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Jüdische Korrespondenz · 1915-10-07 · 8 (7.10.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
8 (7.10.1915)
Date
1915-10-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr, 8 kein politischer Staatsmann wird es sieh mit ihnen verderben wollen. Mag ihr Einfluß nicht so weit reichen, um die amerikanischen Business-Leute von der Munitiorislieferung an die Entetcstaatcn zurückzuhalten oder das Morgan- Konzern \oii dein Abschlüsse einer auf breiten (iarantien beruhenden und sehr gut ver- /in.siiJ.eü englisch-französischen Anleihe ab/.ti- ', halten, so reichte er jedoch so weit hin, um eine j Müviii SEelUmgiiaiiiiie der amerikanischen Poli-; ,K gegen die Zentralmäcbte. zu w elcher gewisse; Kreise ".o stark drängten, zu verhüten und einen ■ rulici; Feil der amerikanischen Finanzwelt von der Beteiligung an den Ententeanieihen abzuhalten, so. dal.' diese, ialls sie zustande kämen, sicherlich in viel bescheidenerem Umiange auslallen werden. » > w v ■ ■ I las hiiercN.se der amerikanischen Juden für den Krieg im jedoch nicht nur negativer und Ueinoiismitiver Natur. Unsere Brüder im Dollarland, v. isseii es, dafct sie die einzigen sind, welche gegenwärtig wie auch nach dem Kriege ihren durch die Kriegsereignisse betroffenen (ilaubeiisgenosseii materiell helfen können und sie erfüllen ihre Pflicht in hervorragendstem Maße. I nermcßliche Summen wurden gesammelt und den diversen Hilfskomitees in den kriegtiihrenden Ländern übermittelt. Ls werden auch bedeutende Fonds gesammelt, um nach dem Kriege die leider höchst wahrscheinlich sich als notwendig erweisende große Hilfsaktion unternehmen zu können. Man rechnet auch mit einem starken Zuzug von .luden aus den durch die Kriegsereignisse am härtesten betroffenen Gebieten und trifft Anstalten, um ihnen Existenziuöglichkeiteii zu schaffen. Iis werden auch Aktionen geplant, um bei den zukünftigen Friedensverhandlungen die Rechte der Juden zu wahren. Es wird viel von einem jüdischen Kongresse gesprochen, welcher sich mit dieser Frage ernstlich beschäftigen solle. Man glaubt nämlich in den hiesigen jüdischen Kreisen, daß Präsident Wilson dazu berufen ist, eine eventuelle Friedensvennittlung einzuleiten, um dem großen Blutvergießen in Furopa Halt zu gebieten. In diesem Falle würden die amerikanischen Juden auch manches zugunsten ihrer Brüder erreichen können. Die Friedenspropaganda Bryans und seiner Freunde findet auch von jüdischer Seite die weitgehendste Unterstützung; Bryan ist vielleicht noch nie in den .ludengassen New-Yorks so populär gewesen wie jetzt. Es ist schwer vorauszusagen, inwieweit alle diese Hoffnungen in Erfüllung gehen werden. Eines jedoch muß konstatiert werden: Die Juden Amerikas haben sich im großen und ganzen als würdig dieser großen Zeit erwiesen und sie erfüllen ihre Pflichten gegenüber ihren Brüdern in hervorragender Weise. Die Business hat ihr Gemüt nicht ganz verdorben, wie dies bei gar manchen Amerikanern der Fall ist. Sie leiden zwar selbst auch unter dem Kriege. Infolge desselben ist in gar manchen amerikanischen Industrien, die sich nicht mit der Munitionserzeugung befassen, ein Stillstand eingetreten und die Zahl der Arbeitslosen ist sehr groß. Aber nichtsdestoweniger erfüllt Groß und Klein, arm und reich, der Einzelne wie die Verbände und Vereinigungen alle Pflicht. Das amerikanische Judentum steht auf der Höhe seiner Aufgaben. Oer-Toschaw. Das Debacle der Allpolen „Fällt der Herzog, so fallt auch der Mantel". Der Niederbruch der russischen Armeen und die unleugbare militärische Ohnmacht des Zarenreiches hat auch ein Debacle der Allpolen und ihrer „russischen Orientierung" gebracht, von dein sie sich wahrscheinlich nicht mehr erholen werden. Ein volles Jahrhundert fast sah das ganze polnische \ olk m Rußland den Erbfeind, gegen den es sich wiederholt mit der Waffe in der Hand erhob. Die Hoffnungen des ganzen Volkes konzentrierten sich um den einzigen Punkt: mir ein völliger Niederbruch des Zarenreiches kann und wird den Polen Freiheit und Erlösung bringen. Ganz besonders war diese Gegnerschaft zu Rußland in Galizieu scharf und unerbittlich: konnten doch die Polen gerade hier, w o sie sich unter österreichischer Herrschatt der weitgehendsten nationalen Freiheit und Entwickelungsitiöglichkeiten erfreuten, erst recht begreifen und empfinden, wie schlecht es ihren Konnationalen im Zarenreiche ergeht. Da nun auch die anderen galizischen Volksgruppen, Juden