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Jüdische Korrespondenz · 1915-09-16 · 6 (16.9.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
6 (16.9.1915)
Date
1915-09-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 6 Stellungnahme zu diesem Problem bedeuten, erlauben wir uns hieran die Bemerkung zu knüpfen, daß diese Frage im Wege von Zeitungsartikeln nicht gelost werden kann. Die rührenden jüdischen und polnischen Kreise mögen sich endhcii einmal in entsprechender Form verständigen und ein modus vivendi betreffend ein ertragliches Zusammenleben und Zusammenwirken beider Volksgruppen schaffen. England und die Juden. Einst war es der größte Stolz des englischen Volkes, daß sein Land in der ganzen Welt als der Hort der Freiheit, als Zuflucht der Unterdrückten und Verfolgten galt. Und heute? Heute ist England der Verbündete Rußlands, in dem die Pogrome gewissermaßen eine Staatseinrichtung darstellen. Aus Anlaß der Kischinewer Greuel und der weiteren Judenpogrome früherer Jahre hatte gerade die englische Presse die schärfsten Worte der Verurteilung über die Schandtaten der blutgierigen Schergen des Zarismus gefunden, und in ganz England fanden Eiitrüstiingskundgebungeri gegen die barbarischen Judenmetzeleien statt. Heute schweigt die englische Regierung, sie bietet ihren Einfluß nicht auf, um den Bundesgenossen von den Greueltaten gegen die Juden abzuhalten, heute schweigt die englische Presse über die unerhörten und himmelschreienden Mißhandlungen, die man der armen jüdischen Bevölkerung in Rußland seit Beginn des jetzigen Weltkrieges hat zuteil werden lassen. Die Leser der englischen Blätter erfuhren nichts darüber, daß, obwohl die in Rußland lebenden Juden mehr als 4(10.0(10 Streiter für den Zarismus in das Feld stellen mußten, man deren Angehörige aufs grausamste verfolgt, ja daß man selbst verwundeten jüdischen Soldaten den Aufenthalt in russischen Städten verboten hat. Und dabei konnten diese Armen in ihre Heimat nicht zurückkehren, weil sie von den Truppen der Zentralmächte besetzt war. In England wurde nichts darüber bekannt, daß Hunderte von armen Juden in Rußland unschuldig ohne Untersuchung und Urteil hingerichtet wurden auf den bloßen Verdacht hin, daß sie Verräterei im Interesse des Feindes getrieben hätten. Noch heute kann sich die englische Presse ütjer die angeblick von den deutschen ..Truppen in Belgien verübten Greueltaten nicht beruhigen, obwohl doch. feststeht, daß es sich hier durchweg um Lügen und Verleumdungen handelt. Sie sagt aber nichts über die brutalen Roheiten, die die Kosaken und die übrigen Soldaten des Zaren an jüdischen Staatsangehörigen Rußlands begangen haben, obwohl ihr doch bekannt ist, daß der Sprecher der Juden in der russischen Reichsduma diese Schandtaten öffentlich gebrandmarkt und sich bereit erklärt hat, die Beweise dafür in nichtöffentlicher Sitzung zu erbringen. Um so bemerkenswerter ist es unter diesen Verhältnissen, daß der Londoner Oberrabbiner Dr. Hertz bei einem Bittgottesdienste, der am 4. August in der Londoner großen Synagoge abgehalten wurde, öffentlich Feuilleton. Die Osljuden in Prag. Von Max Brod. I. Mit den Sehenswürdigkeiten und Eigentümlichkeiten einer Stadt geht es wie mit den Badeorten. Die vornehmen berühmten Reiseziele enttäuschen oft. Kehrt aber einer von seiner Sommerreise heim und hat die Zeit in einem von ihm „entdeckten", noch nicht mondänen, stillen Winke! verbracht, dann spricht aus seiner Begeisterung meist auch ein echtes Erleben und Dankbarkeitsgefühl. — Genau so geht es auch daheim. Die offiziellen Veranstaltungen bieten meist nur das, was sie versprechen, und oft nicht einmal das. Dringt man. aber einmal tiefer ein, gibt man sich die Mühe, einem versteckten, sozusagen reklamelosen Dasein auf die Spur zu kommen: so kann es geschehen, daß man auf unerwartete Freuden stößt und von geheimer Schönheit, Echtheit