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Jüdische Korrespondenz · 1915-09-16 · 6 (16.9.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
6 (16.9.1915)
Date
1915-09-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 6 Jüdische Korrespondenz Seite 3 eingehenden Besichtigung unterzogen. Am Haupteingange wurde der Statthalter von den Lagerrabbinern Qotdberg und Brill mit der Thora empfangen. Längs des Weges, der vom Tore bis zur Synagoge führt, war ein Spalier von Flüchtlingskindern aufgestellt; aus diesem Spalier trat ein Knabe, Schüler der dritten Gymnasialklasse, namens Fruchter, hervor und hielt an den Statthalter eine Ansprache, worin er den Dank der Kinder für die ihnen zuteil gewordene Fürsorge zum Ausdrucke brachte. Unter begeisterten Hochrufen der gesamten Lagerbevölkerung trat hierauf der Statthalter den Rundgang an. An der Eingangstür der Synagoge begrüßte ihn im Namen der israelitischen Flüchtlinge der Kaufmann Jakob Herzmann mit Worten tiefempfundenen Dankes für die Errichtung des stilvollen Gotteshauses und für die außerordentliche Fürsorge, die die Behörden den galizischen Flüchtlingen in diesem Lager angedeihen lassen. In der Synagoge hatte sich ein großer Teil der israelitischen Lagerbevölkerung eingefunden. Der Statthalter und üemahlin begaben sich an an die für die Lagerfunktionäre reservierten Plätze und wohnten einer vom Kantor Ungar veranstalteten religiösen Feier bei, während welcher Davids Lobgesang aus dem 21. Psalm gesungen wurde. Sodann wurde eine Wohnbaracke besichtigt und das Schulgebäude mit dem darin befindlichen Kindergarten, den Beschäftigungskursen und Schülerklassen einer eingehenden Besichtigung unterzogen. Im Kindergarten sangen die Kleinen die Volkshymne, und in jeder Schülerklasse wurde entweder ein Chorgesang oder von einem einzelnen Schüler die Rezitation eines Gedichtes zum Vortrag gebracht. Die Gemahlin des Statthalters sprach in liebevoller Weise mit den Kleinen und verteilte persönlich Geschenke an die Jugend. Dem Schulleiter Herrn Israel Tauber und der Leiterin des Kindergartens Frau Rosa Frankel dankte der Statthalter herzlich für ihr zielbewußtes, erfolgreiches Wirken. Auch im Spital verweilte der Landeschef längere Zeit und konstatierte daselbst mit großer Befriedigung die geradezu mustergültige Führung des ärztlichen und Pflegedienstes. Er sprach mit allen Kranken — es sind fast durchwegs nur leichtere Fälle derzeit in Behandlung — und äußerte dem leitenden Spitalsarzte Dr. Halpern gegenüber seine volle Anerkennung über dessen sehr verdienstvolle Tätigkeit. Nun betraten die Gäste das sogenannte „alte Lager", in welchem die Zentralküchen untergebracht sind. In beiden Küchen, von denen die eine zur Bereitung der rituellen Kost für die Israeliten, die andere für die südländische Lagerbevölkerung bestimmt ist, wurde dem Statthalter das eben fertiggestellte Mittagessen gezeigt. Baronin Bienerth kostete von allen zubereiteten Speisen und äußerte ihre Zufriedenheit sowohl über den Geschmack der Gerichte, wie auch über die peinliche Reinlichkeit, die in den Küchen angenehm auffiel. Schließlich wurde die eben stattfindende Speisenverteilung längere Zeit hindurch beobachtet; hiebei konnte der Statthalter die Wahrnehmung machen, daß die Portionen reichlich bemessen werden. Nach der Besichtigung der Material- und Lebensmittelmagazine verließen Baron und Baronin Bienerth, von der Lagerbevölkerung herzlichst akklamiert, die Flüchtlingsstadt. Heuschreckenschwärme in Palästina. Zu den Heimsuchungen des Krieges ist in Palästina jetzt auch noch die Heuschreckenplage getreten, und zwar in einem Umfang, wie nie mehr seit dem Jahre 1865. Es scheint, daß seit Mitte April die Heuschrecken in fünf Wanderzügen während vier Wochen über Palästina dahinflogen. In schier endlosen Zügen kamen sie und nährten sich von den vorhandenen