und Ukrainer, ebenfalls in Rußland ihren erbittersten Feind sahen, so konnte die ganze öffentliche Meinung Galiziens in der Gegnerschaft zum Zarenreiche einheitlich und solidarisch auftreten. Ebenso waren die Polen unter russischer Herrschaft Todfeinde des Zarenreiches. Erst die Allpolen versuchten es, die politische Atmosphäre in der polnischen Ländern mit ihrer „russischen Orientierung" zu verseuchen. Merkwürdigerweise betrieben sie ihre Taktik mittelst eines extrem-nationalistischen Chauvinismus. Keine andere polnische Partei war ihnen national genug, sie arrogierten sich ein Patent auf „echtes" Poientum und gingen mit Feuereifer daran, das nationale Leben der Polen von jedem Scheine einer „Beeinträchtigung" zu befreien. Sie terrorisierten die öffentliche Meinung und vermochten auf diese Weise einen Einfluß zu gewinnen, der in keinem Verhältnisse zu ihrem eigentlichen, nicht sehr großen Anhange stand. Ganz besonders hatten sie es auf die J ud e u abgesehen. Mit einer echt russischen Brutalität betrieben sie den Antisemitismus und den Asemitismus; ja, in vielfachen Hinsichten benutzten sie die antisemitische Fahne dazu, um mit ihrer Hilfe einen Teil der niederen Volksklassen um sich zu scharen und damit ihren Anhang zu verstärken. Indem sie einerseits den extremsten Nationalismus predigten, andererseits aber die Juden als einen Fremdkörper in Polen verschrien, strebten sie dazu, die polnische öffentliche Meinung in einen Gegensatz zu den Juden zu bringen. Der Schaden, welchen die Allpolen dem eigenen polnischen Volke zugefügt haben, ist unermeßlich und wird vielleicht erst in ruhigeren Zeiten voll und ganz gew ürdigt werden können. Es ist jedoch nicht Sache der Juden, darüber zu Gericht zu sitzen. Heute erkennen alle polnischen Kreise, wie schädlich der J'error der Alipolen war. Die Juden waren es, die sich von Anbeginn mit aller Macht den Allpolen entgegenstemmten, freilich, um gerade deswegen ihren ganzen Mass und ihre ganze Wut auf sich zu ziehen. Die Kriegsereignisse haben es mit sich gebracht, daß die allpolnische Taktik demaskiert wurde. Als die Russen zeitweilig große Teile Galiziens okkupieren konnten, da waren in Gaiizien die Herren vom und um den „Slowo Polskie" so naiv oder so verblendet, zu glauben, daß (ializien nunmehr „echt-russisches" Land geworden sei. sie ließen also die Maske fallen und enthüllten sich in ihrer ganzen russophilen Nacktheit. Die Allpolen in Rußland ihrerseits stellten sich ganz offen auf die Seite der russischen Politik. Bald kam jedoch der Rückschlag. Die großartige Mai-Offensive hat die Russen aus fast dem ganzen Lande hinausgefegt und mit ihnen mußten auch all die Herren Grabski, Paw likowski & Cons. den galizischen Staub von ihren Pantoffeln abschütteln. Wochenlang sind sie zusammen mit den letzten russischen Tschinowniki in Brody gesessen, eine Wendung des Schicksals erwartend. Ais sie jedoch die Aussichtslosigkeit ihres Wartens erkannten, als auch vor den Toren Brodys das Krachen der österreichisch-ungarischen Geschütze ertönte und die Befreier Lembergs auch Brody den russischen Klauen entrissen haben, da mußten sie endlich in tiefster Resignation den Weg ins russische Exil nehmen und Galizien von ihrer Gegenw art befreien. In den polnischen Gebieten Rußlands geschah dasselbe. Die Herren Dmowski & Cons. mußten nach Petrograd flüchten: sie haben ihre Rolle im Leben des polnischen Volkes ausgespielt. Die Demaskierung des allpolnischen Russophilismus ist auf die polnische öffentliche Meinung nicht ohne Einfluß geblieben. Gewiße Führer der Allpolen schämen sich ihrer früheren Kollegen, sie leugnen jede Gerneinschaft mit ihnen und ihrer Presse ab. Ein allpolnischer Abgeordneter nach dem anderen verlaßt die Reihen der Partei. Ihr Terror hat vollständig aufgehört, sie zerfällt in das Nichts, aus dem sie entstanden ist. Indem die polnische öffentliche Meinung sich von der allpolnischen Orientierung befreite, so wollen wir hoffen, daß auch die durch die allpolnische Taktik hervorgerufene Spannung zwischen Polen und Juden verschwinden wird. Der Niederbruch Rußlands hat auch den Niedergang seiner allpolnischen Freunde herbeigeführt. Mit dem Verschwinden der Dmowski, Grabski, Wasilewski und ihrer Hetzpresse möge auch der Antagonismus zwischen Polen und .luden verschwinden. Es dürfte dies auch im Interesse der Polen liegen. Auch in dieser Beziehung bedeutet der Niederbruch Rußlands eine Wohltat und eine Erlösung für die Juden. Spectator. Die «weile Judendebaäe in der Duma. (JAK.) Die allgemeine Presse hat die Dumaverhandlungen fast übersehen, die am 16. August bei der Einbringung einer dringlichen Interpellation von Sozialdemokraten, Arbeits- Partei und Kadetten über die Beziehung der Regierung zu der jüdischen Bevölkerung im Gebiete der Kriegsoperationen stattgefunden haben. Die Interpellation selbst wurde zum größten Teil von der russischen Zensur unterdrückt, hingegen sind wir in der Lage, Auszüge aus den Reden der Abgeordneten zu bringen, die die I tringlichkeit ihres Antrages begründeten. Abgeordneter Tsehehidse (S. D.) sagte: „Sie wissen ausgezeichnet, daß die Regierung des Regimes v. 3. Juni (der Stolypinschen Dumaauflösung) stets auf der jüdischen Entrechtung begründet war; in allen für die Regierung kritischen Augenblicken richtete sie ihre ersten Schläge gegen die Juden, in der Richtung des geringsten Widerstandes. Sie erinnern sich ausgezeichnet, wie bei den ersten Anzeichen der Freiheitsbewegung in Rußland die Regierung zunächst gegen die Juden vorging und ihre Schläge nahmen die Form von Pogromen an. Als das Regime des 3. Juni fühlte, daß es erschöpft ist, als alle Illusionen, die mit ihm verbunden waren, zu schwinden begannen, hielt es die Regierung für notwendig, sich hinter den Rücken der Juden zu verstecken und begann derart ihre Stellungen zu verschanzen und zu befestigen. Erinnern Sie sich an den unerhörten Skandalprozeß, an die Beilisaffaire! Im vorigen Jahre brach der Krieg aus, dessen tiefster Sinn, meines Erachtens. der ist, daß er das Regime des 3. Juni vor die Schicksalsfrage stellte des Seins oder Nichtseins. Und wieder wendet sich die Regierung den Juden zu; aber anstatt des rituellen Blutmärchens wird die Beschuldigung des Verrats gegen die Juden in den Vordergrund geschoben. Jetzt weiß das ganze Rußland und alle Welt, wer die Schuldigen der Lage sind, in die Rußland auf den Kriegsschauplatz und hinter der Front geraten fst. Die Schuldigen waren keineswegs die luden, das kann das ganze Land bestätigen, es waren diejenigen, die an den Armeelieferungsauf trägen ihre Taschen vollstopften. Schuldig waren diejenigen, die mit Hilfe der Herren Miassojedoffs und Grotguss und anderer Verräter Rußland verkauften. Wenn die Rede in der Tat davon ist, wer die Schuldträgenden an der Situation sind, in der sich das Land befindet, so muß man die Frage aufwerfen, welchen Anteil an der verbrecherischen Verräterorganisation, deren Teilnehmer unlängst gehängt wurden, derjenige Mann hatte, der am deutlichsten das Regime des 3. Juni verkörperte — der jüngst demissionierte Minister des Innern, Herr Maklakoff. M. H„ im Laufe eines vollen Jahres wird behauptet, daß die Schlächterei, die vor sich geht, das Meer von Blut, das vergoßen wird, all das geschieht im Namen der Wahrheit, des Rechtes, der Gerechtigkeit, im Namen des höchsten Grundsatzes der Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit. Wenn dem so ist, dann akzeptieren Sie unsere dringende Interpellation und erlauben Sie, von der Regierung eine Antwort darauf zu verlangen, im Namen welchen Rechts ein ganzes Volk sogar für die schwersten Verbrechen seiner einzelnen Angehörigen, verantwortlich gemacht wird. Im Zeichen welcher Wahrheit wird im „Regierungsboten" die völlig erfundene und lügenhafte Mitteilung veröffentlicht, die Juden hätten in Kuschi das russische Militär verraten? Aus welchem Grunde wird unter Androhung von Geldbussen verschiedenen Zeitschriften befohlen, diese Nachricht zu publizieren? Welche Gerechtigkeit verlangt, daß ein jüdischer Freiwilliger, der mehrmale auf dem Schlachtfelde war, Invalide, verstümmelt, noch nicht genesen, in 24 Stunden verjagt wird, wenn er in verschiedenen Städten Rußlands (außerhalb des Ansiedlungsgebiets) Beschäftigung sucht? Im Namen welcher Humanität wird es verboten, den in Waggons eingesperrten, hungernden, evakuierten Juden Nahrung zu reichen? Im Namen welcher Freiheit wird mit einem Federstrich die gesamte jüdische Presse eingestellt und vernichtet? Im Namen welcher Brüderlichkeit wird ein Teil der Armee und der Soldaten gegen die jüdischen Soldaten aufgehetzt, die mit ihnen zusammen in den Schützengräben liegen? Auf Grund welcher Gesetze erscheinen bei uns in Rußland Armeebefehle, die friedliche jüdische Bevölkerung zu treiben, sie den Kugeln auszusetzen? Auf Grund welcher Gesetzesre- „Zeichnet die dritte österreichische Kriegsanleihe!"

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