sie moralischer oder materieller Natur." Ein jüdisches Opfer der rumänischen Kriegshetzer- Aus Bukarest wird gemeldet: Der beim Zusammenstoß des Militärs mit den Demonstranten am letzten Sonntag Getötete ist ein 17jähriger Bukarester Jude, der zufällig in das Getriebe hingeraten war. Es ist den begeisterten Vierverbandsfreunden offenbar peinlich, daß es nicht ein Rumäne aus Siebenbürgen oder der Bukowina war, das Agitationsmaterial wäre bedeutend wirkungsvoller gewesen. Endlich haben sie sich aber auch damit abgefunden und für den Getöteten eine Sammlung eingeleitet, aus deren Erlös Kränze für das Grab und eine Unterstützung für die Familie bestritten werden sollen. Zum Leichenbegängnis erschienen auf dem Friedhof einige hundert Hetzer, die sonst als Judenfresser erkannt sind. Sie vertrieben die aufgestellten Wachen und veranstalteten am Grabe des Opfers eine Totenfeier nach ihrer Art mit irrendentistischen Reden. Judenmißhandlungen. Die Moskauer jüdische Gemeinde bekam Mitteilung aus Briansk, daß, als ein Zug mit jüdischen Flüchtlingen in der Station Schetschinskaja ankam, die dort wohnenden Juden sie mit Lebensmitteln versehen wollten, jedoch auf Weisung der Stationsvorstehers von den Stationsdienern und Schaffnern schroff weggejagt wurden. Die Schaffner warfen die Eßwaren auf Hen Boden und zertrampelten sie, obwohl der Zug voll schmachtender Flüchtlinge war, die vergeblich um Essen flehten. Eine Jüdin bat, hinausgelassen zu werden, um Essen zu kaufen Sie erhielt zur Antwort, daß nach höherem Befehl die jüdischen Flüchtlinge nicht vom ihren Glaubensgenossen gespeist werden dürfen; daß die Flüchtlinge Essen kaufen wollen glaube man nicht. Viele Flüchtlinge erkrankten im Zui?e schwer wegen Hungers. Die Kinder Sterblichkeit ist groß. In Iwanowe-Wosnesensk werden antisemitische Aufrufe gedruckt und verbreitet. r>ns örtliche Antisemittenorgan „Iwanowsky I.istok" fordert offen zu Pogromen auf. Slreifllcliler. Die «lieben Juden» des Zaren. Aus Stockholm wird gemeldet: Der Gouverneur von Poltawa hat 12.000 jüdischen Flüchtlingen den Befehl erteilt, unverzüglich sein Gouvernement zu verlassen. Die Mehrzahl der Juden war aber dort schon seit langer Zeit ansässig und übte friedlich ihr Gewerbe aus. Der Versuch, des Verbleiben dieser Leute durch Fürsprache der Munizipalbehörden zu erreichen, war vergeblich; der Befehl wurde vollzogen. Dasselbe Schicksal hatten auch die jüdischen Flüchtlinge des Tambower Gouvernements. Im Distrikte von Oschmjany wurde die jüdische Bevölkerung mit Gewalt „evakuiert". 30.000 Juden wurden dadurch obdachlos. Sie wandern zu Fuß die lange Landstraße Smorgonje-Minsk einem ungewissen Schicksale entgegen. Nur 300 sehr Wohlhabende fahren auf Wagen. Die Moskauer jüdische Gemeinde erhielt der „Rjetsch" zufolge aus Bransk folgende Mitteilungen: Einem von Roslaw kommenden jüdischen Flüchtlingszuge, der in Setschinsk Halt machte, brachten die dortigen Juden Lebensmittel als Liebesgaben. Die russischen Beamten verboten aber nicht nur, die armen Flüchtlinge zu speisen, sondern sie warfen alle Lebensmitttel, die gebracht wurden, weg oder vernichteten sie. Den jüdischen Frauen, die ihre Abteile verlassen wollten, um für ihre hungrigen Kinder auf dem Bahnhofe etwas zu kaufen, wurde das Aussteigen verboten mit der Begründung, man glaubte nicht an diese Art von „Ausreden". Auf diese Weise blieben die Säuglinge ohne Milch und alle Flüchtlinge mußten hungern. Aus Iwan-Wosnesjensk berichtet „Rjetsch" weiter, daß unter die Bevölkerung vieler Städte antisemitische Flugschriften verteilt werden, in denen neben lauter falschen Kriegsnachrichten die Juden des Verrates beschuldigt werden. In Kiew wurden alle Untertanen feindlicher Staaten ausgewiesen. Während der letzten drei Tage allein mußten tausend feindliche Ausländer Kiew verlassen. Seit Anfang Oktober darf kein Jude nach Kiew kommen. Sogar diejenigen, die das Vorzugsrecht genießen, im Innern Rußlands reisen zu dürfen, mußten Kiew verlassen. Die Lebensmittelnot ist unbeschreiblich groß. In Riga requirieren Soldaten alle Lebensmittel. Weiber und Kinder