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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-21 · 10 (21.10.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
10 (21.10.1915)
Date
1915-10-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10. JUdlsche Korrespondenz Seite 3 ich kam auch wiederholt mit den diesbezüglichen Referenten der deutschen Verwaltung in Berührung. Nach vielen Erörterungen und Diskussionen akzeptierte der Referent der deutschen Verwaltung, Reichstagsabgeordneter Dr. Haas, unseren Standpunkt, daß es den jüdischen Eltern überlassen werden soll, ihre Kinder in einer polnischen oder in einer jüdischen Schule einzuschreiben. In den jüdischen Schulen soll der Jargon die Unterrichtssprache sein, das polnische aber als obligater Gegenstand eingeführt werden. DerJargon als Unterrichtssprache soll jedoch nur während eines Ubergangsstadiums Geltung haben, d. h. bis die Schulkinder sich die polnische Sprache derart angeeignet haben werden, um den ganzen Unterricht im Polnischen genießen zu können. Dieses Ubergangsstadium ist deswegen notwendig, weil lausende jüdischdi Kinder, besonders die erst in den letzten Jahren aus dem Innern Rußlands eingewanderten, der polnischen Sprache nicht mächtig sind. Die Entscheidung in dieser Angelegenheit unterliegt wohl der deutschen Reichsregierung, resp. dem Oberkommando, rierr Dr. Haas versprach jedoch, diesen Standpunkt bei der Regierung auis wärmste zu befürworten. — Von meinem Standpunkte — schloß Abg. Dr. Steinhaus seine Äußerungen — glaube ich, daß diese Lösung den jüdischen Interessen am besten entsprechen wird, umso eher, als ich bei meinen Unterredungen und Verhandlungen mit den führenden polnischen Kreisen die Wahrnehmung gemacht Habe, daß auch sie ein friedliches Zusammenleben zwischen Polen und Juden sehnlichst herbeiwünschen. Die Woche. Die Besserung des Loses der Juden im Osten. Aus Konstantinopel wird gemeldet: Die jüdischen Gemeinden Deutschlands haben als Zeichen ihrer Sympathie der türkischen Armee mehrere Waggöns Sanitätsmaterial zukommen lassen. Dr. Alfred Nossig, der zwecks Ubergabe der Spende au die Behörden in Konstantmopel eintraf, wurde vom Sultan, dem Thronfolger Jussuf-Izzedin, Enver-Pascha, Talaat-Bei und Malil-Bei empfangen. Die Vertreter der Regierung sprachen sich in sehr anerkennender Weise über die jüdische Bevölkerung aus, der ihr Wohlwollen gesichert sei. Dr. Nossig und Kommerzienrat Simon wurden durch Verleihung des Medschidijeordens ausgezeichnet. Während des Aufenthaltes Dr. Nossigs in Konstanstinopel gründete ein Kreis von türkischen Juden mit Einwilligung der Regierung eine Vereinigung „üsmanisch-israelitische Union". Die Vereinigung, an deren Spitze der Deputierte Carasso steht, strebt die festere Angliederung der Juden an die anderen Bevöl- Kerungsgruppen der Türkei an. Sie gedenkt ferner, mit den die ostjüdische Bevölkerung betreffenden Fragen gelegentlich der internationalen Verhandlungen nach Beendigung des Krieges sich zu befassen. In dieser Angelegenheit fand auch zwischen der türkischen Regierung und der deutschen Botschaft ein Meinungsaustausch statt, der ergab, daß die türkische Regierung ebenso wie die deutsche und die österreichisch-ungarische den Bestrebungen zur Besserung des Loses der Juden des Ostens durchaus wohlwollend gegenüberstehen. Die lieben Juden des Zaren- Aas Stockholm wird Berliner Blättern geschrieben, daß die Not der galizischen Juden in Sibirien unbeschreiblich groß sei. Dem „Djen" zufolge hat die jüdische Gemeinde in Tomsk eine Bittschrift an das lrkutsker Hilfskomitee gesandt, die wie nachstehend lautet: „Es leben hier nicht Hunderte, sondern Tausende von Juden, die man auf administrativem Wege aus üalizien und Russisch-Polen vertrieben hat, und die bis zum Kriegsende hier interniert bleiben. Die