Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 11 (28.10.1915)
- Date
- 1915-10-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3495278-3495279-3495290--0056-3520647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Burgas 1× ep/1044292
OCR text
Nr. 11. J!i<ii&ci}e Korrespondenz Seite 3 che infoige ihrer voraussichtlichen ErwerbsverhäLtoisse überhaupt nie in der Lage sein würden, ein etwaiges Darlehen zurückzuzahlen, können durch die politischen Behörden nicht rückzahlbare Notstandsunterstützungen zur Wiederaufrichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz, d. i. also für die unbedingt notwendige Wiedereinrichtung der Wirtschaft, für den Ankauf von Werkzeugen, Hausgeräten u. dgl, gewährt werden. In allen übrigen Fällen, also überall dort, wo die Hoffnung besteht, daß die momentan benötigte finanzielle Beihilfe seinerzeit wieder zurückerstattet werden kann, erfolgt die Hilfeleistung in der Form der Kreditgewährung, und zwar durch die aus staatlichen Mitteln dotierte Oalizische Kriegskreditanstalt. Kann einem Kreditbedürftigen, der infolge der Kriegsereignisse durch die Zerstörung oder Beschädigung des beweglichen oder unbeweglichen Besitzes in seiner wirtschaftlichen Existenz gefährdet ist, seitens der Kriegskreditanstalt nach ihren statutarischen Bestimmungen ein Darlehen nicht gewährt werden oder ist der Geschädigte mit Rücksicht auf seine wirtschaftlichen Verhältnisse nicht in der Lage, ein solches Darlehen unter den statuarischen Bedingungen in Anspruch zu nehmen, dann kann ihm durch die genannte Anstalt das Darlehen unter staatlicher Ausfallsgarantie gegen eine dreiprozentige Verzinsung, in besonders rücksichtswürdigen Fällen, wo die Notlage des Betreffenden es unbedingt erfordert, auch zu noch niedrigeren Zinsen oder gar zinsenfrei gegeben werden. Die Rückzahlung solcher Darlehen hat je nach der wirtschaftlichen Lage des Schuldners, längstens aber innerhalb 10 Jahren vom Zeitpunkte des Empfanges, zu erfolgen. Die bulgarischen Juden. Die jetzt erfolgte Kriegserklärung des uns befreudeten Königreichs Bulgarien an seinen alten Widersacher Serbien wird neue Scharen unserer Glaubensgenossen, die unter der milden und ihnen stets wohlgesinnten Regierung des klugen Koburgers leben, nunmehr in das Weltkriegsgetümmel schleudern. Während das alte Serbien unter 4,4 Millionen Einwohnern kaum 6Q00 Juden zählt, befinden sich unter den 4,683.300 Einwohnern Bulgariens nach den Ergebnissen der letzten bulgarischen Volkszählung 40.118 jüdische Seelen. Die bulgarische Judenschaft machMast ein Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung aus und ist in den einzelnen Departements des Landes verschieden stark vertreten. So wohnen im Departement Sofia 11.846 Juden, von denen 10.703 auf die 102.812 Einwohner zählende Hauptstadt selbst entfallen. Von den in nächster Zeit wohl häufiger genannten Departements zählt Varna2250 Juden, Burgas 3422, Viddin 2402, Tirnowo nur 205, dagegen Plovdiv 6132; erwähnt sei auch noch Kustendil mit 2581. Durch den vor kurzem abgeschlossenen türkisch-bulgarischen Grenzvertrag, der die Maritza von der Quelle bis zur Mündung zu einem bulgarischen Strom macht, erhielt Bulgarien mit der Stadt Karagatsch bei Adrianopel einen weiteren Zuwachs an jüdischer Bevölkerung von etwa 500 Seelen. Die Hafenstadt Dedeagatsch, bei welcher die Maritza in das Aegäische Meer mündet, zählt etwa 200 Juden unter 3000 Einwohnern. Seit 1870 besteht dort eine jüdische Gemeinde mit Synagoge, Schule und Wohlfahrtseinrichtungen. Auch in