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Jüdische Korrespondenz · 1915-09-09 · 5 (9.9.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
1 (1915)
Issue
5 (9.9.1915)
Date
1915-09-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 5 Jüdische Korrespondenz Seite 3 Grenze entfernt wohnen mußten und daß ihnen der Aufenthalt in den Dörfern verboten wurde. Doch es gibt nicht nur mit dem lieben Herrgott, sondern auch mit den russischen Verwaltungsbehörden „Akkomodements", und so kam es vor, daß die 50 Werst manchmal knapper, manchmal weiter bemessen wurden und daß zahlreiche Dörfer zu Marktflecken avancierten oder Städtchen zu Dörfern degradiert wurden, je nachdem der Bezirksvorsteher beim Bakkarat gewonnen oder verloren hatte. Es ist interessant zu konstatieren, daß in der Fünfzigwerst- und in der Dörferfrage unter dem ultrareaktionären Regime Plehwes die weitestgehenden Erleichterungen erzielt wurden. Wenn einst die Geheimarchive des russischen Ministeriums des Innern zur Veröffentlichung gelangen werden, dann dürfte mancher die Geschichte der Wohnrechtsfrage erhellender Lichtstrahl in die Welt gelangen und sie mit Staunen und Grauen erfüllen. Im Spätherbst 1904 hatte ich Gelegenheit, mit dem damaligen russischen Ministerpräsidenten Fürsten Swiatopolk-Mirsky, der die liberale Richtung vertrat, über die Frage der Freizügigkeit der russischen Juden mich zu unterhalten. Ich bemühte mich, ihn davon zu überzeugen, daß die Eröffnung des sozusagen noch im Urzustände befindlichen Riesengebietes für ein industriöses, für den Handel begabtes Element von größtem volkswirtschaftlichen Nutzen sein müßte, daß oft große Massen von Naturprodukten zugrunde gingen, weil niemand da war, der sie an den Mann zu bringen wußte — meinen Argumenten wurde unwandelbar das eine entgegengehalten; der russische Bauer sei dem neuen Element, dem wir ins Innere des Reiches Zugang verschaffen wollten, nicht gewachsen. Ich gab mich nicht für geschlagen. Ich legte dem Fürsten beglaubigte Abschriften von Gesuchen vor, in denen ganze Gemeindevertretungen aus dem Zentrum des Zarenreiches darum baten, man möge einigen jüdischen Familien erlauben, sich dort ansässig zu machen, da die Bauern von den russischen Aufkäufern allzu sehr übervorteilt würden. Das Ende der langen Audienz war, daß Se. Exzellenz versprach, über die Sache nachzudenken. Er hatte nicht lange Zeit dazu, denn bald darauf trat er von seinem Posten zurück und einige Zeit später las ich die Nachricht von seinem Tode. Die stramme Abwehr von „Eindringlingen" in das Reichsinnere war übrigens schon durchlöchert worden. Es war nach jahrelangen Anstrengungen gelungen, dem Ministerrate die Erlaubnis abzuringen, für solche jüdische Handwerker, die von einer russischen Handwerksgilde einen „Meisterbrief" erhalten hatten, den Eintritt in die inneren Gouvernements zu gestatten. Das war ein wirklicher Erfolg, da ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung den Handwerken obliegt, ja in manchen Gegenden den überwiegenden Prozentsatz aller manuellen Beschäftigungszweige ausmacht. Aber die russische Administration wußte dafür zu sorgen, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Sie erschwerte vor allem durch Tausend Quälereien die Erwerbung von Meisterbriefen durch „Ungläubige". Auch das wäre noch zu überwinden gewesen. Aber sie ging noch einen fatalen Schritt weiter, indem