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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-21 · 10 (21.10.1915) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
10 (21.10.1915)
Date
1915-10-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sei|e 4 ^^^^^W^S? ^^I^^^J^^^^^^JÄ^^^* Nr. IG. öie Jude« i« Polen- Polnische Blätter berichten: In einer Unterredung mit einem Zeitungskorrespondeten über das Programm der Verwaltung in den von Österreich-Ungarn besetzten Gebieten Russisch-Polens äußerte sich üouv.-Oeneralstabschef Oberst Hausner auch über die Judenfrage, bezüglich welcher er folgendes sagte: „In unserem Verhältnis zu den Juden gelten dieselben Grundsätze wie in Österreich. Bekanntlich gibt ,es in Österreich keine jüdische Nationalität und wir kennen keine jüdische Absonderung. In Wirklichkeit geben wir den Juden volle Gleichberechtigung. Ihre Religion kann keine Ursache sein zur Ausschließung der Juden hinsichtlich der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung. Eine jüdische Sprache kennen wir nicht. Der Jargon kann im öffentlichen Leben nicht in Rechnung gezogen werden. Mit Rücksicht auf die hiesigen Verhältnisse beließen wir die besonderen jüdischen Schulen, rührten aber dort das Polnische obligat ein. Ebenso werden die jüdischen Matriken in polnischer Sprache geführt." (Um Mißverständniße zu vermeinden sei bemerkt, daß es sich hiebei um ein die offizielle Anmerkung des Jargons handelt. Im private Leben, wie in der Presse ist der Jargon natürlich otine jede Beschränkung zuläßig. Krieg sauszeichnung en füdisetker Eisenisarmer. Seine Majestät der Kajs,er hat verliehen für vorzügliche Dienste ina Kriegsverkehre das Ritterkreuz des Franz Jpse|-Ordens am Bande des Müitäryerclienstkreu.z'es ^en Staatsbännräten Alfred Bondy, Adolf f isehL Joachim Qoldstein; dem Qberstaatsbahnrat Cfrisiav Pojpak; den Inspektoren jsak Neiger und kaiserlichen Rat Emil Bursztyn; das goldene YerdienstHreuz mit der Krone am B.ande der Tajferkeitsmedaille den Qber^orrimissäreii Moses fürgang und Arnold Königsteni; den Oberrevidenten Julius Glasier, i^axmtfian Blumenstock und Moriz Bernfeld; dern Kommissär Abraham Wasserstrcffii; das goldene Verdienstkreuz am Bande der T«pferkei^edail(e dem Oberrevidenten Alexander tM|; den Revidenten Otto Pick, 1&W Stejner; den. Adiitnkten Max Fingerhut und, Emanuel P^ilak. Neue Minister - Alles System. „Geschlecht geht, Geschlecht kommt — die Efde aber hestehf ewiglich!" — Minister gehen, Minister kommen — aber die Reaktion in Rußland und ihre Begleiterscheinung, der Judenhaß, bleiben unverändert. Es tut nichts zur/Sache, daß au Stehe Schtscheglowitows ein gewisser Chwostow Jnstizminister wurde. Er erklärte auf clie Frage, ob eine Änderung der russischen Judengesetzgebung zu erwarten sei, fcurz und b%^g: „Davon lassen Sie uns lieber schweigen!" — Es tut nichts zur Sache, daß an Stelle Schtscherbatows ein Namensvetter des %tiztiu'njBters das Portefeuille des Innern übernahm Chwostow II. erklärt in seinem Programme, daß 'eine Änderung der Judengesetzgebung wohl wünschenswert wäre, man muß jedoch davon absehen, da die Juden bei ihrer überlegenen Intelligenz eine Gefahr für das russische Volk bedeuten. Es bleibt also in Rußland weiter alles beim Alte». Nur die Ausreden und Ausflüchte werden zur Abwechslung mannigfaltig gebraucht. „Neue Vogel — alte Lieder!" Ju<ien werden mcbi zugelassen. Vorige Woche berichteten die Zeitungen daß in Rußland zum