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Jüdische Korrespondenz · 1915-09-23 · 7 (23.9.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
7 (23.9.1915)
Date
1915-09-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr. 7 Kit! Programm haben wir nicht entworfen und auch keine Lösungen angegeben. Doch besteht die erste und wichtigste Voraussetzung für eine große, der Katastrophe entsprechende Hilfstätigkeit in der Zusammenfassung sämtlicher jüdischer Kräfte in einen „Allgemeinen Jiklivhai Kongreß'". Die Vorarbeit hiezu muß die Schaffung eines Jüdisch-Amerikanischen Kcfigrcsscs sein; denn nur eine solche mächtige und frische Organisation wird imstande •-ein, die initiative für den alijüdischen Zusammenschluß zu geben. Ein Volk kann und muß sich allein helfen. Seien wir des Spruches unseres großen Rabbi Hillel eingedenk: Wenn ich nicht für rrich bin, wer den? Und uenn nicht heute, wann dann? Bernhard Cohn. * (Indem wir vorstehenden Artikel nach der „Jüdischen Presse" [Berlin] reproduzieren, erlauben wir uns zu bemerken, daß das Stattfinden eines allgemeinen Friedenskongresses, wie man sich ihn in vielen jüdischen Kreisen vorstellt, etwa nach Art des Berliner Kongresses, höchst unwahrscheinlich sei. Da sämtliche europäischen Großmächte am Kriege beteiligt sind, werden schwerlich unbeteiligte Staaten etwas bei den Friedensverhandlungen dreinzureden haben. Es wäre also eine Illusion von jüdischer Seite, sich der Hoffnung hinzugeben, daß irgendeine jüdische Delegation bei den Friedensverhandlungen eine Rolle spielen könnte. Hingegen könnte ein allgemeiner jüdischer Kongreß vieles zur Linderung der Not der durch die Kriegsereignisse betroffenen jüdischen Volksniassen, durch Schaffung einer einheitlichen Hilfsorganisation und Zentralisierung der Hilfsaktion, beitragen. — Im Interesse der Sache wäre es also zu wünschen, daß sich die Propagatoren des jüdischen Kongresses keinen allzu weitgehenden Erwartungen hingeben, sondern sich auf ein Minimalprogramm, auf das möglichst Erreichbare beschränken, im Sinne des Talmud-Ausspruches: „Tofasto meruba lau tofasto". Was die Sicherstellung der jüdischen Rechte anbelangt, wäre es zweckmäßiger, daß die führenden jüdischen Kreise der einzelnen Länder diesbezüglich bei ihren Regierungen intervenieren. Die Redaktion). Hilfe für die galizischen Jtittfei». *; % (Aufruf.) Nach mehr denn zwölf Monate währenden unbeschreiblichen Leiden und Qualen tritt die jüdische Bevölkerung des vom Feinde fast vollständig befreiten Galizien an die gesamte Öffentlichkeit mit der Bitte um Hilfe heran. Von den 840.000 Juden Galiziens sind nahezu 9/10 vollständig zugrunde gerichtet. Der grausame russische Bezwinger hat in seinem blinden Wahn den Juden gegenüber eine Verfolgungstaktik eingeschlagen, wie sie »Schlemiril« der Held. (Kriegs-Skizze). „Schlemihl". Josef Qruber war eigentlich sein richtiger Name. Doch das ist schon so lange her, irgendwo im Matrikenbuch ist es so verschrieben. Im ganzen Städtchen, ja selbst im Kreise seiner eigenen Familie, hieß er nur „Schlemihl" und er selbst würde sich sehr gewundert haben, wenn seine etwas allzulangen Ohren jemals einen anderen Anruf hören sollten. Den Namen Schlemihl verdiente unser Held sehr ehrlich, wenn er sich auch nicht heranwagen durfte, als ebenbürtiger Kollege des klassischen Schlemihl zu gelten. So arg war es nicht, jedoch schlimm genug, um diesem Namen genügend Ehre zu machen. Schon als Kind war unser Schlemihl von allem Unheile verfolgt. Er ist von keiner der mannigfaltigen Kinderkrankheiten verschont geblieben und wenn jemals im Städtchen eine Seuche oder Epidemie auftrat, wählte sie sich unseren Schlemihl zum ersten Probekaninchen. Etwas herangewachsen, passierte ihm tagtäglich ein anderes Malheur. Fiel irgendwo ein Stein vom Dache, traf es gerade auf Schlemihls Haupt. War irgendwo