sie die Überwachung der nach dem Innern übergesiedelten Handwerkerfamilien der Polizei anheimgab. So wurde das Leben der Armen zu einem wahren Martyrium. Kaum hatten sie mit schwerer Not sich ein neues Heim gegründet, sich eine wenn auch mager zahlende Kundschaft erworben, als die polizeiliche Verfolgung begann. Hatte beispielsweise ein Schuhmacher auf einmal seinen Lederbedarf für mehrere Wochen angeschafft, so wurde er zum Pristaw zitiert und gegen ihn die Anklage erhoben, er betreibe Lederhandel, und so mußte er, wollte er sein Aufenthaltsrecht nicht verscherzen, eine schwere Geldbuße entrichten, die ihn um den Erwerb mehrmonatiger mühsamer Arbeit brachte. Und so ging es bei allen Handwerken; denn in der Erfindung von Geldstrafursachen ist die russische Polizei unübertroffen. So erklärt es sich, daß in einem Vierteljahrhundert kaum ein Tausend solcher Handwerkerfamilien sich im Innern Rußlands angesiedelt hat. Wie wirklich freisinnige Männer über die Wohnrechtsfrage denken, kann man aus den „Denkwürdigkeiten eines russischen Gouverneurs" ersehen, welche vor etwa einem Jahrzehnt vom Fürsten Ourosow herausgegeben worden sind. Der Verfasser gibt auf Grund seiner Erfahrungen als Gouverneur von Bessarabien, sowie in seiner Eigenschaft als Großgrundbesitzer der russischen Regierung den wohlgemeinten Rat, ihren bedrückten jüdischen Untertanen volle Freiheit und besonders freies Wohnrecht im ganzen weiten Reiche zu gewähren, damit sie ihre natürlichen Fähigkeiten, ihren regsamen Fleiß, ihre emsige Arbeit zum j Besten des Landes entfalten können. Solche Ansichten sind natürlich nicht nach ' dem Geschmacke der Bureaukratie, die eine i eigene Kaste für sich bildet und ihren Wirkungsi kreis nicht verringert sehen möchte. Was sollte I auch aus den vielen Muttersöhnchen werden, i die eine Anwartschaft auf irgendein Verwal- , tungsamt zu haben glauben. Die Gehälter sind j ja eigentlich nicht groß, aber was so mit herläuft. Wer kennt nicht die Anekdote vom Neffen | des Generals? Es war dies ein junger Lebemann mit vielen, vielen Schulden. Um ihn aus der schlimmen Lage zu ziehen, verschaffte ihm der einflußreiche Oheim einen Verwaltungsposten in der Provinz. „Bist Du nun zufrieden?" fragte der alte Herr seinen Neffen. — „Was kann ich denn mit einem Gehalt von dreitausend Rubeln anfangen?" lautete die Antwort. — „Du vergißt, mein Bester, daß in Deinem Distrikt dreißigtausend Juden wohnen, von denen Dir doch jeder wenigstens einen Rubel jährlich einbringen muß." Die Juden der Türkei. (Schluß). Reichen diese parlamentarischen Dinge bis in die Zeit kurz vor Kriegsbeginn, so liegen auch seither Tatsachen vor, die durchaus die gerechte Behandlung der Juden durch die Türken dartun. Beim Eintritt der Türkei in den Weltkrieg sah man sich vor die schwierige Frage gestellt, welches Verfahren den Juden fremder Staatszugehörigkeit gegenüber anzuwenden sei. Hauptsächlich handelte es sich um russische Juden, die in einer Zahl von nicht viel weniger als 100.000 in Palästina lebten. Sie als Russen zu behandeln, ging nicht wohl an, da die Türken wissen, daß die eingewanderten Juden als Flüchtlinge vor russischer Barbarei nach dem Heiligen Lande kamen. Die Beibehaltung der russischen Staatszugehörigkeit lag in der Hauptsache an den Schwierigkeiten, die die Entlassung aus dem russischen Untertanenschaftsverbande verursachte. Die ottomanische