ersten Mal der Jude Weinstein in der Reichsrat gewählt wurde. Nun meldet „Ruskoje Slowo": Die Wahl Weinstens wird annuliert, denn nach der Verordnung Kaiser Nikolaus i. dürfen Personen jüdischer Herkunft der oben erwähnten Institution nicht angehören. Slr^lflieHler. Worte und Taten. ffinanzmitiister Bark bat in London der russischen Verwaltung die Leviten gelesen, weil sie die Juden so schlecht behandelt. Die russische Regierung sei entschlossen, der. neuen Entwickelune der Dinge Rechnung zu tragen und eine liberalere Behandlung der Juden in die Wege, w, leiten. Die rassische Regierung sei an der Pogrompolitik unschuldig. Die Verwaltungsorgane seien die einzig Schuldigen. So rechtfertigte sich Finanzrninister Bark in London. Mittlerweile ist ein rassischer Oeheimbefehl aufgefunden, worden, der den Herrn Finanzmmister Bark in. krassester. Weise Lugen straft. Dieser Befehl stammt aus dem russischen Ministerium des Innern und zeigt deutlich, daß die Unterdrückungsbestrebungen gegen die russischen Juden ihren Ausgangspunkt noch immer in den Ministerien haben. Der Uülicijiibetehl tautet in wortgetreuer Übersetzung toigendermaijen: „Ministerium des Innern. Streng vertraulich. Zirkular. Verwaltung des Wihjaer Kost- und Veiegraptiettheziriis. Nr. 3$.tm. 7. Juli 1915. Wilna. ICingaagsstempeL) Kpwnoer fost- und i eiggrapbeobureau eingegangen iL (24.) Juli 1915. Nr. 9570. Den Vorstehern der Post, Telegraphen und Postanstaiten des Wilaaer Bezirkes. Per Wilnaer Gouverneur hat mir mit Verfugung vom 5. Juli er. unter Nr. d).5Sfa mitgeteilt, datj, laut Mitteilung der Uberkoinmaudierenden des Dünaburger Militärbezirks, der Oberkommandierende der Armeen der Nordwestiront befohlen hat, das Erscheinen und die Verbreitung der Zeitungen in yiddischer Sprache, ebenso wie Annahme und Ausgabe von Korrespondenzen m üieser Sprache zu verbieten. rlievon setze ich die Vorsteher der Anstalten in Kenntnis zur Nachachtung. Für den Chef des Bezirks: Ingenieur (Unterschrift.) Beamter für besondere Aufträge: (Unterschrift.) Während Finanzminister Bark auf seiner Pumpreise in London die russische Regierung pathetisch vor dem Verdachte in Schätz nimmt, dali sie die Juden verfolge, werden im Innern Rußlands Geheimbefehle zur Unterdrückung der Juden ausgegeben, und zwar von der höchsten verantwortlichen Regierungsstelle. Als Herr Berk in London um Geld wimmerte, mußte er von dem oben veröffentlichten Geheimbefehl bereits Kenntnis besitzen. Es wird darin den Juden einfach verboten, ihre Leitungen ihn ihrer Sprache zu verbreiten, die Millionen russischer Untertanen sprechen. Oder ist vielleicht die russische Verwaltung auch für diesen Geheimbefehl verantwqrtliph? Schade, daß sich Herr Bark in London hierüber nicht geäußert hat Gheüo-Dämraerung. Eine Morgendämmerung ist's, der nächtlich-düstere Nehelt der über den Qhettomauern lagert, beginnt sich zu lichten. Aus ferner Höhe dringt schüchtern ein heller Schimmer herab, der einen neuen Morgen verkündet. Schüchtern nur wagt er sich von der Höhe hernieder; noch hat die Nacht ihren Platz nicht geräumt. Doch riecht es bereits nach Morgenluft. Die Nachtigallen trillern Morgenlieder. Und die Nachtigallen haben sich stets als gute Propheten hewährt--- Es wird Tag werden; nach langem Ringen vielleicht — aber das Licht wird siegen; es hat ja immer gesiegt-- Und so werden sie verschwinden, die finsteren Ghettoschatten, diese ernsten, stillen Schatten ... Sollen wir uns nicht darüber freuen? Wie