ergriffen wird. Man glaube nicht, die Ostjuden zu kennen, weil man so viel in den Gassen des Zentrums herumgehen sieht. (Nebenbei bemerkt: Unbeschäftigte Menschen ziehen sich immer gegen das Zentrum der Stadt hin. Es scheint ein Naturgesetz zu sein. So ist es auf den Pariser Boulevards, so in Berlin. Was sollen die polnischen Juden, so weit sie nichts zu tun haben, anderes machen! Man tut Unrecht, ihnen das zu verübeln, was in ihrer Lage das Natürlichste ist.) — Immerhin: auf der Gasse wird man sie nicht kennen lernen. Man muß sie schon zu sich einladen oder ihnen als Gast in ihre Konventikel folgen. Eine versteckte Eigentümlichkeit des heutigen Prag sind sie, obwohl sie scheinbar überall an der Oberfläche zu sehen sind. Wie vieles, wie vielerlei habe ich schon unter ihnen erlebt! Wie viel Belehrung, wie viel Eindrücke schrecklichster und freundlichster Art habe ich ihnen zu verdanken. Unaufdringlich, oft allzu demütig umgibt einen der uralte Kulturkreis dieser Leute. Und oft ist es gerade nur etwas Angelerntes, Äußerliches, Fremdes, was sie mit hysterischer Nervosität vorführen, so daß der Ruf der Aufdringlichkeit sich ihnen anheftet. Das Große und Wahrhafte ihrer Oberlieferung drängen sie niemandem auf. allzu tief und heilig sitzt es in ihren Herzen. Sucht man gerade diesen innersten Kern auf, so wird man nur auf die gegen die armen Juden in Rußland verübten Greuel hingewiesen hat. Nach den Berichten Londoner Blätter führte der Redner u. a. Folgendes aus: „Millionen unserer Brüder im östlichen Kriegsgebiet werden von den Wogen berechneter Unmenschlichkeit hin- und hergeschleudert. Hier tritt uns ein zweckloses, unbarmherziges Martertum entgegen, das kundzutun fast als Verbrechen gilt. Da die Feinde der Juden mit dem alten Vorwurf der Feigheit nichts mehr ausrichten können, beschuldigen sie eine ganze jüdische Bevölkerung des Verrats. Die hohe Mahnung zur Duldsamkeit und Brüderlichkeit, die am letzten Sonntag in der Reichsduma laut wurde, beweist, daß alle guten und rechtlichen Männer diesen Angriff auf die Ehre der Juden verwerfen. Unsere Brüder in Rußland wie anderswo werden ihre Standhaftigkeit beweisen; sie werden fortfahren, ihr Vaterland zu lieben und zu ehren und bereitwillig, freudig ihr Leben opfern, um es lebenswert und ehrenwert zu machen." Die Engländer, die das lasen, konnten sich keinen rechten Vers daraus machen, da ihnen ja ihre Presse die Tatsachen unterschlagen hatte, auf die sich die angeführten Auslassungen beziehen, dagegen hat man in den Kreisen der in England lebenden Juden den Sinn und die Bedeutung der Worte wohl verstanden, da diesen ja die gegen ihre Glaubensgenossen in Rußland verübten Greuel zur Genüge auf anderem Wege als durch die englische Presse bekannt geworden ist. Die englische Presse aber bringt es jetzt sogar fertig, nach berühmten russischen Mustern, die in Rußland und in der Türkei lebenden Juden zu Verrätern zu stempeln. So schreibt die „Morning Post": „Die englischen Juden sind gute Patrioten, aber die Libauer — die haben angefangen deutsch zu reden in dem Momente, als sie auf dem Meere die ersten deutschen Schiffsschornsteine sahen." Und in der „Times" war vor kurzem zu lesen: „Die Türken hätten den Schritt zum Kriege nie unternommen, wenn in Konstantinopel die Herren der Situation Muselmänner wären; der Sultan und seine Familie das sind wohl reine Türken und diese wollen keinen Krieg. Verantwortlich für den von der Türkei begangenen Wabnsinnsakt sind Ysrbrecher, Mitglieder, des Komitees für Einheit und Fortschritt, das heißt in der Hauptsache Juden und Atheisten, die von den Deutschen gekauft wurden, um ihr Vaterland zu verraten." Die englische Presse setzt, wie es scheint, jetzt ihren Ehrgeiz darein, die Presse ihrer russischen Verbündeten, in Lügen und Verleumdungen hinsichtlich der Juden womöglich noch zu übertreffen. Die DenRschrifi der