Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 6 (16.9.1915)
- Date
- 1915-09-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Preis per Nummer 10 Heiler. e« jftj« rtt,rt 1~4.*~*~„~ Redaktion und Administration: vierteljährlich k 120. Wochenblatt tut jüdische Interessen. wie„, Vm. Alsenz 7. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Redakteur: Jonas Kreppel. I Erscheint ieden Donnersfap Mr. 6. Redaktion und Administration: Wien, Vlll. Aiserstraße 7.! Erscheint jeden Donnerstag Wien, 16. September 1915. 1. Jahrgang. Was gehl In Rußland vor? (Originalbericht der „Jüdisch. Korrespondenz".) Stockholm, 10. September. Die Nachrichten aus Rußland lauten in der letzten Zeit derart verworren, daß man sich im Auslande schwerlich einen Begriff machen kann, was eigentlich im Innern des Zarenreiches vorgeht. Manche Nachrichten besagen, das die innere üärung derartige Dimensionen angenommen habe, daß der_Ausbruch einer Revolution tagtäglich zu erwarten sei. Andere Meidungen widersprechen diesem und behaupten, daß die gesamte öffentliche Meinung des Zarenreiches trotz aller Niederlagen der Armee hinter dem Zaren und seiner Regierung stehe und daß „ganz Rußland" nach wie vor entschlossen ist, in dieser schweren Zeit durchzuhalten. Auf Qrund verläßlicher Informationen, die der Schreiber dieser Zeilen von aus Rußland in den letzten Tagen hier eingetroffenen Personen erhielt, ist derselbe in der Lage, nachstehendes Bild der dortigen Vorgänge zu entwerfen. Im Gegensätze zu den Ereignissen nach den russischen Niederlagen im Kriege gegen Japan ist die Haltung der führenden liberalen russischen Kreise diesmal weniger revolutionär — es wäre jedoch verfehlt, daraus zu schließen, als ob die öffentliche Meinung des Zarenreiches sich tatsächlich mit der Regierung und der Heeresleitung solidarisiere. Die Taktik der russischen Machthaber in den letznationalistischen Aufputz zu verbrämen, ist nicht ohne Einfluß geblieben. Fast sämtliche russischen Parteien, selbst die extrem-radikaisien bewegen sich im nationalistischen Fahrwasser und dies ist auch der Grund, weshalb es ihnen unmöglich ist, öffentlich die Fahne der Revolution aufzupflanzen. Der durch die Regierung in den letzten Jahren proklamierte extreme Nationalismus hat es mit sich gebracht, daß gerade die radikalen Parteien sich nur auf diese Weise behaupten zu können glaubten, daß sie die offiziellen Kreise im Nationalismus überlizitieren. Da nun der gegenwärtige Krieg unter dem Schlagworte des Panslavismus in Szene gesetzt wurde, so findet niemand den Mut, gegen denselben aufzutreten und gerade die radikalsten Elemente sind es, welche der Regierung Nachlässigkeit und Energielosigkeit in der Verfolgung der „nationalen Zielen"vorwerfen und wenn sie daran gehen,das Heft an sich zu reißen, so tun sie es ebenfalls im Namen der „heiligsten nationalen Ideale". Angesichts dieses Zustandes ist schwer zu erwarten, daß von dieser Seite ein energischer Schritt zum Sturze der Reaktion unternommen werde. Die sogenannten liberalen und demokratischen Kreise waren es, welche in den ersten Kriegsmonaten ihrem ärgsten Feinde, dem Generalismus Nikolaj Nikolajewitsch, zujubelten und ihn als „Befreier Galiziens", als „Mehrer des Reiches", als Nationalheld, feierten, solange das Kriegsglück ihm hold war. Sie wußten es wohl, daß sie damit der extremsten Reaktion Vorspanndienste leisten und daß der triumphierende Großfürst ihnen nachher erst recht den Fuß auf den Nacken setzen werde, sie hatten jedoch nicht den Mut, den Triumph der nationalen Sache durch Kritik zu schmälern und duldeten lammfromm alle seine unmenschlichen Grausamkeiten und Brutalitäten, gegen welche sich selbst seine Generale und Heerführer empörten. Als sich jedoch später das Blatt gewendet hatte und der Großfürst Niederlage auf Niederlage erlitt, wagten sie wohl ein wenig den Kopf zu erheben, jedoch nur in der Richtung, indem sie ihn für das nationale Unglück verantwortlich machten