sonderbar die menschliche Natur ist! Viele, viele Jahrhunderte hat man darauf gewartet, daß Licht in die „Gasse" eindringe — und nun, endlich ist es bald soweit, — endlich! Und da, siehe! Es schmerzt, es tut weh, ein banges Gefühl ergreift das Herz--- im Osten Europas donnern die Kanonen, platzen die Bomben; das ganze gewaltige Land ist wie ein stürmisch brausender Orkan. Und die gewaltig rauschenden Wogen werden die grauen Ghettomauern mit unwiderstehlicher Wucht hinwegspülen und fortreißen. Eine Jahrtausende alte Kultur wird damit vom Erdboden verschwinden. Die weltentrückte, abgeschlossene „Judengasse" wird der Vergangenheit angehören --- Und nun, wir uns trennen sollen von dieser eigenartigen Sphäre, da sie vor unseren Augen untertaucht üi dem gewaltigen Strudel der Zeit, da wird unser Herz beklommen und in unserer Seele werden Gestalten von jener Welt lebendig, die uns sonderbar anziehen^ zu uns eine eigentümlich innerliche, umschleierte Sprache reden . . . Still und ernst sind diese Gestalten, das Haupt gebückt, die Stirn gefaltet; aber tief in den Falten ist ein kaum merkbarer Schimmer eingegraben* Die Bilder scheinen uns etwas Heiliges, von einer fernen, fernen Welt* Herrührendes an sich zu haben. Und wenn sie uns ansehen, da überwältigen sie uns. 6, dieser Bück! Wer kann ihn schildern,!? Und wer vermöchte ihm zu widerstehen!? Tiefe Verzweiflang und unerschütterlicher Glaube, stummer Schmerz und ruhige Zuversicht, das Gefühl der Verlassenheit und hehrer Ahnenstolz, — all' dies liegt in jenem Blicke! Da taucht vor unserer Seele eine Greisengestalt auf. Nach Mitternacht. Draußen ist finster und totenstill. Die kleinen, halbeingefallenen Häuser im Städtchen stehen wie vergessene Grabesdenkmäler da. Nur aus den kleinen Fenster eines Häuschens schimmert ein matter Schein in die nächtliche Finsternis hinaus. Und eine wehmutsvolle Stimme erklingt ans dem Innern. Der alte Rabbi Chajim verrichtet da die „Chazoih'-Gebete. Bitterlieh beweint er die Zerstörung Jerusalems, die Vernichtung des Tenmels, die Vertreibung dgs jüdischen Vofltes j aus dem heiligen Lande. Die Zionssehnsucht durchzittert seine ganze Seele und bildet die I tnorunst seiner innigsten Gebete. Ach, der gute Rabbi Chajim! Nicht um das bittere Los seiner notleidenden Familie weint er; nicht für sein eigenes Wohl sendet er Gebete zum Himmel empor . . . Was schert ihn Weib, was schert ihn Kind? — Juda ist verbrannt, Zion liegt im Staube! Und weitere Bilder steigen vor unsere Seele. Da sehen wir das altersgraue „Beis-Hamidrasch", das Lehrhaus, darin die blassen Talmudjünger vor ihren großen Folianten sitzen und „lernen". Dieses „Beis-Hamidrasch"! Jahrhunderte hindurch ist es eine Zufluchtsstätte für das jüdische Volk gewesen, worin es Trost für seine furchtbaren Leiden und Qualen suchte und fand. Und die alten, staubbedeckten Bücher, die da in einer Ecke stehen, sie gaben ihm die Kraft, alle entsetzlichen Schläge der erbarmungslosen Außenwelt ertragen zu können. In jenen staubigen Büchern ist der jüdische Genius aufbewahrt worden. Das Beis-Hamidrasch ist die Festung gewesen, die unser Volk vor dem Untergange schützte --- und im Beis-Hamidrasch sitzen sie, die blassen Talmudjünger, und „lernen". Abgescniossen von aller Welt, „ohne Luft und Licht", und darunter der „Maßmid", der „Fleißige". Kennt ihr nicht jenen merkwürdigen Jüngling, uen öiaük in seinem gewaltigen Gedicht „Hamalimid"* so ergreifend geschildert hat!? — Der erste