ein Loch im Straßer.flaster, verstauchte sich Schlemihl den Fuß darin. In der Schule machten ihn die Lehrer und Mitschüler für jeden Spektakel verantwortlich und es nagelten Schläge von allen Seiten. Später, als er mit Ach und Krach die Volksschule absolvierte und in einen Laden als Lehrling eintrat, war er stets die Zielscheibe für den Spott seiner Kollegen und der Sündenbock für alles, was den Zorn seines nervösen Chefs erregte. So erreichte unser Schlemihl sein zwanzigstes Lebensjahr ohne jeden Sonnenschein, ohne jede Freude in seinem armen Dasein, verspottet und ausgelacht von seiner Umgebung, bemitleidet von seinen nächsten Verwandten. Zur Steuer der Wahrheit soll jec'.och hinzugefügt werden, daß er trotz all dem sehr fleißig und arbeitsam war, er besaß trotz aller Schwerfälligkeit einen geraden Verstand, er war sich seiner trostlosen Lage bewußt und sein einziges Streben war, von dieser Umgebung hinauszukommen, irgendwo in die Fremde, wo seine Vergangenheit unbekannt sein würde und wo er wieder seinen ehrlichen Namen Josef Gruber führen könnte. barbarischer nicht gedacht werden kann. Hunderte von gesunden, arbeitsamen und wohlhabenden Männern sind hingemordet worden, viele Tausende wurden fortgeschleppt, um in Jammer und Elend zu verkümmern, während ihre Frauen und Kinder obdach- und mittellos zurückgeblieben, dem Hungertode preisgegeben sind. Hab und Gut der Juden wurde vernichtet, selbst heilige Stätten, wie Tempel und Gottesäcker wurden nicht verschont, Torarollen wurden zerrissen und geschändet. Ganze jüdische Gemeinden sind vom Erdboden vollständig verschwunden, die Arbeit von Jahrzehnten wird schwerlich genügen, um all die Wunden zu heilen, welche der Krieg und ein durch Haß und Verfolgungswut geblendeter Feind den galizischen Juden geschlagen hat. Der Staat wird seinen treuen unglücklichen Bürgern seine Hilfe sicherlich nicht versagen, doch wird dies in Anbetracht der unermeßlichen Not nicht hinreichen. Vor allem ist aber augenblickliche Hilfe vonnöten. Schon die im Zuge befindliche Repatriierung der Flüchtlinge, nicht minder aber auch die Erhaltung derjenigen, denen es unmöglich geworden ist in ihre zerstörte Heimat zurückzukehren und die Unterstützung der verarmten Gemeinden erfordert täglich bedeutende Summen. Ganz außerordentliche Mittel aber wird der Wiederaufbau der vernichteten Existenzen in Anspruch nehmen, Das jüdische Rettungskomitne für Galizien mit seinem Sitz in Lemberg hat bis heute 408.000 Kronen, welche ihm ausschliesslich von der Privatwohltätigkeit der Glaubens-und Stammesgenossen zur Verfügung gestellt worden sind, zur Linderung der Not unter den Juden Galiziens ausgegeben. Nun sind seine Mittel beinahe erschöpft. Dahingegen sieht es sich vor neue Aufgaben gestellt, welche von Tag zu Tag wachsen, zumal durch die Befreiung des ganzen östlichen Teiles von Galizien sein Wirkungskreis sich bedeutend erweitert hat. In Namen der jüdischen Bevölkerung Galiziens erlaubt sich somit das gefertigte Komitee an die weitesten Kreise der gesammten Öffentlichkeit sich mit der dringenden Bitte zu wenden, uns in unserer schweren Arbeit helfend beistehen zu wollen. Eventuelle Beträge sind zu richten an das jüdische Hilfskomitee zu Händen des Vorsitzenden Herrn Kaiserlichen Rats Jakob Stroh, Lemberg, Bernsteina 12 oderan die Redaktion dieses Blattes. Für das jüdische Hilfskomitee in Lemberg: Kais. Rat Jakob Stroh, Obmann, Prof. Sigmund Bromberg, erster Obmannstellvertreter, Leon Wahl, zweiter Obmannstellvertreter, Prof. Dr. Bernhard Hausner, erster Schriftführer, Lazar Goldberg, Zahlmeister, Herman Back, Rabbiner Leib Braude, Dr. Moritz Brendel, k. k. Oberlandesgerichtsrat Emanuel Dresdner, Dr. Karl Einäugler, Rabbiner Dr. Samuel Guttmann, Dr. Cäcilie Klarten, Bernhard Krölik, Religionslehrer Moses Lamm, Dr. Anselm Landau, Dr. Ludwik Landes, kais. Rat