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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-15 · 9 (15.10.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
9 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr, „9. iüllt, wie in jeder anderen Hinsicht in dieser großen /.eit. so war es ms jetzt unü so wird es sichernd! aucli uei uer gegenwärtig in Osterleicn-Ungarn zur /.eiciniung auigeiegten armen rxnegsanieilie sein. Jeuer spezielle Apell an unsere UiauoeiJSgenossen ist sicherlich uberliUlilg. Auer nicht nur die Juden Osterreieh-üngains und ueutschtanas haben im gegenwärtigen WeitKriege in linarizieher tsezienung uas innge dazu beigetragen, um die z.entratmachte gegen ihre Feinüe zu starken, sondern aucn unsere üiaubensüruder in den anderen Landern sind ihren Pihchten gegenüber dem Juueiiturne in weitgehendem Maße gerecht geworden, indem sie sich weigerten, dem Lrbieinde des jüdischen Volkes, dem barbarischen Zarenreiche, die üeldmittei zur weiteren Kriegführung zur Verfügung zu stellen und auch seine Verbündeten nach denselben ürundsätzen behandelten. Wenn die neueste enghsch-tranzösisclie Anleihe in Amerika ein so klägliches und beschämendes Resultat brachte, so ist es nicht in letzter Linie der energischen Haltung des großen Finanzhauses Kuhn, Loeb & Comp, zu verdanken, dessen Chef, der bekannte jüdische Philantrop Jakob Schuf, sich absolut weigerte, an dieser Anleihe sich zu beteiligen. Das Beispiel Schiffs hat auch viele andere grolle Finanzhäuser zu einer gleichen Haltung veranlaßt und die freunde Kußlands holten sich trotz aller Anstrengungen ein finanzielles Fiasko. Noch schärfer ist die Haltung des Londoner Bankhauses Rothschild gegenüber den russischen Anleiheversuchen. ts hat wenig geholfen, daß der russische Finanzminister Bark sich in höchsteigener Person zum Juden Rothschild bemühte und um die Anleihe bettelte. Es hat wenig geholfen, daß das offizielle Rußland ganz besonders mit Versprechungen in Bezug auf eine Verbesserung der Judenlage in Rußland freigebig war — Rothschild war diesmal, wie bei früheren Gelegenheiten, unerbittlich und er erklärte kategorisch: Für das tyrannische Pogromrußland kann kein Jude Qeld hergeben, selbst, wenn er in einem Lande wohnt, das mit Rußland durch Dick und Dünn geht und er sich vielleicht dadurch Unbequemlichkeiten aussetzen könnte. Herr Bark mußte unverriehteter Dinge abziehen, denn in Geldsachen läßt sich nicht spaßen und wo Rothschild seine Beteiligung verweigert, finden sich nur wenige, die einspringen möchten. Unsere Talmudlehrer haben das Prinzip aufgestellt, daß mann manchmal für eine Unterlaßung denselben Lohn verdient, wie für eine Tat. Indem wir unserer höchsten Befriedigung über die Beteiligung der Juden Österreichs- Ungarns und Deutschland an den Kriegsanleihen Ausdruck geben, konstatieren wir auch mit Genugtuung die negative Haltung unserer ausländischen Glaubensgenossen gegenüber den Anleihebestrebungen unserer Feinde. Wir haben nicht immer Ursache, mit der Haltung unserer „Großen", unserer reichen Brüder zufrieden zu sein, diesmal aber wollen wir ihnen unsere Anerkennung nicht versagen. Die jüdische Solidarität ist doch kein inhaltloses Wort! Spectator. Für die Juden in Jku'Mand. Aus New-York wird geschrieben: Die organisierten jüdischen Arbeiter, die im April das „Nationale Arbeiterkomitee für Feuilleton. Galizisclie FlUcnllinge auf der Heimfahrt. Der Nordbahnhof in Wien ist seit 4 Uhr morgens ein Bild lebhafter Bewegung. Menschen mit strahlenden Gesichtern laufen hin und her, gehen und kommen und sprechen überlustig miteinander. Männer drücken sich herzlich die Hände, und Frauen umarmen und küssen sich voller Freude. Es sind mehrere hundert galizische Flüchtlinge, sie sind im Begriffe, in ihre so lange entbehrte Heimat zurückzukehren. Es ist ein Jubel