Gewächsen. Daß die Saaten überall so schön standen, wie seit Jahren nicht mehr, kam ihnen sehr zustatten. Zwar im Jordantal mit seinen wogenden Getreidefeldern, die schon Mitte April geerntet werden, ließen sie sich nicht nieder. In dem engen Wald von Halmen konnten sie ihre Flügel nicht ausbreiten, um aufzufliegen. Das hat der Jordanebene ihre reiche Ernte gerettet. Auch auf dem Gebirge juda bei Jerusalem haben sie merkwürdigerweise nicht so viel Schaden angerichtet. Man griff dort zu allen nur denkbaren Maßregeln, um den drohenden Feind zu vertreiben. Mit Blechkisten, auf denen getrommelt wurde, mit Trompeten und allerlei Lärminstrumenten, selbst mit Flinten wurde ein solcher Höllenspektakel aufgeführt, dazu auch stark qualmende Feuer angezündet, daß die Heuschrecken tatsächlich größtenteils die Lust verloren, sich niederzulassen. Auch trieb sie ein starker Ostwind vorwärts. Die meisten flogen in dichten Schwärmen hoch über Häuser und Gärten hinweg nach Westen. In der Höhe sahen sie aus wie Schneeflocken, in der Ferne wie weit ausgedehnte Wolkengeschwader, deren Schatten sich wie ein dunkler Schleier über das Erdreich bewegte. Ober Jerusalem selber schwebten sie jedesmal nur etwa zwei Stunden und flogen dann weiter. Die letzten über die Stadt hinziehenden Schwärme hatten Gäste unter sich: Tausende von Störchen, die im Jordantal Uberwintert hatten und nun in ihre Sommerfrische nach Europa zogen. Die langbeinigen Gesellen flogen wie Riesen unter den Milliarden von kleinen Heuschrecken hoch oben in den Lüften. Um so schlimmer haben die Heuschrecken in der Ebene am Mittelmeer gehaust. Die Orangenbäume kamen noch gnädig weg. Schon mehr wurden die Zitronenbäume abgenagt; doch war auch hier der Schaden nicht bedeutend. Dagegen wurden die niedrigen Gewächse arg mitgenommen. Die Gerstensaaten wurden fast ganz weggefressen. Böse sieht es in den Rebengärten und bei den Futterpflanzen aus. Namentlich die zarten Wicken, deren weite Felder in prächtigem Grün prangten, schmeckten ihnen so gut, daß sie bis zum letzten Blatt auffraßen. Die Kohlkrautgewächse waren ebenfalls im Nu verschwunden. Die Weinstöcke wurden nackt abgefressen. Die Stauden der Kartoffelfelder waren wie weggefegt. Kein Blatt, kein Stengel war mehr zu sehen! Die türkische Regierung, unterstützt von dem organisatorischen Geschick der dortigen deutschen Offiziere, ergriff die wirksamsten Maßregeln, um der Gefahr zu begegnen, die durch das Auskriechen der jungen Brut auch nach Abzug der Heuschreckenschwärme das Land an den Rand einer furchtbaren Hungersnot zu bringen droht. Ein Regierungserlaß bestimmte daher, daß jeder männliche Einwohner Jerusalems zwischen fünfzehn und sechzig Jahren, Europäer miteingeschlossen, innerhalb sechs Tagen fünf bis zehn Kilo Heuschreckeneier abliefern oder aber fünfundzwanzig Franken an die Regierung zahlen müsse. Das macht auf zwanzigtausend männliche Einwohner dieses Alters schon allein in der Stadt Jerusalem hundert- bis zwei hunderttausend Kilo Heuschreckeneier. Die Brut muß vertilgt werden, bevor sie ausgeschlüpft ist. Sie ist ja viel gefährlicher als das hergeflogene Geschmeiß selber. So sammelte denn Groß und Klein von früh bis spät. An den Löchern im Sand sah man leicht, wo die Eier hingelegt waren. Es waren jedesmal sechzig bis siebzig Eier zu einer Walze zusammengeklebt drei bis vier Zentimeter lang und sechs bis acht Millimeter breit. Einzelne- Feitier mit Etertenut, wurden auch umgepflügt. Wenn nämlich die Eier um Luft und Sonne kommen, so vertrocknen sie und gehen zugrunde. Die Hoffnung auf Vertilgung des Feindes stieg, als anfangs Mai das Thermometer in Palästina bis aui fünf Grad fiel, also eine für diese Jahreszeit unerhört niedrige Temparatur eintrat. Denn alle menschliche Macht gegenüber diesem kleinem, aber durch seine Zahl furchtbaren Feind ist sehr relativ. Aber