Naturalisation wäre, wenn sie in größerem Umfange erfolgte, von den Russen auch zum Anlaß eines Einschreitens gegen die Türkei gemacht worden. Tatsächlich waren ja die aus Rußland nach der Türkei geflüchteten Juden von russischer Seite stets als russische Untertanen reklamiert worden, und das Pochen der Russen auf die von ihnen vertretenen großen Interessen war von jeher das Einzige gewesen, was die Türken bezüglich der russisch-jüdischen Einwanderung gelegentlich bedenklich machte. Die von ihren früheren internationalen Schwierigkeiten befreite Türkei schlug nun gegenüber dem Problem der russischen Juden den Weg ein, ihnen die Naturalisation aus eigener Machtvollkommenheit und ohne Befragen der Russen zu gewähren und ihnen dabei jedes erdenkliche Entgegenkommen zu erweisen. Obwohl es bei der lokalen Durchführung dieser Maßnahmen nicht ohne Störungen abging, die auseinanderzusetzen hier zu weit führen wurde, kann man doch heute schon sagen, daß die in Palästina lebenden russischen Juden bis auf einen kleinen Rest bereits naturalisiert sind, und daß auch die noch nicht Naturalisierten in keiner Weise als „feindliche Untertanen" betrachtet oder behandelt werden. Herr Trietsch bespricht auch ausführlich die Möglichkeiten und die Durchführbarkeit einer stärkeren jüdischen Emigration nach den türkischen Ländern und gelangt zum Schlüsse, daß dies wohl möglich sein und im beiderseitigen Interesse liegen dürfte. In Bezug auf die weltpolitische Seite der Judenlage in der Türkei erklärt Herr Trietsch: Von Seiten Frankreichs und Englands hat es nicht an Versuchen gefehlt, eine Art Protektorat über die jüdische Welt zu errichten, und ganz besonders gilt dies für die Juden des Orients. In Frankreich hat die „Alliance Israelite Universelle" die Errichtung eines jüdischen Weltbundes versucht, der unter dem Einfluß französischer Sprache. Kultur und Politik stehen sollte. In England hat Lord Palmerston die Errichtung eines britischen Protektors über die Juden des Orients befürwortet, und wenn es auch zu keiner Verwirklichung dieses Planes kam, so ist doch schon die Anregung nicht ganz ohne Einfluß geblieben. Zur Zeit der Begründung der Allianz gab es keine 50.000 französische Juden und ebensowenige ungefähr zählte England zur Zeit von Palmerstons Vorschlag. Auch die französischen und englischen Sprach einflüsse reichten damals in der Judenheit nicht viel weiter als jene Zahlen. Mit wieviel größerer Berechtigung kann daher Deutschland (und Österreich-Ungarn — Red.) seinen schützenden Arm über die Juden der ganzen Welt erstrecken! Aus New-York. Zunächst eine erschütternde, grausige Nachricht: Leo Frank, der seit mehr als zwei Jahren unschuldig Leidende, ist aus dein Gefängnis von einem Pöbelhaufen herausgeholt und an einen dauebenstehenden Baum gehängt worden. Mit diesem Ausbruch bestialischen Hasses hat eine Tragödie ihr Ende genommen, die sich den furchtbarsten Märtyrerepisoden unserer Geschichte zur Seite stellen kann und die unbegreiflicherweise von der jüdischen Öffentlichkeit nicht mit der Anteilnahme verfolgt wurde, die sie hätte erregen müssen. Leo Frank, ein reicher angesehener Fabnksbesitzer in Atlanta, wurde wegen eines angeblich von ihm begangenen Mädchenmordes uusclmldigerweise verhaftet und trotz alier offensichtlichen Beweise seiner Unschuld von einem unter der Furcht vor dem Mob urteilenden (iericiue zun; Tode