größte Zahl dieser Unglücküchen sind mittellos, ohne Hoffnung, etwas aus ihrer Heimat 1 zu erhalten. Nach langer Reise halb bekleidet 1 und halb beschuht in Tomsk angekommen, mit der Verzweiflung im Herzen und flehenden Bitten um Hilfe auf den Lippen, haben lausende Tomsk passiert. Was konnten wir mit unseren kleinen Mitteln tun? Man müßte viel tausende Rubel haben, wir haben kaum hunderte. Unbefriedigt mußten wir sie weiterziehen lassen, kaum, daß wir ihnen die nötige Wäsche für eine Woche verschaffen konnten. Diese Tausende von Unglücklichen flehen um Hilfe. Es kommt der strenge sibirische Winter und sie haben nichts womit sie sich nachts bedecken können." Auch sonst lauten die Nachrichten trostlos. — Der Beschluß des russischen Ministerrats, den jüdischen Untertanen des Wohnrecht in Rußland einzuräumen, bedeutet eine grausame Ironie bestenfalls ein inhaltsloses Stück Papier. Tatsächlich sind einem Korrespondenten der „Voss. Ztg." von einem russischen Gewährsmann allein während der jüngsten zwei Wochen 34 Fälle von Judenausweisungen namhaft gemacht worden. Hier drei der krassesten Fälle: Ein verwundeter Jude, der Gefreite Lack, kam Ende August zu seinen in Tomsk wohnenden Eltern. Obwohl die letzteren den Minister telegraphisch ersucht hatten, ihrem schwerverwundeten Sohn bis zur Heilung das Wohnrecht in Tomsk einzuräumen, wurde der verwundete jüdische Soldat am 10. September von der Polizeibehörde abgeschoben, üer jüdische Soldat Teitelbaum mit einem bei lwangorod erhaltenen Beinschuß schleppte sich für seine letzten Groschen nach Moskau, um dort einen angesehenen Chirurgen zu konsultieren. Er wurde unmittelbar nach seiner Ankunft als ohne Wohrecht ausgewiesen. Seine bitte, ihn wenigstens einem Moskauer Lazarett zu überweisen, blieb ergebnislos. Er schleppte sich nach Witebsk, wurde amputiert und verstarb. Die jüdische Frau Porter kam nach Petersburg, um ihren in einem dortigen Lazarett schwerverwundet liegenden Sohn, der sich freiwillig gestellt hatte, zu besuchen. Sie wurde noch am Ankuftstage ausgewiesen, und ihre Bitte, vor Abgang des Zuges ihren Sohn wenigstens begrüßen zu dürfen, wurde abgewiesen. Die jüdische Schulfirage in Warschau. (Äußerungen des Reichsratsabg. Dr. I. Steinhaus.) Vor etwa 14 Tagen brachten die Zeitungen die Nachricht, daß sich einige führende polnische Persönlicnkeiten aus Gaiizien nach Warschau begeben haben, um mit den dortigen polnischen Kreisen Verhandlungen betreffend Festsetzung eines gemeinsamen Programmes über alle gegenwärtig aktuellen Fragen zu iühren. Da sicn unter diesen pohnsch-galiziscnen Delegierten auch der jüdische Reichsratsabgeordnete Dr. bteinhaus befand, lag die Vermutung nahe, aaß bei diesen Verhandlungen in Warschau auch die gegenwärtig auf der Tagesordnung stehende jüdisch-polnische Frage berührt werden dürfte, unser Redakteur wandte sich daher nach der Rückkehr de.> Herrn Abgeordneten Dr. Steinhaus an denselben mit der Frage, inwiefern dies der Fall war. Abgeordneter Dr. Steinhaus äußerte sich diesbezüglich folgendermaßen: Tatsächlich begab ich mich nach Warschau vorzüglich in jüdischen Angelegenheiten, riauptsactuicn handelte es sich um die Schultrage, welche nach Ansicht der führenden polmschen und jüdisch-polnischen Kreise dazu geeignet war, das Verhältnis zwischen Polen und Juden in Warschau, welches leider in letzter z.eit vieles zu wünschen übrig ließ, noch mehr zu verschärfen, was jedoch alle ernsten Faktoren iiii oeiderseitigen Interesse verhüten möchten. Wie bekannt, führte die neue deutsche Verwaltung in Warschau den Volksschulzwang 'ein, wobei bestimmt wurde, daß die Unterricntssprache in den polnischen Schulen die polnische, in den jüdischen Schulen hingegen uie deutsche sein soll Diese Bestimmungen befriedigten aber weder die polnischen und die