Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 6 (16.9.1915)
- Date
- 1915-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3495278-3495279-3495285--0032-3520618- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4 Jüdische Korrespondenz Nr. 6 die russische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Wenn dann die russische Armee die vom Feinde besetzten Gebiete zurückerobern*?) wird, wird man die Juden als fremde Untertanen nach Deutschland und Österreich-Ungarn hinaustreiben können und ihr Vermögen konfiszieren. (Echt russisch!) Die russische Finanznoi und die Judenfrage. Aus Kopenhagen wird gemeldet: Finanzminister Bark teilte den Dumamitgliedern der Rechtspartei mit, daß die Regierung im Begriffe stehe, in Amerika eine Anleihe von VU Milliarden Rubel abzuschließen. Für das Zustandekommen dieser Anleihe sei es unbedingt notwendig, daß die Duma die Ansiedlungsfreiheit der Juden annehme. Diese amerikanische Anleihe sei der letzte Rettungsanker für Rußland, da die englische Anleihe nur geringe Aussicht besitze. Es ging demgemäß auch der Duma eine dringliche Vorlage über die Erweiterung des Ansiedlungsrechtes der Juden zu. Die Jüdische Gemeinde In Dubno. Die jüdische Gemeinde der vorige Woche von den österreichisch-ungarischen Truppen eroberten Festung Dubno zählt zu den angesehensten Judengemeinden Wolhyniens. In Dubno lebte und wirkte eine Reihe hervorragender jüdischer Männer. Der berühmteste unter ihnen ist der unter dem Namen „Der Dubnoer Magid" bekannte Rabbi Jakob, Verfasser der Bibelkommentarc „Kol Jakob", „Ohel Jakob", „Mischle Jakob" etc., welche infolge ihres anziehenden, mit Gleichnissen und Parabeln gewürzten Inhalts überaus populär und auch in jüdischer Sprache als Volksschriften erschienen sind. Die Geschichte der Judengemeinde von Dubno ist vor einigen Jahren in einer besonderen hebräischen Schrift geschildert worden. Die Befreiung dieser Stadt vom russischen Joche ist demnach auch vom jüdischen Standpunkte freudig zu begrüssen — freilich ist es vorläufig ungewiß, was die Russen bei ihrem Abzüge mit den dortigen Juden gemacht haben. Streiflichter. Rund um die Juden. Eine ganze Reihe Nachrichten, die dieser Tage von verschiedenen Seiten gemeldet wurden, dreht sich um die Juden oder richtiger, um die Judenlage in Rußland. Ein englisches Blatt wußte über die angeblichen Friedensbedingungen der Zentralmächte zu berichten und eine derselben sollte die Gleichberechtigung der Juden aller Länder sein. In der russischen Duma habe sich ein „liberaler Block" gebildet und das Programm desselben soll unter anderem auch die Bedingung enthalten, daß die Juden in Rußland Wohnrecht im ganzen Reiche bekommen müssen. Der ehemalige russische Gesandte in Tokio, Baron Rosen, soll erklärt haben, daß das russische Verfolgungs- und Unterdrückungssystem die Niederlagen seiner Armee verschuldet habe; Rußland könne nur durch Gewährung von Freiheiten an alle seine Völker vor einer Katastrophe gerettet werden, und zwar müßten auch sämtliche Beschränkungen und Ausnahmsgesetze gegen die Juden aufgehoben werden. So sehen wir also, wie sich in der gegenwärtigen so ernsten Zeit Vieles rund um die Juden drehe. Wir könnten wirklich darauf stolz sein, wenn wir wüßten, daß alle diese Gerüchte irgendwelche reale Grundlage hätten. Die großen Opfer, welche der Krieg den Juden aller Länder auferlegt hatte, wären wenigstens dadurch wettgemacht, daß die Leiden und Drangsalierungen der Millionen Juden in Rußland ein Ende erreicht hätten. Leider aber können wir uns, insoferne es sich um Rußland selbst handelt, keinen Illusionen hingeben. Wer die Verhältnisse im Zarenreiche näher verfolgt, weiß es, daß es sich dem angeblichen, sog. „liberalen Block" in der Wirklichkeit nicht darum handelt, für die russischen Völker