Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 5 (9.9.1915)
- Date
- 1915-09-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JUdische Korrespondenz Nr. 5 Wir wollen in diesem Momente nicht untersuchen, ob und inwieweit die diversen jüdischen Organisationen sich ihren Aufgaben gewachsen gezeigt haben. Wir wollen bloß konstatieren, daß nicht alles getan wurde, was getan werden sollte und daß die Linderung der jüdischen Not in den kriegführenden Staaten, besonders in Galizien und Polen, eine gewaltige \rhciiLeistung und gewaltige Mittel erfordern iniii z\\;:r sehr dringend erfordern. Da tut momentane Hilfe sehr not. Angesichts dessen muß iM.iü vs wirklich als unbegreiflich finden, daß gewisse jüdische Kreise bei jeder Gelegenheit, da die Frage einer momentanen Hilfe zur Sprache kommt, sich aufs hohe politische Roß setzen und mit Schlagwortes von (iegenwarts- und Zukunftsarbeit herumwerfen, große Pläne entwickeln, gedrechselte Phrasen in die Welt setzen und glauben machen wollen, als ob sie die wahren Retter des Judentums seien. Diese Taktik erinnert an jene Anekdote von einem armen, aber mit erwachsenen Töchtern gesegneten .Inden, der eine Reise „in die Welt" unternahm, um für ..hachnassath kalah", Brautausstattung zu sammeln, und der sich wahrend der Reise sagte: „Da ich nun einmal beim Sammeln bin. so soll ich mich eigentlich nicht mit der Brautausstattung begnügen, sondern auch noch ein Sümmchen zum Ankaufe eines eigenen Häuschens zu sammeln trachten." in dieser ernsten Zeit ist die Gegenwartsarbeit so dringend, und in jeder Hinsicht so schreiend notwendig, daß alle weitergehenden Pläne vorläufig außer Betracht kommen müssen. In gewisser Hinsicht kann übrigens diese (iegenwartsarbeit die Zukunftsarbeit erst möglich machen. Mit ausgehungerten, Not und Elend leidenden Volksmassen kann keine hohe Politik gemacht werden. Das mögen sich alle Diejenigen gesagt sein lassen, die die reale Gegenwart und ihre Anforderungen außeracht lassend, sich Zukunftsplänen und -träumen hingeben. Heute heißt es: „Alle Mann an Bord!" Wer nur irgendwie fähig ist und die Möglichkeit dazu hat, soll das scinige dazu beitragen, die gegenwärtigen Verhältnisse der breiten jüdischen Volksmassen, die durch die Kriegsereignisse so viel gelitten haben, zu sanieren. Nach dem Kriege wird es Zeit sein, große Politik zu machen. Man verweise uns nicht auf das Beispiel anderer Völker. Diese, zum Beispiel Polen, Ukrainer u. a., leben in anderen Verhältnissen und haben andere Möglichkeiten, sowie andere Mittel zur Verfügung. Wir Juden müssen mit unseren beschränkten Mitteln haushalten und ob der Zukunft die Gegenwart nicht vergessen. Pin schwedisches Blatt richtete vor einiger Zeit eine Rundfrage an hervorragende Persönlichkeiten aller kriegführenden Staaten, wie sie sich das Verhältnis der Völker zu einander nach dem Kriege vorstellen. Ein französischer und ein englischer Gelehrter ließen sich weit und breit in eine Erörterung des Themas ein. Ein deutscher Gelehrter erwiderte jedoch kurz und bündig: Wir haben jetzt nur eine Aufgabe vor Feuilleton. Die Vision des Rabbi. (Eine Neujahrsgeschichte). In einem kleinen, gottvergessenen ungarischen Neste feierte Rabbi Eleazar das Neujahrsfest. Der Rabbi, Abkömmling einer berühmten rabbinischen Familie in Galizien, war es wahrlich anders gewohnt. Zu Tausenden zahlten seine cliassidischen Anhänger, die jahrjährlich zu Neujahr nach seiner Residenz pilgerten, um seinen Segen zu erbitten. Das ganze Städtchen lebte damals auf und viele Familien hatten ihre ganze Existenz diesem Fremdenverkehre zu verdanken. Diesmal ist es anders gekommen. Die Invasion der Kosakenhorden nach Qalizien zwang den Rabbi, einige Tage vor Neujahr Heim und Herd zu verlassen und in die Fremde zu flüchten. In einem kleinen Städtchen Nordungarns hat er Halt gemacht, um dort während der