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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-28 · 11 (28.10.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
11 (28.10.1915)
Date
1915-10-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JUdisclie Korrespevulenz Nr 11. Zweifel darüber, daß gegen die Türkei ein Feldzug wegen armenischer Greuel eingeleitet werden soll. Nach den Greueltaten, die angeblich y«n den Deutschen in Belgien verübt worden sind, nunmehr die Greuel der Türken gegen die Armenier. Dieses Repertoire ist zwar etwas eintönig, und damit wird es allmählich seine Zugkraft verlieren; aber der englischen politischen Tradition entspricht durchaus die höchste bis zur Brutalität gesteigerte Rücksichtslosigkeit im Handeln, gemischt mit menschenfreundlichster Sentimentalität in Worten, wenn es nützlich ist. Die englische Politik, die auf Massenwirkung berechnet st, hat seit jeher mit denselben zugkräftigen Mitteln gearbeitet, wie der Kolportageroman, der auch Massenwirkungen erzielen soll. Aber natürlich bedingt es das eigenste Interesse der ottomanischen Regierung, eine regellose Volksbewegung gegen die Armenier zu unterdrücken, und man kann es durchaus verstehen, daß der Präsident der Vereinigten Staaten sich der Armenier anzunehmen sucht; denn die Vereinigten Staaten besitzen alte Kulturbeziehungen zur Türkei, insbesondere zu den gebildeten armenischen Kreisen. Ist die versuchte Einwirkung in Konstantinopel ausschließlich von Geboten der Menschlichkeit diktiert, und stützt sie sich auf wohlbeglaubigte Tatsachen, so wird sich gegen sie nichts einwenden lassen; eine Berücksichtung dieser Vorstellungen liegt dann ebensowohl im Interesse der Humanität, wie im politischen und wirtschaftlichen Interesse der Türkei; und es ist garnicht daran zu zweifeln. daTJ modern gebildete Menschen wie Enver und Talaat Barbareien des Mobs ebenso beurteilen wie ein gebildeter Engländer die Plünderung deutschen Eigentums in London. Hält aber Präsident Wilson einmal eine Intervention aus humanitären Gründen in der 'Türkei für politisch zulässig und geboten, dann muß man auf Grund dieses Präzedenzfalles folgern, daß er eine gleiche Intervent ioninRußlandimlnteressederdort furchtbarverfolgtenJuden und auch der Mohammedaner für gleichfalls zulässig und geboten aus den gleichen Gründen der Humanität erachten wird. Ich bin im Laufe dieses Jahres dreimal, zum Teil längere Zeit, in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten Rußlands gewesen und ich habe es mir angelegen sein lassen, beglaubigte Tatsachen über die von der russischen Soldateska gegen Juden verübten Grausamkeiten gemeinsam mit einer kleinen Anzahl von Freunden zu sammeln. Die Verbrechen, die von den zurückweichenden russischen Heeren gegen die jüdische Bevölkerung verübt wurden, sind unübersehbar. Die Plünderung war hergebracht; Schändungen von Frauen und Mädchen, aber auch von Greisinnen und Kindern gleichfalls; und dazu zahllose Morde und zahllose Totschläge gegen diejenigen, die nicht willig ihren Besitz auslieferten, oder den raubenden Soldaten nichts ausliefern konnten, weil sie nichts besaßen. Sodann die Austreibungen von ganzen jüdischen Gemeinden aus kleineren Ortschaften und großen Städten mitten im Winter, ohne daß man den Aermsten gestattete, auch nur ihre bewegliche Habe mitzunehmen; ohne daß man gestattete, daß Kranke, daß Wöchnerinnen, daß Greise zurückgelassen werden durften. Noch heute ist Warschau überschwemmt von solchen Flüchtlingen, die ich in überfüllten Häusern aufsuchen konnte, und die nichts mitgebracht hatten als ihr nacktes Leben, und die jetzt von der Wohltätigkeit ihrer Glaubensgenossen leben und von der Humanität der deutschen Behörden. Andere Zehntausende von Juden sind in das Innere von Rußland abgeschoben worden; in Viehwagen eingesperrt, halb verhungert, und man erlaubte ihnen nicht, auf der weiten Reise die verschlossenen Waggons zu verlassen. Durch das Büro des Hilfsvereins der deutschen Juden sind Hunderte und Hunderte von Briefen gegangen, die den amerikanischen Verwandten