Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 7 (23.9.1915)
- Date
- 1915-09-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heller. I 1vr < 1 1 j_i p.. ■*» 1 1 j_ Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120 | Wochenblatt für jüdische Interessen. wie„, vm. Aise^e?. Nachdruck mit votler Quellenangabe gestattet, j Redakteur: Jonas Kreppel. j Erscheint jeden Donnerstag Nr. 7. Wien, 23. September 1915. I. Jahrgang. Bei den erlösten Brüdern. | (Stimmungsbild aus Polen.) ■ Gelegentlich einer jüngst unternommenen Geschäftsreise durch die von den k. u. k. Truppen okkupierten Gebiete Polens hatte ich auch Gelegenheit, mit verschiedenen jüdischen Kreisen in Berührung zu treten und auf Grund ihrer Äußerungen bin ich in der Lage, nachstehende Schilderung über die sie beherrschenden Stimmungen zu geben, welche sicherlich für die jüdische Öffentlichkeit von großen Interesse sein dürfte. Zweimal empfanden unsere Brüder in Polen das Gefühl der Erlösung und Befreiung, bevor sie tatsächlich erlöst und befreit wurden. Das erste Mal geschah es, als gleich bei Kriegsbeginn österreichisch-ungarische Truppen bis Kielce links der Weichsel und bis Lublin, Zamosc und Komarow zwischen Weichsel und Bug vorgedrungen waren. Hin zweites Mal I waren die dortigen Juden Zeugen der siegrei- 1 chen österreichisch-ungarischen Offensive im Oktober 1914, welche bis vor die Tore von 1 Iwangorod vordrang. Beide Male begrüßten sie das Erscheinen der österreichisch-ungarischen Truppen mit dem höchsten Enthusiasmus und sagten Lob und Preis dem ewigen Vater im Himmel für die große Gnade, die ihnen durch diese Erlösungstat zuteil ward. Als jedoch beide Male der Rückschlag eintrat und die Russen wiederum die Herren des Landes wurden, da nahmen sie bittere Rache an den Juden für ihre österreichfreundliche Haltung. In vielen. QrtSi^t^aL-Äur,ii£U. im größeren oder kleineren Maßstabe Pogroms veranstaltet und unzählige Juden büßten ihr Leben am Galgen ein. Es ist nur begreiflich, daß diese Schreckensherrschaft die Juden Polens etwas einschüchterte und zu einer gewissen Reserve — wenigstens äußerlich — zwang, als kurz darauf die österreichischungarischen Truppen wiederum bis an die Nida vordringen konnten. Kaum jedoch überzeugten sich die Juden, daß die neue Front der österreichisch-ungarischen Truppen unerschütterlich sei und allen russischen Anstürmen trotzen kann, da wagten sie es wiederum, ihren Gefühlen offen Ausdruck zu geben und ihre freudige Begeisterung bei jeder Gelegenheit zu manifestieren. Als im Mai die große Offensive einsetzte und die Russen nach unzähligen Niederlagen aus Polen gänzlich verjagt wurden, da kannte die Freude der Juden Polens keine Grenzen und sie jubelten überall den vordringenden österreichisch-ungarischen Truppen zu. Freilich, die Russen wußten es, daß ihnen die Juden keine Tränen nachweinen werden und bei ihrem wandalenmäßigen Vernichtungs- und Verwüstungsrückzug haben sie besonders den Juden eine große Aufmerksamkeit zugewendet. Tausende und Abertausende jüdischer Familien aus Polen wurden nach dem Innern des Reiches verschleppt; gar manche jüdische Gemeinde ist fast vollständig verjagt und vertrieben; Tausende und Abertausende Existenzen sind ruiniert und zerstört — die Juden haben ihre Erlösung mit ungeheueren Opfern bezahlt, mit viel größeren, als die anderen Bevölkerungskreise. Sie sind trotzdem froh und glücklich, endlich einmal der russischen Tyrannen los zu sein. Die günstige Situation auf dem Kiegsschauplatze bietet ihnen die Gewähr, daß — mag das endgültige Resultat des Krieges wie immer sein, die russische Herrschaft und Knechtschaft droht ihnen nicht mehr. Polen ist definitiv den russischen Klauen entrissen und die dortigen Juden werden nunmehr freie Bürger sein und ein menschenwürdiges Dasein führen. Bei Beginn des Krieges setzte unter den Juden Polens eine Agitation von russischer Seite ein, welche ihnen den Verlust