Feiertage zu verbleiben. Bloß einige wenige seiner Anhänger hatten sich ihm angeschlossen. Die anderen sind auf ihrer Flucht, wer weiß wohin, verschlagen worden. Und so feierte der berühmte Rabbi das Neujahrsfest in der Umgebung von kaum einigen Minjamim frommer Juden. Es ist begreiflich, daß dieser Umstand nicht dazu beitragen konnte, das infolge der letzten Ereignisse gedrückte Gemüt des Gottesmannes zu erheitern. Sein Gottvertrauen verließ ihn zwar auch nur einen Moment nicht, er verzweifelte nicht an den endgültigen Sieg seines Vaterlandes und an die baldige Befreiung — und doch war er die letzten Tage sehr ernst gestimmt und es war leicht zu erkennen, daß die heranstürmenden Ereignisse ihre Spuren auf seinem Gemüte zurückgelassen haben. Am ersten Neujahrsabend betete der Rabbi wie gewöhnlich vor. Sein sonst tiefergreifendes Gebet war diesmal noch inbrünstiger und rührender. Selbst die ältesten Chassidim, die schon Gelegenheit hatten, das Vorbeten der berühmtesten Rabbis zu hören, konnten sich an eine derartige stürmische Inbrunst nicht erinnern. „Der Rabbi stürmt förmlich die Himmelstore", flüsterten sie sich gegenseitig zu. „Ein solches Gebet muß Hilfe und Erlösung bringen". Abends, bei Tische, war der Rabbi entgegen seiner Gewohnheit, einsilbig und ernst. Wohl befahl er den Chassidim, einige lebhafte Märsche zu singen, jedoch die sonstige Heiterkeit und Feiertagsfröhlichkeit wollte uns: Alle Kräfte anzuspornen und bis zum endgiltigen Siege durchzuhalten. Nachher werden wir schon über die Zukunft denken." — Diese Antwort soll auch uns Juden zur Richtschnur dienen. Wir müssen durchhalten, wir müssen es unseren Volksmassen ermöglichen, diese schwere Kriegszeit durchzumachen und ihnen das Allernot wendigste verschaffen. Neugestaltungen unseres ganzen Volkslebens werden wir erst nach dem Kriege vornehmen können. Spectator. Die Erhebung der Kriegsscheiden in GaJLizlen. Die amtliche „Gazeta Lwowska" veröffentlich an leitender Stelle eine Verlautbarung über eine staatliche Aktion zur Erhebung der Kriegsschäden, worin es unter anderm heißt: Wiewohl in Ermanglung gesetzlicher Vorschriften über Kriegsschäden eine Ersatzpflicht des Staates nicht besteht, ergibt sich die Notwendigkeit, schon jetzt in einwandfreier Weise das Maß des am Privateigentum angerichteten Schadens zu bestimmen, da in einem späteren Zeitpunkt die Erforschung desselben auf bedeutende Schwierigkeiten' stoßen könnte. Es hat daher das Landesverteidigungsministerium der galizischen Statthalterei den Auftrag erteilt, Erhebungen, denen zunächst nur ein informativer Charakter innewohnt, einzuleiten. Nach der Page der Dinge wird sich die Untersuchung fürs erste auf den Bereich des Korpskommandos Krakau und den größeren Teil des Bereiches des Korpskommandos Przemysl erstrecken. Die Prüfung erfolgt auf Grund schriftlicher oder mündlicher Anmeldung der Betroffenen. Es folgen sodann nähere Bestimmungen über die Art der Anmeldung. Anmeldbar sind: 1. Sämtliche materiellen Leistungen zugunsten des Feindes und vom Feinde verursachten Schäden, soweit keine Vergütung erfolgt war; 2. die aus den Kriegshandlungen der eigenen oder der verbündeten Truppen erwachsenen Schäden; 3. die Schäden, welche auf Ausschreitungen oder Räubereien zurückzuführen sind. Mit der Erhebung sind die auf Grund des Kriegsleistungsgesetzes gebildeten Bezirkskommissionen betraut. Die Überprüfung liegt der auf Grund desselbert' Gesetzes eingesetzten Landeskommission ob. Die lieben Juden des Zaren. Der „Lokalanzeiger" meldet aus Kopenhagen: Die Judenverfolgungen in Rußland nehmen immer größeren Umfang an. In einer Anfrage an die Regierung wurden in der Duma Aufklärungen verlangt. In der Interpellation wird mitgeteilt, daß die russischen Zeitungen von oben gedrängt wurden, zu sagen, daß die Juden sich nicht einstellen. Selbst die „Thaura", die der Rabbi