ohne Ende. Alles schwimmt in einem Meer von Wonne und Entzücken, das Antlitz jedes einzelnen glüht feuerrot, die Augen funkeln triumphierend. Endlich ist der lang ersehnte Augenblick gekommen, wo man die liebe Heimat wiedersehen wird, ob verwüstet, verbrannt, ausgeraubt, zertrümmert, — einerlei, ein Herzenswunsch ist erfüllt: der barbarische Erzfeind ist geschlagen, der grausame Moskowiter von der heißgeliebten Heimat mit Schande vertrieben. Und nun braucht man nicht mehr das Leben des Flüchtlings zu führen, — man hat wieder ein Heim. Der Lärm wächst immer mehr, jeder spricht mit besonderem Eifer, jeder will seine tiefinneren Gefühle dem anderen äußern und seine Freude zum Ausdruck bringen. Es ist ein aufgeregtes Ringen nach passenden und geeigneten Worten, und da sich diese bei den meisten nicht gleich auf die Zungenspitze drängen, gestikulieren sie temperamentvoll und eigenartig, je nach dem Inhalte, mit ihren Händen, um die Wortarmut durch reiche Gesten und Gebärden möglichst zu ersetzen. Und diese Sprache ohne Worte verfehlt ihre Wirkung nicht, nnd so hört man im wirren Durcheinander aus der Mitte verschiedener diskutierender Gruppen folgende Gespräche führen: jüdische Rechte" gründeten, hielten am 4., 5. und 6. September in New-York ihren ersten Kongreß ab, auf dem mehr als 300 Delegierte von den verschiedenen dem Komitee angeschlossenen jüdischen Organisationen anwesend waren. Die Verhandlungen drehten sich meist um zwei Punkte: Erstens handelte es sich um die Gleichberechtigung der europäischen Juden nach dem Kriege; der zweite Punkt betraf die Unterstützung der vom Kriege so schwer heimgesuchten jüdischen Bevölkerung Osteuropas. Um die Gleichberechtigung der Juden in Europa durchzusetzen, wurde von den Rednern vorgeschlagen, die Regierung der Vereinigten Staaten zu ersuchen, auf dem nach dem Kriege stattfindenden Friedenskongreß darauf zu bestehen, daß den Juden in den kriegführenden Ländern (das heißt eigentlich vorzüglich im Rußland) die Gleichberechtigung zuerkannt wird. Man verwies insbesondere auch auf den Berliner Kongreß des Jahres 1878, auf dem Rumänien nur unter der Bedingung als unabhän- I giger Staat anerkannt wurde, daß allen in Rumänien lebenden Völkern gleiche politische, bürgerliche und nationale Rechte gegeben würden. Es wurde beschlossen, Aufrufe an die Arbeiter der ganzen Welt zu schicken und die Frage dem nächsten internationalen Sozialistenkongreß zu unterbreiten. Ein weiterer Beschluß empfiehlt den Juden Amerikas, beim Zusammentritt der Friedenskonferenz der Mächte einen eintägigen Streik zu proklamieren, um der Welt die Solidarität der jüdischen Bevölkerung in ihrem Verlangen nach der Gleichberechtigung ihrer Glaubensgenossen darzutun. Zur Erklärung wird hinzugefügt, das die jüdische Bevölkerung Amerikas fast durchweg dem Proletariat angehört, wie ja auch diese Bewegung eine Bewegung der sozialistisch und teilweise auch jüdisch-nationalistisch gesinnten oder beeinflußten Arbeiter ist. In Bezug auf die Hilfe, die der vom Kriege heimgesuchten jüdischen Bevölkerung gewährt werden muß, beschloß man, eine in den nächsten Monaten in Washington oder New-York abzuhaltende Konferenz aller jüdischen Vereinigungen Amerikas anzuregen, auf der der Gegenstand beraten werden soll. Die vertretenen Arbeiterorganisationen beschlossen, Unterstüczungsgelder zu sammeln und zum Nutzen der Kriegsopfer Marken und Abzeichen zu verkaufen. Der Jüdische Arbeiterbund (Jewish Workmens Circle), der 50.000 Mitglieder hat, wird von jedem Mitgliede einen Sonderbeitrag für den Unterstützungsfonds in der Höhe von 60 Cents erheben. Die Woche. j Dr. Gusfav Kohn s. A. | Vorigen Freitag ist in Wien nach kurzer Krankheit der langjährige Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Landesschulrat etc., Dr. Gustav K o h n, im Alter von 76 Jahren