Adolf Lindenberger, Redakteur Berl Locker, k. k. Schulrat Prof. Salomon Mandel, Laura Olbert, Kultusrat Simon Orange, Dr. Ada Ohne jegliche Barmittel, gedemütigt und mutlos, konnte er jedoch das Ziel seiner Sehnsucht nicht erreichen. Er mußte weiter als Schlemihl in seiner Vaterstadt bleiben, sich rakern, dulden und schweigen. Ein Hoffnungsstrahl schien ihm, als er im 21-sten Lebensjahre zur Assentierung erscheinen sollte. Er fühlte sich kräftig genug für den Soldatendienst und hoffte, in der Kaserne wiederum Josef Gruber zu heißen und den Schlemihl hinter sich zu lassen. Jedoch als Pechvogel, wie er einer war, wurde er auch diesmal enttäuscht. Die Assentierungskommission qualifizierte ihn als „untauglich" und sein schüchterner Versuch, sich freiwillig zum Militärdienste zu melden, begegnete einer Ablehnung seitens der Kommissionsmitglieder. So geschah es auch beim zweiten und dritten Erscheinen vor der Assentierungskommission und jedesmal, wenn er nach Hause zurückkehrte und die Unglücksbotschaft mitbrachte, wollte es des Hänseins gar kein Ende nehmen: „Na, natürlich, Schlemihl, nicht einmal zum Militärdienste taugst du!". Ein Jahr später wurde Schlemihl ein glücklicher Ehegatte. Eine arme Waise, noch dazu nicht allzusehr hübsch und nicht allzuwenig häßlich, beglückte ihn mit Hand und Herz. Der einzige Segen, den sie in den gemeinsamen Haushalt brachte, waren einige hundert Kronen, die ihr von einem entfernten, kinderlos verstorbenen Verwandten als Erbschaft zufielen. Sonst war sie ein böses, hysterisches Weib, gerade passend für unseren Schlemihl. Mit der Mitgift seiner Frau etablierte sich Schlemihl als selbständiger Kaufmann und öffnete einen Laden. Er war somit von den Roheiten seines Chefs und seiner Kollegen befreit, mußte jedoch dafür umsomehr die Hänseleien gewisser Kunden und besonders die Wutausbrüche seiner Xantippe über sich ergehen lassen. * Der Sommer 1914 kam ins Land und allerlei Kriegsgerüchte schwirrten in der Luft. Schlemihls Wohnort lag nahe der russischen Grenze und je mehr die Kriegsgerüchte sich verdichteten, eine desto größere Panik bemächtigte sich der dortigen Bevölkerung. Und als es schließlich zur Kriegserklärung kam, da packten gar viele ihre armen Habseligkeiten und standen bereit zur Flucht für den Fall, als die gefürchteten Kosakenhorden einbrechen sollten. Reichenstein, Dr. Michat Ringel, Religionslehrer Dawid Rubenzahl, Nathan Schapira, Oswald Schargel, Prof. Leon Schleicher, Ingenieur Ladislaus Schleyen, Kultusrat Dr. Rubin Sokal, Handelskammerrat Architekt Michal Ulam. Rothschild und Romanow. Der russische Finanzminister Bark hat sich auf die Reise nach London begeben. Er hatte kürzlich wie seinerzeit gemeldet, von der Absicht der russischen Regierung, den Juden Freizügigkeit zu gewähren, nach London berichten lassen. Es ist eine Reise mit unterlegtem Demissionsgesuch. Wenn Herr Bark nach Petersburg telegraphieren muß: „Anleihe abgelehnt," wird er telegraphisch die Anwort erhalten: „Abschiedsgesuch angenommen." Und er wird sicherlich sein Bestes tun, um einen solchen Depesche Wechsel zu vermeiden. Es wird ein gewaltiges Ringen werden zwischen Herrn Bark und der englischen Hochfinanz, wie Jakobs mit dem Engel: Ich lasse dich nicht, du segnetest mich denn! Das Oberhaupt der englischen Hochfinanz, der Chef des Londoner Bankhauses Rothschild, ist zugleich der „ungekrönte König" der englischen Juden. Vielleicht, dachte die russische Regierung, läßt sich aus dieser Doppelstellung Nutzen ziehen. Lord Rothschild, sagte sie sich, will als Bankier von russischen Staatspapieren nichts wissen, und man muß zugeben, daß er guten Grund dazu hat. Jeder Bankier wird der russischen Regierung sagen, daß niemand Papiere kauft, um schlecht zu schlafen. Aber wenn der Bankherr Rotschild russische Anleihen verschmäht: könnte man sie nicht dem