sagte, war diesmal ernster und schwerer verständlicher, als sonst. Zu Morgens, am ersten Neujahrstage, ließ sich der Rabbi im Vorbeten des Schachrith durch seinen ersten Gabai (Adjutanten) vertreten. Beim Schoferblasen war er noch ernster wie bisher und als er sich zum Mussafgebet persönlich stellte, war seine Stimme derart schwach und kaum hörbar, daß die Chassidim ein Unwohlsein ihres geliebten Rabbis befürchteten. Die Stille „Schmona Esrej" war zu Ende, der Rabbi rezitierte mit großer Anstrengung die üblichen „Piutim" und als er zum „Unsane tokef-Gebet gelangte, da blieb er plötzlich stille stehen. Besorgt eilten die Anwesenden hinzu; sie fürchteten, ob der Rabbi nicht von einem Unwohlsein befallen wurde; er stand jedoch wie unbeweglich beim Betpult, die Augen geschlossen, ohne auch nur die geringste Bewegung zu machen. Eine Totenstille herrschte im Bethause. Jeder hörte fast seinen eigenen Puls schlagen. Einige Minuten stand so der Rabbi mit geschlossenen Augen, bewegungslos. Die Chassidim wagten es nicht, ihn zu stören. Plötzlich machte er eine energische Handbewegung, rückte sich den Talis über den Kopf zurecht und begann „Unsane tokef" mit einer tiefergreifenden, jedoch lauten und klingenden Stimme zu rezitieren, wie er es immer alljährlich zu tun pflegte. Der Rest des Gebetes wurde in demselben Tone fortgesetzt. Man merkte es dem Rabbi an, daß er in einer anderen Stimmung sich befindet und als er gar beim Schlüsse des Gebetes, beim „Hajom teamzejnu" einen lebhaften Marschgesang intonierte, da wußten es die Chassidim, daß der Rabbi seine fröhliche Feiertagsstimmung wiedergefunden hatte. Und so war es auch. Bei Tische befand sich der Rabbi in bester Laune, seine Augen leuchteten, jede Trauer, jeder Kummer war, verschwunden. Rabbi Eleazar befand sich in überaus gehobener Stimmung, wie er es immer im Kreise seiner Tausende Anhänger in seiner Residenz zu sein pflegte. Nach Tische, bevor das Tischgebet verrichtet wurde, wandte sich der Rabbi an seine Chassidim und sagte: „Ihr habt Euch, meine Freunde, sicherlich über meine trübe Stimmung in den letzten Tagen gewundert, wußtet ihr doch, daß mich auch in den schwersten Stunden das Gottvertrauen nicht verläßt Und daß ich mich am wenigsten an einem Feiertage irgendwelchem Kummer hingebe. Glaubt mir, Freunde, nicht um mein Schicksal war ich besorgt, sondern um das Schicksal des ganzen judischen das russische Heer in Polen und Kurland verraten hätten, weshalb gegen sie die schärfsten Maßregeln verlangt werden müssen. An vielen Orten finden Dankgottesdienste für die Befreiung von den jüdischen Verrätern statt, die zu Hunderten nach Sibirien gejagt werden. Den Höhepunkt der Verfolgungen erreichen sie aber in der Tatsache, daß man Hunderte von jüdischen Kindern angeblich zu Erntearbeiten zusammen getrieben und dann nach Sibirien verschickt habe. Im „Pester Lloyd" veröffentlichte Dr. Sigmund Sonnenfeld die nachstehende Schilderung über die Lage der Juden in Rußland: Wenn aus Petersburg gemeldet wird, man habe den „lieben Juden" des Zaren einige Erleichterungen gewährt, so kann man darauf schwören, daß am nächsten Tage ein verschämtes Dementi folgen werde. In der Tat, kaum war in die Welt hinausposaunt worden, der russische Ministerrat habe die für die Niederlassung der Juden erlaubte „Zone" erweitert, ja ihnen mit Ausnahme einiger Städte und Gegenden das ganze weite Rußland geöffnet, als schon der hinkende Bote nachgehumpelt kam und vor allzu großen Hoffnungen warnte. Um die Wichtigkeit der Frage für die russischen Juden zu begreifen, muß man sich folgende Daten vor Augen halten. Das europäische Rußland — nur von diesem ist die Rede — zählte mit den zehn polnischen 73 Gouvernements. Die Juden hatten bloß das Recht, in 15 von den 63 russischen Gouvernements zu w ohnen, überdies durften sie in ganz Polen ihre Wohnsitze haben, ja