die Freiheit zu erringen, sondern hauptsächlich darum, selbst an die Macht zu gelangen. Sollte der Zar die geringste Neigung verspüren, die Herren Rodsjanko und Gutschkow zur Teilnahme an der Regierungsmacht zuzulassen, so werden sie sicherlich die weitgehendsten Konzessionen auf Kosten ihres „liberalen" Programms machen. Ob die Friedensbedingungen der Zentralmächte tatsächlich einen derartigen „Judenpunkt" enthalten werden, wie das Gerücht behaupten will, kann man natürlich nicht wissen. Die sog. Friedensbedingungen sind vorläufig in ihren Details apokryph. Es ist jedoch charakteristisch, daß selbst die Feinde der Zentralmächte — und von dieser Seite werden die oberwähnten Gerüchte verbreitet — so sehr von der Judenfreundlichkeit derselben überzeugt sind, daß sie es als sicher voraussetzen, die Zentralmächte werden bei den Friedensverhandlungen der Juden nicht vergessen und zu ihrem Gunsten in allen Ländern Einfluß nehmen. Dieses Zeugnis von feindlicher Seite ehrt ebenso die Zentralmächte, wie die Juden, welche für sie mit Leib und Seele einstehen. Die „kulturtriefenden" Engländer und Franzosen können eine solche Judenfreundlichkeit von sich nicht behaupten lassen. Der gestürzte Nikolaj. Der „Befreier" Galiziens liegt am Boden. Die fortgesetzten Niederlagen seiner Armee haben sein Schicksal besiegelt. Gestürzt von allen Höhen, wurde er nach dem Kaukasus verbannt. Er, durch dessen Machtwort Hunderttausende von Heim und Herd verjagt und vertrieben wurden, ist jetzt von demselben Schicksale ereilt worden. Ist der Sturz Nikolaj Nikolajewitsch's ein erfreulicher Beweis für den Niederbrueh der russischen Heeresmacht, so muß sein persönliches Schicksal jeden Kulturmensch und besonders jeden Juden mit großer Genugtuung erfüllen. Nikolai Nikolajewitsch war der böse Geist, der diesen blutigen Krieg heraufbeschworen hatte. Von ihm gingen jene bestialischen Befehle aus, die seine Kosakenhorden an den wehrlosen Juden zur Ausführung brachten. Seiner Initiative entsprängen die unerhörten Grausamkeiten, welche an den Juden Galiziens und Polens verübt wurden. Getreu seinen Vorbildern, Amalek, Haman und Chmielnicki, hat er sich die Juden als Opfer seiner Wut auserwählt und kühlte seine Barbarendurst an ihrem Blute. Nun ist er gestürzt. Mit dem Verluste des Feldherrnnimbus ist auch seine Macht und sein Einfluß niedergebrochen. Es bewährte sich an ihm das Schicksal Hamans: „Wie du zu fallen begonnen hattest, so wirst du immer tiefer und tiefer in den Abgrund stürzen!" Möge das Schicksal, das ihn ereilte, allen denjenigen, die ihn nachahmen wollen, als warnendes Beispiel dienen! Noch immer haben die Juden über alle ihre Feinde triumphiert. Es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels! ChroniK. Huldigung der Juden von Brody. Der Oberrabbinör der israelitischen Kultusgemeiride Brody, Abraham Mendel Steinberg, hat an die Kabinettskanzlei des Kaisers folgende Depesche gerichtet: „Aus Anlaß der glücklichen Erlösung und Befreiung der Stadt Brody aus der grausamen Gewalt der zarischen Herrschaft preisen die Juden der Stadt Brody den Allmächtigen Herrn der Heerscharen im Himmel, daß er dem tapferen, ruhmgekrönten Heere Österreichs den Sieg über einen barbarischen Feind verliehen hat, und legen den Ausdruck innigster Dankbarkeit vor den Stufen des Thrones nieder mit dem innigen Gebete, daß es Gott dem Allmächtigen gefallen möge, Sr. Majestät den Kaiser auch fernerhin mit dem Sieg über die Feinde ringsum zu beglücken und zum Heile der Völker lange Jahre zu erhalten." Hierauf ist von der Kabinettskanzlei folgende Antwort eingetroffen: „Se. k. u. k. Apostolische Majestät danken aufrichtigst für die im Namen der Juden der vom Feinde befreiten Stadt Brody anläßlich dieses hocherfreulichen Ereignisses zum Ausdrucke