Juden Rotschild annehmbar machen? Wir wissen nicht — so schreibt die „B. Z. a. M." — was Lord Rothschild von den Zugeständnissen der russischen Regierung hält. Am Ende könnte er der Meinung sein, daß die neue „Freizügigkeit" der russischen Juden nur darin besteht, daß man sie aus ihren hauptsächlichsten alten Wohnsitzen (im Westen) vertrieben hat und gegenwärtig (in Kiew) noch vertreibt. Und wenn man Tausenden und Abertausenden von deutschen Kolonisten Befehl gegeben hat, zu ziehen, und so einen plötzlichen Massenverkauf von Gütern erzwungen hat, so wußte man wohl, um nicht einen Sturz der Güterpreise herbeizuführen, auch Juden als Käufer zulassein. Die -russische Regierung verspricht und verpfändet das Blaue vom Himmel herunter, und man mag ihr, wie jedem Verzweifelnden, glauben, daß sie's in diesem Augenblick ernst meint. Das Geschäft, das der Chef des Kaiserhauses Romanow dem Chef des Bankhauses Rothschild antragen läßt, ist nicht „gesund". Von einem Staat, dem man nicht unbedeckten Kredit geben will, verlangt man ein Pfand. Es ließe sich also z. B. denken, daß Rußland irgendwelche Zolleinnahmen verpfändet, oder es könnte sich einer gewissen Finanz- Unser Schlemihl wollte jedoch von all dem nicht hören. „Ich bleibe hier", erklärte er resolut; ja, er äußerte sogar die Absicht, sich freiwillig in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Als er seine Absicht, in den Krieg zu ziehen, seiner Frau mitteilte, da ging über sein armes Haupt ein furchtbarer Sturm los. „Schlemihl, der du bist" — schrie seine Ehehälfte wütend — „die erste Feindeskugel wird doch dich treffen und du kommst als elender Krüppel heim oder verlierst gar überhaupt dein Leben und ich bleibe eine unglückliche Witwe"! Schlemihl jedoch war diesmal, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, standhaft und beharrte bei seinem Entschluß. Alle Drohungen, Flüche und Bitten seiner Ehegenossin ließen ihn kalt, er meldete sich als Freiwilliger und trat in den Dienst des Vaterlandes, * Der Krieg nahm seinen Verlauf. Das Städtchen, in welchem unser Schlemihl seine 25 Jahre elend und freudenlos verlebte, war wiederholt der Schauplatz heftiger Kämpfe. Einige Mal ist es von wilden Kosakenhorden besetzt und wieder von unseren tapferen Truppen erobert worden. In diesem blutigen Ringen wurde es fast ganz eingeäschert und zerstört. Die Bevölkerung flüchtete und ein Teil derselben traf sich zufällig in einem ungarischen Städtchen zusammen und bildete eine kleine Kolonie, darunter befand sich auch unseres Schlemihls Ehegenossin, vollständig mittellos, da sie in der Eile nicht einmal ihre armen Habseligkeiten retten konnte. Natürlich schieb sie alle Schuld ihrem „Schlemihl" zu, dessen Andenken sie täglich verfluchte. Sie wurde seitens ihrer Leidensgenossen stark bemitleidet, im Stillen aber wurde sie ob ihren Pechs als „Schlemihl Nr. 2" oder als „Schlemihls Erbin" verspottet. Von ihrem Manne erhielt sie durch die ganze Zeit kein Lebenszeichen. Sie veröffentlichte wohl in den Zeitungen in der Liste „Vermißte gesucht" ihre Adresse, erhielt jedoch gar keine Nachricht. Eines schönen Tages — es waren inzwischen ca. 6 Monate seit Kriegsausbruch verflossen — kam jedoch indirekt Nachricht von ihrem Schlemihl. Sie fand seinen Namen in der Verlustliste unter den Leichtverwundeten. Nun ja, — brummte sie — das sieht ihm wohl ähnlich. Im ersten Gefechte erreichte ihn wohl des Feindes Kugel; sie empfand etwas wie Schadenfreude und Mitleid mit ihrem Schlemihl. Mir4mag»###* „<De#* Weltkrieg und die Judenfrago" von J. KreppeL Preis 1 Km as ^M „Östarroioh-Ungarn nach dem Friedensschlüsse** vonj. KreppeL Preis K1-20. t€i*it%n§thw*n§tfihÜt*fin S Zu *•»!•*•» durch Ma Admlniatratlon dar „Jüdlaohan Korraapondt *** "'S»*»*** »»'■ , , , aowla durih alla Buchhandlungan.

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