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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-15 · 9 (15.10.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
9 (15.10.1915)
Date
1915-10-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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indische Korrespondenz __ »I____.s.n..t__ I * B» _ . . Preis per Nummer TO Heller, Vierteljährlich K P20. ItaeMrael artl votier QueHeoangabe gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jönas Kreppel. Redaktion und Administration: Wien, VIII. Alserstraße 7. Erscheint jeden Donnerstag Wien, IS. Oktober 1915. I. Jahrgang. Britto Kriegsanleihe. Zum dritten Mal forciert das Vaterland »eine BUrger auf, die Mittel herzugehen, welche erforderlich sind, um aller Feinde Herr «u werden. Jeder Einzige hat die Verpflichtung, durch Zeichnung so großer SHmmen, wie Ihm seine Verhältnisse irgend gestatten, seinen Teil zum siegreichen Ausgange des dem Vaferlande aufgezwungenen Krieges beizutragen. Out und Blut fUr Kaiser und Vaterland! Frankreicn. und die Juden. (Brief aus Amsterdam). Das Israelitische Konsistorium in Frankreich hat sich mit einem Aufrufe an die Juden der neutralen Länder gewendet, in welchem dieselben aufgefordert werden, sich darüber Rechenschaft zu geben, ob es im Interesse der Juden gelegen sein kann, daß Frankreich in diesem Kriege besiegt werde. Der Aufruf zählt all die Verdienste auf, welche sich die französische Nation um die Freiheit und die Gleichberechtigung der Juden erworben hat und gelangt zum Schlüsse, daß die Juden aller Länder den Sieg Frankreichs herteiwünschen sollen. Man kann es den Juden Frankreichs nicht verargen, wenn sie im Interesse ihres Vaterlandes das Wort ergreifen. Patriotismus und Loyalität ist m allen Ländern die höchste Tugend tler jüdischen Bürger. Man muß sich jeda^^täscfatfidgo dagegen wenden, daß das ■ tetwfetefK» K^isiurtsro'ift» nimmt, die Juden der neutralen Länder für die Sache der Entente zu gewinnen, indem es ihnen eine sehr verfängliche Frage vorlegt, die eigentlich nicht ganz korrekt formuliert ist. Die Frage, welche in diesem Aufrufe den Juden in den neutralen Ländern vorgelegt wird, könnte in dieser Form ebenso der gesamten Kutturmenschheit vorgelegt werden. Dieselben Verdienste, welche sich Frankreich um die Gleichberechtigung der Juden zuschreibt, könnte es sich auch um die Entwicklung der allgemeinen Kultur und Zivilisation zuschreiben. Und doch wäre es geradezu lächerlich, wenn das heutige Frankreich, das sich mit dem brutalen, asiatisch-wilden Rußland und mit dem hab- und giersüchtigen England, mit dem königsmörderischen Serbien und mit dem verräterischen Italien verbunden hatte, um die Menschheit in einen schrecklich blutigen Krieg zu stürzen — daß dieses Frankreich die n Iii der gesamten Kulturmenschheit anrufen sollte, um vor dem' verdienten Schicksale bewahrt zu werden. Der Krieg, der sich seit fünfzehn Monaten abspielt, ist übrigens kein Krieg gegen Frankreich und am wenigsten ein Krieg gegen die französische Nation. Rußland und England sind da die Hauptfaktoren, Frankreich wurde in diesen Krieg nur durch den Wahnwitz einiger ehrgeiziger, chauvinistischer Männer hineingezogen. Nicht um das Schicksal der französischen Nation wird gekämpft, sondern um die tyrannische Macht Rußlands und den Terror Englands zu brechen. Frankreichs eigene Schuld ist es, daß es sich in diesen Krieg hineinziehen ließ, Frankreichs Schuld ist es, daß es sich um seine Revanchegelüste zu befriedigen, Rußland auslieferte, Frankreichs Schuld ist es, daß es mit seinen Milliarden die russische Eroberungssucht stärkte and stachelte — wenn es im gegenwärtigen Kriege leiden muß, so büßt es seine eigene Schuld. Nar Wahnwitz kann so weit gehen, bei den neutralen Völkern um Sympathien zu werben für eine so schlechte Sache, einzig und allem auf Grund von Verdiensten, die sich die Vorfahren erworben haben. Kultur und Zivilisation, Gerechtigkeit und Humanität fordern es gebieterisch, daß die Entente