ein kalter Westwind , mit Regen oder Tau kann die ganze Heuschreckenarmee, so unermeßlich groß sie auch sei, über Nacht bis auf den letzten Streiter vernichten, so daß nur noch ihre zahllosen Leichnahme bezeugen, wer das arme Land so schrecklich verwüstet hat. So erging es im Jahre 1865. Starke Westwinde bliesen die Heuschrecken über Nacht über die Wüste Juda nach dem Toten Meer und in die östliche Wüste. Ähnlich äußert sich der Prophet Joel (2, 20), und auch in Ägypten, bei den zehn Plagen Pharaos, kamen die Heuschrecken nach den Berichten des Zweiten Buches Mose mit einem starken Ostwind ins Land und wurden durch einen Westwind wieder ins Rote Meer hinüber getrieben. Es scheint, daß dieses Jahr weder die Hilfe der Witterung noch die Bemühungen der Menschen ausreichten. Denn ein Bericht von Anfang Juni gibt Kunde von erneutem Überhandnehmen der Heuschreckenplage. Es werden wohl neue Schwärme eingetroffen sein. Außerdem sind die kleinen Heuschrecken, die anfangs nur die Größe von Fliegen haben, ausgekrochen. Damit aber droht eine schwere Hungersnot. Denn wenn es nicht gelingt, die Getreideernte einzuheimsen, bevor die junge Brut zu fressen anfängt, wo soll dann das nötige Brot herkommen in einem Land, das keine Einfuhr mehr hat? Ein Jüdisches Kriegsdrama. Im Budapester Ungarischen Theater gelangt gegenwärtig zur Aufführung ein jüdisches Kriegsdrama unter dein Titel „Lea Lyon" von Alexander Brody, welches in ergreifender Weise die Greueltaten der Kosakenhorden in Galizien schildert. Der Inhalt desselben ist in Kürze folgender: Es ist Freitagabend im Hause des Rabbi Lyon, und alle Sabbatlichter der Literatur, die Oper miteingerechnet, verblassen vor dem zitternden Glanz, mit dem hier die Kerzen den immer näher kommenden Kosaken entgegenbrennen. Mit den Russen kommt der zwanzigjährige Großfürst Konstantin ins Haus des Rabbiners, entdeckt und begehrt dessen siebzehnjährige Tochter Lea, die den Fremden, Unreinen, haßerfüllt, ein wenig erschrocken und dabei doch mit rangenhaft sorgloser Ungezogenheit abweist Der junge Großfürst verfällt vom geschäftsmäßigen Fordern erst in überschwängHche Schmeichelei, dann in weltmännische Ironie, findet »ich mit diesen hochmütig abgeschlossenen, durchaus unnahbaren und rettungslos feindseligen Menschen nicht zurecht und schrickt doch vor Gewaltmaßregeln zurück, weil er im Grunde ein romantischer, guter Junge von zwanzig Jahren ist und weit lieber ein buntes Abenteuer a s brutale Befriedigung finden möchte. Am Ende des ersten Aktes schlaft er Uber einer Flasche schweren Weines und der langen Erzählung vom Lämmlein aus der Hagada ein, die Lea ihm mit schulmädclienhafter Monotonie vorsingt. Nach wenigen Stunden wachen die drei Menschen auf und der Kampf zwischen ihnen muß beginnen. Der Fürst verliert die Geduld, setzt eine Frist aus: wenn Lea ihm bis dahin nicht gehört, läßt er das Dorf in Brand stecken. Der Rabbi ist unbeugsam. Lieber sollen alle zugrunde gehen, lieber stirbt er mit Lea zusammen den Märtyrertod. Da bricht aus Lea zum erstenmal ihr Eigenleben hervor. Sie will nicht sterben, bevor sie gelebt bat. sie will lieber den anderen Preis bezahlen; der Tod ist 'ihr weit schreklicher als der junge blonde Mann, der sie so heiß begehrt. Entsetzt, in einem furchtbaren Wutanfall vei flucht der Rabbi die Abtrünnige. Er hat keine 'lochte' mehr, er geht, die Totengebete für sie sprechen, Lea bleibt allein, müde, zerschlagen. I nd noch einmal versucht der Großfürst, das Mädchen seeiUch /.u gewinnen, das er sich ja doch nehmen wird. Musik ertönt vor dem Fenster. Blumen werden gebracht und Brillanten die „weise Frau" kommt und klärt Lea in einer S/ene von gewagter, aber unwiderstehlicher Anmut über die Bestimmung des Weibes auf. Als der Großfürst komm'., mit einer echten, unbewußten Zärtlichkeit, findet er Lea ruhiger, aber bebend vor dem