Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 10 (21.10.1915)
- Date
- 1915-10-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10Heller. ) \mrnr%u*~Ui**4U. IJt^l__1«^ 1^4.____; Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120. | Wochenblatt ftir jüdische Interessen. wien, vm. Aiserstraße?. NuMrM« m* ««• Q*NMMf*l« fMUWL j Redakteur: Jonas Kreppet.; Erscheint jeden Donnerstag Mr. 10. Wien, 21. Oktober 1915. I. Jahrgang. »Zeiclunel eile dritte Kriegsanleihe«. Aufruf an die Mitglieder der Wiener israelitischen Kultusgemeinde von Oberrabbiner Dr. M. Güdem&jui. Das Vaterland bedarf der zur siegreichen Durchführung des Weltkrieges erforderlichen Geldmittel. Es richtet deshalb an alle Staatsbürger die Aufforderung: „Zeichnet die dritte Kriegsanleihe!" Von allen Kanzeln herab ertönt der Appell: „Zeichnet die dritte Kriegsanleihe!" Auch die Rabbiner unserer Kultusgemeinde werden von den Kanzeln ihren Zuhörern ans Herz legen, daß es ihre heilige Pflicht ist, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Da ich wegen meines Alters den regelmäßigen Dienst auf der Kanzel des Gotteshauses nicht mehr versehe, so habe ich mir vorgenommen, von den Kanzeln der öffentlichen Blätter, von denen der Schall weiter dringt, als von jenen, den eindringlichen Ruf zu verlautbaren: „Mitglieder der israelitischen Kultusgeni e i n d e! Z e ic h ne t d i e d r i 11e K r iegsa n leihe!" Vielleicht übt mein Alter, das sonst die Stimme abschwächt, diesmal die entgegengesetzte Wirkung und verstärkt meinen Aufruf, da ich nickt bloß Euch, das gegenwärtige Ge- " toj^W^ateiu.itrfaf .iPaü-jotett kmre.,, sorater», i E auch Eareväter und Großväter als opferwillige Söhne des Vaterlandes gekannt habe und also auch in ihrem Namen die eindringliche Mahnung an Euch richten darf: „Zeichnet die dritte Kriegsanleihe!" Ihr erfüllt damit zugleich eine Pflicht gegen unsere Religion, die uns auffordert, für das Vaterlaad die größten Opfer zu bringen, Ihr erfüllt aber auch eine Pflicht gegen unsere Ehre. Unsere Ehre ist unsere Geschichte. Wir gehören einem Volke an, das älter ist, als irgend" ein Volk der Gegenwart, einem Volke, das die Gotteserkenntnis in die Menschheit eingepflanzt, trotzdem aber mehr gelitten, mehr Opfer gebracht hat, als irgend ein Volk der Gegenwart. Beweisen wir neuerdings die alte Opferfähigkeit und Opferfreudigkeit und zeichnen wir für unser Vaterland die dritte Kriegsanleihe — das einzige Opfer unter allen, die wir während unserer langen Geschichte gebracht haben, das sich reichlich verzinst. Der Weltkrieg, der so viele Tränen verursach! hat, wird auch viele Tränen trocknen. Unseren- Brüdern, die „im Hause der Sklaverei"" geseufzt haben, winkt die Erlösung, winkt die Freiheit. Helfet zu ihrer Verwirklichung, and zeichnet die dritte Kriegsanleihe! Einer unserer alten Lehrer übergab einem aaderen eine grofie Summe mit dem Auftrage, ihm dafür ein Landgut zu kaufen. Dieser verteilte das Geld unter die Armen. Befragt, rechtfertigte er sein Verfahren mit der Antwort: diese Anlage sei. das schönste Landgut In ähnlichem Sinne habt Ihr jetzt Gelegenheit zu einer heilbringenden, segensreichen Anlage Eueres Geldes: „Zeichnet die dritte K r i.e gsan le ih e!" Aus meinem vollen Herzen schließe ich mich diesem Aufrufe unseres ehrwürdigen Oberrabbiners Herrn Dr. Güdemann an. Der Präsident der israel. Kultusgemeinde Wien Dr. Alfred Stern. Per drifte BaUcarttcrleq uad PaJSsrflna. (Von zionistischer Seite.) (B>—r.)' Es dürfte vielleicht imersten Momente schwer fallen, einen Zusammenhang zwischen dem soeben sich abspielenden dritten. Balkankriege und. Palästina zu finden. Und doch ist dieser Zusammenhang vorhanden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Kämpfe, welche sich gegenwärtig in diesem osteuropäischen Wetterwinkel