Bulgarien sind die Juden vorwiegend Städtebewohner. So wohnten, wie wir einer im Jahre 1911 veröffentlichten Arbeit Dr. Jacob Segalls entnehmen, im Jahre 1905 in den Städten 36.097 Israeliten, in den Dörfern nur 1559. Erwähnt wurde bereits, daß fast ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung Bulgariens sich in der Hauptstadt zusammendrängt. Das moderne Zartum Bulgarien verstand es nach Beseitigung des Vasallenverhältnisses zur Horte, die russische Oberherrschaft, die schwer auf ihm lastete, abzuschütteln und auch den mit dieser eingedrungenen russischen Geist zu beseitigen. Die Verfassung des Landes vom April 1879 sanktionierte die volle Freiheit des Glaubens und Kultus, sowie die Gleichberechtigung aller Bulgaren ohne Unterschied des Religionsbekenntnisses. Diese Bestimmungen blieben nicht toter Buchstabe, sondern wurden loyal gehandhabt. Sowohl Fürst Alexander v. Battenbe er g als auch der vormalige Fürst und nunmehrige K ö n i g F e rdinand haben stets das Beispiel der Gerechtigkeit, ja der Gunst für ihre jüdischen Untertanen gegeben. Die Nachahmung russischer Pogrome wurde energisch verhindert; die Flüchtlinge vor den russischen Greueltaten fanden hochherzige Aufnahme. Der Oberrabbiner der bulgarischen Israeliten ist vom Staate anerkannt teilweise besoldet; neue Synagogen wurden gebaut, zahlreiche jüdische Volksschulen mit bulgarischer Unterrichtssprache gegründet und mit staatlichen und städtischen Mitteln unterstützt. Im Jahre 1893 vereinigte sich die sephardische Mehrheit der bulgarischen Juden mit den „Tedescos" {Aschkenasim), auf die sie lange mit Geringschätzung herabgesehen hatten, zu einem alle bulgarischen Israeliten umfassenden „Bruderbunde" behufs gemeinsamer Verteidigung ihrer Rechte. Daß unsere Glaubensbrüder im Wetterwinkel Europas auch in der Verteidigung ihres Vaterlandes gegen den äußeren Feind Beweise glänzender Tapferkeit ablegten, ist aus dem Kriege gegen Serbien 1885-86 hinreichend bekannt. Leutnant David Misrachi zeichnete sich damals durch seinen Mut derart aus, daß Fürst Alexander selber ihm die goldene Tapferkeitsmedaille an die Brust heftete. Ministerpräsident Karawelow sagte damals zu den Vertretern der jüdischen Gemeinde in Sofia: „Das Vaterland wird nie vergessen, daß die bulgarischen Israeliten in den Tagen der höchsten Gefahr patriotischen Opfermut bekundet haben. In jenen schweren Zeiten haben sich die Juden als treue Bürger gezeigt, das dankbare Vaterland erkennt sie dafür in den Tagen des Glückes und Triumphes als bulgarische Bürger an. Ihr seid zu Bulgaren geworden in dem Augenblicke, da sich das Blut eurer Söhne mit dem Blute unsrer Kinder auf dem Schlachtfelde vermischt hat. Das auf diese Weise vergossene Blut ist das beste Vereinigungsmittel." penkommando geseMeppt und bekam 25, 50, ja auch 75Knatenh*ebe ohne irgendwelchen Grund. Viele erlagen den erbarrm»gsk>sen Schlägen. Aber unsere Pein nahm bald ein Ende. Am 2. September rückte unsere siegreiche Armee in Buczacz ein und brachte der einheimischen Bevölkerung wie den Verbannten die langersehnte Befreiung von der moskowitischen Knute. Wir kehrten noch am seihen Tage in unsere Heimatsgemeinde zurück. Wir nahmen auch viele Kranke mit. Noisianclsaknon für Galizien. Die Wiedereroberung der von den Russen besetzt gewesenen Gebiete Galiziens stellte die Regierung vor die Aufgabe, der schwer heimgesuchten Bevölkerung die Fortfristung ihrer physischen Existenz und die Wiederaufnahme ihrer durch den Krieg jäh unterbrochenen wirtschaftlichen Tätigkeit zu