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Jüdische Korrespondenz · 1915-11-04 · 12 (4.11.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
12 (4.11.1915)
Date
1915-11-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr 12. boten wurde, in patriotischem Wettbewerb mit den übrigen Staatsbürgern zum Wohl der ungarischen nationalen Kultur zu wirken. Budapest, x. Oktober 1915. Ihr ergebener Bela v. Jankovich. Ich halte die Rezeption der jüdischen Religion vom (iesiciitspunkie der ungarischen Nation ganz besonders aus drei (iriinden für wichtig: Die Nation ist durch sie Hin eine arbeitsame und aufrichtig patriotische Konfession melier geworden. Die Rezeption hat die Juden Ungarns uns einer beschämenden Situation herausgehoben und sie dadurch fester an die ungarische Nation gekettet. Mit dem Inslebentreten der Rezeption wurde die Grundlage geschaffen, auf welcher die Organisation der jüdischen Konfession auf autonomer Basis bewerkstelligt werden kann. Die ungarische Judenschaft hat auch heute im Weitkriege durch das Blutvergießen ihrer Söhne bewiesen, wie sehr sie die Rezeption verdient hat. Graf Karl Khuen-Hederväry. Die Rezeption der jüdischen Religion war bei uns nicht nur eine unabweisbare Forderung der Gewissensfreiheit und der bürgerlichen Rechtsgleichheit, sondern sie war auch vom ungarischen nationalen Gesichtspunkte aus die Krönung des großen Gedankens, den Deäk und Andrässy als einen der ersten Triumphe der Gesetzgebung durch die Kmanzipierung der jüdischen Religion verwirklichten. Außer der Gewissensfreiheit und der Rechtsgleichheit lenkte sie hiebei die leitende Idee, die ungarische Nation durch Gewinnung der Israeliten zu vermehren und hiedurch die ungarisch sprechenden Kinder der ungarischen Nation zu stärken. Diese Idee ist seither zur Wirklichkeit geworden. Denn der überwiegende, ja sogar der in Betracht zu ziehende Teil der Judenschaft wurde nicht nur ein treuer Pfleger der ungarischen Nationalität, sondern ist auch auf dem Gebiete der Literatur, der Wissenschaft, der Industrie und des Handels, ja selbst auf dem der modernen Agrikultur ein mächtiger Förderer unseres nationalen Fortschritts. Es war daher eine unabweisliche politische Notwendigkeit, jener Forderung der Gerechtigkeit zu entsprechen, welche auf die Rezeption der jüdischen Religion hinstrebte, deren zwanzigjährige Erinnerung wir heute begehen. Alexander Wekerle. Polnische Juden. Der Großstädter kennt sie käumfÖer Wiener witzelt gelegentlich über sie, wenn er am Allgemeinen Krankenhaus vorübergeht und dort einige Kaftanträger wandeln sieht mit den langen Päies, den Schläfenlocken. Aber das sind ja keine echten polnischen Juden; die haben sich, der Großstadt zu Ehren, schon viel zu sehr europäisiert. Erst als ich im Feldzug nach Galizien kam, lernte ich sie in ihrer Heimat, in ihrem wahren Element kennen. Man kann über dieses seltsame Volk nicht so ohne weiteres ein Urteil abgeben, etwa sagen: sie sind so oder so. Man kann sie nur schildern. Und eigentlich hilft das auch nicht viel, wenn man sie nicht selbst kennen gelernt hat. Und da begegnet mir gleich zu Anfang eine wesentliche Schwierigkeit: wer sind eigentlich die polnischen Juden? Alle in Galizien und Polen lebenden Juden? Beileibe nicht! So will ich denn, anstatt eine richtige, regelrechte Begriffsbestimmung zu geben, sie lieber beschreiben und es jedem überlassen, sich dann von ihnen ein Bild zu machen. Zum erstenmale habe ich sie gesehen, als ich durch die Straßen von Stryj fuhr. Das ist die ausgesprochene Judenstadt. Ich weiß nicht, oh es dort auch Nicht-Juden gibt. In einem jämmerlich zerfallenen Fiaker fuhr ich durch schmutzstarrende, ungepflasterte Straßen, stürzte in Gräben, holperte über Kehrichthaufen. Es ging vorbei an schmierigen, uralten Häusern, von denen aller Verputz abgefallen war, über deren Ladentüren die absonderlichsten Aufschriften prangen: Chaim Rosenduft — Handel; Laib Nachtigall •- Handel; Chaskel Sperling — Handel. Und da standen und wandelten sie in den Gassen: langbärtige, gebückte Gestalten, auf