verschieden. Das Ableben dieses Mannes bedeutet einen unersetzlichen Verlust nicht nur für die Wiener jüdische Gemeinde* sondern auch für die gesamte österreichische Judenschaft, der umso schmerzlicher ist, als der Verblichene gerade „Wir haben Grund, uns mehr als alle anderen Völker Österreichs mit unseren schönen Siegen zu freuen," sagt einer mit heiterer Zufriedenheit. — „Warum nur mehr?" erwidert ein Zweiter, beinahe ärgerlich über diese minimale Steigerung. „Warum nicht das Doppelte, das Dreifache? Wären wir im Kriege mit anderen Feinden, so wären wir doch auch voll Freude, wenn unsere Armee siegte. Und nun gar gegen diesen „Zorer Hajhudim", welcher jetzt in Galizien so viele unserer Brüder meuchlings niedergemetzelt hat, wehrlose Greise, schwache Frauen und unschuldige Kinder, — und jetzt, da die Vergeltung da ist, sollten wir uns nur „mehr" freuen? Du kluger Kopf! Das Dreifache sollen wir uns freuen, das Zehnfache," schließt er seine Rede mit innerer Genugtung und Zufriedenheit über seinen eigenen Redestrom, der so ungehemmt floß. — „Und du wieder zählst nur die Reziches (Morde) in Galizien auf, und an die Pogrome von Kischinew, Hornel, Kiew, Odessa, Bialistok, Schitomir, Berditschew usw. hast du ganz vergessen," sprudelt ein Dritter in einem hitzigen Schnellreden heraus. „Ist denn „Fonje" für uns nur ein Kriegsfeind? Auch in Friedenszerten schindet er doch unser Fleisch und vergießt unser Blut, ist doch das Land des russischen Zarismus, unter dessen Grausamkeit Millionen unserer Stammesgenossen seit Jahrhunderten seufzen und schmachten, das Land der Hölle! Und wie grenzenlos fröhlich müssen wir jetzt sein, da die Zeit gekommen ist, wo so viele Juden von diesem schweren Joch aufatmen und unter den Schutz zweier hochgesinnter und gerechter Herrscher kommen werden! Grenzenlos müssen wir uns freuen, sage ich Euch, liebe Juden, grenzenlos. Die ganze Welt sollten wir umarmen, wir sind glücklich, denn Rußland, unser Feind, unser Bedrücker, ist geschlagen, zermalmt und vernichtet." — „Ja, das wird er mit Gottes Hilfe bald sein," sagt ein älterer, ehrwürdiger Mann, dessen Einfluß auf diesen Kreis nicht gering ist. „Vorläufig wütet noch der Kriegsbrand in Europa. Durch Gottes Gnade ist es schon so weit, daß der Zar bald seine ganze „Mapole" haben wird. Jetzt fahren wir heim, lauter ältere, von den ungeheuren Strapazen abgeplagte in dieser großen Zeit da* Irdische gesegnet hat, da uns hervorragende Männer so nottun. Dr. Gustav Kohn war eine hervorragende Persönlichkeit in des Wortes weitgehendster Bedeutung, ein Mann der Tat, der jeden Platz/ auf weichen ihn das Vertrauen seiner Mitbürger gesteht hatte, voll und ganz ausfüllte. Als langjähriges Mitglied des israelitischen Kultusvorstanaes und mehrjähriger Vizepräsident; der Kultusgemeinde, als jüdischer Repräsentant Im niederosterreichischen Landesschulrate, als Präsident und Vorstandsmitglied zahlreicher jüdischer Institutionen und Vereine — überall entwickelte der Verbüchene eine rege, segensreiche Tätigkeit und erwarb sich die Anerkennung und die Dankbarkeit seiner Mitbürger, seiner Kollegen und aller maßgebenden Kreise in hervorragendstem Maße. Er war ein FreaM jedes Armen und Bedürftigen, ein Helfer in^eder Not, ein eifriger Mitarbeiter an jeder jüdischen Sache. Seine ganze Zeit widmete er den öffentlichen Angelegenheiten. Er hatte ein offenes Ohr und ein warmes Herz für jeden Bittsteller und versagte niemandem seine Hiife, seine Intervention, seinen Rat, scheute keine Mühe.und keine Anstrengungen, wo es galt, im Interesse des Gesamtjudentums wie im Interesse einzelner Juden etwas zu erwirken und zu erreichen. Dr. Gustav Kohn war einer jener seltenen Männer, die sich nicht durch die große Politik absorbieren lassen. Er erfreute sich der größten Achtung und Wertschätzung aller jüdischen