österreichischen Regierung. Unter dem Titel „Denkschrift über die von der k. k. Regierung aus Anlaß des Krieges getroffenen Maßnahmen" hat die österreichische langsam vorwärtskommen. Dann aber steht man bezaubert in einer geisterhaft milden, zarten und dabei wie kraftvollen Tempelwelt. II. Beginnen wir bei den Kleinsten! Eine stille Gasse in Karolinenthal, in die nur manchmal ein vorbeisausender Eisenbahnzug vom Abhang des Zizkaberges sekundenweise seinen Lärm herabbläst. Hin unscheinbares Allerweltshaus. Hier gibt es aber eine seltsame Mietpartei: den der „Klub jüdischer Frauen und Mädchen" unter werktätiger Mitwirkung der vornehmsten Prager Gesellschaftskreise eingerichtet hat. Käme eine der Damen, die so großherzig Geldmittel und Materialien zur Verfügung stellen, auch einmal in eigener Person und schaute sich ihr himmlisches Werk an, wie es von einigen tüchtigen Mädchen, Pragerinnen und Ostjüdinnen, freudig, hingebungsvoll, ja mit mütterlicher Lust verwaltet wird: ich glaube, die wohltätige Dame würde manches reglementsmäßige Vergnügen opfern, um diesen schönen Besuch nur recht oft wiederholen zu können. Man glaubt in eine lebendig gewordene Puppenstube einzutreten. Miniatursesselchen stehen um Miniaturtischchen. Und nur die Kakaotöpfchen auf den Tischchen haben erfreulicherweise die natürliche Größe. Das ist aber auch sehr nötig, denn die kleinen Gäste, die hier beinahe den ganzen Tag zubringen, entwickeln einen gesegneten Appetit — Erstaunlich ist die Selbständigkeit und Reife der Kinder, die doch noch tief unter dem schulpflichtigen Alter sind. Man erzählt mir, daß einzelne Dreijährige auf ihrem Schulweg ganz allein, unbegleitet halb Prag zu durchqueren haben und sich nie dabei verirren, stets pünktlich ankommen. Auch wissen sie sehr genau die Gebäude anzugeben, nach denen sie sich bei ihrem Marsch richten. — Ist es nicht, als ob die Natur den kleinen Bübchen und Mädelchen, auf die ja ein außergewöhnlich harter Lebenskampf lauert, von vornherein besondere Kräfte der Energie und des Scharfsinns mitgegeben hätte? Manches Rätsel der östlichen Volksseele löst sich, wenn man es schon an der kindlichen Seele zu studieren beginnt. Doch hier im Kinderhort gibt es keinen Kampf, nur Fröhlichkeit und Spiel. Wie wohl fühlen sich die kleinen Menschlein, wie liebevoll hängen sie an den guten Lehrerinnen. Ungeniert sagen sie (c'enn es ist ein kleines Schulfest, zu dem ich gekommen bin) ihre Sprüchlein auf, im Chor klingt kräftig das »Gott erhalte". Auch eine kleine Primadonna von zwei Jahren gibt es hier, die ihr Solo vorträgt: »Kommt ein Vogerl geflogen". Vor einigen Regierung ein umfangreiches, 371 Quartseiten umfassendes Buch im Verlage der k. k. Hof- und Staatsdruckerei erscheinen lassen, welches in einer übersichtlichen, klaren Weise eine Art Tätigkeitsbericht der Regierung für das erste Kriegsjahri umfaßt und ebenso belehrend wie interessant ist. Der Ministerpräsident Graf Stürgkh hat die Denkschrift mit einem kurzen Vorworte eingeleitet, welches in nachstehenden wiedergegeben sei: „Der Weltkrieg mit seinem Risse in den normalen Gang des Volks- und Staatslebens, hat die Regierung auf allen Gebieten der Rechts¬ und Wirtschaftsordnung vor ungeahnte, neue Probleme gestellt. Wohl kein Zweig staatlicher Verwaltung und fast kein Feld freier privater Betätigung ist zu nennen, in die der Krieg nicht eingegriffen hätte. So zahlreich, so vielfältig und tiefgreifend, wie diese Änderungen, mußten auch die Verfügungen der Regierung sein, um Recht und Wirtschaft den unerbittlichen Erfordernissen der Zeit anzupassen. Ein Jahr ist nuii abgelaufen, da sich Rechts- und Wirtschaftsleben in den durch den Kriegszustand gewiesenen neuen Bahnen bewegen. Bei der tiefgehenden Bedeutung und dem großen Interesse, welches die neue Ordnung für den Einzelnen wie für die Gesamtheit hat, konnte der Wunsch nach übersichtlicher Zusamenfassung der getroffenen Verfügungen und Maßnahmen nicht als unbegründet erachtet werden. Aus dieser Erwägung hat die Regierung die Herausgabe der Denkschrift beschlossen, die sie hiermit der Öffentlichkeit übergibt." Die Denkschrift enthält acht Abteilungen: 1. Volksernährung und Landwirtschaft. 