ihres angeblichen materiellen Wohlstandes nach einer Losreißung Polens vom russischen Reiche in den schrecklichsten Farben malte, da Handel und Industrie das russische Absatzgebiet verlieren werden, und andererseits die Konkurrenz mit den hochentwickelten Industrien Westösterreichs und Deutschlands kaum aufnehmen können dürften. Möge man auch sonst die Juden als ein dem Materialismus ergebenes Volk schildern, hier haben sie gezeigt, wie falsch und grundlos diese Beschuldigung ist. Man kann es ohne Übertreibung sagen: Es hat sich fast kein einziger Jude gefunden, der im Interesse des materiellen Wohlstandes weiterhin unter der russischen Herrschaft zu bleiben wünschte. Befreiung vom russischen jociie galt ihnen als höchstes Ideal, für das kein Opfer zu teuer ist und sie haben die Opfer reichlich gebracht. Allerdings, nach der schrecklichen Verheerung und Verwüstung, mit welcher die Russen ihren Rückzug durchführten, sind die Juden Polens auch in materieller Hinsicht überglücklich, sich unter österreichisch-ungarischer Verwaltung zu befinden. Sie wissen es, daß, würde dieses Land weiterhin bei Kußland verbleiben, dann dürfte es jahrzehntelang keinen Wiederautbau erleben und die Bevölkerung mußte elend zugrunde gehen. Die österreichisch-ungarische Verwaltung hingegen hat schon 111 dieser kurzen Zeit geradezu Uroßartiges geleistet. Mit großer Umsicht und Fürsorge wird das Land verwaltet, nach Möglichkeit werden die Wunden, die der Krieg geschlagen, geheilt und die Schaden ausgebessert. Handel und Wandel leben wieder aut, Eisenbahn-, Post- und 1 elegraphenwesen funktionieren ohne Störung, die Versorgung mit Lebensmitteln und die banitatsverhaitmsse werden mustergiltig geleitet, die Gesarntbevolkerung erfreut sich üer Segnungen einer euiorJäTSctrerr^Vcrw-attung und besonders 3re unter russischer Herrschaft so schwer seufzenden .luden wissen erst recht den Wert der Befreiung und Erlösung zu würdigen. Ines ist in großen Zügen die Stimmung bei unseren erlösten Brüdern, bie begreifen es wohl, daß die österreichisch-ungarische Verwaltung nicht alles mit einem Male radikal ändern könne und daß insbesondere die Bestimmungen der Haager Konvention dazu zwingen, gewisse politische Grundrechte während der Kriegsdauer in Geltung zu belassen; sie wissen es aber auch, daß ihrer die endgiltige Befreiung und Erlösung harrt und sehen der Zukunft vertrauensvoll entgegen. M. G. Zur Frage des Allgemeinen Jüdischen Kongresses. Der noch immer andauernde furchtbare Waffenlärm auf den europäischen Schlachtfeldern darf und soll uns nicht zurückhalten, schon jetzt die politischen Probleme des bevorstehenden Friedenskongresses, soweit sie das Schicksal des jüdischen Volkes betreffen, in Erwägung zu ziehen. Zwar wissen wir heute noch nicht, wann der Kongreß zusammentreten wird. Auch über die Zusammensetzung des Kongresses und dessen Verhalten gegenüber dem jüdischen Problem läßt sich noch heute nichts voraussagen. Ein Punkt jedoch scheint uns schon jetzt festzustehen: Das Problem der unterdrückten Nationalitäten und deren politische Emanzipation wird einen wichtigen Gegenstand der Beratungen und Beschlüsse des Kongresses bilden. Dem bevorstehenden Kongreß ist es vorbehalten, das Schicksal Europas und vielleicht der ganzen Welt für lange Zeit zu bestimmen. Je gründlicher und vollkommener die Lösungen der vor sein Forum tretenden Probleme ausfallen werden, desto dauerhafter wird der Friede sein. Fast alle politischen Gruppen in den verschiedenen Ländern, ebenso alle unterdrückten Nationalitäten rüsten sich, vor dem Forum des Kongresses zu erscheinen. Sollen wir allein, das jüdische Volk, demselben fernbleiben? In diesem schrecklichsten aller Kriege haben wir in der Tat die Rolle eines „auserwählten" Volkes gespielt. Kein anderes Volk hat relativ solche physischen, materiellen und mo- < raiischen Verwüstungen an seinem Volkskörper i erlitten wie das unsrige! Es genügt