und der letzte ist er stets im Beis-Hamidrasch. Niemand sieht, wann er kommt; niemand weiu, wann er geht. Mit dem Morgenstern erwacht er, und bis spät nach Mitternacht verweilt er vor der Gemoreh, die für ihn die Welt bedeutet: die ernste, inhaltsschwere Welt, voll tieuigen Geistesgenusses und großer Verantwortlichkeit — Tagaus, tagein erschallt seine Lernweise. Mitunter nimmt sie einen wehmütigen, traurigen Klang an. Eine unbewußte, verschleierte Sehnsucht spricht daraus. Wonach? Wohin? Nach einer unbekannten Welt. Die Jünglingsseele sehnt sich unbewußt aus der Enge hinaus. Unbewußt. Darin liegt das Tragische. Sehnsucht ohne Streben, Wehmut ohne Wollen. Das sind Ghetto-Tragödien. Sie sind besonderer Art. Sie ergreifen bis zur Melancholie. i>xe haben etwas sonderbar Schönes an sich. Es sind Tragödien, die uns teuer sind-- Und nun sollen sie verschwinden! . . . Das finstere Ghetto soll mit all' seinen leuchtenden Bildern fortgerissen werden! Und werden wir genügenden Ersatz bekommen? (Die Jüdische Presse.) Josef Lia. OparoiiiK.. 4*er 1'«*^*— Xtifr*4 <üc JuuC^. Ü*e Wiener .^ewnspost' bringt toigenae Nachricht: i\.aruuuu-biaaissenretar Uaspari wurde von S. Mason, nerausgei>er uer „jewtstt iMtty News" von New-York, aii«efed"ge«. üe* rapst „woge bei sewem t" riedeasbesireaunge«, aueft o<er Jtrten gedenKen* welcne in mauenen Landien» »octi iflimer vertoJgt und ihrer bürgerncnen Rechte beraubt werden.' Uer päpstliche Delegat in Washington, Erzbischof tsonzano, hat darauf dem Herausgeber dieses Organs der jüdischen Kultusgemeinde von New-York folgende Antwort überaiitteit: „Der heilige Vater Hat gnädigst Notiz von dem Dokument genommen und mich beauftragt, Herrn Mason mitzuteilen, daß der Heilige Stuhl, wie immer geschehen, in Behandlung der Juden dem Gebote der Gerechtigkeit tolgend diesen Weg beschreiten mag, sobald sieh diese Gelegenheit bietet" Kiuilands ifreufkde. Der Redakteur der New-Yorker „Tag", Herr Hermann Bernstein, welcher gegenwärtig die Kriegsführenden Länder bereist, schreibt in einem Artikel „Wer ist schuldig?", daß die französische und emj.ische Zensur, nicht gestatte, daß die Zeitungen Bericht geben über die schrecklichen Ereignisse in Rußland bringen. Ja, man durfte nicht einmal die Berichte der russischen Zeitungen nachdrucken. Er beschuldigt auch die Presse des Vierbandes, daß sie sich von Rußland bezahlen lasse. Dadurch macht sich England und Frankreich an den Judenverfolgungen in Rußland schuldig. Man sollte dort mefjr protestieret} und auch politisch einzuwirken suchen. (Was sagt dazu das Israelitische Konsistorium in Paris?) Bitts.vereU> deulschen Juden- Eine Abordnung des Hilfsvereins der deutschen Juden, bestehend aus den Herren Dr. James Simon, Dr. Paul Nathan-Berlin, und Justitzrat Dr. Blau-Frankfurt a,. M« weilte während einer Woche in Warschau, um die wirtschaftlichen Verhältnisse der dortigen Judenheit zu prüfen und ihr Hilfe zu bringen. _ giMMroi^n^ 1*11 AMICPE«! 1 Dewstt cM» cingjge hebiÄische 1 1 Wochenblatt de*. Konttaenls, 1 S *ar*f**'*lT*t s&$c 12. Jahren. In, Krakau m W. wwl erjßrevit sich, größler PopularHHfc I I Bte»ugs^«elft K, 7-- JJjihrUch, K 1*75 I £ vte3rte||ISI>yH)Cfa>. <*•- M *^hf r *^^^^^^^^^^N^^"* ^^^^P^^^^^^N^^J ^^^^^JS^^^^^^Ä^ÄUlL ^^^*! afiSr Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppel. — Buchdnickerei „Melanrrich", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Grünhut).

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