Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 12 (4.11.1915)
- Date
- 1915-11-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heller. ««r__« « «^11 •« o * v a. Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 Wochenblatt fur jüdische Interessen. Wien, vi». a^«^ 7. Nachdruck mit votier ftaelleaangate jwtatlet Redakteur: Jonas Kreppel.! Erscheint jeden Donnerstag Wochenblatt für jüdische Interessen. ^^^1"^^«^^ Redakteur: Jonas Kreppel. i Erschei nt jedeT Donnerstag Hr. 12. Wien, 4. November 1915. I. Jahrgang. Berlin - Wien—Konstanlinopel. Der Weg nach Konstantinopel führt heute über. Berlin und Wien — freilich in einem ganz anderen Sinne, als sich dies die russischen Machthaber vorgestellt haben. Nikolaj Nikolajewitsch hat vor Jahresfrist seine „Dampfwalze" gegen Wien und Berlin in Bewegung gesetzt, um auf diesem Wege nach Konstantinopel zu gelangen. Er hat eine bittere Enttäuschung erlebt. Die tapferen Heere der Zentralmächte haben seiner Dampfwalze eine rückwärtige Bewegung gegeben und sind ihm und seinen Freunden auf dem Wege nach Konstantinopel zuvorgekommen. Mit dem Anschlüsse Bulgariens an den neuen Dreibund und der Niederringung Serbiens ist die direkte Verbindung zwischen Mitteleuropa und dem Orient, zwischen Berlin, Wien und Konstantinopel hergesteilt. Konstantinopel ist heute vor jedem feindlichen Angriffe sicherer, als Petersburg und Moskau, als Paris und London. Rußlands Expansionsgelüsten in Osteuropa ist ein für allemal ein Riegel vorgeschoben worden, Englands Vormachtstellung im nahen Orient ist gebrochen, man zittert heute in London um das Schicksal Aegyptens und den Landweg nach Indien. Die direkte Verbindung zwischen Berlin und Wien mit Konstantinopel ist das wichtigste und folgenschwerste Ereignis im gegenwärtigen Weltkriege. Der Weltkrieg hat nicht nur einen politischen, sondern auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Der Sieger wird nicht nur an politischer Macht und Ansehen gewinnen, sondern mOPW^gPfMeii mtwwmw^Mm&m^ che Errungenschaften zu erreichen. Die Herstellung eines wirtschaftlichen Komplexes von der Nordsee bis zum persischen Meerbusen eröffnet für die Bewohner dieser weiten Oebiete die unbegrenztesten Entwickelungsmöglichkeiten und sichert ihnen eine ökonomische Unabhängigkeit und einen materiellen Wohlstand, der wohl alle Opfer des Krieges voll und ganz aufwiegen wird. Für die Juden, als vorzüglich handel- und industrietreibendes Volk, verbürgt diese Gestaltung der Verhältnisse die größten Vorteile und auch in dieser Beziehung wird der Sieg der Zentralmächte ihnen nur zum Heil gereichen. Für die jüdischen Volksmassen ist das Vorhandensein eines ausgedehnten Wirtschaftsgebietes mit voller Freizügigkeit eine Sache von höchster Bedeutung. Je größer dieses Gebiet, je ausgedehnter seine Linien, desto besser für sie. Besonders für die Juden der östlichen Provinzen, die so viel und so schwer durch die Kriegsereignisse gelitten haben und denen eine sehr schwere Zeit bevorsteht, wird die direkte Verbindung zwischen Mitteleuropa und dem Orient geradezu eine wirtschaftliche Rettung bedeuten. Dort, in den Ländern des Orients, ist noch wirtschaftlich sehr Vieles aufzutun; der jüdische Unternehmungsgeist, die jüdische Streb- und Regsamkeit; dürften dort ein weites Betätigungsgebiet finden. Die Juden des Ostens werden vielleicht wiederum die Rolle als Pioniere des Handels und der Industrie übernehmen, die sie schon wiederholt in der Geschichte gespielt haben. Ihre Stammesverwandtschaft mit den orientalischen Völkern, ihre Anpassungsfähigkeit dürfte ihnen hiebei sehr viel zustatten kommen. Damit wird auch eine große Sorge beseitigt, die auf unsere erlösten Brüder in den von Rußland eroberten Gebieten lastet. Indem sie die Erlösung voh der russischen Tyrannei mit dem größten Jubel begrüßen, fürchten sie eine Erschwerung ihres ökonomischen Daseins nach dem Kriege, da sie das russische Absatzgebiet verlieren werden, ohne vielleicht