bloß die i Namen Galizien, Russisch-Polen, Litauen und Kurland aufzuzählen! Der Krieg gestaltete Mch zu einer völligen Katastrophe für den grüßten Teil des Ostjudentums! Unsere Brüder strengen alle Kräfte an, um die Hilfsaktion zu führen. Eine Opferfreudigkeit aller Schichten des Judentums ohne gleichen ist zutage getreten, aber einem ganzen Volke zu helfen ist sie noch immer nicht ausreichend. Nur politische Maßnahmen und soziale Fürsorge großen Stiles, mit ungeheuren Mitteln durchgeführt, können jetzt das jüdische Volk vor buchstäblichem Untergang retten. Aber die partiellen Hilfsaktionen sind nicht imstande, allein das ungeheure Problem der Rettung des jüdischen Volkes zu lösen. Die Existenz und die Ehre des gesamten Judentums steht auf dem Spiel und nur das ganze Judentum der Welt, wenn es sich wie ein Mann ausrafft, ist imstande, hier Hilfe zu schaffen. „Selbsthilfe" muß jetzt mehr denn je unsere Losung sein. Die amerikanischen Juden, als der zweitgrößte leil der .ludeuheit, sind in Bewegung gtiatcn Abei, Icidci muß es ausgesprochen werden, bis jetzt ist noch verhältnismäßig wenig geschehen. Innerhalb des amerikanischen Judentums sind noch große Widerstände zu ubeiwinden, die tiner planvollen, auf bieiter volkstümlicher Grundlage aufgebauten Zusammenfassung aller Kräfte der amerikanischen .luden in Form eines Jüdischen Kongresses in Amerika im Wege stehen. Irotzdem ist noch immer die Hoffnung vohanden, daß die Einigung zustande kommt. Wie die letzten Infor- Tfrattemen ~-anr-*TiWm« '^rfftW^Tgt *ftfr den 4. September eine Konfuen/ sanithchtr judiseher Arbeiterorganisationen geplant, die gemeinsam mit und gleich anderen angesehenen jüdischen Organisationen die 1 rage des Zusammentritts eines \llgemenien Indischen Kongresses beraten wird. Wir europäischen Juden, die wir auf unseren Schultern die ungeheuren Lasten des Krieges tragen, sind außerstande, die vorbereitende Arbeit und Initiative eines Allgemeinen Jüdischen Kongresses auf uns zu nehmen. Nur unsere amerikanischen Brüder sind dazu fähig, als einziger großer, durch den Krieg nicht betroffener Teil unseres Volkes. Wir müssen ihnen nachdrücklich ihre brüderliche Pflicht ins Gewissen rufen und hoffen, daß schließlich alle Hindernisse von ihnen überwunden sein werden. Wir, hier in Europa, müssen den amerikanischen Juden die Arbeit erleichtern, indem wir die Wichtigkeit derselben uns selbst und der jüdischen öffentlichen Meinung Europas in allen Ländern klarlegen, und den Boden für die Schaffung der Allgem. Jüd. Vertretung vorzubereiten. Es ist hier nicht der Ort, in eine Erörterung darüber einzutreten, wie diese Vertretung zu schaffen ist. Sicher ist. daß es an geeigneten Männern nicht fehlen dürfte, die, gestützt auf die freundschaftlichen Beziehungen zu den verschiedenen Regierungen und auf die Autorität innerhalb des jüdischen Volkes, imstande sein werden, bei taktvoller und energischer Vorarbeit das Problem glücklich zu lösen, die Forderungen und Rechte der Juden vor dem internationalen Forum wahrzunehmen. In diesem schrecklichen Moment unserer Geschichte, wo eine Katastrophe von ungeheurer Dimension die Existenz unseres Volkes 7.11 vernichten droht, müssen alle wie em Mann zur Verteidigung unseres bedrohten Volkstums anstehen .,1 >ie Folge einer Sunde ist w u d--r 1 Sunde*. Die Katastrophe eines großen 1 eiies unseres Volkes darf keinen anderen i eil, irsnesondere den ruhigen, unberührt lassen. Line solche L nterldssung wurde siJi sdiver m Inn und wir müssen mit allen Mitteln die öffentliche Meinung des Judentums über die Dringlichkeit des Zusammenschlusses autklaren. Denn wir dunen uns nicht der Täuschung hingeben und unser Gewissen mit dieser falschen Hoffnung einlullen, daß insbesondere unsere russischen Volksgenossen seitens der Regierung ausreichend entschädigt werden. Es ist und bleibt die Aufgabe unseres Volkes allein, aus eigener Kraft das Massenelend zu lindern.