jüdisch-polnischen Kreise, noch die sog. Jüdisch-Nationalen. Erstere verlangten, daß auch in den jüdischen Schulen die polnische Sprache eingeführt werde, letztere möchten es gerne sehen, daß der Jargon als Unterrichtssprache in den judischen Schulen bestimmt werde, als erste Etappe zur Anerkennung einer separaten jüdischen Nationalität. Da die Aufrechterhaltung dieser Bestimmung nach Ansicht der jüdisch-polnischen Kreise1 ms friedliche ZusanimeÄtebefn 1 von Jaden und Polen ungünstig beeinflußen, andererseits aber nur Wasser auf die Mühle der Allpolen sein konnte, welche so gerne die Juden als Fremdkörper im polnischen Volke verschrien sehen wollen, begab ich mich im Einverständnisse mit meinen politischen Freunden nach Warschau, um an einer Regelung dieser Angelegenheit mitzuwirken. Wir fühlten uns tuezu umso eher berechtigt und verpflichtet, als ja das Verhältnis zwischen Juden und Polen in Warschau auch auf dasjenige in Galizien zurückwirken könnte. Meine Reise ging über Berlin, wo ich zunächst mit den dortigen führenden jüdischen Kreisen in dieser Angelegenheit konferierte. In Warschau wurde eine ganze Reihe von Konferenzen mit den jüdisch-polnischen und polnischen maßgebenden Faktoren abgehalten und Augen hinunterzuschauen in das ungeheure Loch, in das die gute, galizische Erde und sein armes, geschändetes und gepeinigtes Heimatsstädtchen versunken war. Er saß mit klappernden Zähnen, und zu spät kam es ihm sündhatt vor, in seinen alten Tagen Qott so freventlich und leichtsinnig versucht zu haben. üer Flieger hielt über dem Bug, dessen vielfach zerrissenes, mattes Silberband aus milchigen Nebeln und dunklen Anstreifen heraufschimmerte. Die Hügel streckten sich, als man höher flog, wurden platt und ganz formlos. Die fliehende Erde trank sie in sich hinein und grau lag das weithin aufgerollte Land untertfenFlügein üer großen Maschine. Wie Leichentücher, in die man die trommen, gläubigen Juden am Ende ihrer Erdenfahrt hüllt, wehten die Nebel über das Tal des Bug. Sich zurückwendend zu seinem Mendel Sochaczewer, den er bald vergessen hätte, wies der Flieger mit dem ausgestreckten Finger unter sich. Furchtsam rappelte sich der Stadtrat und Armenvater auf, lugte vorsichtig über die hohe Brustwand und sah schwindelnd zur grauen Erde hinunter. Der Finger des Offiziers wies auf haarfein hingestrichelte, dunkle Krümmungen, die sich in ununterbrochener Flucht vom Straße zu Straße, Bach zu Bach, durch Gehöfte, von denen nur noch die geschwärzten Brandmauern standen, und durch zerstörte Dörfer hinauf nach dem von Nebeln verhüllten Norden wanden. Wie die Laufgänge eines gefräßigen Borkenkäfers wanden sich diese merkwürdigen Linien durch die graue Erdrinde. Der gellende Sturm des Motors verhinderte es, daß Herr Sochaczewer die erklärenden Worte des Leutnants vernahm, aber er verstand auch so und sah erschüttert, mit Tränen in seines kleinen, traurigen Augen, dort hinunter. Es waren Schützengräben, die der Krieg mit seinem eisernen Meißel in das arme Angesicht seiner Heimaterde gegraben hatte, österreichische, russische Stellungen, hart aneinander, fliehend voreinander, vorstoßend und sich umfassend. Äcker und Hügel, Flußtäler und Bachwiesen, über die Herr Mendel Sochaczewer in besseren, glücklicheren Tagen in seinem nun von den Russen entführten Einspänner kutschiert hatte, waren da eingesponnen in das schicksalsträchtige Gewirr dieser Linien, die nach Norden flohen. Dort oben standen nun wohl die Österreicher und rannten die Russen, und über das Land, das Russenstiefel zertreten, das der Feind geschändet und gemartert hatte einen Winter lang, llog der russische Motor, sang die Maschine ihr betäubendes Sturmlied, raste der Propoller. Herr Sochaczewer, Mendel Socnaczewer, Handelsmann und ehrengeachteter Stadtrat, war gewiß nicht, was man einen