in der Lage zu sein, in Westeuropa Ersatz zu finden. War diese Sorge auch sonst nicht ganz begründet, 4a gleichzeitig mit den Friedensverhandlungen auch .neue Handelsverträge zwischen den kriegführenden Staaten abgeschlossen werden und die Zentralmächte würden schon im eigenen Interesse dafür sorgen, daß ihrem Handel und ihrer Industrie keine künstlichen Schranken entgegengestellt werden — so muß diese Sorge umso eher wegfallen, als durch die Eröffnung des direkten Weges von Mitteleuropa nach dem Orient der Handel und die Industrie der Zentralmächte in der Levante ein gewaltiges Absatzgebiet und reichlichen Ersatz tür eine eventuelle Einbuße in anderen Richtungen finden dürfte. Für die breiten jüdischen Volksmassen in den östlichen Provinzen bedeutet somit der Sieg der Zentralmächte nicht nur politische Freiheit und Erlösung, sondern derselbe eröffnet ihnen auch großartige wirtschaftliche Perspektiven. Sollte infolge der Kriegsereignisse eine jüdische Emigration aus den östlichen Provinzen sich als notwendig erweisen, dann könnte ein Teil derselben nach dem Orient geleitet werden. Vielleicht werden auf diesem Wege die Hoffnungen gar mancher jüdischer Volkskreise Erfüllung erlangen. Vielleicht wird auf diesem Wege auch die sog. Ostjudenfrage eine teilweise Lösung finden. Es ist schwer, schon heute all die Möglichkeiten aufzuzählen oder vorauszusehen, die der direkte Weg zwischen Mitteleuropa und dem nahen Orient in sich birgt. Eines ist jedoch schon heute sicher: dieser Weg bedeutet nicht nur einen großen Triumph des siegreichen Vierbundes, sondern er kann auch großen Teilen des jüdischen Volkes zum Heil und Segen gereichen. Spectator. Ministerpräsident Chwostow- ^aiMAMlM Der solange erwartete und wiederholt angekündigte Ministerwechsel in Rußland ist nun eingetreten — jedoch in einer entgegengesetzten Richtung, als gar viele erwartet haben. Diejenigen, die einen neuen Kurs, eine neue Frühlingsperiode in Rußland erwarteten, sind um eine Hoffnung ärmer und um eine Enttäuschung reicher. Der Zar hat in der Zusammensetzung seiner Ratgeber eine Aenderung vorgenommen, aber mit dem Kurse nach rechts. Diejenigen Minister, die im Rufe standen, freiheitlichen Allü- ■ en — nach russischen Begriffen — zu huldigen, wurden kurzerhand ausgeschifft und der jüngsternannte Minister des Innern Chwostow, die personifizierte Reaktion, ist zum Ministerpräsidenten berufen worden. An Stelle des altersschwachen Goremykin, welcher den freiheitlichen Strömungen nur „passiven Widerstand" leisten konnte, für die reaktionären Bestrebungen sich aber als zu schwerfällig erwiesen hatte, übernahm der jüngere, energischere und rücksichtslosere Chwostow das Steuer des russischen Staatsschiffes. Er wird schon dafür sorgen, daß der „heiligen Reaktion" im „heiligen Rußland" kein Haar gekrümmt werde. Chwostows Avancement zum Ministerpräsidenten bedeutet auch für die russischen Juden eine arge Enttäuschung, in erster Reihe für diejenigen, die noch immer an die Möglichkeit glaubten, der Zar werde „seinen lieben Juden" irgendwelche Freiheiten und Rechte gewähren, bevor er hiezu durch die Macht der Ereignisse gezwungen sein wird. Der neue Kurs nach rechts dürfte vor allem jene unserer Brüder in den anderen Ententestaaten bitter enttäuschen, die sich selbst und anderen einreden wollten, die Alliierten werden es schon durchsetzen, daß die Judenlage in Rußland eine Besserung erfahre. Rußland bleibt sich treu. Es opfert nicht ein i-Tüpfelchen seiner Macht, solange es diese in der Hand behalten kann. In der Stunde der Not wird mit Versprechungen nicht gegeizt; kaum aber fühlt man einigermaßen Erleichterung, kommt der brutale Kosakenstiefel wieder zum Vorschein. Was speziell Chwostow's Stellung zur Judenfrage betrifft, so ließ der neue Minister niemanden im Unklaren darüber. Als er nach seiner Berufung zum Minister des Innern sein Programm entwickelte, erklärte er es offen und klar: Eine Erweiterung der Rechte der Juden in