verurteilt. Alle Bemühungen, eine Revision des Prozesses herbeizuführen, blieben fruchtlos, bis schließlich der Gouverneur von Atlanta ihn begnadigte und die Todesstrafe in Zuchthaus wandelte. Gleich nach seiner Überführung ins Zuchthaus ward er von einein dort befindlichen Verbrecher schwer verwundet und kam noch wie durch ein Wunder mit dem Leben davon. Und nunmehr hat ihn das furchtbare Geschick ereilt: ein rasender Mob hat ihn gelyncht. Eine erschütternde Tragödie! Erschütternd nicht nur durch die persönliche Tragik, die das Leben eines jungen, tüchtigen, anständigen Mannes vernichtete, sondern vor allein erschütternd durch ihre allgemeine Bedeutung. Denn es steht heute fest, daß Frank ein Opfer des Judenhasses geworden ist, ein neuer Märtyrer in der unendlichen Reihe jener unglücklichen Helden, die mit ihrem Leben für das Ahasvergeschick ihres Volkes büßen mußten. Eine /.weite Dreyfussaffäre, nur daß ihr die große politische Bedeutung fehlte, weil sie fern von den Zentren der Kultur, in einem entfernten Staat Amerikas, vor sich ging und weniger eine intrige der Regierung, als ein Ausbruch des amerikanischen Pöbels war. Dennoch aber trifft die Schuld au dem Fall weit über die Regierungsbehörden Atlantas hinaus die gesamte amerikanische Nation, die es nicht hat verhindern können, daß ein Unschuldiger den brutalen Instinkten eines rohen Pöbels geopfert wurde. Gerade der letzte furchtbare Akt der Tragödie, die Lynchung des Unglücklichen, zeigt wiederum, wie machtlos in Amerika die Regierung gegenüber den Leidenschaften des Mobs ist und bedeutet in Wahrheit einen Bankerott aller Staatsgewalt und Regierungskunst in den Ver. Staaten. Hier traf Rabbiner Jakob Mendelsohn aus Glasgow, ein angesehener orthodoxer Rabbiner und Verfasser mehrerer Seforim (Midrasch Jabez, Mischnei Jabez, Schaarei Zijaun usw.) ein. Trotzdem er russischer Jude ist, hat er gezwungenermaßen England, in dem er schon zehn Jahre wohnt, verlassen. Erstens muß jeder russische Jude, um nicht in den Verdacht zu kommen, aus Deutschland zu stammen, Papiere beibringen — und Rabbiner M. besitzt keine Papiere. Dann werden auch die russischen Juden registriert, und es besteht daher die Befürchtung, daß England Frankreich nachahmen werde und die russischen Juden zwinge, in sein Heer einzutreten. Hermann Bernstein, der bekannte Redakteur des „Tag", ist nach Europa abgefahren. Er will die kriegführenden Länder bereisen und über die Lage der dortigen Juden dem „Amerikan. Jüd.-Hilfskomitee" sowie im „Tag" und anderen großen Zeitungen berichten. Auch will er die leitenden jüdischen Persönlichkeiten aufsuchen. F. — t. Die Woche. Die Jüdischen Feierlage beim Mililär. Das Militärkommando verlautbart : Am Mittwoch, den 8. d. M. um 6 Uhr nachmittags beginnt das jüdische Neujahrsfest und endet Freitag, den 10. d. M. um 7 Uhr nachmittags. Freitag, den 17. d. M. um 4 Uhr nachmittags beginnt der Versöhnungstag, welcher am Samstag, den 18. d. M. um 7 Uhr nachmittags endet. An diesen Festtagen werden in allen Stationen, wo sich Gotteshäuser befinden, Gottesdienste abgehalten werden. Vom 17. d. M., 5 Uhr nachmittags, bis Samstag, den 18. d. M., 7 Uhr nachmittags, ist der gesamten Mannschaft israelitischen Glaubens unbedingt dienstfrei zu geben. Am 9. und 10. d. M. ist dieser Mannschaft Gelegenheit zu geben, auch dem vormittägigen

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