Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 8 (7.10.1915)
- Date
- 1915-10-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Agen 1× ep/1043981
- Radom 1× ep/1000823
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Nr. 8 JUdische Korrespondenz. Seite 3 geln werden von den judischen Untertanen Kußlands Geiseln genommen, in Kerker gesetzt, getoltcrt und hingerichtet Aus welchen ethischen und ästhetischen ürunden wird eine judische trau vergewaltigt, die in den Mauern einer Synagoge Kettung sucht! (Rute rechts: Was» Welche Niedertracht!) Ja, das ist eine Niedertracht, aber eine Tatsache!" Abg. ü s i u b i n s k i (.Arbeitspartei), sagte: „Als Bevolhnachtiger der o-en sibirischen Kommission war ich an der front und kann bezeugen, mit welcher unermeßlichen Grausamkeit die Verbannung der Juden aus dem Gouvernement Radom vorgenommen wurde. Die gesainte Bevölkerung wurde in einigen Nachtstunden evakuiert, um 11 Uhr nachts wurde der Bevölkerung der Wegzug mit der Drohung angekündigt, daß wer bis Sonnenaufgang zurückoleibt, gehängt werde. So begann m einer dunklen Nacht der Abzug der Juden in die nächste Stadt llscha, .30 Kilometer weit. Greise, Kranke, Paralysierte mußten am den Händen getragen weiden, denn es wuitn keine \ubaudsinittel Die Zahl der Verbannten ist ungeheuer, aus dem Gouvernement Kowno. z. B., sind loO.OOO evakuiert, aus dem Gouv. Grodno ca. öU.OOU, aus Polen bis ^00.000, insgesamt etwa 7, Million Menschen, verurteilt zu Qualen gleich Verbrechern. Die politischen und Gendarmerie-Behörden verhalten sich zu den judischen Verbannten genau so, wie zu irgend welchen Verbrechern. Auf einer Station, z. B., wurde das judische Gönnte zu den Waggons der Flüchtlinge nicht zugelassen, um sie mit Nahrung und Wasser zu versorgen. In einem halle wurde ein Zug mit Verbannten, die in l stunden evakuiert wurden, kein einziges Mal geöffnet, und niemand wurde zugelassen. 1 he Mehrheit der Verbannten im Zuge waren m einem Zustand von Halbtoten, 16 waren scharlachkrank, einer hatte Flecktyphus und nach o I agen starb eine kranke Frau an trschopfung. tinige Gouverneure in den Orten, wohin man die Verbannten brachte, steigerten die Leiden dieser unschuldigen Menschen, indem sie die schutzlosen Opter geradezu vernohnten. hine besondere hnergie in dieser Beziehung zeigten die Gouverneure von Poltawa. der Minsker Gouverneur Girs und der von Jekuterinoslaw. Sie verwandelten die Evakuierung der Juden in eine politische Verbannung nach bestimmten Orten, man nahm den Juden ganz widerrechtlich die Paße ab, gab ihnen Durchzugscheine mit der Bezeichnung des Ankunitsdatums an einem Orte der 5 Gouvernements. In diese für die Ansiedlung der verbannten Juden bestimmten Gouvernements jagte man sie völlig willkürlich von einem Orte zum anderen ... Das Judische Gönnte in Poltawa erhielt eine Rüge des Gouverneurs, daß es sich „Hilfseomite für die Judischen Kriegsnotleidenden nennt, fcs wurde angewiesen sich von nun an „Hilfseomite tur die Verbannten zu nennen, denn — heißt es in diesem Erlaß — die Juden seien als politisch Unzuverlaßige ausgewiesen. Die Unmenschlichkeit der lokalen Behörden zeigte sich auch nach Erscheinen des Eriaßes uber die Einstellung der Massenvertreibuiigen . . . Mit einem Worte, jede Verordnung, die anscheinend dazu dient, die Lage der Juden zu erleichtern, wird