lungern vor den Geschäften und versuchen vergebens, die nötigste Nahrung zu kaufen, die aber oft nicht einmal für Geld zu haben ist. Trotzdem die Polizei die Leute zu beruhigen versucht und auseinander treibt, versammeln sich die Unzufriedenen immer wieder auf den Straßen. Um die Ruhe aufrecht zu erhalten, wurde die Polizei durch berittene Gendarmerie verstärkt, die Tag und Nacht die Straßen abpatrouilliert. Der Sieger im WeliRriege. Sofia, 17. Oktober 1915. Sehr geehrte Redaktion! Wir lesen in Ihrem gesch. Blatte vom 7. Oktob. (Nr. 8) über den Sieger im Kriege von H. Josef Gottlieb. In Bekräftigung der Aussage dieses Rabbi habe ich noch anzuführen, daß ein polnischer Rabbi diesbezüglich befragt wurde und sich ebenfalls äußerte, daß „Gott den Sieg davontragen wird", nur in polnischer Sprache: „Bog" (Gott) durch Zusammenstellung der Anfangsbuchstaben: Bulgarien, Oesterreich, Germania. Hochachtungsvoll M. Adler, Vizepräsident der Deutsch-Israelitischen Kultusgemeinde in Sofia. Clironik:. Adolf Schramek s. A. Kaiserlicher Rat Adolf Schramek, Hoflieferant, ist Dienstag früh plötzlich gestorben. Kaiserlicher Rat Schramek, der auch Mitglied des Kultusvorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde war, war eine in industriellen Kreisen sehr bekannte und geachtete Persönlichkeit. Er hat sich an allen Wohltätigkeitsaktionen immer beteiligt und besonders seit Beginn des Krieges zu allen Sammlungen für Kriegsinvalide und für Versorgungszwecke kräftig beigetragen. Qroße Verdienste hat er sich um das Zustandekommen des großen neuen Tempels in der Leopoldstadt, Pazmanitengasse, des Jubiläumstempels, erworben. Für seine großen und vielfachen Verdienste wurde Herr Schramek im Frühjahr 1914 vom Kaiser durch Verleihung des Titels eines kaiserlichen Rates ausgezeichnet. Juden als Dolmetscher im Kriege. In einer Schilderung vom türkischen Kriegsschauplatz schreibt der Kriegsberichterstatter des „Berliner Tageblatts", Emil Ludwig: „Wenn man sieht,wie jeder Schritt die Nötigung sprachlicher Uebersetzung erschwert, so gedenkt man mit einiger Schadenfreude der Sprachverwirrung, die beim Feinde herrschen muß. Freilich, es läßt sich alles übersetzen. Aber der übersetzte Befehl ist nicht haarscharf der originale. Was geschehen kann, geschieht, um Genauigkeit und um Schnelligkeit zu verbürgen, jeder Stabsoffizier hat seinen Dolmetscher neben sich. Man benutzt auch hier — wie ich es schon in Syrien fand — zu dieser Arbeit gern syrische oder spaniolische Juden, die, als Ottomanen dienstpflichtig, bei starker polyglotter Bildung gerade an diesen Stellen besonders brauchbar scheinen. Meist haben sie in Deutschland studiert, und es ist amüsant, einen solchen jungen Manne abends zuzuhören, wie er von unseren Nationalökonomen und Medizinern als seinen Lehrern spricht, als käme er eben aus dem Berliner Kolleg, nicht etwa aus dem Hauptquartier von Qallipoli. Dann wieder spricht man mit einem Griechen französisch, mit einem ägyptischen Türken englisch und italienisch mit einem Levantiner Koch. Ein Bursche hat sogar russisch mit dem schwedischen Korrespondenten gesprochen; alle feindlichen Idiome sind auf dieser Halbinsel verwendbar." Halacfaische Disputationen im Felde. Der Oberrabbiner von Nyiregyhaza erhielt von dem Feldrabbiner Dr. Samuel Lemberger die Mitteilung, daß der Honved Martin Friedmann aus Nyiregyhaza den Heldentod gefunden hat. Dem Briefe entnehmen wir die folgende interessante SteMe: „Tiefe Rührung und aufrichtige Trauer erfüllt mein Herz, daß dieser wackere,'hervorragende, als Mensch, als Soldat and als Jade gleich ausgezeichnete Kamerad nicht mehr mit uns, anter uns ist. Es war eine wahre Herzensfreude, mit ihm zu sprechen und über theologische Fragen zu disputieren. Ich wurde mit ihm zuerst anläßlich eines Gottesdienstes bekannt. Bald entwickelte sich zwischen uns ein kleiner talmudischer Disput. Die Jahrhunderte alten Bäume der Horrisoner Wälder mochten wohl gestaunt haben, als inmitten von Qeschützdonner und Gewehrgeknatter über halachtsche Fragen disputiert und eine Dezision des Chassam-Sofer aas dem 6. Bande