und ihre Kosakendiptomatie niedergerungen werde. Ist Frankreich mitten drinnen im Bunde, muß es das Schicksal seiner Bundesgenossen teilen. Mitgefaugen — mitgehangen! : Die Joden können manche Fehler haben, aber undankbar sind sie nicht Es ist jedoch verfehlt, wenn heute von französischer Seite an flu- Dankbarkeitsgefühl appeliert wird. Das heutige Frankreich der Delcasse, Poincare und Milleranü ist nicht dasjenige, welches „Freiheit, uieichheit und Brüderlichkeit" aui seine Fahne gesctineöen hat. Vvenn Söhne iur die Sünden jnrer vater nicht gestratt werden aurten, so uunen sie eoensowenig die Verdienste ihrer Vater tur sich in Anspruch nehmen, umsoweinger, wenn sie entartet sind. Es taut niemandem ein, die Verdienste der französischen iNation um die Kultur und Fortschritt der Menschneit zu scnmaiern, auer gerade deswegen lallt der Verrat ues heutigen Frankreich an diesen heiligsten uutern der menschneit doppelt schwer ins Gewicht. Ein Frankreich, das einem Nikolai Nikolajewitsch zujubelt, das tur die Greueltaten der ivosakennoruen Kein Wort des Protestes hat, dieses rranKreien kann und dan keinen Ansyrucli aut eine Ausnahmsstellung unter seinen veroundeten erheben. Vvas speziell die Juden betrifft, so muß ofren gesagt werden, daß gerade ihnen gegenüber das Frankreich der lJoincare und Delcasse sehr vieles auf dem Gewissen hat. Mit seinen Milliarden hat es nicht nur Rußlands Eroberungssucht gestärkt, sondern auch die Petersburger ReaKtion, das barbarische Regierungssystem des Zarenreiches, gestützt, in den letzten Jahrzehnten hat das otnzielie Frankreich zu anen Greueltaten Rußlands gegen die Juden, zu anen Pogroms, zu allen Grausamkeiten, Unmenschlichkeiten der Plehwe, Durnowo und stoiypin geschwiegen. Es hat sein Bundesverhaltnis zu Rußland nie aazu benützt, um für die fätöm JMm>m,#mx Werl. mmm»m,, u hat oen blutdürstigen Zaren und seine Helfershelfer umjubelt und somit alle menschlichen Ideale verraten, in derselben Zeit, da die Vereinigten btaaten von Nordamerika den Handelsvertrag mit Rußland gekündigt haben, weil das Zarenreich die Rechte der jüdisch-amerikanischen Bürger nicht respektieren wollte, in derselben Zeit duldeten die französischen Staatsmanner ein ähnliches Vorgehen Rußlands gegen die jüdisch-französischen Bürger und hatten auf alle diesbezüglichen Interpellationen nur die eine Antwort: „Wir dürfen uns in die inneren russischen Angelegenheiten nicht hineinmengen!" In derselben Zeit, da die gesamte Kulturmenschheit gegen die Niedertracht des Beilisprozesses protestiert hatte, wurde Rußland in französischem Parlamente gefeiert und bejubelt. Ja, so weit ging die Liebdienerei des heutigen Frankreich gegenüber Rußland, daß es gerade während des jetzigen Krieges die Tausende russischjüdischer Flüchtlinge, die in seinem Lande Schutz vor den Verfolgungen und Drangsalierungen im Zarenreiche suchten, zu zwingen versuchte, nach Rußland zurückzukehren und da sie es absolut nicht tun wollten, wurden sie zwangsweise in die Fremdenlegion eingereiht und bei einem blutigen Kampfe in die erste Feuerlinie gestellt, so, daß Tausende ganz einfach hingeopfert wurden zur Strafe dafür, daß sie sich weigerten, den russischen Henkern zu dienen — ein Vorgehen, welches selbst seitens gewisser französischer Blätter in der schärfsten Form gebrandmarkt wurde. Hat dieses Frankreich irgendwelches Recht, an die Gefühle der Juden in den neutralen Ländern zu appellieren?! Nein und hundertmal nein! Selbst wenn die Verdienste seiner Vorfahren um die Juden hundertmal größer wären. Die Rechnung, die da präsentiert wird, kann nicht honoriert werden. Ja, vielleicht gerade deswegen hat sich das neuzeitige Frankreich jede Gunst verscherzt, weil es den Idealen seiner Vorfahren so untreu ward. „Und ich werde gedenken meinen Bund mit Jakob und auch meinen Bund mit Isak und auch meinen Bund mit Abraham" — dieser Satz findet sich in der Strafpredigt Mosis (Leviticus, 26, 42). Die Weisen des Talmud haben die Frage aufgeworfen, wie d^rm diese Stelle in die