Gefühlsmenschen nennt. Aber dies war zu viel. Elias fiel ihm ein, der Prophet, den Gott im feurigen Wagen dieser Erde entführte. Ihn schwindelte, er schloß die Augen, saß zitternd im Sturm und breitete seine Arme aus . . . Der Leutnant, der starrblickend, unbeweglich das Lenkrad umklammert hielt, glaubte in diesem Augenblick, aus dem ihm so unsäglich vertrauten Trommelschlag des Motors etwas wie einen fremden Ton herauszuhören. Er beugte sich aufmerksam vor, aber dieser sonderbare Laut kam gar nicht von der Maschine. Es war eine Menschenstimme, ein phantastischer Gesang, eine seltsame Folge von wilden, tiefen, dunklen Schreien, die nicht einmal der Sturmlaut des Motors völlig übertoben konnte. Der Offizier erinnerte sich seines Passagiers und sah zurück. Herr Sochaczewer saß festgeschnallt neben dem Burschen, er hatte sich die Fliegerhaube vom Kopf genommen, und der Wind des Propellers riß ihm fast das dünne graue Haar von den Schläfen. Jede Runzel seines bleichen Gesichts zitterte von ungeheurer Erregung, und sein Mund stand weit offen, daß man die gelben, schadhaften Zahnstümpfe sah --Herr Mendel Sochaczewer sang! Er gebärdete sich wie ein Verrückter. Er schrie in das Toben des Motors hinein. Denn sein Auge sah den Boden seiner Väter, Brüder und Schwestern befreit. Die Gnade Gottes trug ihn durch die Lüfte über die Heimat, deren Peiniger flohen und geschlagen wurden. Und ohne daß er es wußte, stieg ihm dieser seine Brust nach langer Qual entlastende Schrei aus der Kehle. Ein Klagelaut, ein Jubelpsalm, ein wilder Dank aus tiefster Herzensnot schrie aus der Kehle des Juden, und selbst Franzi, der Bursche, verstand endlich, daß der seltsame Mann an seiner Seite in der größten Stunde seines Lebens Zwiesprache mit dem unbekannten Gott hielt . . . Der Leutnant klammerte die Hände fester um das Lenkrad; er wendete und flog heim. Eine leise Beklommenheit verdunkelte ihm einen Augenblick die hellen, guten und mutigen Augen. Man flog nun der aufgehenden Sonne entgegen. In Glut und Flammen flog man, blutig strahlte die rote Scheibe; das klirrende und singende Gestänge der Maschine blitzte im Morgenrot, und jäh stürzten die beiden grauen, sonnbeschienenen Flügel zur Erde. Der Leutnant ging im Sturzflug herunter. Das Gewehrieuer des Motors setzte plötzlich aus. Die eben noch wirbelnde Schraube war nur mehr ein totes, glänzendbraunes Stück Holz, und in rasender Eile bäumte sich die Wiese vor der kleinen Trümmerstadt, von der man vor einer Stunde abgeflogen war, zu den Fliegern empor. Wie durch ein aufgerissenes Loch jagte man hinunter. Stieren Blickes sah der erwachte Jude die kahlen, schwarzen Brandmauern der Stadt unter sich. Jetzt, jetzt mußten sie hinunter aut die Seite des Platzes schmettern, da setzte rasselnd und klappernd der Motor wieder ein, die Schraube drehte sich einige Male und flaute ab, Herr Sochaczewer fühlte einen Ruck, und verständnislos sah er zu, wie sich der Bursche des Leutnants die Riemen und Schnallen vom Leibe löste. Man rollte über eine Wiese, Soldaten in blauen Mechanikerkitteln kamen näher, ein Schwärm Juden stob auseinander, und als ihn jemand aus seinen Träumen geweckt hatte, versuchte er, sich nun auch von den festgeschnallten Riemen zu beireien und auszusteigen. Blank, froh und lachend stand der Flieiierieutnam vor ihm. Helm und Gläser hatte er schon abgenommen. Der Morgenwind spielte mit seinem Haar. .Sa, dachte Herr Sochaczewer, der kein Gefühlsmensch war und Gefälligkeiten nur gegen Perzente erwies — so sehen unsere Befreier aus Und übermannt, mit einem aus tiefster Brust aufsteigenden Schluchzen, das ihm jedes Wort seines Dankes verschlug, nahm er die braune, schmale Hand des Fliegers in seine beiden Judenhände und küßte sie. („Universum".) Lambert.

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