dem päiesgeschmückten Haupte den großen breitkrärnpigen, pelzverbrämten Hut. Einen langen, schwarzen Kaftan tragen sie: die Reichen einen feinen, seidenglänzenden, die Armen einen unsagbar schmutzigen und alten. Die Söhne sind schon moderner gekleidet. Wohl haben auch sie Päies, aber sie tragen einen steifen Kragen, schwarze Krawatten und dazu meist, aber nicht immer, den Kaftan, oft auch einen europäischen Hut. Alle haben sie unter dem Hut eine schwarze Samtkappe. Kommen sie in ein Zimmer zu Christen, so nehmen sie den Hut ab, nie aber die Kappe. Und die Kinder! Selbst die kleinsten Buben sind schon ganz wie die Alten. Auch sie tragen den ganzen Tag, beim Spielen auf der Straße, beim Arbeiten im Hause, beim Essen und beim Schlafen die schwarze Samtkappe; um das schmale, scharfgeschnittene, niemals junge Gesicht pendeln und baumeln die gedrehten Löckchen. Und in noch etwas gleichen sie den Alten: sie handeln genau so unermüdlich. Ihr ganzes, einziges Streben von Kindheit bis zum Tode ist Handel und Talmudstudium. Etwas anderes kennen sie nicht. : Dem Geschäft zuliebe, das sie mit feinster Witterung ausspüren, gehen die polnischen Juden stundenlang bei schlechtestem Wetter, scheuen sie keine Mühe. In Galizien ein Geschäft ohne sie zu machen, ist nahezu unmöglich. Selten (?) wird man einen polnischen Juden treffen, der ein Handwerk ausübt. Alle handeln. Sie handeln mit Stoffen und Kleidern, neuem und altem Eisen, mit Bonbons und Laternen, mit Knöpfen und Messern und Stricken, mit Nägeln, Honig, Wagenschmiere und Regenschirmen, mit Wein und Bier, Tabak und Petroleum, aber vor allem handeln sie alle mit — Schnaps, Branntwein, Likör und Rum. Stets tragen die polnischen Juden einen grämlichen, mißmutigen Ausdruck zur Schau, gehen ängstlich und gebückt. Ziehen Truppen durch eine solche polnische „Stadt", wie etwa Rymanow oder Dukla, so wird man von einer Schar von Weibern umdrängt, von halbwüchsigen Mädchen und Kindern. Sie bieten Leckereien, Wein und Schnaps, Wirkwaren und ähnliches Zeug an. Anfangs hatte ich große Mühe, ihren Jargon zu verstehen. S\e sprachen ganz seltsam durch die Nase. Alle.,ch-Laute sind auffallend betont, als ob..der, Sprecher., sich, standig, ,cäur spern würde. Dazu .kommen die vielen jargonausdrücke, die marTeben erlernen muß, wie eine fremde Sprache. Dann lernte ich die polnischen Juden in der ärgsten Not kennen, bedrängt und verfolgt, in äußerster Lebensgefahr. Hatte ich sie früher als Kuriosa betrachtet und war ich nur widerwillig und mit großer Vorsicht in ihre Kaufläden getreten, so lernte ich sie jetzt aufrichtig bemitleiden. Die Bewohner eines Dorfes fliehen. Da sieht man einen riesigen Leiterwagen daherkommen; darauf sitzen vier bis fünf Frauen und Mädchen und mindestens ebensoviele kleine und kleinste Kinder «wischen toll zusammengewürfeltem und geworfenem Hausrat: zwischen Betten, Körben, Kisten, Kasten, Flaschen, Heu, Hühnerkäfigen, Sesseln, Spiegeln und Bildern kauern sie ängstlich, in eine Unzahl von Tüchern und Pelzen gewickelt. Und diese Riesenlast muß ein winziges, zaunmageres Huzulenpferdchen ziehen, kaum größer als ein Ziegenbock. i er Hausvater geht fast immer zu Fuß, um den Wagen zu erleichtern. Rührend ist seine Fürsorge für das Weib, für die Kinder. Alles tut der polnische Jude, um der Familie alle Erleichterungen, alle Bequemlichkeiten zu verschaffen. Aber noch ganz anders habe ich sie einmal gesehen, an einem Augustabend, in einem Dorf bei Lemberg. Da kamen gegen Sonnenuntergang aus dem Dorfe einzelne Flüchtlingswagen dahergefahren, wie Vorposten, ängstlich, scheu. Und auf einmal, wie wenn irgendwo ein Damm gebrochen wäre, stürzte eine dunkle Flut solcher Wagen daher, ein von wahnsinniger Angst vorwärts gepeitschtes Elend, verzerrte Gesichter, gellendes Schreien; lauter polnische Juden. An einen Alten kann ich mich noch gut errinnern: der saß zusammengekauert auf dem, Wagen, angstvoll mit beiden Armen seine Qeldtruhe umklammernd. Da rasten sie daher in wildem Galopp, dazwischen militärische Fuhrwerke, alles