gebrachten treuen Gesinnungen und Segenswünsche. Auf Allerhöchsten Befehl: Freiherr v. Schießl." KriegsfUrsorge und »Aliolh«. Das Präsidium der königlichen Kriegsfürsorgeaktion in Ungarn hat an sämtliche israelitische Kultusgemeinden Ungarns anläßlich der hohen Feiertage ein Zirkularschreiben gerichtet, in welchem in Anerkennung der opferfreudigen Leistungen der Juden für alle Zweige der Kriegsfürsorge ersucht wird, daß die während der Feierlage zur Thora aufgerufenen Personen bei ihren Spenden auch die Kriegsfürsorge berücksichtigen mögen. Eine KriegsgedKchinis-Synagoge. In Berlin ist der Oedanke aufgetaucht, eine kleine Synagoge zum ewigen Andenken an die im Kriege fürs Vaterland gefallenen tapferen Söhne zu errichten. Der Plan findet in vielen Kreisen warme Sympathien. Abg. B. Stern lebl. Die vor einigen Wochen verbreitete Nachricht, daß Abg. B. Stern in Buczacz gestorben ist, bestätigt sich nicht. Nach der Wiedereroberung von Buczacz durch unsere Truppen stellte sich heraus, daß Abg. Stern lebt. In der nächsten Tagen dürfte Herr Stern nach Wien kommen. Rabbiner J. J- Reines s. A. Aus Rußland kommt soeben die Trauerkunde von dem plötzlichen Heimgange des als talmudische Größe wie als warmherzigen Volksfreund weit Uber die Grenzen seiner Heimat hinaus berühmten Rabbi Jizchak Jakob Reines aus üda. Als Leiter der dortigen rabbinischen Hochschule wußte er eine große Anzahl von Jüngern um sich zu scharen und entfaltete daneben eine fruchtbare Tätigkeit auf hebräisch-liierarischem wie auf jüdischsozialem Gebiete. Er war der Gründer und bis zu seinem Tode Ehrenpräsident der orthodoxen Misrachi- Organisation. Die Thefiliin als Lebensretter. Es gehört zu den allen Sitten und Gebräuchen, daß man, wenn man in die Fremde zieht, einen Talismann mitnimmt. Dies kleine Ding, welches einem vor jeder Gefahr schützt, ist je nach der Ansicht der Betreffenden, verschieden. Bei uns Juden sind es die Thefiliin, die einen nicht nur an den Glauben und die Plagen Egyptens erinnern, sondern die wir auch gerne als Talisraann in unserem Ränzchen wissen. Niemals vergißt Mütterlein den Thefillinbeutel beim Verlassen des Elternhauses mit einzupacken. Und dies tut wohl, im Schützengraben sich täglich erinnern zu können, daß man Jude sei. Bei allen Kämpfen und Sturmangriffen trägt man die Thefiliin im Kucksack mit. Ist der tobende Kampf vorüber und beginnt ein neuer Tag, so legt man die Thefiliin wieder an und dankt so Gott für die überstandene Ge'ahr. Bei einim furchtbaren, fast die ganze Nacht andauernden Kampf, zeigten sich die Thefiliin als wahrer Talismann. Es war eine finstere Nicht, als unser Bataillon zum Angriffe überging. Die Russen ließen uns bis an ihre Drahtverhaue herankommen, um uns dann mit Handgranaten, Gewehrfeuer und Schrapnellen zu empfangen. Trotz Verluste warfen wir die Russen zurück. Eine Schrapnellkugel trat einen am Boden liegenden Soldaten, zeniß die i luse an der linken Schulter und nahm ihren Weg in den Rucksack. Der Ausschuß mußte unbedingt die Lunge durchbohren, wenn nicht im Rucksack die Thefiliin den Lauf der Kugel geändert hätten, sodaß sie in einem Schuhe stecken geblieben wäre. Am Hi fsplatz wunderte sich jedermann über das Glück, denn nach ärztlichen Gutachten mußte ein Lungenschuß mit töliiehem Ausgang erfolgen. Nur der Umstand, daß die Thefiliin der Kugel ein anderes Ziel gaben, verdankte der Held sein Leben. Der Getroffene heißt Abraham Trasser. Korrespondenzen. Die SauglingsfUrsorgesielle fUr die Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. Wien. Die Säuglingsfürsorgestelle für Kriegszeit für die galizischen und Bukowinaer Flüchtlinge unter Leitung des Primarius H. Dr. Jan Landau (aus Krakau) hat ihren halbjährigen Tätigkeitsbericht für die Zeit vom 1. Jänner 1915 bis 30. Juni 1915 