Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 11 (28.10.1915)
- Date
- 1915-10-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz ^erteriiähri^rK°i-2aler' Wochenblatt für jüdische Interessen. rw^vTm^^T -NuMnttk mit »otter QuelleMagabe gettattrt. Redakteur: Jonas Kreppel.; Erscheint jeden Donnerstag Wochenblatt für jadische Interessen. ~ym'^!XT: Redakteur: Jonas Kreppel. i Erschei nt jeden Donnerstag ■f. II. Wien, 28. Oktober 19t5. I. Jahrgang. Das neue Österreich. Fünfzehn Monate lang tobt bereits das blutigste Ringen, das die Weltgeschichte je kennt. Noch ist das finde unabsehbar und unübersehbar, noch ist kein Mensch in der Lage, voraussagen zu können, wann der letzte Schuß in diesem Weltkriege fallen, wann der Friedensengel seinen Kriegskollegen verdrängen wird, Eines jedoch ist schon jetzt klar: Der Sieg wird den verbündeten Zentralmächten unu ihren Bundesgenossen zufallen. Mag der Krieg noch kürzer oder länger dauern, das Resultat desselben ist bereits so gut wie entschieden. Wir in Österreich-Ungarn sind so sehr von dieser Ueberzeugung durchdrungen, daß das Augenmerk aller Völker der Monarchie sich bereits der zukünftigen Friedensarbeit zuwenuet. in demselben Momente, da draußen auf den Schiächtfeldern die Kanonen krachen und das tapfere Heer um die Vollendung des Sieges ringt, werden im Innern Zukunftspläne geschmiedet und die Fundamente zu einem neuen, größeren Vaterlande gelegt. Man weiß es: Das neue Österreich muß in vielen Hinsichten anders, besser aussehen, als das bisherige. Die Erfahrungen des Kriegsjahres werden nicht ohne günstige Folgen bleiben. Das neue Vaterland wird neue Entwickelttagsmöglichkeiten haben, es wird politisch, kulturell und wirtschaftlich auf neue Grundlagen gestellt werden. Die Völker der Monarchie gehen nun daran, „Neuorientierungen" in Bezug auf ihr Verhältnis zum Qesamtstaate und zu einander festzulegen. Qar manches Programm, das früher mit einem solch lärmenden Tam-Tam -.,~~»«tefo*rt wtiiida, awtfl.iftlf hiwfillia erklärt, gär manche Bewegung, die früher sehr viel Staub aufwirbelte, wird als nicht-existenzberechtigt beurteilt, gar manche Schlagworte, mit welchen Völker und Parteien so heftig zu operieren .pflegten, werden zum alten Eisen geworfen, gar manche Streitigkeiten, welche so oft die ganze Staatsmaschine in ihrem normalen Laufe behinderten, erscheinen als lächerlich und beschämend für ihre Urheber. Die österreichische Judenschaft ist in der glücklichen Lage, in ihrem Verhältnisse zum Staate keiner Neuorientierung zu benötigen. Die Juden waren immer ein staatserhaltendes Element par excellence und werden es auch in der Zukunft bleiben. Sie haben das ihrige zur Größe und zum Ruhme des Vaterlandes beigetragen und freuen sich aller Erfolge. Sie entwickeln auch heute keine neuen Programme, in der festen Uberzeugung, daß das neue Österreich ihre Verdienste zu würdigen wissen wird. Was sie verlangen, ist: einen entsprechenden Platz unter des Kaisers önadensonne, und sie hegen die vollste Zuversicht, daß ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird. Die vollste bürgerliche und politische Gleichberechtigung, die Berücksichtigung ihrer speziellen religiösen und kulturellen Interessen erwarten sie vom neuen großen Österreich. Sie haben in dieser großen Zeit gleich allen anderen Völkern das ihrige, oft über die Kräfte, dazu beigetragen, dem Vaterlande zum Siege zu verhelfen, sie haben, besonders derjenige Teil im Osten des Reiches, mehr als alle anderen durch die Kriegsereignisse gelitten — sie verlangen jedoch keine speziellen Belohnungen, sondern nur gleiche Rechte mit allen, ebenso wie sie alle Pflichten gleich mit allen anderen erfüllt haben. Die österreichische Judenschaft bleibt bei ihrer alt-neuen vaterlandstreuen Orientierung. Die Zenlralmäcrite für die Juden. Vorige Woche machte eine offiziöse Meldung aus Konstantinopel die Runde durch die