und nichtjüdischen Kreise, er war einer der populärsten Männer der Wiener Judenschaft und sein Name hatte einen guten Klang in ganz Osterreich wieauch außerhalb der Reichsgrenzen. Die großen Verdienste dieses Mannes fanden auch Anerkennung an Allerhöchster Stelle und Seine Majestät zeichnete ihn durch die Verleihung des Franz Josefs-Ordens sowie des Ordens der Eisernen Krone aus. Er erfreute sich auch des größten Ansehens bei -den höchsten Behörden sowie persönlicher Freundschaft der maßgebenden Kreise. * Höchst anerkennenswert war das Verhältnis des Verblichenen zu seinen Glaubensbrüdern aus dem Osten und gerade im letzten Jahre, als Hunderttausende Juden aus Galizien und der Bukowina infolge der Kriegserseig$^ nach Wien flflchteteii, wit^t'Mei,äei''/xsi^ und eifrigsten, die sich ihrer annahmen und für ihre materiellen und geistigen Bedürfhisse sorgten. Sein Ableben gerade in der jetztigen Zeit ist ein überaus herber Verlust und die Nachricht von demselben wirkte überaus erschütternd in allen jüdischen Kreisen. Sein Leichenbegängnis, welches Sonntag vormittags stattfand, gestaltete sich zu einer überaus imposanten Trauerkundgebung und gab beredtes Zeugnis von der großen Wertschätzung, deren sich Dr. Gustav Kohn in Wien wie in ganz Österreich-Ungarn erfreute. An der Leichenfeier nahmen u. a. Anteil: Statthalter Baron Bienerth, Polizeipräsident Baron Gorup, Vertreter der höchsten Gesell: schaftskreise, Deputationen zahlreicher ausV wärtiger jüdischer Gemeinden, mehrere galizische Rabbiner sowie ein mehrtausendköpfiges Publikum. Es war eine Trauerkundgebung, wie sie Wien selten sah. Die Verdienste und die hervorragende Bedeutung des Verblichenen würdigten in beredten Worten Oberrabbiner Dr. Männer und schwache Frauen. Unsere Brüder und Kinder sind mit Begeisterung in den Krieg gezogen, und sie tun ihre Pflicht, wie sich schon mehrere Generäle lobend äußerten, denn unsere Soldaten kämpfen nicht nur für ihren geliebten Kaiser, jeder Jude denkt sich auch bei jeder Kugel, die er in die feindliche Armee sendet, das ist die Wiedervergeltung für die Leiden und Qualen Von so vielen Millionen unserer Brüder. Und wir, wenn wir jetzt wieder heimkommen werden, da soll ein jeder von uns mit frischem Mut sein verwüstetes Heim wieder •aufrichten, soll nicht entmutig, werden beim ersten Anblicjk des großen Elends, nein, er soll im Gegenteil eine Lobest hymne zu Gott anstimmen, daß es so gut gelang, diese grausamen Tyrannen von uns zu verjagen, daß sie nie j mehr wiederkehren werden. Jetzt muß uns klar zum Bewußtsein kommen, was uns bevorgestanden hätte, wenn wir Untertanen dieser giftigen Kreaturen sein müßten, und wie glücklich wir sind, daß wir es gottlob nicht sind,. sondern unter der Herrschaft eines hochsinnigen, gerechten und gütigen Kaisers stehen, der uns alle bürger« liehen, politischen Rechte und Freiheiten einräumte. Ein. Feiertag soll uns dieser Tag sein, da wir den Sieg des geliebten Vaterlandes erleben, ein Feiertag, der herrlicher, schöner und fröhlicher als „Simchas Tora" sein soll. Wir haben einen gerechten Gott und einen gütigen Kaiser, er soll uns lange erhalten bleiben, sagt alle: Amen!" — „Amen, Amen!" klang es von allen Ecken. Eine halbe Stunde später verließ der Zug unter wiederholten stürmischen Kundgebungen auf Kaiser und Vaterland mit den freudestrahlenden, glückseligen Reisenden, die Halle. Ein hoher Vertreter der Regierung, der Augenzeuge dieser ganzen Szene war, wandte sich bewegt an seine Umgebung und sagte: „Ein Volk, das so viel Jammer, Leid, Erniedrigung und Verfolgung erlebte und den* noch in unerschütterlicher und unwandelbarer Treue zu Kaiser und Reich hält, ist ein wertvolles Element, das unsere Liebe und Anerkennung verdient" ■ - . <Hlsr. Familienblatt). Leo Webtrefc.

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