veröffentlicht, welchem wir die nachstehenden Stellen entnehmen: Bei Errichtung dieser Fürsorgestelle für ein so ganz exzeptionelles Publikum, wie es die aus verschiedenen Gesellschaftsklassen und aus verschiedenen Bezirken stammenden Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina vorstellen, waren wir uns der zu überwindenden Schwierigkeiten bewußt. Es galt ja vor a lern, die Mutter zum Selbststillen ihrer Kinder anzueifern und in zweiter Linie dafür- Vorsorge zu treffen, daß diejenigen Säuglinge, die aus einem triftigen Grunde an der Mutterbrust nicht gestillt werden konnten, der kostenlos verabreichten, entsprechend zubereiteten Milch teilhaftig werden. Nach sechs Monaten ge'eisteter Arbeit kann ich mit Stolz auf das von der Fürsorgestelle Geleistete und auf die erzielten Erio {,e zurückblicken. Unsere Säuglingsfürsorgestelle hat das erreicht, was sie sich als Ziel setzte: wir haben die Matter zum Stillen ihrer Kinder angehalten und sie daran gewöhnt, wo das aber nicht durchführbar war, den Kleinen entsprechend dosierte Milch verabreicht; so haben wir denn den Erkrankungen vorgebeugt und gewiß die Sterblichkeitsziffer herabgeset-t. Es sollte dem t-achmann und dem Laien der Hinweis auf die zwei bei unseren Säuglingen vorgekommenen Sterbefälle genügen, um zu beurteilen, welche Erfolge wir erzielt haben. Die Säuglingsfürs rgestelle eröffneten wir Ende Dezember 1914 im Hause II., Grote Mohrengasse 5, in einem aus drei großen Räumen bestehenden Lokale, welches wir derart einteilten: ein großer Warteraum, von welchem die Mütter direkt in den Wägeraum kommen und von da in das ärztliche Ordinitionszimmer, von welchem die Mütter wreder in den Raum gelangen, in welchem die Miichverteilung vorgenommen wird. In dem bereits erwähnten Zeiträume von sechs Monaten hatten wir 696 Säuglinge in Beobachtung, und zwar: 382 Knaben und 314 Mädchen. Von den Flüchtlingen, deren Säuglinge wir in Obhut hatten, stammten: aus Ostgalizien 522 Kinder aus 95 Orten, aus Westgalizien 142 Kinder aus 22 Orten, aus der Bukowina 82 Kinder aus 4 Oiten und aus Antwerpen 4 Kinder. Von den 696 Säuglingen hatten wir gleich zu Beginn unserer Fürsorgearbeit im Monat Jänner 240 Säuglinge in unserer Obhut und ihre Zahl stieg von Monat zu Monat. Da sich auch Mütter mit Säuglingen aus entlegenen Bezirken Wiens meldeten, aber nicht im Stande waren, wegen der großen Entfernung die Milch täglich abzuholen, haben wir mit dem Vereine „Säuglingsfürsorge" in Wien die Vereinbarung getroffen, daß wir diese Säuglinge womöglich den Fürsorgestellen des Vereines im X. Bezirke, Buchengasse 44 und im V. Bezirke, Arbeitergasse 54 zur Milchabgabe überwiesen, dieselben jedoch unter unserer Obhut behielten und sie zur wöchentlichen Kontrolle in unserer Fürsorgestelle verpflichteten. Es soll ferner darauf verwiesen werden, daß die Mütter, trotzdem es sehr oft mit großen Schwierigkeiten verbunden war, zuweilen aus ziemlich großer Entfernung, regelmäßig unsere Fürsorgestelle besucht haben. Die stillenden Mütter haben wir bei jedem Besuche mit Naturalien und Milchanweisungen beteilt, um ihnen die Verbesserung der Kost zu ermöglichen. Die Milchverteilung und Dosierung für die Säuglinge wurde nur nach ärztlicher Vorschrift vorgenommen und die Milch von den Müttern täglich abgeholt. Dieselbe wurde kostenlos verabreicht. Primarius Dr. Jan Landau. Leiter der Fürsorgestelle. Neue Bücher. „Beitrag zur jetzigen wirtschaftlichen Lage Galiziens", von Kasimir Ritter von Rogoyski. Krakau 1915. Selbstverlag. .Österreich nach dem Kriege*. Forderungen eines aktiven österreichischen Politikers, von Munin. Jena 1915. Verlag von Eugen Diderich. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppet. — Buchdruckerei „Melantrkh", Wien IX., Pramergasse 6. (Verantwortlich S. Qrünhnt).