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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-21 · 10 (21.10.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
10 (21.10.1915)
Date
1915-10-21
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr 10, schied zwischen Ost und West geben. Entweder anerkennt man die vollste Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller Juden, oder stellt man sich auf einen negativen Standpunkt. Man kann einen konsequenten jüdischen Nationalismus begreifen, selbst wenn man anderer Ansicht ist; man kann die Existenz einer antijüdischen Bewegung feststellen, ohne ihr e'ne Berechtigung zuzubilligen. Aber in beiden diesen Hinsichten einen Unterschied zwischen West und Ost zu machen, das klingt höchst paradox und kann gar nicht ernst genommen werden. Man darf übrigens nicht vergessen, daß ein großer Teil der sog. Westjuden gerade vom Osten gekommen ist. Die Wiege gar manchen berühmten Westlers ist in einem gottvergessenen Neste des Ostens gestanden. Die Übersiedelung nach dem Westen und die Aneignung der westlichen Kultur hat wohl diese Kreise zu Westjuden gestempelt, aber gerade dies beweist, daß der Unterschied zwischen Ost- und Westjuden nur ein rein äußerlicher ist. Werden nun große Teile des Ostens mit dem Westen politisch vereinigt, wird die westliche Kultur sich auch auf diese östlichen Gebiete erstrecken, dann dürften auch dort mit der Zeit andere Erscheinungen und andere Formen zutage treten. Man kann also von irgendeiner speziellen, tiefliegenden und weitgehenden Ostjudenfrage nicht reden; man kann für die Ostjuden keine wie immer gearteten Beschränkungen fordern und auch keine speziellen Sonderstellungen. Es geht nicht an, den jüdischen Nationalismus nur für den Export nach Osten zu betreiben. Es geht nicht an, einer antijüdischen Oesinnung blos eine östliche Marke anzuhängen. In politischer Hinsicht müssen wir auf eine Gleichstellung aller Juden beharren, ebenso, wie wir ihre Gleichwertigkeit bei jeder Gelege nheitmitbesonderemNachdrucke betonen. Die Unterschiede zwischen den West- und Ostjuden sind, wie schon gesagt, hauptsächlich religiöser und geistig-kultureller Natur. Diese Divergenzen sollen auch innerhalb der Judenschaft selbst bereinigt werden. Nach außen hin kann und darf es nur ein einheitliches Judentum geben. Derartige Unterschiede zwischen West und Ost, die aus der kulturellen und wirtschaftlichen Entwickelung resultieren, gibt es übrigens auch bei anderen Völkern, ohne jedoch zu derartigen Konsequenzen zu führen, wie wir sie gegenwärtig in gewissen jüdischen und nichtjüdischen Kreisen konstatieren können. Lassen wir nur unseren Brüdern im Osten all die Wohltaten einer Gleichberechtigung und einer neuzeitigen Kultur zukommen und sie werden mit der Zeit ganz ebenbürtige Westler sein. Die spezifisch jüdische Kultur, das spezifisch jüdisch-geistige und jüdisch-religiöse Leben kennt keine politisch-geographischen Grenzen. Die Juden, die Bürger eines Staates sind und sein werden, müssen und sollen in jeder Beziehung einheitlich behandelt werden. Spectator. Feuilleton. Wie der Mendel Sochaczewer gen Himmel fuhr. Der Morgenwind trieb die Flußnebel um die Brandmauern des zerstörten, schwarzen Städtebens am Bug, als der Wecker in der Stube des Fliegerleutnants anschlug. Der natte vier Stunden ohne Schlaf in den heißen Polstern seiner Wirtin gelegen. Das Bett bekam ihm nicht; die gewohnte Schütte Stroh ging ihm ab, und ehe der Wecker noch ausgerasselt hatte, stand der Flieger schon aufatmend vor der Tür des halbverbrannten, polnischen Bauernhauses. Im Gehen schlang er sich den Schal iester um den Hals, er fror im Morgenwind, und auch sein Bursche, der halbfertig mit dem Schlai in