der Vertriebenen diese greuelvollen Zustände schildern, und Präsident Wilson wird nur notwendig haben, die nötigen Erkundigungen in East End von New York einziehen zu lassen, um von amerikanischen Bürgern die Wahrheit zu erfahren. Aber diese Wahrheit ist auch in der Duma in Petersburg ungeschminkt ausgesprochen worden, Präsident Wilson mag sich die Reden vorlegen lassen, die der jüdische Abgeordnete Friedmann und der mohamedanische Abgeordnete Dschafarow in der Reichsduma gehalten haben. Es mag genügen, aus der Rede Friedmanns wenige Sätze hier anzuführen: „Es gab Pogrome, Räubereien, Vergewaltigungen von Frauen. Ich werde jetzt keine einzelnen Tatsachen anführen, sondern werde die Dokumente in der geheimen Sitzung der Duma vorlegen . . . Wenn der Führer der Opposition in Anbetracht alles dessen, was gegen die jüdische Bevölkerung vorgenommen wurde, schon beim Beginn des Krieges gesagt hat, daß wir uns den Zeiten von Ferdinand und Isabella nähern, so sage ich jetzt, daß diese Zeiten bei weitem übertroffen worden sind. Zum Schutze Spaniens ist das jüdische Blut nicht geflossen, aber bei uns ist das Blut der Juden vergossen worden, in dem Augenblick, wo diese das Va- S terland schützten." l Und der Mohammedaner Dschafarow sagte ' das folgende: j „Unter dem Lärm des Krieges sind ge- I gen die muselmanische friedliche Bevölkerung Greuel ins Werk gesetzt worden und werden noch ins Werk gesetzt. Die Bevölkerung ist vollkommen schutzlos; Leben und Eigentum ist durch nichts garantiert. Erpressung, Raub und Mord der Muselmanen sind dort (im Kaukasus) gewöhnliche Erscheinungen. Massenweise Verbannung der mänlichen Bevölkerung, Angriffe auf die Ehre der schutzlosen Frauen, die Verödung der Dörfer haben das Volk in Schrecken gesetzt. Ein verelendetes, verhungerndes, hilfsbedürftiges und keine Hilfe findendes Volk, das ist in kurzen Worten die Lage der Muselmanen in dem Grenzgebiet." . . . Diese Behauptungen, die in der Duma nicht widerlegt worden sind und nicht widerlegt werden konnten, wurden freilich der europäischen Presse durch die russische Zensur vorenthalten, aber in russischen Zeitungen sind die Reden zum Abdruck gekommen. Damit ergibt sich die folgende Frage: Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten, Herr Wilson, sich verpflichtet fühlt, jene unschuldigen Armenier, die türkische Untertanen sind, zu schützen, soweit ihm das möglich ist, so ist nicht abzusehen, warum er diesen seinen Schutz nicht auch den Juden und den Mohammedanern, die russische Untertanen sind, zuteil werden läßt. Das Gebot der Humanität, das für die einen gilt, sollte für die anderen nicht außer Kraft gesetzt werden können. Die unaufhörlichen Verfolgungen des Zarismus haben Hunderttausende von Juden aus Rußland in die Vereinigten Staaten getrieben, wo sie nunmehr friedliche und geachtete Bürger geworden sind. Allein im East End von New York gibt es über eine Million Juden, die fast alle aus Rußland stammen, und die die Leiden ihrer Glaubensgenossen kennen. Diese Massen vereint mit allen humandenkenden Bürgern der Vereinigten Staaten werden hoffentlich den Augenblick für gekommen erachten, die führenden Männer in Washington darauf hinzuweisen, daß ein menschenfreundlicher Präsident auch in Rußland sich Verdienste um das Menschengeschlecht erwerben kann. Es wäre ein Großes, wenn Präsident Wilson sich der Geknechteten und Niedergetretenen in Rußland helfend annehmen wollte. Die Russen in Ottynia. Uber die Leiden, von denen die aus Ottynia in Ostgalizien von den Russen verschleppten jüdischen Einwohner heimgesucht wurden, wird in einem von dortigen Ortsrabbiner Gutschein herrührenden Brief die nachfolgende Schilderung gegeben: Am 13. Mai sind die Russen, nachdem wir kurz vorher von der ersten, mehrere Monate dauernden Besetzung befreit wurden, zum zweitenmal wieder in unser Städtchen eingezogen. Die Russen machten mich bald darauf dafür verantwortlich jrad bedrohten mich auch mit der 1 ooesstrate, äali ich für sie kernen Schnaps bereu hielt, wie ich es angeblich für ige österreichischen t>oldaten getan laben