dort selbst Grundbesitz erwerben. Die ungefähr 4 Millionen zählende jüdische Einwohnerschaft war demnach im eigentlichen Rußland auf 15 Gouvernements beschränkt, und zwar auf jene, die längs der westlichen und südwestlichen Grenze sich hinziehen. Es sind dies in alphabetischer Reihenfolge folgende Gouvernements: Bessarabien, Kurland, Jekaterinoslaw, Grodno, Cherson, Kiew, Kowno, Minsk, Mohilew, Podolien, Pultawa, Sedletz, Suwalki, Tschernigow und Wilna. Die üesamtbevölkerung dieser Gebiete kann auf 25 Millionen veranschlagt werden. Hier also durften die Juden sich niederlassen, wohnen und ihren Lebensunterhalt zu erwerben suchen. Wo so viele Hunderttausende in engen Gassen zusammengepfercht wohnen, wo ein wahrer Kampf um jeden Bissen Brot sich entwickelt und die Verhältnisse der Salubrität die denkbar elendsten sind, muß natürlich eine schwächliche, das Stigma der Kraftlosigkeit an sich tragende Bevölkerung heranwachsen. Aber sie darf wenigstens da wohnen, in irgendeinem Winkel ihr Haupt zur Ruhe legen. Verstehen wir uns recht. Auch in den fünfzehn „freien" Verwaltungsgebieten durften die Juden nicht überall sich niederlassen. Dafür sorgten die vom Grafen Ignatiew zu Beginn der Achtzigerjahre eingeführten „provisorischen" Maßnahmen, die hauptsächlich darin bestanden, daß die Juden über 50 Werst von der Volkes. Sollte der Krieg, der sich eben abspielt, mit einem Siege der judenfeindlichsten Macht endigen, dann wäre dies für das jüdische Volk das größte Unglück, das ihm jemals passiert hatte, da dieser übermütige Feind die Juden nach dem Kriege erst recht bedrückt und verfolgt hätte. Diese Sorge war es, die mein Gemüt bedrückte und die mir keine Ruhe ließ. Ich nahm mir vor, den Himmel so lange zu bestürmen, bis mir Aufklärung zuteil werden würde, warum mein Volk von einer solchen Gefahr bedroht werde und ob es möglich sei, daß das Böse in diesem Kriege triumphieren sollte. Mein Gebet fand Erhörung. Vor „Unsane tokef" wurde ich plötzlich wie von einem Schlummer erfaßt, meine Seele verließ den Körper und schwebte bis zu den höchsten Sphären hinauf, wo sie den Seelen aller heiligen jüdischen Märtyrer begegnete und ihnen ihre Fragen vorlegte. „Deine Furcht ist unbegründet", wurde ihr geantwortet, „der böse Feind wird nicht siegen. Sein anfänglicher Triumph dient nur dazu, um seine endgültige Niederlage erst recht gründlich zu gestalten. Denn siehst du, Rußland ist bereits in vielen Kriegen geschlagen worden, immer aber erholte es sich bald und konnte seine verderbliche Politik fortsetzen. Es tröstete sich über seine Niederlagen damit, daß es nicht entsprechend zum Kriege gerüstet war, daß jedoch seine Hilfsmittel unerschöpflich seien und daß es jedem Feinde trotzen kann. Um ein für allemal diesen Schein zu zerstören und ein für allemal vor der ganzen Welt zu dokumentieren, daß die Macht des Zaren gebrochen sei, ist sein anfänglicher Triumph notwendig. Er muß zuerst siegen und seine ganze Machtentfaltung beweisen, dann erst wird seine Niederlage eine gründliche und unwiderlegliche sein. Beruhige dich also und sei frohen Mutes. Übers Jahr wirst du wiederum in deinem Heime im Kreise deiner Chassidim das Neujahrsfest in Freiheit und Freude feiern können". Nach dieser Aufklärung erwachte ich wieder, ich vergaß ganz, wo ich mich befinde, die Ereignisse der letzten Tage und Wochen waren meinem Gedächtnisse ganz entschwunden, ich gewann meine sonstige Heiterkeit und meine gehobene Stimmung wieder. Dies ist mir ein Beweis, daß ich keinen leeren Traum geträumt habe. Wir wollen das Beste hoffen 1 Das diesjährige Neujahrsfest feiert Ra.bbi Eleazar wiederum in seinem Heime im Kreise seiner großen Anhängerschaft. Der geschlagene Feind hat die Gegend längst geräumt und der vorjährige Flüchtlingsstrom konnte zum großen Teile zurückfließen: Die Viston des Rabbi ist Wahrheit geworden. Ben-Zwi.