und sich mit einem seltenen Eifer anböten, alle ihre Kräfte in den Dienst des Vaterlandes zu stellen. Daß Nikolaj Nikolajewitsch schließlich und endlich gestürzt wurde, konnte auch nur auf diesem Wege erreicht werden. Angriffe revolutionären Charakters gegen ihn hätten seine Position nur noch gestärkt, da der furchtsame, um seinen Thron zitternde Zar erst recht geglaubt hätte, die eiserne Faust seines Oheims nicht entbehren zu können. Aus all dem ist zu ersehen, daß selbst vorausgesetzt den Fall, daß die sogenannten liberal-demokratischen Dumakreise zur Regierung gelangen, dies die innerpolitischen Verhältnisse in Rußland wenig beeinflußen werde. Deshalb wäre es auch verfehlt, zu glauben, daß wir dann uem Frieden näher sein werden. Im Gegenteil, die Herren Rodsjanko, üutschkow; & Cons. werden erst recht den Kampf bis zum Äußersten predigen; die reaktionären Kreise hingegen, welche ja den Verlust der Macht nicht so leicht verschmerzen werden, dürften ihrerseits dieselbe Taktik anwenden und einen noch extremeren Nationalismus predigen. Schon deswegen werden die liberal-demokratischen Kreise es kaum wagen, in der Friedensfrage irgendwelche Konzessionen zu machen. Es würde sich ein ähnliches Spiel wiederholen, wie wir es in der Türkei gelegentlich des Balkankrieges zwischen den Jung- und Alttiirken gesehen haben. Nur der völlige Niederbruch der militärischen Widerstandskraft würde Rußland zum Frieden zwingen. Man kann demnach die Überzeugung hegen, daß all das Gerede über Reformen und Freiheiten in Rußland nichts als leeres Geschwätz sei. Der Nationalismus und die Reaktion haben alle Parteien derart demoralisiert, daß ihrerseits nichts zu erwarten ist. Eine Umwälzung in Rußland kann erst nach dem Kriege kommen, wenn die nationale Phrase in ihrer ganzen krasseni Inhaltslosigkeit erscheinen die Judenlage in Rußland keine großen Hoffnungen setzen. Während des Krieges ist eine Verbesserung der Judenlage ebensowenig zu erwarten, wie irgendwelche Konzessionen in der Polenfrage, in der Finnländerfrage, in der Ukrainerfrage etc. Alles, was darüber gefaselt wird, ist nichts mehr als Schaumschlägern, dazu bestimmt, der Öffentlichkeit Sand in die Augen zu streuen und das eigene Gewissen zu täuschen. Daß der Zar sich dazu bewegen ließ, persönlich an die Spitze der Armee zu treten und damit wenigstens formell die Verantwortung für die Kriegsereignisse zu übernehmen, könnte wohl für den Freiheitsgedanken von einigem Vorteile sein, da dadurch die letzte Stütze der Reaktion beseitigt ist und dieselbe nicht mehr in der Lage sein wird, sich hinter der „geheiligten Person des Väterchen Zar" zu verstecken. Allein, dieser Erfolg wird dadurch paralysiert, daß gleichzeitig auch die sog. freiheitlichen Elemente infolge ihres Hypernationalismus und Hurrapatriotismus mitverantwortlich gemacht werden und dadurch den Reaktionären nur in die Hände arbeiten — vorausgesetzt natürlich, daß es dem liberalen Blocke gelingen sollte, zur Macht zu gelangen, was allerdings noch immer sehr zweifelhaft ist. Man möge jedoch nicht glauben, als ob diese Taktik der führenden Dumakreise dazu angetan ist, das russische Volk irrezuführen. Die Unzufriedenheit und die Hoffnungslosigkeit der breiten Volksmassen lassen sich durch derartige Mittel und Mittelchen nicht bannen. Wenn die Führer der angeblichen freiheitlichen Elemente versagen, so wird die „russische Erde" erst recht zu Worte gelangen, freilich anders, als der Zar es sich vorstellt. Die Desorganisation und die Korruption haben so weit um sich gegriffen, die Millionen Flüchtlinge überfluten das Zentrum des Reiches, die Teuerung und der infolge der Verkehrsschwierigkeiten oft hervorgerufene Mangel an Lebensmitteln haben derartige Dimensionen angenommen, daß die Überzeugung von dem unvermeidlichen Niederbruche nicht mehr lange auf sich warten lassen wird. Das Vertrauen zu allen Faktoren schwindet von Tag zu Tag. Selbst die sog. Landesverteidigungsaktionen werden