Unbekannten und zerbrochen von den Aufregungen der Nacht. Und als sie um einen einzigen Tag Aufschub bittet, gewährt er ihn mitleidig und ritterlich und geht. Im dritten Akt ist es Morgen geworden. Die Juden haben erfahren, daß heimische Truppen in großer Stärke heranrücken. Heimliche Freude bemächtigt sich ihrer, nur der Rabbi gedenkt seiner „toten" Tochter. Der Großfürst kommt, jung, liebenswert und strahlend im Bewußtsein, sich gut benommen zu haben. Seine Leute, die ebenfalls wissen, daß feindliche Truppen in Ubermacht nahen, beschwören ihn, den Befehl zum Rückzug zu geben. Er gibt ihn, er selbst jedoch bleibt. Sein unerfüllter Liebeswunsch läßt ihn nicht fort. In Lea ist eine seltsame bleiche Liebe zu dem Fremdling erwacht; auch sie bittet ihn, sich zu retten. Er will nicht. Und da, als er nicht mehr der unumschränkte Herr, als er ein von Jägern umstel tes armes Wild ist, wird sie freiwillig die Seine. Nach diesem höchsten Glück erschießt er sich, um nicht gefangen genommen zu werden. Als der Rabat ihn findet, glaubt er mit biblischer Selbstverständlichkeit, Lea habe den Verhaßten getötet. Aufs furchtbarste von ihrem gotteslästerlichen Schmerz erschüttert, und dem Geständnis, sie hätte dem Feinde angehört, nicht aus Zwang, sondern aus Liebi, ersticht er das Mädchen. Das Drama macht auf auf das Publikum einen tiefergreifenden Eindruck. Die Woche. Die russischen Greueltaten gegen die Juden. Sonntag den 22. August trafen 427 Juden in Lemberg ein, die noch im März unter der Beschuldigung der Spionage zugunsten Österreichs aus ihrer Heimatsgemeinde Tlumacz verschleppt und in Fußmärschen nach Zloczow getrieben worden waren. Die Lage der Bedauernswerten, unter denen sich Greise im Alter von achtzig und Kinder von acht Jahren aufwärts befanden, darunter Arbeiter, Kaufleute, Advokaten und Lehrer, war mehr als traurig. Ihre weiblichen Familienangehörigen hatten zurückbleiben müssen, um den Russen zu dienen. Die Vertriebenen fristeten ihr Dasein aus den milden Gaben der Zloczower Bevölkerung. Später stand ihnen das Hilfskomitee in Lemberg hilfreich zur Seite, indem es die armen Leute auf die umliegenden Ortschaften verteilte, überall Volksküchen und Teeanstalten gründete und ihnen auch Barmittel zukommen ließ. Nach der Befreiung von Lemberg durch die Unsrigen versiegte auch diese Hilfsquelle und die Lage der Vertriebenen gestaltete sich von Tag zu Tag trostloser, zumal die durch Hunger und Entbehrungen verursachten Leiden durch grausame Nachstellungen der russischen Machthaber gesteigert wurden. Uber Verwendung des Bürgermeisters von Zloczow beschlossen nun die Russen, denen die armen Leute unter den obwaltenden Umständen zur Last waren, diese über die Feuerlinie zu schaffen. Sie wurden von der Ortschaft Gologory mit verbundenen Augen zu den Stellungen der österreichisch-ungarischen Truppen getrieben. Hier wurden sie nach Feststellung des Sachverhaltes seitens unseres Truppenkommandos nach Lemberg dirigiert. Dort verblieben sie durch mehrere Tage in einer Militärbaracke, erhielten über Anordnung des Etappenkommandanten rituelle Verpflegung und sollen, bis die strategische Lage dies gestattet, in ihre Heimat zurückbefördert werden. Vorläufig hat sich das jüdische Hilfskomitee in Lemberg der Opfer russischer Barbarei, die zumeist weder Kleider noch Wäsche besitzen, tatkräftig angenommen. Auch die Bewohner anderer Gegenden wurdet: in der gleichen Weise von den Russen behandelt. Ein Vorschlag zur »Lösung« der Jüdischen Frage. „Kijewskaja Mysl" v. 28. August zitiert eine Auslassung des Organes der „unabhängigen Pogromleute", „Groza", in welcher vorgeschlagen wird, alle Juden von ganz Rußland in die von den deutschen und österreichisch-ungarischen Truppen besetzten oder zu besetzenden Gebiete zusammenzutreiben und ihnen dann

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