Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 8 (7.10.1915)
- Date
- 1915-10-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 4 judische Korrespondenz Nr. 8 Streiflichter. Auch ein KuKurdokumenJ. Hut Dr. W. Stnsower schreibt: Es war letzthin, hei imsu-ui) Vormarsch in Ostgalizien. Wir hielten vnr dun Dorfe Z., das noch von sturkcr russischer Vorhut besetzt war. Die Buttern.' .sollte eine Stellung auf den Höhen westlich von Z. beziehen. Ich erhielt den Befehl, die ■4e>;cn diesen Ort führenden Wege zu rekognoszieren. I »a es bereits zu dunkeln anfing, trieb idi das Pferd zur Eile an, und war nach anderthalb Stunden auf dem Rückweg begriffen, als hinter einem Straßenknie laute Hilferufe hörbar wurden. Ich galoppierte zur Biegung heran und blickte plötzlich auf ein mit armseligen Wohngerateu beladenes Fuhrwerk, das sich in Kot und Dunkelheit mühsam den Weg bahnte. Ein alter Jude trieb unausgesetzt das magere, keuchende Pferd an; eine Frau stützte mit der einen Hand den Wagen, wahrend sie mit der anderen mit aller (iewalt ein junges Mädchen festzuhalten versuchte. Das Mädchen tobte und schlug mit den Annen tun sich und w einte jenes seelenlose tränculosc Weinen, das den Irrsinnigen eigen. Sein Widerstand wurde noch heftiger, als es mich erblickt hatte: es rill sich los und schrie und jammerte mich an: „Nehmen Sie mich mit! Ich bin' Sic . . . ich bitt' Sie. retten Sie mich! Nehmen Sic mich aufs Pferd mit!" Auf meine Frage erzählte mir der Alte mit hastigen Worten, er sei aus Z„ und dies sei seine Tochter Zipre, welche Kosaken geschändet hätten und die darüber irrsinnig geworden sei. Es wäre ihm endlich bei der Verwirrung, die jetzt bei den Russen herrsche, gelungen, die Flucht zu ergreifen, und nun führe er sein krankes Kind mit (iewalt fort, da es in seinem Irrsinn sieh von den Russen entführt wähnt und nach Z. zurück will. Ich hatte wenig Zeit zu verlieren. Nachdem ich mich also mit einigen Fragen von der Richtigkeit dieser Erzählung überzeugt und über die mutmaßliche Stärke der feindlichen Nachhut informiert hatte, gab ich meinem Pferd die Sporen und ritt davon. Spät abends fand ich zur Batterie heim. In der Nacht gab's nur Vorposteugeplänkel. Auch die Artillerie hatte noch nicht eingegriffen, und so blieb Z. noch in russischem Besitz. Zeitlich früh mußte ich als Aufklärer in die Schwarmlinie und bald war über der Aufgabe, die meiner harrte, und dem strahlend schönen Herbsttag das peinliche Erlebnis von gestern vergessen. Golden hob sich vom Stahlblau des frühen Morgens das vergilbte (irün ah. und wie ein Nachglanz der Sornrnertage und eine Vorahnung des Winters strich eine laue, aber schon kühlende Luft über Feld und Acker . . . Flüchtling seiend in Rußland. UAK.) Die geradezu entsetzliche Not der sogenannten Flüchtlinge, d. Ii. der ungeheuren Menge von Verbannten, Entführten und heimatslos gemachten Menschen, beherrscht gegenwärtig die öffentliche Diskussion in Rußland. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß die Jude n relativ den größten Teil dieser Unglücklichen bilden. In einer Eingabe des Kiewer Hilfskomitees an den allrussischen Städteverband wird in ergreifender Weise das Fluchtlingseiend geschildert. Das Komitee unterscheidet drei Kategorien von Kriegsopfern: I. Flüchtlinge, 2. Vertriebene und 3. Geiseln. 