abspielen und deren Resultat von so großem Einfluße auf die endgültige Entscheidung im blutigen Weltringen sein durfte, auch auf das Palästinaproblem nicht ohne bedeutsame Folgen bleiben werden. Jedem Kenner der Verhältnisse ist es klar, daß die Kämpfe, die sich in den letzten Tagen im Donau—Timok—Moravawinkel abspielen, viel mehr bedeuten, als ein Ringen um die zukünftige Gestaltung der Machtverhältnisse auf dem balkan. Nicht um das Schicksal Serbiens, nicht um die Zukunft Mazedoniens wird hier gekämpft, sondern um die Befreiung Zentraleuropas von dem englischen Terrorismus, um die Herstellung einer direkten Verbindung zwischen den verbündeten Zentralmächten mit Bulgarien und der Türkei, um einen direkten, ungestörten Landweg von Berlin und Wien über Sofia nach Konstantinopel, mit einem Worte: um die Bildung eines mächtigen Staatenblocks, der allen Anfeindungen Trotz bieten, allen Blockadespekulationen, Aushungerungsmethoden und Einkreisungstheorien kräftigen Widerstand leisten soll. Gelingt — was mit aller Sicherheit zu erwarten ist — die Herstellung einer direkten Verbindung zwischen den Mächten der neuen Quadrupelallianz, so wird das endgiltige Resultat des Weltringens entseiuedeii sein und die Arrangeure desselben, die Ententemächte, werden sich mit ihrem Schicksale abfinden müssen. "twesw iiu»maiia,''jffiirj^ daß das Krachen der Geschütze an der Donau, am Timok und an der Morava einen so heillosen Schreck in London und Paris, Rom und Petersburg hervorgerufen hat, daß die Säulen der Entente rettungslos bersten, daß Deleasse vom Schauplatze seiner ruch- und ruhmlosen Tätigkeit verschwinden mußte, daß Grey, Sasonow und Sonnino dasselbe Schicksal droht. Man weiß es, daß das Geüagen der Pläne der Zentralmächte und ihrer Verbündeten die Vollendung ihres Sieges herbeiführen wird. Am stärksten ist wohl der Schrecken in London, we man um die Zukunft der ganzen englischen Orientpolitik fürchtet. Gelingt es den deutschen Armeen, nach Konstantinopel zu gelangen, so ist nicht nur der Feldzug der Entente gegen die Türkei restlos verloren, sondern das stolze Albkwi fühlt seine Position in Ägypten bedroht und damit ist auch seine ganze Stellung im Orient in Gefahr. Es würde sich da wieder emmal zeigen, daß Englands Wettstellung blos eine Fiktion war, daß seine Seeherrschaft ins Reich der Fabel gehört. Auf dem Landwege wird seinen Expansionsgelüsten der Todesstoß versetzt werden. Wird nun Englands Position in Ägypten und beim Suezkanal erschüttert, so bedeutet dies eine Vernichtung seines Einflusses im ganzen Orient, besonders in der arabischen Welt. Damit kommen wir nun zu dem Zusammenhange zwischen dem Balkankriege und Palästina. Es ist kein Geheimnis, daß Englands Machtstellung und seine Aspirationen in Ägypten und Arabien auch vielfach die Verhältnisse in Palästina beeinflußt haben. Ein gewisser Teil der Ziorüsten huldigte einer sog. „englischen Orientierung", indem er gerade von englischer Seite die Verwirklichung; der zionistischen Aspirationen im1 heiligen Lande erwartete. Nach der kurzen Periode, in dier Dr. Herzl Anlehnung an -die deutsche Orientpolitik suchte, kam das Liebäugeln mit England, unter der Suggestion, daß nur England in der Lage sein dürfte, den Zionisten bei der Erreichung ihres Zieles behilflich, zu sein. War doch England infolge seiner Stellung in Ägypten und am Suezkanal der nächste Nachbar des Heiligen Landes;: hatte doch die engfische Diplomatie gewisse weitgehende Pläne in Bezug auf die Zukunft Palästinas, die sich mit den zionistischen Aspirationen: wenigstens äußerlich vereinigen ließen. Freilich, alle ernsten zionistischen Kreise und besonders dieienigen in Palästina wußten es, daß die Verwirklichung der. englischen Aspirationen im Heiligen Lande allen zionistischen Hoffnungen ein für allemal ein