verdächtigt, daß es sich ihren Arrangeuren nur darum handelt, sich auf Kosten des Volkes und des Staates zu bereichern. Die Intriguen der einzelnen Gruppen und der führenden Persönlichkeiten aller Lager gegen einander treten so deutlich zutage, daß sie überall das Stadtgespräch bilden. Trotz, der strengen Zensur durchsickert die Wahrheit immer mehr und das „unterirdische Rußland" beginnt seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Wenn das Maß voll sein wird — und dies dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen —- dann wird im Zarenreiche ein Sturm entstehen, der alles niederbrechen wird, ein Sturm, der sowohl die Führer der Reaktion, mögen sie Goremykin oder Poliwanow heißen, wieauch die Pseudodemokraten ala Rodsjanko, Gutschkow & Cons. hinwegfegen wird. Dann wird sich die „Wolga" in Bewegung setzen, die gewaltigen Volksmassen, die Arbeiterschaft, welche heute noch mit mächtiger Hand zurückgehalten wird; dann werden auch all die unterdrückten Völker. Finnländer, Ukrainer etc. etwas mehr Ellenbogenfreiheit erlangen und erst dann wird die große Umwälzung in Rußland als Folge des Niederbruches auf den Schlachtfeldern in die Erscheinung treten. Dann erst wird den russischen Völkern die Freiheit erblühen und erst d aH k ö n n e n auch die Juden i in Zarenreiche eine Besserung ihrer Lage er w arte n. Vielleicht gelingt es den vereinigten Anstrengungen der Reaktion und der demokratisch-nationalischen Chauvinisten, noch eine gewisse Zeit mit ihrer Taktik fortzuwursteln — der Tag der großen Abrechnung ist jedoch nicht mehr allzufern. Raphael. Zur Judenfrage In Polen. Der in Petril larodowy" veröffentlicht einen "ÄrtiKel des Präsidenten des Obersten polnischen Nationalkomitees Ritter v. Jaworski über die Judenfrage in Polen. Der Verfasser bezeichnet die Lösung dieser Frage als eines der wichtigsten Probleme für die Gestaltung der inneren Verhältnisse in Polen. Die Verschärfung der Judenfrage in Polen wurde von der russischen Regierung planmäßig herbeigeführt, indem sie landfremde russische Juden zur massenhaften Ansiedlung in Polen zwang. „Wenn wir — schreibt Ritter v. Jaworski — an die Regelung der durch anormale politische und volkswirtschaftliche Verhältnisse einerseits und eine demagogischnationalistische Agitation anderseits sehr verschärften polnisch-jüdischen Beziehungen schreiten, müssen wir daran festhalten, daß diese Regelung nur auf allgemein europäischen Grundsätzen erfolgen darf. Wir müssen an die alten polnischen Traditionen in der Judenfrage anknüpfen, an die Traditionen der Czacki und Wielopolski, wir müssen mit aller Energie die Assimilierung der jüdischen Bevölkerung betreiben und sie für die Interessen des Landes zu gewinnen trachten. Dieses Ziel kann aber nur erreicht werden, wenn man den Juden Gleichberechtigung gewährt, wenn Bedingungen für eine normale Existenz der jüdischen Bevölkerung geschaffen werden, wenn den Juden die Möglichkeit geboten wird, aus der jetzigen verzweifelten wirtschaftlichen Lage herauszukommen, namentlich durch ihre Heranziehung zur gemeinsamen bürgerlichen Arbeit. Die antisemitische Lösung in welcher Form immer kann den allgemeinen Landesinteresseii nur schaden. Nur durch eine deutliche und entschiedene Zusicherung, daß ein wiedergebornes Polen keine antisemitische Politik betreiben und sich fern von allen Chikanen und Verfolgungen halten wird, können wir die Grundlage zur Assimilierung der jüdischen Massen schaffen." Zum Schluß heißt es: „Andererseits müsse!; wir mit aller Entschiedenheit von den Juden verlangen, daß sie aufrichtige Staatsbürger werden, im Interesse des Landes wirken und das Wohl des Landes fördern sollen. Dies wird aber nur dann möglich werden, wenn das Land ihnen den Zutritt zu allen Quellen der Kultur und des Wohlstandes eröffnet." Indem wir diese Äußerungen des Präsidenten des Obersten polnischen Nationalkomitees zur Judenfrage zum Abdruck bringen, welche zum ersten Male eine klare, autorative