seiner Responsen, welche sich auf den Krieg bezieht, zitiert wird von Menschen, die noch vor einer halben Stunde im Schützengraben lagen. Friedmann hat am liebsten talmudisohe Schriften zur Lektüre gewählt, in den freien Minuten, die er im Schützengraben hatte, las er gerne in ihnen. Ich hatte immer eine Freude, wenn ich zu seinen Eltern zur Abhaltung eines Gottesdienstes kam und ihn wieder selten und mit ihm sprechen kennte. Seine Vorgesetzten lobten immer sein Pflichtbewußtsein, seine Ausdauer, seine Tapferkeit und seinen Heldenmut. Jüngst wurde er auch für die Tapferkeitsmedaille in Vorschlag gebracht." Literatur und Leben. „Das Jüdische Wochenblatt" in Kopenhagen, das eine Zeit lang sein Erscheinen eingestellt hatte, erscheint nunmehr wieder. Das Blatt steht in seinem 5. Jahrgang. „Die Jüdische Voikszefttmg", ein in Kopenhagen seit Kriegsbeginn in jüdischer Sprache erscheinendes Tageblatt, stellte sein Erscheinen ein. „Jüdische Voiksstimme" nennt sich die seit dem 5. Oktober in Kopenhagen wöchentlich zweimal erscheinende neue jüdische Zeitung. „Der Hammer", eine zionistische Halbmonatsschrift in jüdischer Sprache, erscheint seit dem 9. September in Braila (Rumänien). In Petersburg soll in nächster Zeit eine große jüdische Tageszeitung in Jargon erscheinen. Als Redakteur wird der bekannte jüdische Schriftsteller J. Griinbaum aus Warschau genannt. In Odessa ist vor einigen Tagen der jüdische Schriftsteller Joel Linetzki im 77. Lebensjahre gestorben. Er begann sein schriftstellerisches Wirken vor etwa fünfzig Jahren mit dem humoristischen Buche „Der polnische Jüngel", das das chassidische Leben karrikiert und schrieb dann eine große Anzahl von Aufsätzen und feuilletonistischen Plaudereien im Jargon. Seine starken Seiten waren der volkstümliche Ton und der gesunde Humor. Aus Amerika. Das „Jüdische Tagblatt" in New-York richtet einen „Offenen Briet an unsere Brüder in Europa", in dem es warnt, in dieser für das jüdische Volk so kritischen Zeit zu viel von den Juden Amerikas zu erwarten. Erst müßten die Juden Amerikas selber eine Zentralorganisation schaffen, die sie vertritt. Die Leute, die jetzt als Vertreter der Juden Amerikas auftreten, haben kein Recht dazu, denn nur beschränkte Kreise haben sie gewählt, und da sie keine Fühlung mit dem jüdischen Voiksganzen haben, so seien sie auch nicht befähigt, die schwierigen Gegenwarts- und Zukunftsfragen des judischen Volkes zu lösen. Die Schaffung einer Zentralorganisation sei in Vorbereitung. Stipendien. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien schreibt folgende Stipendien aus: Moriz Goldberger-Stiftung für einen Rabbinatskandidaten. 1 Platz von K 590.— Fanny Güdemann-Widmung für Kranke weiblichen Geschlechts. 1 Platz von K 80.— Franzi Güdemann-Widmung für kranke Mädchen. 1 Platz von K 75.— Moriz Perles-Wohltätigkeits-Widmung für verarmte jüdische Familien. Plätze unbestimmt, zusammen K 500.— Gustav Spitz'sche-Heiratsausstattungs-Stiftung für arme jüdische Mädchen. 1 Platz von K 220.— Komponist Oskar Strauß-Widmung für junge Musiker. 1 Platz von K 37.— Leopold Wolf'sche-Stiftung für Arme und Kleingewerbetreibende. Plätze a) für Arme: Sechs von je K 380.—, b) für Kleingewerbetreibende: Sechs von je K 380.— Philipp, Johanna und Emma Zwillingersche Heiratsausstattungs-Stiftung. 1 Platz von K 1050.— Einreichungsfristen: bis 30. November 1915. Zur Bewerbung sind Gesuehsbögen zu verwenden, welche in der Einreichungsstelle I. Seitenstettengasse 4, II. Stock, unentgeltlich zu haben sind. Dieselben enthalten auch nähere, für den Einschreiter wichtige Bestimmungen. . ... "............. «......... || j Veriassltctior, tollanxtattlater {{ | Buchhalter U i («ach amerikanisches System) H | offeriert steh ffir halbe Tagt, eventuell auch {! : für einige Standen zur Revision, Bilanzierung » 1 etc. von Büchern. j* Honorar missig. * Qefi. \\ \ Antrage ««ter „F.* an die Administration 4. B. || ij-^s^rssss^^^ Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jenas Kreppet. — Bechdruefcerei «Meiantrich", Wien IX., Pcamergasse %. (VeraatwertUca S. Qriatat).