Ende machen werde, da die Engländer im eigenen Interesse das arabische Element favorisierten und infolgedessen die Juden zurückdrängen müßten; allein, aalglatt, wie die englischen Diplomaten nun einmal sind, durch und durch heuchlerisch, als welche sie nunmehr entlarvt wurden, verstanden sie es immer, gewisse zionistische Kreise mittelst Versprechungen, Andeutungen und Verlockungen irrezuführen und bei ihnen den Glauben zu erwecken, daß nur von England das Heil Zions zu erwarten sei. Die harte, grausame Wirklichkeit, welche so viele Illusionen zerstörte, wird nun auch dieser Legende ein Ende bereiten. Das Schicksal und die Zukunft Palästinas ist nicht mehr von Englands Willen abhängig, ebensowenig, wie das Schicksal und die Zukunft des ottomanischen Reiches jedem englischen Einfluße entrückt ist. Die Fiktion einer englischen Vorherrschaft im Orient ist zerstört, sie hat ihr Grab an den Dardanellen gefunden, an der Stelle, wo die Gebeine von Tausenden und Abertausenden englischer Soldaten modern, wo mehr als ein Dutzend der stolzesten englischen Panzerkreuzer auf dem Meeresgrunde ruhet. Jetzt muß auch der letzte Rest der „englischen Orientierung" im zionistischen Lager verschwinden. Die Türkei ist die Herrin Palästinas, wie sie die Herrin ihres eigenen Schicksals ist. Die Aspirationen der Zionisten im heiligen Lande, die sich übrigens mit der türkischen Staatshoheit und mit den Lebensinteressen des türki- _aaieii..ii£Wlies ohae jeder EiusxJu-äakuög vätt einigen lassen, können nunmehr nur im Einverständnisse mit der türkischen Regierung ihrer Verwirklichung entgegensehen. Die Zionisten müssen zum Ausgangspunkte der Bewegung zurückkehren, als Dr. Herzl mit seinen Bemühungen in Konstantinopel einsetzte und Anschluß an die ehrlichen Freunde der Türkei in Europa suchte. Es wäre verfehlt, den zukünftigen Ereignissen irgendwie vorgreifen zu wollen; es wäre verfehlt, sich schon heute, kaum daß die alten Illusionen zerstört wurden, neuen hinzugeben; wir wollen nicht wiederum die Rechnung ohne den Wirt machen. Eines aber ist gewiß: Von London aus ist das Heil Zions nicht zu erwarten. Die englische Politik wird das Schicksal Palästinas nicht mehr beeinflussen. Die „englische Orientierung" gewisser zionistischer Kreise muß restlos verschwinden. Die Entente, die sich selbst nicht helfen kann, wird anch niemandem mehr helfen können. Das Dröhnen der Geschütze auf dem Balkan findet ein lebhaftes Echo auf den Bergen Judas und Israels! Wesi und O&ijuden. Die Kriegserergnisse, welche so manche neue Probleme zutage gefördert und gar manche atte, längst vergessene Fragen zu neuem Leben erweckt haben, haben auch eine sog. „Ostjudenfrage" auf die Tagesordnung gebracht, die bei vollster Anerkennung ihrer Bedeutung in vielen Hinsichten geradezu einen höchst merkwürdigen Eindruck macht. Es ist selbstverständlich, daß indem das wahrscheinlich endgültige Resultat des Krieges eine Änderung in der staatlichen Zugehörigkeit eines großen Teiles der Ostjuden mit sich bringen wird, auch deren Lage eine Änderung erfahren dürfte. Man geht jedoch zu weit, wenn man von speziellen politischen Rechten oder speziellen Sonderstellungen der Ostjuden sprechen will, da gerade in politischer Beziehung die Judenschaft eines jeden Staates einheitlich behandelt werden muß. Niemand leugnet es, daß die Ostjuden sich von ihren westlichen Brüdern in religiöser und! kultureller Hinsicht unterscheiden. Lächerlich ) aber ist es, von nationalen oder gar politischen; Unterschieden sprechen zu wollen. Da kann es i nur ein „entweder—oder" geben: entweder '< sfeht man auf dem Standpunkte einer besonderen jüdischen Nationalität, dann gehören so-! wohl die Westals auch die Ostjuden zu derselben; oder man negiert den jüdischen Nationalismus, dann kann es wiederum keinen Unter-