Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 5 (9.9.1915)
- Date
- 1915-09-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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indische Roprespondenz Preis per Nummer 10 Heller. Iir^ „t- ~„i-1„J-i. üii,^. .« ~ 1^4.______„ Redaktion und Administration: Vierteljährlich K 1-20. Nachdruck mit voller Quellenangabe gestattet Wochenblatt für jüdische Interessen. a^T; Redakteur: Jonas Kreppel.! Erscheint jeden Donnerstag Wien, 9. September (1915.' I. Jahrgang. jS^-A? ^reS<Jr>s/, ^y^ff/- eztdet'/fz-trt e-ewg/ <J^?c*trie/e-n >fJ *,-a£e£et c£c A^lx/eo/iäS™ ^^'//fs>/£/4sü?id{>Ä& xt/t>i. t-i&u-e-rt, ^re/tb& ^^feh ^$eedv^/t>c-M. »Und «dies Böse möge wie ein Rauch vergehen«. (Eine Neujahrsbetrachtung.) „Und es mögen schauen die Gerechten und iure Freude daran haben, und die Redlichen mögen jauchzen und die Frommen in Gesang jubeln und das Laster möge verstummen und alles Böse wie Rauch vergehen, da die Herrschaft der Willkür und Tyrannei von der Erde gebannt sein wird." Selten wann konnte die Erhabenheit und Grösse dieses herrlichen Neujahrsgebetes so ganz und klar begriffen und verstanden werden, wie jetzt. Selten wann konnte es mit einer solchen Inbrunst, mit einer solchen Ergriffenheit rezitiert werden, wie in diesem Jahre. Jawohl, es schauen die Gerechten und haben ihre Freude daran, und die Redlichen jauchzen und die Frommen singen und das Laster verstummt und alles Böse vergeht wie ein Rauch — da dort, im Norden und Nord- J^tea.,(1ier,li3fi,r,rsc.haft, rifti, .Willkür,, umi iter TyT, rannei von der Erde gebannt wird, da Millionen Menschen vom Joche eines wilden Barbarismus befreit, da ganze Völker den Klauen eines Tyrannen entrissen werden. Wir erleben einen der schönsten und erhabensten Momente der Weltgeschichte, Enkel und Urenkel werden uns beneiden, da es uns vergönnt war, den Niederbruch der Gewaltherrschaft mitzuerleben, das Niederringen des mächtigsten Völker- Unterdrückers, das Debacle seiner scheel- und habsüchtigen Freunde, das Sich-Verbluten des heimtückischen Verräters, mit eigenen Augen zu sehen. Groß und unermeßlich sind wohl die Opfer, welche diese große Zeit von uns fordert, Opfer an Hab und Gut, Opfer an Blut — doch der Erfolg ist der Opfer würdig. Das, was die tapferen Armeen der verbündeten Zentralmächte in Galizien, in Polen und in Kurland geleistet haben; das, was sie jetzt in Littauen und in Wolhynien leisten; das, was sie noch weiterhin leisten werden — das sind keine Eintagsarbeiten, das sind Leistungen für die ganze Menschheit, für zukünftige Geschlechter, vielleicht für die ganze künftige Geschichte des Menschengeschlechtes. Und mag man auch so weit „aufgeklärt" sein, wie man will; mag man sich noch so frei von aliem Glauben fühlen; mag man auch noch so ateistisch gesinnt sein — man muß zugeben, daß die Ereignisse, die sich im Laufe des eben zu Ende gehenden Jahres abgespielt haben, keine zufälligen, keine unwillkürlichen seien. Es ist die starke Hand eines großen Gottes, die das alles leitet und lenkt; die starke Hand des großen Gottes, der immer die Gerechten gegen die Bösen beisteht, dem gegenüber, es keine großen Bahlen gibt, der Moses zum Siege über Amalek verhalf, Josua gegen die 32 Könige, Gideon gegen die Amoniter, David gegen die Philister, die Makkabäer