Presse, welche vielleicht nicht genügend Beachtung gefunden hatte, deren Tragweite aber für die Juden eine sehr große ist. Anschließend an die Nachricht über die Bildung einer „Osmanisch-Israelitischen Union", deren Aufgabe es ist, für die Sicherstellung der jüdischen Gleichberechtigung in den osteuropäischen Ländern nach dem Kriege einzutreten, wurde gemeldet, daß in dieser Angelegenheit auch ein Meinungsaustausch zwischen der türkischen Regierung und der deutschen Botschaft stattgefunden hat, der ergab, daß die türkische Regierung ebenso wie die deutsche und österreichisch-ungarische, den Bestrebungen zur Besserung des Loses der Juden des Ostens durchaus wohlwollend gegenüber stehe. Wie bekamt^ wird unter der Juden aller Länder der Gedanke propagiert, an sämtliche Regierungen mit dem Ersuchen heranzutreten, daß bei den künftigen Friedensverhandlungen auch des Loses der Juden gedacht und für ihre Gleichberechtigung in denjenigen Ländern, wo sie noch immer unter Ausnahmsgesetzen zu leiden haben, eingetreten werde. Die Zentralmächte, Oesterreich-Ungarn, Deutschland sowie die Türkei, haben nun durch die oberwähnte offiziöse Nachricht ihre Bereitwilligkeit bekanntgegeben, diesen jüdischen Wünschen zu entsprechen und wir sind sicher, daß ihre Vertreter bei den Friedensverhandlungen alles Mögliche zur Erreichung dieses Zieles unternehmen werden. Das Vertrauen der Juden fast aller Länder zu den Zentralmächten war also vollständig gerechtfertigt und w]ir können schon heute diese offiziöse Ankündigung mit dem aufrichtigsten Danke an die Regierungen der Zentralmächte und ihrer Verbündeten quittieren. Hilfe liir die, 0m*im&***H&riim*üt m iscnen Die russische Dampfwalze, welche bei Kriegsbeginn weite Gebiete Galiziens zu erdrücken drohte, befindet sich seit Monaten in steter entgegengesetzter Bewegung. Fast das ganze Land ist von der russischen Invasion befreit und große Gebiete feindlichen Landes sind von den österreichisch-ungarischen Truppen okkupiert. Ein großer Teil der Flüchtlinge, welche bei Kriegsbeginn Heim und Herd verließen, um nicht auch nur einen Moment gezwungen zu sein, einem fremden Herrn zu dienen und Bekanntschaft mit der Kosakennahajke zu machen, ist bereits in die Heimat zurückgekehrt oder ist im Begriffe, soweit die Umstände dies gestatten, dorthin zurückzukehren. Ganz Westgalizien und ein großer Teil Mittelgaliziens sowie mehrere Bezirke Ostgaliziens sind für die Flüchtlingsrückkehr freigegeben. Die Freigabe weiterer Bezirke steht demnächst bevor und in absehbarer Zeit dürfte das ganze Land für seine vor Jahresfrist geflüchteten Bürger offen stehen. Als sich im Vorjahre der Flüchtlingsstrom aus Galizien nach Wien und den westlichen Kronländern so plötzlich und unerwartet ergoßen hatte, stand sowohl die Regierung wieauch alle anderen berufenen Faktoren vor einem schweren Probleme, für dessen Lösung aus der Vergangenheit keine Erfahrungen vorhanden waren. Die Aufgabe war sehr schwierig und beim besten Willen mußte es eine Weile dauern, bis die Flüchtlingsfürsorge auf den richtigen Geleisen sich bewegen konnte. Dank dem guten Willen, den mit großer Freigiebigkeit zur Verfügung gestellten Geldmitteln, der aufopfernden Arbeit aller maßgebenden Faktoren wie nicht minder der freiwilligen Hingabe hervorragender Persönlichkeiten, Vereine und Oganisationen, ist es nach und nach gelungen, die Flüchtlingsfürsorge mustergiltig zu regeln. Die in der ersten Zeit vielfach gehörten Klagen verstummten vollständig und die Flüchtlinge benützten jede Gelegenheit, um ihren Dank und ihre Anerkennung für die Fürsorge auszusprechen, welche sie teilweise die erlittene Not vergessen machte. Nun dieser Flüchtlingsstrom sich wiederum in der Richtung nach der Heimat zurückwälzt, stehen wir vor neuen Problemen, vor neuen Aufgaben, deren Lösung vielleicht noch schwieriger und verwickelter isk&ls die Flüchtlingsfürsorge. Es handelt sich