Strafpredigt hineinpaßt, da sie doch als Milderungsgrund gelten kann? Ihre Antwort lautet: Die Erinnerung an die Verdienste der Väter bedeutet hier einen erschwerenden Umstand, da gerade die Nachkommen Abrahams, Isaks und Jakobs sich viel schwerer strafbar machen, wenn sie von Gott abfallen! — So ist es auch mitdem heutigen Frankreich.Erinnertes die Verdienste seiner Vorfahren, dann fällt seine heutige Schuld umso schwerer ins Gewicht. Der Versuch, von dieser Seite die Stimmung der Juden in den neutralen Ländern zu beeinflußen, wird sicherlich wirkungslos bleiben. Allzu himmelschreiend sind die Greueltaten der Kosakenhorden in G a 1 i z i e n, Bukowina, Polen und Littauen, um durch derartige Einflüsterungen übertönt zu werde vi. Sagen wir es ganz offen: Die Juden in den neutralen Ländern sind eigentlich außerstande, neutral zu sein. Sie sind es als Bürger des Landes, in dem sie wohnen, sie sind es im Sinne der allgemeinen Landespolitik, sie sind es kraft ihrer Handlungen im Sinne der Landesgesetze. Aber ihre Gefühle als Juden können nicht neutral sein. Neutral sein-kann nur derjenige, dessen Interessen nicht berührt werden. Unmöglich kann jenmnJ neutral sein gegenüber einem Reiche, in welchem Hunderttausende seiner Brüder von Heim und Herd verjagt, nach den Steppen Sibiriens verschleppt werden, dessen Soldateska seine Schwestern schändet, einem Reiche gegenüber, das Millionen seiner Brüder in der unmenschlichsten Weise verfolgt und drangsaliert. Dieses Reich muß von der Judenheit der ganzen Welt als Erbfeind betrachtet und behandelt werden. Die Verbündete unseres Feindes sind aber auch unsere Feinde! Auf das Schlagwort vom „Barbarismus" t MPWffi lf,»fMMWM> Krieg gegen Rußland ist für jeden Juden ein „heiliger Krieg". Die Niederringung dieses Feindes ist unsere höchste und heiligste Aufgabe. Nur mich einer Besiegung Rußlands erwartet die dortigen Juden ein besseres Los. Ein siegreiches Rußland wird seine Juden noch schrecklicher 1 ehandelu. Die Entente, zu welcher Rußland mitzählt, kann, darf und wird nicht siegen! Gehudi. Die Kriegsanleihen und die Juden. „Zum Kriegführen gehören drei Dinge: Geld, Geld und Geld!" — Seitdem dieser Ausspruch in die Welt gesetzt wurde, hat sich sehr vieies geändert und auch die Kriegführung hat mannigfache Evolutionen durchgemacht. Gar manche taktische Grundsätze wurden über Bord geworfen, gar manche neue Lehren traten an ihre Stelle, vielleicht auf keinem Gebiete ist die Umwälzung so groß wie auf dem Gebiete des Kriegswesens. Das ewig licSiehende in dem w ecnsei d<_r Zeiten ist jeuccn das Geld geblieben, zum Kriegführen sind auch heute wie zu Zeiten Napoleons drei Dinge nötig, Geld, Geld und Geld. Deswegen auch spielen die Kriegsanleihen im gegenwärtigen Kriege eine so große Rolle und deswegen hängt von ihrem Gelingen oder Mißlingen vielfach das Schicksal des Krieges ab. Die verbündeten Zentralmächte, deren Heere auf allen Kriegsschauplätzen so siegreich sind, deren technische und moralische Überlegenheit im gegenwärtigen Weltringen so außerordentlich zutage getreten ist, zeigen sich auch in Bezug auf das Geld ihren Feinden überlegen. Während die als reich und unerschöpflich geltenden Ententestaaten, Frankreich und England, seit Monaten an einer großen Geldkalamität zu leiden haben und in Amerika als Bittsteller erscheinen mußten, um gegen hohe Zinsen und weitgehende Sicherstellungen eine beschämend kleine Anleihe zu erhalten, haben die bisherigen Kriegsanleihen in Österreich-Ungarn und Deutschland die glänzendsten Resultate gebracht; man kennt in diesen Staaten ebensowenig die Geldsorge, wie die Munitions- und Mannschaftssorge. Wir Juden sind stolz darauf, erhobenen Hauptes konstatieren zu können, daß unser Anteil an diesen finanziellen Siegen ein verhältnißmäßig beträchtlicher ist. In den Listen der Anleihezeichner nehmen unsere Glaubensgenossen eine erste Stelle ein. Wir haben auch in dieser Beziehung unsere Pflichten voll und ganz er-

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