2. Handel, Industrie, Gewerbe, Bergbau. 3. Eisenbahnen, Schiffahrt, Post und Telegraph. 4. Kredit und allgemeine Finanzverwaltung. 5. Rechtspflege. 6. Unterricht. 7. Allgemeine Fürsorgemaßnahmen. 8. Sicherheitspolizei. Zum Schlüsse kommen nech 20 Anlagen, Tabellen und Diogramme. Die Denkschrift umfaßt somit das gesamte öffentliche Leben und bildet eine der wichtigsten Schriften der gegenwärtigen Kriegsliteratur, welche nicht nur für den Berufspolitiker und Fachmann, sondern auch für Jeden, der sich mit dem öffentlichen Leben interessiert, ein überaus wichtiges Hand- und Nachschlagebuch ist. Es ist zwar sonst nicht üblich, daß Regierungen derartige Rechenschaftsberichte der Öffentlichkeit vorlegen, aber gerade deswegen verdient diese Berücksichtigung der öffentlichen Meinung seitens der österreichischen Regierung die vollste Anerkennung. Inspizierung des Flüchtlingslagers in Bruck an der Leüha durch den Stafih&ller. Das in der Gemeinde Bruck an der Leitha für israelitische Flüchtlinge errichtete Barakkenlager wurde am vergangenen Freitag durch den Statthalter Baron Bienerth einer Monaten sprachen die Kinder kein Wort deutsch, sie haben es überraschend schnell erlernt. Und außerdem singen sie auch in hebräischer und jüdischer Sprache mit jenem Elan, den nur das Verständnis der Sprachen gibt. Wahrlich, diese drei- oder gar viersprachigen Kinderköpflein verdienen schon einige Bewunderung. Endlich bleibt ein kleines Mäderl im Aufsagen stecken. Es wäre ja auch beinahe zu gut, unwahrscheinlich gut gegangen. Es wird gelernt, es wird Gartenarbeit getrieben, es wird gespielt. Es wird auch gewaschen, gekämmt und fleißig gebadet. Eine mächtige, funkelnagelneue Badewanne vermittelt die Segnungen der westlichen Kultur. Charakteristisch ist das Benehmen der Eltern. Die meisten sind verständnisvoll, innig dankbar. — Kam da aber auch einmal eine Mutter und fragte, was ihr dreijähriges Söhnchen eigentlich lernen werde. „Nun, er wird spielen lernen", erwiderte die Vorsteherin. „Spielen? Das kann er doch schon von selbst. Er soll lernen lesen, schreiben, Religion''. Und brachte das Kind eilig in den »Cheder", die galizische Form der Elementarschule. — Ich gestehe, die Antwort dieser Mutter kommt mir durchaus nicht klein und lächerlich vor. Sie repräsentiert deutlich das eine Extrem der Erziehung, die radikale Geistigkeit, die den Körper rücksichtslos unterwirft Wir im Westen steuern (nach englischem Muster) einer Erziehung, ja einer Lebensführung des andern, rein materiellen Extrems zu. Vor lauter Hygiene, Sport und Schießübung wird die unsterbliche Seele etwas an die Wand gedrückt. „Man muß seine Bibliothek verkleinern und sein Badezimmer vergrößern", erklärte mir einmal ein Bekannter im Bewußtsein, die aktuellste überlegenste Weisheit vorgebracht zu haben. — Nun, hätte ich zwischen den beiden Extremen zu wählen, ich glaube, ich würde eher der galizischen Mutter folgen. Ich weiß auch nicht, ob wir gerade heute so viel Ursache haben, auf unsere komfortabel ungeistige Zivilisation, deren letzte Konsequenzen wir erleben, stolz zu sein. Ja, auch in dem stillen Kinderhort wird man an den Krieg erinnert — Ein Eisenbahnzug braust oberhalb des kleinen Hofgärtchens vorbei: russische Gefangene. Sie winken den Kindern und lachen, die kräftigen großen Menschen. — Und doch blicken wir kalt und feindselig empor zu ihnen. Ein Blick auf die Kinder; die vertriebenen, vielleicht alier Habe beraubten, genügt, um uns an die Verbrechen dieser „gutmütigen" Sassen zu erinnern. (Pr. Tagblatt).

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