hier nicht mehr darum, einer gewissen Anzahl Personen und Familien momentane Hilfe zu gewähren, sie mit Brot und Kleidung notdürftig zu versorgen, sondern darum, Tausende und Abertausende zerstörter und vernichteter Existenzen wieder aufzubauen und aufzurichten, Tausenden und Abertausenden Familien Erwerbsmöglichkeiten zu verschaffen, Handel und Wandel in die normalen Bahnen zu leiten und die durch die Kriegsereignisse zerrütteten Verhältnisse zu konsolidieren. Auch diesmal tut die Regierung voll und ganz ihre Pflicht. Die seitens der Regierung inaugurierte Hilfsaktion zum Wiederaufbau des Landes und zur Konsolidierung der Verhältnisse in Stadt und Land ist auf einer breiten Grundlage basiert und ganz beträchtliche Geldmittel wurden hiezu zur Verfügung gestellt. Die diversen lokalen Hilfsaktionen, die Kriegskreditanstalt etc. umfassen ein breites Tätigkeitsprogramm und es wird alles getan, was zum Ziele führen kann. Allein, ebenso wie bei der Flüchtlingstürsorge, ist auch diesmal die tatkräftige Mithilfe der breiten Öffentlichkeit notwendig. Die Unterstützungen und Entschädigungen an die Betroffenen, mögen sie auch noch so fregiebig bemessen werden, reichen vielfach nicht aus, um den tatsächlichen Schaden wieder gutzumachen und den zerstörten Existenzen zum Wiederentstehen zu verhelfen. Es ist auch für die Zukunft an den guten Willen sowie an die Bereitwilligkeit der Regierung nicht zu zweifeln, aber ihre Hilfe allein kann absolut nicht hinreichend sein. Es müssen da auch von privater Seite Hilfsaktionen eingeleitet werden, es muß auch da die private Wohltätigkeit angerufen und in Anspruch genommen tw*",a*>a M^ht iarim- B^tr^g^ hat 4|p^jip^ auf eine gesetzmäßige Entschädigung, nicht jede Entschädigung reicht hin, den wirklich erlittenen Schaden gutzumachen. Es gibt Kreise, die eigentlich nichts und doch alles verloren haben: ihre ganze Existenz. Es sind dies die sog. „Luftmenschen", welche einen beträchtlichen Teil der galizischen Judenschaft bildeten, es ist dies die sog. „Halbintelligenz", deren Hyperproduktion auch in normalen Zeiten eine arge Belastung für das galizische Judentum bedeutete, es ist dies die große Zahl Witwen und Waisen, für deren Erhaltung die Regierungsbeiträge nicht immer hinreichend sein können. Für alle diese muß von jüdischer Seite selbst gesorgt werden. Es muß ihnen sowohl eine momentane Hilfe nach der Rückkehr in die Heimat gewährt, wieauch die Möglichkeit geboten werden, sich neue Existenzen zu gründen. Die Erkenntnis bezüglich dieser dringenden Aufgaben ist der jüdischen Öffentlichkeit wohl nicht fremd geblieben. Wir haben vor einigen Wochen einen diesbezüglichen Aufruf des Jüdischen Hilfskomites in Lemberg veröffentlicht. In den letzten Tagen haben auch einige jüdische Organisationen in Wien einen Aufruf in dieser Angelegenheit erlassen. Es genügt jedoch nicht, rührend geschriebene Aufrufe zu veröffentlichen; die Hilfsaktionen müssen auch tatkräftigst organisiert und geführt werden. Es ist heute nicht mehr so notwendig, für die Flüchtlinge zu sorgen; die Sorge für die Heimkehrenden ist viel dringender. Das gute jüdische Herz, welches sich bei der Flüchtlingsfürsorge so glänzend manifestiert hatte, möge auch diesmal Beweise echt jüdischer Bruderhilfe liefern. Es ist jetzt nicht an der Zeit, sich nebulosen Plänen hinzugeben und für Aktionen Geld zu sammeln, deren Durchführung erst einer späten Zukunft vorbehalten sein muß. Die Not des Tages ist so dringend, daß sie den Blick für die Zukunft nicht ganz freiläßt. Auch bei Hilfsaktionen muß man streckenweise denken. Möge die jüdische Öffentlichkeit diese Umstände beherzigen und darnach handeln! Präsidenl Wilson, Armenier, Mohammedaner und Juden. Herr Dr. Paul Nathan in Berlin schreibt in der „Fr. Zeitung": Die englischen Zeitungen, sodann eine Debatte im englischen Oberhaus lassen keinen „Zeichnet die dritte österreichische Kriegsanleihe in