Rußland wäre unt«niich, da diese kraft ihrer geistigen Ueberlegenheit und Intelligenz eine Gefahr für die breiten russischen Volksmassen bedeuten.Was der Minister des hinein Chwostow angekündigt hat, dürfte der Ministerpräsident Chwostow schwerlich dessauvkren. Es bleibt also in Rußland vorläufig alles beim Alten, bis — bis sich das alte überhaupt als unhaltbar erweisen wird. Unsere Glaubensbrüder in den neutralen Ländern, welche bis nun von London und Paris mit Aufrufen und Proklamationen überschüttet wurden, in denen verlangt wurde, daß die Juden den Sieg der Entente herbeiwünschen mögen, da diese schon für das Wohlergehen der russischen Juden sorgen werde — können nun den Wert all dieser Verheißungen richtig einschätzen und daraus die Konsequenzen ziehen. Es kann nicht genug eindringlich gesagt und wiederholt werden, daß nur in einem niedergerungenen Rußland die Lage der Juden eine bessere sein wird. Es ist geradezu verbrecherisch, sich diesbezüglich irgendwelchen Illusionen hingeben zu wollen. Ministerpräsident Chwostow bedeutet den vollständigen Sieg der Reaktion in Rußland und somit neue Gefahren für unsere auch sonst so arg bedrohten russischen Brüder. Ohnmächtig müssen wir vorläufig von der Ferne stehen, außerstande, ihnen Hilfe zu bringen. Millionen wurden bereits befreit, soweit die siegreichen Heere der Zentralmächte vordringen konnten. Den übrigen wird erst der vollständige Zusammenbruch der russischen Reaktion Erlösung bringen. Ewig wird Chwostows Herrlichkeit nicht dauern. Nikolaj Nikolajewitsch war mehr denn er, und mußte vom Schauplatze seiner .rafiifau»!««^'«^^ Die zurückgehende russische Dampfwalze wird auch die Chwostow's erdrücken, wie sie es mit Nikolaj Nikolajewitsch getan hatte. Hervorragende ungarische PersönlichJkeiien Uber Juden und Judentum. Am 2. November wurden es zwanzig Jahre, daß die Rezeption, die vollständige Gleichberechtigung der jüdischen Konfession in Ungarn zur Tatsache geworden ist. Aus diesem Anlasse hat das von Dr. Ludwig Szabofcsi redimierte Wochenblatt „Egyenlöseg" eine Gedenknummer herausgegeben, welche nebst einer Geschichte des Zustandekommens der Rezeption Aeußerungen hervorragender Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, speziell solcher, die sich an diesem Werke betätigt haben, enthält. Wir reproduzieren von diesen Aeuöerungen die tagenden: Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie haben mich ersucht, in die anläßlich der zwanzigsten Jahreswende der Schaffung des Gesetzes über die Rezeption der israelitischen Religion erscheinende Festnummer Ihres Blattes einige Zeilen zu schreiben. Ich versichere Ew. Hochwohlgeboren, daß ich dem Judentum gegenüber stets auf dem Standpunkte der vollen Gerechtigkeit stehen werde und die Lehre der römisch-katholischen Kirche iiber die wahre Nächstenliebe stets strenge befolge. Budapest, 3. Oktober 1915. Johann Czernoch, Kardinal-Fiirstprimas. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihrem freundlichen Ersuchen, mich anläßlich der zwanzigsten Jahreswende der Schaffung des Gesetzes iiber die Rezeption der jüdischen Religion zu äußern, komme ich bereitwilligst nach, umsomehr. als mir dies den Anlaß bietet, mit innigster Würdigung der Weisheit jener hervorragenden Staatsmänner zu gedenken, die durch Geltendmachung der in diesem Gesetze sich kundgebenden patriotischen und sozialen Gesichtspunkte iur-Kräkigurjg der Idee der nationalen Einheit und der staatsbürgerlichen Gleichheit beigetragen haben. Auf dem, dem nationalen Ideal zuschreitenden Werdegange unseres Vaterlandes können wir jeden Schritt mit Freuden begrüßen, welcher unser Vaterland ans der Zerspiittertheit aaf den sicheren Boden der nationalen einheitlichen Konzentration -führt. Ein solcher Schritt war die vor «wanzig Jahren gesetzlich inartikulierte Rezeption der israelitischen Konfession, durch welche der ungarischen Judenheit die Möglichkeit ge- „Zeichnet die dritte österreichische Kriegsanleihe!"