schreiend, brüllend, ineinanderstürzend. Wer dem Graben zu nahe kam, flog hinunter und blieb liegen. Keiner half. So ging es weiter die ganze Nacht, gehetzt von tötlicher Angst. Und nie werde ich die klagende Frauenstimme vergessen, die um Mitternacht, als es durch ein Dorf ging, durch das Dunkel irrte: „Esther — Ezechiel, Esther — Ezechiel!" Diese langgedehnten Rufe der höchsten Angst und Verzweiflung — dieses E—e—e—st—h—e—r, E—z—e—e—ch—i—e—1! Die Wagen rasen weiter mit ihrer Verzweiflung, nur die Stimme tönt noch aus der Ferne klagend nach. Aber in diesen Tagen der Heimsuchung offenbart sich ein Charakterzug der polnischen Juden in seiner ganzen Größe: das Zusammenhalten, die Hilfsbereitschaft gegen jeden Glaubensgenossen. Wohin der Flüchtling kommt — jedes jüdische Haus steht ihm offen zu gastfreundlichem Empfang. Und wenn ein Jude noch so arm ist, wenn er für seine ganze vielköpfige Familie auch nur einen einzigen kleinen Wohnraum zur Verfügung hat — nie wird er sich weigern, den heimatlosen Glaubensgenossen bei sich aufzunehmen. Und so ist der vertriebene Jude eingentlich nie verloren, nie obdachlos. Wir lagen einmal längere Zeit in einem Ort im Quartier und hatten, wie immer in solchen Fällen, unseren Hausjuden, der sich täglich bei uns einfand und alles verkaufte, dessen wir bedurften. Da gab es aber noch einen polnischen Juden, der, aus seinem Dorfe vertrieben, immer den Truppen nachzog und ihnen Wein, Schnaps und Rum verkaufte. Der Hausjude war darob sehr erbost. Aber eines Tages erklärte er: „Soll er haben sein Geschäft! Ist er doch ein armer Teufel, daß er hat geflüchtet aus Galizien. Werd ich doch nicht verraten! meinen Glaubensgenossen!" Diese Juden, die wie Marketender den Truppen folgen, leisten ihnen eigentlich große Dienste. Und zugleich zeigen sie sich dabei als echtes Handelsgenie. Der Jude mußte mit Weib und Kind flüchten. Er geht fünfzig, hundert Kilometer zurück, bringt die Farhilie bei Verwandten in Sicherheit; dann aber kauft er Wein und Rum, Zucker und Kerzen, zieht damit wieder zur Front und 'handelt. Erfährt er, daß Sein Dorf wfeöer vöm „Russen" frei ist, so holt er seine Familie und kehrt in die Heimat zurück. Aber er kommt hie leer. Was der Wagen nur irgend tragen dritt 'das Pferd nur ziehen will, lädt er auf und verkauft es den Truppen. Und es ist das wirklich ein Glück: wir wären oft in böse Verlegenheit geraten, ohne diese handelnd heimkehrenden polnischen Juden. Da ist es oft höchst possierlich anzusehen, wie sie neben den Fuhrwerken im fußhohen Straßenkot einherhüpfen; mit der Rechten bieten sie dem Kutscher Schnaps und Tabak, mit der Linken halten sie ängstlich den zusammengedrehten Kaftan empor, «nter dem Arm steckt der Regenschirm, mit gespannter Aufmerksamkeit beobachten sie die Mienen des Kauflustigen, den sie mit einem Wortschwall sondergleichen zu überzeugen suchen, daß er noch nie einen so vorzüglichen Schnaps getrunken hatte. Ist der polnische Jude wieder in sein Haus zurückgekehrt, so nimmt alles den gewohnten Fortgang. Schaden hat er nicht viel gelitten, denn Grundbesitz hat er nicht, Geld und Wertgegenstände hat er mitgenommen. Kleine Verwüstungen seines Hauses nimmt er zwar mit großem Wehklagen, im Grund aber doch nicht gar zu tragisch auf. (Schluß folgt.) Die Arbeiterschaft Palästinas Im Kriege. (JAK.) Wir waren in der Lage, authentische Berichte über die Tätigkeit der jüdischen Arbeiterschaft Palästinas, während des Krieges, zu erhalten. Es ist allerdings nicht möglich, in einer gedrängten Notiz einen Überblick über die Arbeit eines vollen Kriegsjahres zu geben. Die ökonomische Krise setzte in Palästina nicht mit Uberall zu haben! Schicht-Wäsche - Kriegs-Wäsche billigste, schonendste and wirksamste Waschart: Weiche die Wäsche mit Wasch-Extrakt ,Frauenlob( einige Stunden oder über Nacht ein. Wasche dann wie gewohnt weiter. Nur wenig Seife — am besten Schicht-Seife, Marke »Hirsch" — ist noch nötig, die schönste Wasche zu erzielen. . . . Erspart Arbeit, Zeit, Geld und Seife. 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