von den lokalen Behörden dazu benutzt, um zu unterdrucken und zu mißhandeln Die geset/widngste und giausamstt Maßnahme ist der bekannte Betehl uber die Geiseln, die von den eigenen Bürgern gestellt werden müssen, hs sei bemerkt, daß als Geiseln die Wohlhabensten. die von den Behörden selber am meisten geschätzten Personen genommen werden. Welcher Mensch erlaubt es zu richten und für eine Schuld zu strafen, die ein Mensch nicht begangen hat. für die Schuld eines Andern, den er vielleicht auch garnicht kennt! Indem sitzen auch jetzt 400 Geiseln — in dem Kerker von Poltawa. Jekatcrmoslaw und Mohilew. in steter Angst, daß man sie jeden Augenblick hangen kann. Das ist, m. H.. keine bloße I »rohung. bitte hören Sie einen Teil des trlaßes an: „Der Oberkommandierende gestattet die Anwendung der völligen Evakuierung nur in besonderen Fallen und halt es tur notwendig, reiche Juden, mein Kronrabbiner als Geiseln mit der Warnung zu nehmen, daß im Falle des Verrats seitens der jüdischen Bevölkerung die Geiseln gehängt werden. In Sochatschow wurden 3 Geiseln gehangt für eine Schuld, die sie nicht begangen, tur Personen die sie garnicht kennen. Es ist Zeit, meine Herren, auf das mittelalterliche Institut von Geiseln zu verzichten- Es ist Zeit, die in den Kerkern unschuldig Schmachtenden zu betreien. Das erniedrigt uns lediglich vor unseren Verbündeten. Es ist gesetzwidrig und grausam, es ist im staatlichen Sinne schädlich und zwecklos. Der Wiederaufbau Galiziens. Uber Anregung des Obmannes des Poleuklubs Dr. Kitter v. Bihnski tand Freitag den 1. d im Ministen utspidsidiuni unter dem Voisit/e des Ministerpräsidenten Graten Sturgkh eine Koiiiereuz m Angelegenheit der wirtscliattliclien Notstands- und Reiabherungsaktion im Königreiche Gahzien statt. An derselben nahmen seitens der Regierung außer dem Vorsitzenden der Minister des Innern, der Minister mr ottenthehe Arbeiten, der Aekerbauimmster, der Finanziiinnster und der Munster Dr. v. Morawski. weiter der Statthalter von Gahzien General der Infanterie v. Gollard mit dem Statthaltereivizeprasidenteu Ritter v. Gubatta und dem Bezirks- . Hauptmann Maszkowski teil. Als Vertreter des! Landes war Landmarsclial! Ritter v. Niezabi- I towski erschienen. j Der Polenklub war durch seinen Obmann! Doktor Ritter v. Bilmski und durch die Mit-! gheder der wirtschaftlichen Komission des j Klubs, die Abgeordneten v. Dlugosz und Freiherrn v. Götz als Vorsitzenden, beziehungsweise Steilvertreter der Komission. weiter die Mitglieder Dr. v. Kzavkowski. Dr. Adolt Groß. Dr. Kolischer. Graf Lasocki. Dr. v. Starowievski und Dr. Steinhaus vertreten. In eingehendster Erörterung, an der die I Mehrzahl der erschienenen Vertreter des Lauj des sich lebhaft beteiligte, wurden die wichtigj sten aut diesem Gebiete im Zuge befindlichen I Maßnahmen durchgesprochen, ein Uberblick in I Betreff der nereits in vollster Durchführung begriffenen Anordnung gewonnen und für die energische und durchgreifende Fortführung und Aus- * gestaltung uer Aktion maßgebende Richtlinien; testgestellt. | In der Konferenz kam eine Einigung über i iolgende Richtlinien zustande: Bezüglich des Wiederaufbaues vernichteter Baulichkeiten wurde nach der prinzipiellen Seite Inn die Notwendigkeit dargelegt, daß die bäuerlichen V ( i n d Ai is hitts h mdc in den Dortini ich aus den Notstandsgeldern, die