1 >ie Flüchtlinge, die sich namentlich in Kiew als dem größten südwestlichen Zentrum angesammelt haben, leben unter den entsetzlichste!! hygienischen Bedingungen. Sie schlafen auf den nackten Dielen, ihre Nahrung ist ekelerregend, die allerprimitivste ärztliche Hilfe fehlt, trotzdem Epidemien, wie Diphteritis, Scharlach und I »vsenterie unter den Flüchtlingen wüten. Die Art. in der man Hüchtlinge zu Arbeiten verwendet, erinnert ganz an einen Sklavemnarkt. Die Arbeitgeber suchen sich die kräftigsten aus und schleppen sie mit, ohne den Angehörigen auch nur die Adresse mitzuteilen. Die Folge der unsäglichen Verzweiflung der Zurückgebliebenen ist die starke Verbreitung der Prostitution unter den Frauen, ja selbst unter den Kindern von 7— S Jahren! Noch schlimmer ergeht es der 2-en Kategorie, den auf administrativem Weg aus Gaiizien und der Bukowina Vertriebenen. Sie rekrutieren sich aus Angehörigen der gebildeten Stände wie aus Arbeitern und Bauern. Sie werden in Polizeigefangenenhüusern oft 2—3 Monate bis zu ihrem endgültigen Abschub in die inneren Gouvernements von Sibirien gehalten. Besondere Räume sind ihnen nicht angewiesen, sondern sie befinden sich zusammen mit den gewöhnlichen Verbrechern. Auch hier fehlt jede medizinische Hilfe. Aus einem an das Hauptkomitee des russischen Semstwo-Verbandes gerichteten Telegramm geht hervor, daß an der südwestlichen Front viele Eisenbahnziige mit Vertriebenen stehen, deren Empfang von den Eisenbahndirektionen der benachbarten Linien verweigert wird. In Kiew stehen die Züge oft mehrere Tage, Schwerkranke und Tote werden nicht einmal herausgeschafft. Die 3-te Kategorie, die Geiseln, bestehen aus angesehenen Bürgern, auch österr. Parlamentsmitgliedern u. s. w. Ein Teil ist in Arresthäusern untergebracht. Der Rest ist über einzelne Bezirke verteilt. Sie werden auf Kosten eines jüdischen und polnischen Komitees erhalten. Von ihren Leiden hat in der Duma der Arbeitsparteiler Dsiunkowsky bei der zweiten Judendebatte ein erschütterndes Bild entworfen. Der Sieger im Kriege. Zwei Israeliten aus neutralen Landen In einem Kurorte sich zusammenfanden, Sic sprachen über Krieg, Nationen und Mächte, Über Anleihe, Munition und Kriegsrechte. Zum Schlüsse gemächlich frug der Eine, Was der And're vom Erfolge meine? Wer denn endlich gewinnt den Krieg, Triumphierend davonträgt den Sieg? Ganz verschieden dachten darüber beide Um endlich mit sichtlicher Freude, Vereint den Entschluß zu fassen, 1 >ie Entscheidung dem Rabbi zu überlassen. Der Rabbi hört und spricht: „Fürwahr! Die Sache liegt wie die Sonne klar! Gar nicht nötig war Euer Zweifel und Not: Den Krieg gewinnt -- gewiß nur Gott!" Ganz verdutzt sahen sie den Weisen an; Was denn diese Antwort bedeuten kann? „Das will ich Euch gerne beweisen und zeigen: Kennt ihr die Namen der Zentralmächte- Reigen? Sie heißen: Germania. Oesterreich und Türkei; Stellet die Anfangsbuchstaben dieser drei Zusammen in ein Wort, und seh't dann, Daß nur (iott den Krieg gewinn kann." Josef Gottlieb, Wien. Korrespondenzen. Eine jüdische Deputation beim galizischen Statthalter. Aus Lemberg wird berichtet: Der neue Statthalter von Galizien, General der Infanterie v. Collard, empfing gelegentlich seiner jüngsten Anwesenheit in Lemberg unter den übrigen Deputationen eine Abordnung der Kultusgemeinde, bestehend aus dem derzeitigen Vorsitzenden kais. Rat Jakob Stroh, Herrn Dr. R. Sokat und den Mitgliedern des Rabbinates, Braude und