den Augen seinem Herrn nachüef, klapperte mit den Zähnen. Es war wenig über 4 Uhr, im Juni, und der Leutnant hatte vor, einen gestern erbeuteten russischen Zweidecker, dessen Typ ihn interessierte, auszuprobieren. Auf der Wiese hinter der schwarzen Ruinenstadt war es schon lebendig. Soldaten in blauen, ölverschmierten Mechanikerkitteln machten sich an der schönen, fast neuen Maschine zu schaffen, und trotz der frühen Stunde waren die Juden, deren Dach seit Wochen abwechselnd ein Kellergewölbe oder der blaue Himmel war, schon zur Stelle. Als der Fliegerleutnant mit seinem Burschen ankam, ließen die Arbeiter den Motor der russischen Maschine ein letztes Mal angehen und überhörten mit angespannten Gesichtern den präzisen Ryhthmus von Explosionen. Der Leutnant knöpfte sich den Lederhelm über den Kopf, und in der plumpen, häßlichen Umhüllung sah sein frisches, offenes und mutiges Gesicht noch einmal so jung aus. Er brauchte für die fremde Riesenmaschine noch einen zweiten Passagier zu dem Monteur, der mit mm flog, und war eben dabei, einen der Soldaten aus- Vor dem Forum de* Weligerienies. Die jüdische Tageszeitung „Der Tag" in New-York schreibt: Es gibt eine Form von Gerechtigkeit, an welche auch die ganz Skeptischen glauben müssen, weil wir sie immer erlebten und erleben, es ist die historische Gerechtigkeit Hier geht die Verteilung von Lohn und Strafe an Gerechte und Ungerechte nach ewigen, unumstößlichen und uns immer in neuem Vertrauen aufrichtenden Maßstäben vor sich. Wenn das byzantinische Weltreich nach Jahrhunderten völkerbedrückender und kulturvernichtender Arbeit, weniger dem äußeren Feinde als vielmehr der inneren Hohlheit zum Opfer fiel; wenn Spanien, auf dem Wege zur Größe und Weltmacht, rapid und unaufhaltsam zu sinken beginnt, nachdem es sich des besten Erhaltungselements, der Juden, entledigt hatte, so sehen wir darin und in tausend anderen historischen Erscheinungen unverkennbar den Finger Gottes, das Walten des Weltgerichtes der Geschichte, das Staaten und Völker, wenn sie einmal für den Untergang reif, ihr eigenes Grab schaufeln läßt. Sie versinken in der Leere, die sie selbst, in Verkennung ihrer geschichtlichen Aufgabe, um sich geschaffen haben . . . Und nun erleben wir es, daß Rußland vor dem Forum der Weltgeschichte das Urteil gesprochen wird, erleben wir, wie dieses Urteil auch vollstreckt wird. Die Dinge nehmen ihre rasche und sichere Entwicklung. Die russischen Armeen fliehen, ohne Halt und ohne Rast, überall brennt und wankt der Boden unter ihren Füßen. Mit ihnen flieht die Macht und das Ansehen Rußlands, zerrinnt die Legende vom unüberwindlichen Helden, der ein ganzes Jahrhundert Europa in eisernen Banden hielt und finstere Schrecken, eine Atmosphäre von Gewalt über den ganzen Erdball verbreitete. An diesem sicheren Gange des Schicksals wird nichts mehr ändern, weder die Millionen frischer Soldaten, noch die amerikanischen Granaten, noch die goldenen Kugeln, die in Form von Milliarden-Anleihen aus England und Amerika kommen. Im Jahre 1904—15*05 war mit dem japanischen Kriege das Schicksal Rußlands bestimmt, das Meneteker am Horizonte in Flammenzeichen erschienet!; 1915 erhalten die Zeichen ihre grauenvolle Erfüllung. Rußlands Schicksal ist besiegelt/ seine Weltmacht zerschmettert. Weit mehr als Serbien oder Belgien, mußte es vor den Augen der ganzen Welt seine tiefste Erniedrigung erleben. Wie ein Symbol mutet das neueste Kuriosum aus der russischen Front an: Zwischen den Kästchen Munitiori, die zur Verteilung gelangten, befanden sich viele, die statt mit Patronen, einfach mit Straßenkot gefüllt waren. Selbstverständlich war' das, nach der Meinung der Petersburger Zeitungen, die Arbeit von Juden und deutschen Spionen, die