ä d i a n d s D a r 1 e h e n, die Gutsgebiete im Wege der Darlehen und m Ausnahmstallen aus dem Notstandsfonds wiederaufzurichten seien 1 >er Ruckzahlungsterrmn ist fur einen Zeitraum von zehn Jahren nach dem Friedensschluß zu erstreckten, der 5/..prozentige Zinsfuß ist herabzusetzen. Das Arbeitsprogramm umfallt zunächst icne Aufgaben, die noch im Laufe dieses Jahres vollzogen werden sollen. Bezüglich der Notstandsbauten wurde als dringend erkannt: Unentbehrliche Herstellung der Kirchen und sonstigen Gotteshäuser, die Gew ährung eines Vorschusses an den Landesausschuh zur Vornahme von Reparaturen \ a-< > chulen im Kmderbe a:;nu-:-ta t n. unenti zeitliche Beförderung von Baumaterialien, staatliche Subventionen zur Herstellung von beschädigten Ziegeleien und Brettiuuhlen. Die landwirtschaftliche Hilfe umfaßt: Zugestandiiis der Prämien fnr den heurigen Herbstanbau auch ohne Gewährung des Kredites. Sicherung des | nächsten Sommeranbaues durch Ankaut von | staatlichen Motorptlugen zum turnusmäßigen j Gebrauch zwecks sofortigen Ackerns für den! nächsten Sommeranbau. Sicherung von Gerste i und Haier aus der beschlagnahmten gahzischen Ernte fur den Sommeranbau. Requisitionsnormierung. Die Hilfeleistung an die Städte um- , faßt die Gewährung von Subventionen zu Approvisionierungs- und Assanierungszwecken;; Regelung der Mietzinstrage, insbesondere vom i Standpunkt des Staates als Mieters; Gewährung von Vorschüssen auf Rechnung der Zuschlage an Bezirke und Gemeinden; Gewährung von \ Subventionen an die Staatsbeamten, deren; Habseligkeiten vernichtet worden sind: Ver- , kehrserleichterung tur Materialzutuhren: Steuerregelung: Liquidierung und Bezahlung von; Kriegsleistungen. Für das nächste Jahr 191(> ist dann eine weitere Aktion vorgesehen. Dieselbe i umfaßt: 1. die Gewährung von Subventionen : an landwirtschaftliche Korporationen zum An- : kauf von totem und lebendem Inventar und von Zuchttieren: 2. die Schaffung von Organisationen der Interessenten und deren Unterstützung durch Darlehen u. dgl. zwecks W i e d e r a u tr i c h t u n g v o n Handel und Gewerbe; \ 3. systematische Sanierung der Kreditverhaltnisse im Wege der Kriegskreditanstalt; 4. ■ Schaffung einer staatlichen Zentralstelle zum , Zwecke der kaufmännischen Durchführung des; Wiederaufbaues der Dörfer. Städte und Guts-; gebiete. i Die Feststellung aller obigen Anforderungen : begegnete vollem Verständnis seitens der Regierung, und gab Anlaß zu der Versicherung, i , daß die vorgebrachten Wunsche berücksichtigt. | die Hilfsaktion nunmehr nach allen Richtungen I energisch m Angriff genommen wird. Oie Woche. Bulgariens fcnlscheidung. Die Ereignisse aut dem Balkan beherrschen die gesamte öffentliche Wenning aller Lander. Der Weltkrieg tritt in eine neue Phase vielleicht in seine letzte. 1 >as bulgarisch-türkische Übereinkommen und das russische Ultimatum an Bulgarien haben den Stein ms Rollen gebracht. Mögen sich nun die Ereignisse wie immer entwickeln, eines ist klar: Die t;m> ■■■ hat eine moralische Niederlage erlitten. Nullte es zu einem neuen Balkankriege kommen. üann durfte auch das militärische Debacle hoffentlich nicht ausbleiben. \ oni indischen Standpunkte ist die fried liche Einigung zw ischen Bulgarien und der lurkei nur zu begrüßen. Beide Staaten erfreuen sieh wegen ihres Wohlwollens und ihrer