Dr. Guttmann. Dr. Sokal überbrachte dem Statthalter die Glückwünsche der jüdischen Gemeinde anläßlich der Ernennung und richtete an ihn das Ersuchen, der so hart betroffenen jüdischen fievölkerung tatkräftige Hilfe angedeihen zu lassen. In seiner Erwiderung versicherte der Statthalter die Deputation seiner Objektivität und fügte hinzu: „Ich weiß, daß die jüdische Bevölkerung in den Tagen der Invasion viel mehr als die anderen Einwohner gelitten und Schaden erduldet, aber trotz allem treu zu Kaiser und Reich gehalten hat. Seien sie darum überzeugt, daß ich alles, was in meiner Macht liegt, tun werde, um die Not ihrer Glaubensgenossen zu lindern, und streng darauf achten werde, daß ihnen kein Unrecht geschehe." Jüdisches Heldendenkmal in Krakau. Aus Krakau wird geschrieben: Unmittelbar am Bahndamm, der Krakau mit Podgorze verbindet, erstreckt sich der von der hiesigen Kultusgemeinde sorgsam instand gehaltene jüdische Friedhof. Nahe der Umfassungsmauer befindet sich eine große Anzahl frisch aufgeworfener Grabhügel. Unter denselben schlummern unsere tapferen Soldaten, etwa 50 an Zahl, die in den Krakauer Festungsspitälern ihren schweren Verwundungen erlegen sind. Es sind zumeist Opfer der schweren Kämpfe, die im November v. J. in der Umgebung der Stadt stattgefunden haben. In friedlicher Nachbarschaft ruhen auch kriegsgefangene Russen, die teils an ihren Wunden, teils an epidemischen Krankheiten verstorben sind. In einer besonderen Reihe sind die Offiziere bestattet, es sind dies die Leutnants Adalbert Antal, Alfred Rosenbaum und Alexander Schreiber, die Kadetten Max Berger, Paul Körner und Otto Spitz. Auch eine Krankenpflegerin hat dort ihre ewige Ruhestätte gefunden. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde beabsichtigt, zu Ehren der verstorbenen Krieger einen Gedenkobelisk zu errichten, auf dem die Namen der Toten verzeichnet werden sollen. Bei dem am Versöhnungstage im Festsaale der Gemeinde stattgefundenen Militärgottesdienste gedachte Feldrabbiner Dr. Golinski anschließend an seine Predigt aller für Kaiser und Vaterland gefallenen Offiziere und Soldaten und verrichtete ein Gebet für deren Seelenheil.__ Chronik. Jugend-Gottesdienste In Wien. Ab 9. Oktober beginnen die Jugend-Gottesdienste in den Wiener Bethäusern für Volks- und Burgerschuten wie auch für Mittelschulen. Die Gottesdienste finden bis auf weiteres in jenen Bethäusern statt, weichen die betreffenden Schulen im verflossenen Schuljahre zugewiesen waren. Die Schuljugend erscheint im Festgewande. Nach dem Gebete für den Landesvater wird von den Schülern bei offener Bundeslade die erste und vierte Strophe der Volkshymne gesungen. Das judische Museum in Wien. Das Kuratorium des „Jüdischen Museums" gibt hiermit bekannt, daß das „Jüdische Museum", 2. Bezirk, Malzgasse 16, 3. Stock (Haltestelle des Straßenbahnwagens C), ab Sonntag, den 3. Oktober 1915, wieder eröffnet wurde. Das Museum wird, wie gewöhnlich, an Samstagen und Sonntagen zwischen 11 und 1 Uhr bei freiem Eintritt der Allgemeinheit zugänglich sein. — Schulen. Korporationen oder größere Gesellschaften können nach vorhergegangener schriftlicher Verständigung mit dem Bureau jederzeit die Sammlungen be- Das Schicksal eines Sefer-Thora. Der Sanitäter des 56. Infanterieregiments Moritz (iutter, recte Ooldstein, aus Saybusch (Galizien), erzählte: „Es war am 26. August, als ich vom