sich in die russischen Munitionsfabriken einschmuggeln konnten .. , Das ist aber für den Außenstehenden wenig wahrscheinlich. Es handelt sich in Wirklichkeit um eigenen, echt russischen Kot, der zusuchen, als sich aus der Schar den schweigsam starrenden Juden ein Mann im fliegenden, langen Stadtrock, flatternden Pajeslöckchen und gezogenem Hut hervordrängte. „Sochaczewer", stellte er sich dienernd dem österreichischen Leutnant vor. „Ich heiße Mendel Sochaczewer, wollen gütigst zur Kenntnis nehmen." Der Flieger sah den Mann an. In der nächsten Minute, dachte er, wird er einen Posten Patenthosenknöpfe oder ein schauderhaft mageres Suppenhuhn aus diesem von Lemberger Herrschaften zurückgelegten Salonrock ziehen: Gelegenheitskauf, der Herr Leutnant wird sich das nicht entgehen lassen wollen; das beste Geschäft, was der hochgeborene Herr Leutnant hat gemacht in seinem Leben. Aber es geschah nichts dergleichen, sondern dieser Herr Sochaczewer trat näher und verschlang mit einem seltsamen Blick die zum Abflug bereite, in allen Flanken bebende Maschine. „Verzeihen, Euer Hochwohlgeboren," sagte er mit einer vor Aufregung etwas heiseren Stimme. „Ich sehe, der Herr Leutnant benötigen einen Passaschier. Wenn ich mich antragen dürft' dem Herrn Leutnant; wenn der Herr Leutnant die Gnade hätt', mich mitzunehmen auf der Fahrt —". Der Mann wußte nicht weiter, die Kühnheit seines Unterfangens machte ihn mitten in seinem Redeschwall stumm. Er wischte sich Schweißperlen von der Stirn und sagte dann sehr leise, mit einer erschütternden Eindringlichkeit: „Ich bin ein so gut wie alter Mann, Herr Offzier, und es kann sein, daß es für mich nicht paßt, zu tun einen Luftsprung mit dem gnädigen Herrn Leutnant auf dieser Maschin'. Aber," sagte er bebend, und seine gelben Hände krampten sich zu zwei knöchernen Fäusten um die flatternden Rockflügel, „ich kenn' die Maschin', Herr Leutnant, und wie gut ich sie kenn'. Vierzehn Tage hintereinander ist sie gekommen über unsere Stadt, wo nicht ist gewesen ein einziger österreichischer Soldat und niemand gelebt hat als die Juden im Keller. Jeden Früh, wenn wir haben geschlafen ein bissei und ausgeruht von unserem Jammer, ist dieser Zorn Gottes gekommen und hat geworfen Bomben auf die Stadt rem aus Ubermut. Draußen auf dem neuen Friedhof können der gnädige Herr Leutnant sehen, wen er hat getroffen aus Zeitvertreib, der Flieger von die Rassen. Alte ein Symbol für das ganze russische Leben ist Warum sollen nicht die Wahrzeichen des Krieges für Rußland, das in die letzten Phasen seines Unterganges eingegangen ist, Kot und Schmutz sein? Freilich kann man mit solcher Waffe nur gegen die eigene Bevölkerung den ,Vernichtungskampf führen, nicht aber im Ringen der Völker Lorbeeren ernten und die nationale Ehre und Größe retten. Die russischen Armeen fliehen in panischer Angst, ohne irgendwo festen Boden zu gewinnen. Ganz wie die Wanderarmeen der Juden, die man kurz zuvor in Kowno und Kurland, Litauen und Wolhynien aus Haus und Heimat gejagt und die ohne Brot und Obdach, ohne Ziel und Hoffnung in der weiten Welt herumirrten und noch umherirren. Überall die gleiche Erscheinung: Erst werden die Juden unter Hieben der Kosaken-Nagaikas aus der Stadt gejagt Ihnen auf dem Fuß tolgen aber bald, von dem Feinde getrieben, die Kosaken selbst Wohl krampft sich das Herz zusammen, wenn man an die vielen Unschuldigen denkt, die die Sünden der Verbrecherbande, die die Geschicke des russischen Volkes in Händen hat, so schwer mit büßen müssen. Ob und inwieweit das verhetzte Volk der Pogrome direkten Anteil an den Verbrechen der Regierung hat, soll dem späteren Geschichtsschreiber zur Entscheidung vorbehalten bleiben. Die Schuld der Regierung liegt aber