sollte, Es! wurde bestimmt, daß ich am 14. abends als I Geisel genommen werde. Es gelang mir aber 1 noch rechtzeitig mich in Sicherheit zu Dringen und mich der verhaltung so zu entziehen. Vorher schon liatten die Russen die telephonische Leitung in (Jttyma zerstört, während andere russiscne Soldaten im Bethaus eine Razzia äut Juden machten, denen sie die Schuld an der Zerstörung aes Telephons zuschrieben. Am selben Nachmittag wurde öffentlich kundgegeben, dati sich jeder Jude vom achten Lebensjahre bis zum — hundertsten sotort zu melden habe. Nicht lange darauf wurden wir alle — auch Kranke und Gebrechliche — unter Eskorte nach Tlumacz geführt, wo wir am 17. früh anlangten, uort wurden wir in einem Pferdestall iaterniert, wo wir bis zum darauffolgenden Tag verblieben. Am 18. Mai frühmorgens wanderten wir weiter nach Nizniow und nach einer kleinen Ruhepause nach Monasterzyska. Da sperrte man uns in der Tabakfabrik ein. Wir waren 405 Personen auf dem Leidensweg. Wir hatten da keinerlei Nahrung und hungerten bis zur Erschöpfung. Am 19. Mai wurden wir frühmorgens nach Buczacz getrieben. Dort gelang es der jüdischen Bevölkerung, uns einige Nahrung zu verabreichen. Unseres Bleibens war aber auch hier nicht lange und so kamen wir in die Nähe des Dorfes Zieieny, wo wir auf einem Ackerfelde übernachteten. Am 20. früh ging es über Strysow nach Mikuünce, wo wir um 11 Uhr abends ankamen. Die militärische Bewachung verhinderte auch hier, dati uns etwas zum Essen und Trinken geboten werde. Am 21. kamen wir vollständig erschöpft in Tarnopol an. Die dortige jüdische Bevölkerung nahm sich der Unglücklichen an und labte sie mit Speise und Trank. Jeber Bissen wurde jedoch von der russischen Soldateska mit Knutenhieben begleitet . Diese Peinigungen schienen dem Tarnopoler Gouverneur Vergnügen zu bereiten, der, während wir mit der Nagaika bearbeitet wurden, in unserer Nähe weilte. Man trieb uns am selben Nachmittag nach Skalat weiter. Bis zum nächsten Tage hielten wir uns auf dem Friedhofe in der Nähe des Städtchens auf. Die uns begleitenden Soldaten durchsuchten unsere Taschen und Beraubten uns der ganz geringen Barschaften, die wir mitführten. Morgens erst ließ man uns ins Städtchen, wo wir bei strömendem Regen und ohne Nahrung stundenlang im Freien ausharren mußten. Endlich kam der Natschalnik, der uns mitteilte, daß wir nach Grzymalow weiter wandern müssen. Dabei gab er uns das Versprechen, daß wir je 18 Rubel monatlich als Unterhaltsbeitrag bekommen werden. In Grzymalow verblieben wir sieben Wochen, bis es einem Teil von uns gelang, aufSchleichwegen nacbBuczacz zu entkommen. Alte übrigen blieben in Grzymalow zurück. Selbstverständlich bekamen wir die ganze Zeit hindurch von den uns versprochenen 18 Rubeln pro Person nicht eine einzige Kopeke und waren so nur auf die Unterstützung der Grzymalower jüdischen Bevölkerung angewiesen. Erst nach Ablauf von sechs Wochen bekamen wir nach vielen Bitten durch den Skalater Kommandanten etwas Zwieback zugeschickt, der aber ganz ungenießbar war. Das war so eine Abschlagszahlung auf das Versprochene. Leider hatten nicht alle Verbannten Kraft genug, die Strapazen, den Hunger und die Kälte auszuhalten. Viele bekamen geschwollene Füße, mehrere erkrankten an Krebs, Darmkatarrh und Nierenleiden. Vierzehn von den Erkrankten starben. Den Kranken half der Stadtarzt von Grzymalow in humanster und uneigennützigster Weise. In Buczacz blieben wir sieben Wochen.Was wir dort erlebten, das spottet jeder Beschreibung. Wir hatten Schrecken, Hunger, Kälte und Krankheit ohne ärztliche Hilfeleistung auszustehen. Hier waltete seines grausamen Amtes ein Kommandant namens Markow, welcher der „Schwarzen Sotnie" angehört. Dieser Unmensch marterte die Juden fürchterlich. Kaum zeigte sich einer auf der Straße, wurde er zum Etap- Uberall zu tvafoen! Schicht-Wäsche - Kriegs-Wäsche billigste, schonendste and wirksamste Waschart; Weiche die Wäsche mit Wasch-Extrakt „FraiMMilofc1 eiaige Standen oder über Nacht ein. Wasche dann wie gewohnt weiter. 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