gegen die Syrier zum Siege führte, trotz aller zahlenmäßigen Übermacht, „Es brüstete sich der Feind: Ich verfolge, hole sie ein, ich teile aus die Beute, befriedige meine Gelüste; ich zücke das Schwert und meine Hand verjage sie!" Gestützt auf seine Millionenheere, gestützt auf den angeblich unerschöpflichen Reichtum seiner Verbündeten, gestützt auf die mächtigen, die Meere beherrschenden; Dreadnoughts, gestützt auf einen ganzen Rattenkönig diplomatischer Intriguen, haben der Zar und seine Verbündeten einen Weltbrand entfacht und glaubten triumphieren zu können, noch bevor der große Tag zu Ende gingt Wie eine Dampfwalze sollten sich des Zaren Kosakenhorden über die Grenzländer wälzen, alles hinter ihren schweren Tritten zerstampfend und zermalmend. Bis ins Herz Europas soll die nordische Barbarei vordringen, in Wien und Berlin sollte der Wille des Zaren gebieten. Fast schien der böse Plan zu gelingen, Tausende und Abertausende Quadratkilometer Landes gelangten unter die Herrschaft der moskowitischen Horden, Millionen freier Bürger, die sich nicht rechtzeitig durch die Flucht retten konnten, wurden geknechtet, materiell und geistig zu Sklaven herabgewürdigt; das Böse schien zu triumphieren und ein schwerer langer Winter bedrückte alle Herzen und bedeckte jede Hoffnung mit einer kalten Eiskruste. Es durfte, es sollte jedoch nicht so bleiben. Der wunderschöne Monat Mai, als die Natur aus ihrem Winterschlafe erwachte, brachte die Erlösung. Seit jenen herrlichen Maitagen, als die Macht des Zaren am Dunajec den ersten mächtigen Stoß erlitt, geht es fortgesetzt vorwärts und abwärts. Vorwärts drängen die siegreichen österreichisch-ungarischen und deutschen Heere, abwärts, bergab, geht es mit der Macht des Zaren. Die Dampfwalze bewegt sich in umgekehrter Richtung, den eigenen Schöpfer unter ihrer Last erdrückend. Nicht nur mußte der Feind die geraubte Beute wieder herausgeben, er mußte auch große Stücke seines eigenen Felles den Siegern überlassen. Das Rad der Geschichte hat mit einem starken, hörbaren Ruck den übermütigen Feind von seinen Höhen heruntergeworfen und ihn zu- -glokA" derart cormakn»; -daS «v-m absehbarer ■ Zeit nicht mehr aufsteigen können wird. Dies ist kein blosser Zufall, kein unwillkürliches Glücksspiel. Ein Fingerzeig Gottes ist dies, dessen Mühlen langsam, aber sicher mahlen. Die Geißel des Bösen darf nicht das Schicksal der Gerechten bestimmen. Die Tyrannen dürfen nicht die Herren der Welt sein. Da die Millionenheere des Zaren im Norden und Nordosten niedergerungen wurden, da die Verbündeten des nordischen Weltbedrückers in Paris und London ohnmächtig und verzweifelt die Hände ringen, da die heimtückischen Verräter in Rom in ohnmächtiger Wut und Raserei sich wälzen — da ist der gesamten Menschheit ein großes Heil zu Teil geworden. Die glänzenden Siege am Dunajec und am San, an der Weichsel und an dem Bug, am Njemen und an der Düna sind nicht nur Siege Österreich-Ungarns und Deutschland, sondern auch Triumphe der gesamten Menschheit; mit der Befreiung Galiziens, Polens und Kurlands vom russischen Joche ist auch die Kultur und die Zivilisation von einer schweren Gefahr befreit worden. Und wenn sich die Engländer und Franzosen vor den Dardanellen verbluten, wenn die Italiener sich an den Alpen blutig die Köpfe schlagen — so