Judentreiindhcnkeit der größten Sympathien aller jüdischen Kreise. Die Juden hatten es schmerzlich einptiinden. wenn Bulgaren und 1 urketi wiederum m einen blutigen Konflikt geraten waren. Bulgariens Aspirationen in Mazedonien sind uns auch höchst sympathisch, schon ihrer Gerechtigkeit wegen. Wir Juden, die wir so viel unter Verfolgungen und Rechtsverletzungen zu leiden hatten und haben, begreifen am besten die Gefühle der Bulgaren und ihrer Bruder in Mazedonien und wünschen ihnen die baldiiioglichste Erreichung ihrer idealen Ziele. Als eventuellen Bundesgenossen im Kampfe gegen den Erbfeind Rußland w erden wir die Bulgaren aufs herzlichste begrüßen. Sollte es dazu kommen, dann wird das Schicksal des barbarischen, tvramschen Zarenreiches nur beschleunigt werden und die gesamte Menschheit wird freier aufatmen können. Daß durch das bulgarisch-türkische Übereinkommen das ottomatusclie Reich neue Kraft gegen die seine Existenz bedrohenden Feinde fuidei. erfüllt uns mit großer Freude. Wir wünschen den neuen Freunden viel Gluck und eine segensreiche Zukunft! Russengreuel in der Bukowina. Aus dem Kriegspressequartier wird gemeldet: Amtliche Berichte aus der Bukowina melden neuerliche russische Greueltaten. Bei ihrem letzten Vorstoß uber den gahzischen Screth haben die Russen m I luste neun Juden, darunter den 90 Jahre alten Brecher, grundlos mißhandelt und sodann aufgehängt. In der Nahe von Zaleszczyki wurden der dortige jüdische Gutsjiachter Rubel und sein Sohn von russischen Soldaten ermordert. Drei andere Juden, darunter ein Gutsverwalter und Aufseher der Herrschaft Lvrawka. wurden erschossen. In Boian haben russische Soldaten die 30jährige Lea Lehr m ein Haus luneingesclileppt. sie dorl nach Schlagereien unter furchtbaren Martern vergewaltigt und hernach das Haus angezündet, so daß das arme Geschöpf darinnen ver- .brannte Der Judtinhaß In Rußland. Aus Kopenhagen meldet man: Die Organisationen der ..Schwarzen Hundert m Rußland heginnen sich wieder emporzurichten: sie versueuen. ihren seit einiger Zeit verlorenen Einum.: durch die hinreichend bekannten Mittel und Methoden wieder zu erlangen. Zunächst nehmen sie wieder mit den ihnen verhaßten liberalen Gesellschatts-Orgamsationen den Kampt aut. In einer Sitzung, an der Vertreter aller Petersburger Organisationen der „Schwarzen Hundert teilnahmen, wurde die gegenwärtige politische Lage behandelt. Es kam in dieser Sitzung zu stürmischen Szenen. „Rußland geht zu Grunde! riefen viele Redner. „Die Ansiedluugsrayons der Juden werden abgeschafft und man will die Juden in die Schulen ohne Prozentnorm zulassen. Die latigkeit der Verbände der Städte und der Landschatts-SelbstVerwaltungen ist revolutionär, auch der Einfluß der revolutionären Reichsduma macht sich bereits im Lande bemerkbar. Nieder mit solchen Institutionen! Wir müssen strengste Diktatur einfuhren, sonst fallt Rumäne in die Hände der Juden und Kadetten unu is. , e: - loren! Die Agitation dieser Schwatzen Hundert-Gruppen scheint doch aut die Regieiungskreise nicht ohne Einfluß geblieben zu sein, denn dci om/iose Koloko! selitub d I eine V er änderung m der Regierungspoutik bevorstehe. Ministerpräsident Goremykin verbleibe aut seinem Posten und alle Moskauer Resolutionen werden wie früher m den Papierkorb geworfen werden. „Zeichnet die dritte österreichische Kriegsanleihe!"