ermöglichen. Schon im Herbst 1914, als einige westliche Bezirke von der Invasion befreit wurden, setzte eine von der Zentralregierung organisierte Approvisionierungsaktion ein, die sich dann im Sommer 1915 mit der fortschreitenden Verdrängung der feindlichen Truppen auch auf Mittel- und Ostgalizien ausdehnte. Trotz aller Hemmnisse wurden bedeutende Mengen der notwendigsten Lebensmittel, hauptsächlich Mehl, in die aller Vorräte entblößten Gebiete befördert und dort zum größten Teil unentgeltlich oder zu bedeutend ermäßigten Preisen verteilt. Eine weitere Sorge der Regierung galt der Reaktivierung der jlandwirtschaftlichen Betriebe. Die Zerstörungen von Baulichkeiten, insbesondere in jenen Gegenden, in denen militärische Operationen größeren Stils stattfanden, machten noch eine besondere Hilfsaktion notwendig. Der definitive Wiederaufbau der zahlreichen zerstörten ländlichen und städtischen Gebäude konnte mit Rücksicht auf die durch die militärischen Vorkehrungen bedingten Erschwerungen, insbesondere hinsichtlich der Transportverhältnisse, sowie imHinblick auf den Mangel an den notwendigen Baumaterialien, Bespannungen und qualifizierten Arbeitskräften wie nicht minder wegen der schon vorgeschrittenen Bausaison nicht in Erwägung gezogen werden; man mußte sich daher dermalen auf Vorkehrungen in der Richtung beschränken, daß für jenen Teil der ländlichen und städtischen Bevölkerung der sich nicht aus eigenen Kräften helfen konnte, provisorische Notunterkünfte für den Winter geschaffen werden. Zur Bestreitung des Aufwandes wurden den politischen Behörden Galiziens bedeutende Mittel zur Verfügung gestellt. Es ist zu hoffen, daß es bei tätiger Mitwirkung der Bevölkerung gelingen wird, der großen Zahl von Obdachlosen noch vor Eintritt desWinters ein schützendes Obdach zu bieten. Die finanzielle Hilfeleistung in Galizien erfolgt in zweierlei Form: Jenen durch den Krieg in Notlage geratenen Personen, wel- Feuilleton. Eine Heilige. Ein Bild aus der Gegenwart. Von S. Asch, Über die unbewegbaren Straßen ziehen sich in langen Reihen traurige Menschen hin : die Opfer des Krieges. Es gehen Juden mit zerrissenen Kleidern, ihren Sabbathut auf dem Kopfe, auf den Schultern und in den Händen ihre Habseligkeiten: das bekannte Bündel Bettwäsche in dem Leinensack. Hier hat sich einer vergessen und trägt in seinem Sack sein Sabbatkleid und das „Seidene" seiner Frau, und oben aus dem Sack schaut die neue Perrücke hervor. Ein anderer Jude hält zwei silberne Sabbatleuchter in der Hand, unter dem Arme einen Machsor — das hat er für die Kostbarkeiten gehalten, die er retten imisste, als man ihn aus seiner Heimat gejagt hatte. Die grösseren Knaben gehen neben ihren Vätern her. Viele von ihnen helfen beim Tragen der Last — eines PäckchensfLeder aus dem Laden, eines Bündels Ware. Doch die meisten von ihnen tragen die grossen Folianten, den Talmud, die Bibel, die sie aus dem Bücherschrank ihres Vaters gerettet, als der Befehl erteilt wurde, im Verlaufe zweier Stunden das Städtchen zu räumen, und als man in der Eile nicht wusste, was zu retten. Die kleineren Kinder gehen mit ihren Müttern, halten sich an ihre Schürze oder helfen ihnen die Säuglinge zu tragen. Am energischesten sind die Mädchen, die zehnjährigen, die achtjährigen und sogar die siebenjährigen: Sie vertreten die Mutterstelle an den ganz Kleinen, halten sie während des ganzen Weges und beruhigen sie mit dem Oesang ihrer Lieder. Unter den Frauen und Kindern geht auch Chaim Fischer. Das ist em alter, ntfider Jude mit einem verbrannten