offen vor aller Welt. Sie hat ein ganzes Volk außer Gesetz und Recht gestellt und hat damit Recht und Gesetz selbst geschändet und vergewaltigt; sie hat eine ganze, nach Millionen zählende arbeitsfrohe und landestreue Bevölkerung für vogelfrei erklärt und all die Unzufriedenen und Verdrossenen, die sie von sich und ihrem Treiben abzulenken großes Interesse hatte, gegen die Hütten der Schutzlosen gehetzt. In vielen Jahrzehnten eifriger, systematischer Arbeit wurden alle Begriffe vernichtet und die Bestie im Menschen künstlich geweckt und entfesselt Was sollten heute die verwilderten Horden auf den Schlachtfeldern, auf denen um die höchsten Güter der Menschheit gekämpft wird, gegen den Ansturm eines auf der Höhe der Kultur stehenden „Volkes in Waffen" ausrichten können? Die Juden bildeten den Kitt, der das ökonomische kulturelle Leben in •Railaiid zusammenhielt, sie hielten, kraft ihrer Initiative und Arbeitslust das Wirtschaftsleben im Flusse. Die russischen Machthaber unterdrückten aber dieses lebendige und lebenschaffende Element, so daß sein heilsamer Einfluß bald gänzlich verschwand. So zieht denn Rußland, durch eigenes Verschulden geschwächt und entnervt, ins Feld, gegen einen Feind, der in eben so langer kraftvoller Arbeit sich alle Voraussetzungen der gesunden Entwicklung geschaffen hat. Teuer muß Rußland seine historische Schuld bei der nunmehr erfolgenden Weltabrechhung bezahlen. Vor dem Forum des Weltgerichtes ist Rußlands Urteil gesprochen. Es wird vor unseren Augen vollzogen . . . Weiber hat er niederg'macht. Und unseren kleinen, buckligen Leiser Aaron, was taub ist gewesen und stumm und nicht hat getan Übles in seinem Leben an einer Katz'. Und zwei Kinder hegen in der Erd', Herr. Ihrer eingeschlafenen Mutter sind sie davongerennt, aus Neugier zu schauen den Russen. Ihre Händ' und Fuß', gnädiger Herr Leutnant . . . ihre Händ' und Füß' hat die Mutter zusammengesucht in ihre Schürz', damit wir können begraben die unschuldigen Opfer." Mit glühenden Augen maß der Jude die Maschine. „Es ist nicht mein Geschäft, zu fliegen und zu werfen Bomben den Russen auf die Köpfe. Aber wenn Sie mich wollen mitnehmen, Herr Offzier, und mir zeigen die Handgriff, und explizieren mit drei Worten die Sach', werd' ich es treffen, als ob ich nicht war' ein schmutziger Jud', der geküßt hat vor vier Wochen noch die Stiefel von dem Kosaken." „Bomben," lächelte der Leutnant und sein Lächeln war ihm seltsam schwer, „wir werden heute keine Bomben werfen, lieber Herr Sochaczewer. Aber wenn Sie mich ein bissei Ihre Papiere anschauen lassen wollen, so —" er überlegte einen Augenblick — „so können Sie in Gottes Namen neben meinem Franzi da einsteigen." Der Bursche Franzi grinste, und der Jude riß mit fliegenden Fingern eine fleckige Brieftasche aus den abgerissenen Futter seines Lemberger Salonrocks. ..Mendel Sochaczewer, Handelsmann von daliier, strahlte er und überreichte die Papiere und bekam es von seinen Mitbürgern bestätigt, daß es wirklich der Stadtrat und Armenvater und Handelsmann Sochaczewer sei, der mit dem Herrn Leutnant zu den russischen Stellungen fliegen wollte. Der Leutnant schwang sich auf seinen Führersitz; unterdessen wurde sein zweiter Passagier von den lachenden Soldaten neben den Pfeifendeckel Franzi geschnallt und bekam eine Fliegerhaube aufgesetzt; dann begann auch schon der Motor zu trommeln, und aus der schwarzen Rotte der entsetzt zurückfliegenden Juden flog Herr Mendel Sochaczewer •nit dem gnädigen Herrn Leutnant und dem grinsenden Franzi aus Nestitscbeta in den graue» Morgenhimmel. Der kleine Jüdische Handelsmann schloß die Auges. Nie, dachte er, wird es fertigzubringen sein, mit offenen

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