Stabsarzt unserer Abteilung den Auftrag erhielt, zu Pferde hinter den zuerst in die brennende Stadt Brest-Litewsk einnickenden Truppen einherzureiten, um eventuelle Vorfälle sofort zu seinem Standort am Bahnhof zu melden. Als ich hierauf etwa nach einer halben Stunde Reitens dem Ringplatz der Stadt mich näherte, bemerkte ich in der Nähe eines Hauses, aus dessen Fenstern soeben die hellen Flammen schlugen, einen länglichen Gegenstand, der mich stark an eine Thorarolle erinnerte. Ich sprang vom Pferde und traute meinen Augen kaum, als ich vor mir tatsächlich eine Sefer-Thora sah, die beschmutzt und zertreten im Straßenrain lag. Das teure und heilige Kleinod in dieser Umgebung aufheben, es an meine Brust drücken und in meine Tasche hinter dem Sattel zu binden, war das Werk eines Augenblicks. Ich verwahrte den teuren Findling auf meinen weiteren Zügen ins Innere Rußlands, bis ich es dann bei Gelegenheit meines jetzigen Feiertagsurlaubes hiergebracht habe." Das unter so seltenen Umständen gefundene Sefer, dem man auf einer Stelle noch die Fußtritte roher russischer Soldaten oder hastig flüchtender Menschen ansieht, ist etwa 70 Zentimeter hoch und weist eine sonderbar schöne Schrift aut. An den verflossenen hohen Feiertagen ist daraus bereits bei einem Privatgottesdienste in Saybusch vorgelesen worden. »Der Rote Mögen David.« Aus Luzern (Schweiz) wird geschrieben: Vor kurzem ist in der Schweiz der Grund gelegt worden zu einer jüdischen, weltumspannenden Organisation, die augenblicklich berufen ist, die seelische Not von tausenden von jüd sehen Kriegsgefangenen zu lindern, und der auch in Zukunft, so lange der ewige Weltfriede nicht errungen, & Israel sich in der Diaspora befindet, diese Aufgabe zufallen wird. Diese Organisation nennt rieh „Der Rote Mögen David": sie ist bestrebt, für die Heilung der Wunden, welche den jüdischen Seelen in den Geiangenlagern geschlagen werden, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden. In der Schweiz, dem Geburtslande des Roten Kreuzes sollte auch der Gedanke des Roten Mögen David geboren werden. Möge dieser Oedanke in allen jüdischen Kreisen ebenso großen Anklang finden, wie es der vom Roten Kreuz in allen Menschenherzen vermocht hat. Weit davon entfernt, eine „jüdische innere Mission" in irgend einer Weise betreiben zu wollen, wird der Rote Mögen David nur die seelische Not derjenigen Kriegsgefangenen zu lindern suchen, welche dieselbe selbst empfinden; — mag dieselbe bei Vielen sich auch nur äußern in den schwächsten religiösen Regungen, deren eine jüdische Seele noch fähig ist. Und deshalb ist das Werk des Roten Mögen David ein jüdisches Liebeswerk, das an David zu wirken gedenkt, geht aus Statuten hervor, alle jüdischen Herzen appeliert. Wie der Rote Mögen David zu wirken gedenkt, geht aus Statuten hervor, welche vom Zentralkomitee bereits herausgegeben sind und an solche Männer verschickt werden, von denen es annehmen darf, daß sie den in ihren Ländern zu gründenden Landeskomitees beitreten werden. »HAMICPE« Derzeit das einzige hebrKIsche Wochenblatt des Kontinents, erscheint seil 12 Jahren In Krakau und erfreu! sich größler Popularität. Bezugspreis K 7-- JKhrUch, K 1-75 vierteljährlich- ~ Adresse: Krakau, Mlodowa Nr. 22. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppe). - Bucbdruckerei „Melantrlch«, Wien IX., Pnunergasse 6. (Verantwortlich S. Orinhitt).