Gesicht und lockigem Haar. Er trägt, wie die Frauen, ein Kind, eine Thorarolle, die in einem Gebetmantel gehüllt ist. Sein Kind ist jedoch ein fremdes Waisenkind : Die Thorarolle hat der Tillim-Verein schreiben lassen. Er hält sie wie ein Kind, denn eine eigene Thorarolle besitzt er nicht. Er hat sich nicht dazu verstehen können, sie, wie die anderen es getan haben, auf den Wagen zu legen, sondern er geht mit den Weibern, die ihre Kinder tragen und hält sein Eigentum in den Händen. Und wenn man ihn fragt: „Chajim, wie geht es Deinem Kinde?, da küsst er seine Thorarolle und erwidert: „gut". Unter der Gemeinde vor dem Wagen geht der Rabbi aus der Stadt, an seiner Seite der Dajan und der Vorbeter. Der Rabbi ist wie ein einfacher Jude gekleidet in einen kurzen ßauernpelz. Sein einziges Oberkleid hat er abgelegt und damit die Thorarollen im Wagen bedeckt. Und da es auf dem langen Wege, den sie von ihrem Städtchen zu gehen haben, geschneit und geregnet hat, hat ihm Moses, der Fleischer, keine Ruhe gelassen, bis er seinen Pelz genommen hatte. Der Bart des Rabbi zittert und die erschreckten jüdischen Augen, die aus dem edlen Gesicht blicken, scheinen die Sonne zu fragen : „Warum?" Mit Achtung und Mitleid schaut die Gemeinde auf ihren Rabbi, hofft, dass er ihnen sagt, weshalb und wie lange — doch der Rabbi schweigt. Als erster wendet sich an den Rabbi Salman, der Makler, der als der Frechste in der ganzen Stadt gilt. Auch hier hat er seine Art nicht verlernt und schreit zum Rabbi herüber: „Rabbi, zuerst Brot für die Kinder" und der Rabbi erwidert: „Nun, wir kommen ja zu Juden." Hinter dem Rabbi, in der Mitte der ganzen Gemeinde geht der Wagen, langsam, wie die heilige Lade, die die Juden auf dem Wege durch die Wüste geführt haben. Um den Wagen herum geben die Vornehmsten aus dem Städtchen und helfen den Wagen ziehen; denn das „jüdische" Pferd des Kutschers Rothe, das einzige Pferd, das man die Juden hat mitnehmen lassen, ist schon ganz müde geworden. Sie tun es gern. Der Wagen ist ja mit Heiligtümern beladen, er ist bepackt mit den Thorarollen aus allen Synagogen, Schulen, die es in dem Städtchen gibt, und diese wieder sind mit Gebetmänteln und den Thorakronen bedeckt. Bei den Thorarollen, in einer Ecke des Wagens, liegen auch zwei Leichen — die beiden Kinder, die den langen Weg nicht überlebten, da sie die Schneegestöber und die Regengüsse nicht aushalten konnten. Dem Wagen folgen die Mütter der Toten, die Trauernden dem Sarge. in einer anderen Ecke des Wagens, abseits von den Leichen und von den Thorarollen liegt Aharon- Mosches Braut, den Kopf mit einem Tuch verdeckt: denn seitdem ihr jenes Unglück geschah, seitdem man sie halbtot in dem Stalle unter den Pferden gefunden hatte, in dem die Kosaken standen — seit jener Xui will sie nicht mehr die lichte Sonne sehen und hält iii; Gesicht verdeckt . . . Als man plötzlich die Juden aus dem Städtchen trieb, wußte man nicht, was mit dem Mädchen zu um sei. Denn von jenem Unglück ab lag Aharon-Mosclies Braut im Bett, den Kopf in ein Tuch gewickelt, und fei! keinen zu sich. Der Rabbi selbst ist gekommen, hat das Mädchen auf seinen eigenen Händen auf den Wagen getragen und sie neben die Thorarollen gelegt. Und als einige angesehene Mäiner den Rabbi erstaunt anblickten, wie um zu sagen: „Sie zusammen mit den Heiligtümern!", da sprach der Rabbi leise zum Dajan: „Auch sie gehört zu den Reinen und Heiligen und sie verdient es, neben den Heiligtümern zu liegen — denn sie ist eine jüdische Märtyrerin." (Aus dem Jüdischen.)