ist dies ebenfalls ein Triumph der Ehrlichkeit über die Falschheit, der Gerechtigkeit über die Brutalität und Gewalttat. „Und so schauen die Gerechten und haben ihre Freude daran und die Redlichen jauchzen und die Frommen jubeln und das Laster muß verstumrren, da das Böse wie Rauch vergeht und die Herrschaft der Willkür und Tyrannei von der Erde gebannt wird." In einer ganz anderen Stimmung, wie im Vorjahre, werden wir Juden diesmal unser Neujahrsfest feiern. Im vorigen Jahre bedrückte schwere Sorge unsere Herzen, Millionen unserer Brüder drohte die Gefahr, unter die Herrschaft der russischen Knute zu gelangen, Hunderttausende verließen Heim und Herd, bloß das nackte Leben vor dem wilden Feinde vcttend. Wohl verzweifelten wir nicht; unser fester und unerschütterlicher Gottesglaube verlieh uns Mut und Ausdauer, die schwere Prüfungszeit zu ertragen und das Anbrechen besserer Zeiten abzuwarten. Doch, wozu sollen wir es leugnen? Wir konnten unseres schönen Festes nicht froh werden. „Min hamejzar korossi Joh", beklemmten Herzens haben wir unsern Oott angerufen. Heute ist es anders, besser. Heute jauchzt und jubelt unser Herz, heute rufen wir triumphierend : „Audcho ki anissuni" — wir loben Dich, Gott, da du unsere Gebete erhört hattest." Der Feind, der unser Heim und Herd, unser Hab und Gut, unsere Ehre und unser Leben bedrohte, ist niedergerungen, Millionen unserer Brüder wurden seinen Klauen entrißen, dem ganzen jüdischen Volke winkt Freiheit und Erlösung. Und wenn die Nachricht sich bewahrheiten sollte, daß auch der Zar sich gezwungen sah, das harte Los der in seinen Ländern noch zuriickgeliebenen Juden zu mildern, so ist auch dies auf das Habenkonto des Krieges zu buchen. Groß und unermeßlich sind die Opfer an Gut und Blut, die dieser Krieg von uns gefordert hatte. Doch, der Erfolg war der Opfer wert! Frohen Mutes werden wir diesmal unser herrliches Neujahrsfest feiern. In der Chronik des zu Ende gehenden Jahres buchen wir mit Genugtuung die bisherigen Erfolge — aber im Hinblicke auf das, was sie uns kosteten, und was uns noch eventuell erwartet, sparen wir den Jubel bis zum endgültigen Siege auf. Daß er nicht mehr lange auf sich warten läßt, dafür werden wir in den kommenden heiligen Tagen unseren, großen Gott inbrünstig flehen: „Und so gib Ehre, Gott, Deinem Volke, und Ruhm Denen, die Dich verehren und bleibe die Hoffnung derer, die Dich suchen." „Und es mögen schauen die Gerechten und sich freuen und die Redlichen jauchzen und die Frommen jubeln und das Laster möge verstummen und alles Böse wie ein Rauch vergehen, da Du bannest die Herrschaft der Willkür und der Tyrannei ■ vwrdw.'.ikd^-tJ~~-^^ K—1. Gegenwaris- und Zukuriffsarbeii. Die zur öffentlichen Rechnungslegung gesetzlich verpflichteten Banken und Aktiengesellschaften wurden seitens der Regierung mit Rücksicht auf die Kriegsverhältnisse zeitweilig von der Veröffentlichung der Bilanzen befreit, da es infolge des Krieges sehr schwer ist, eine richtige Bilanz zusammenzustellen. Diese Regierungsverordnung bezieht sich zwar nicht auf die Pflicht der Presse, am Schluße eines jeden Kalenderjahres eine politische Bilanz zusammenzustellen. Nichtsdestoweniger dürfte die öffentliche Meinung diesmal auch die Presse von der Bilanzlegung dispensieren - und mit Recht. Angesichts der gegenwärtigen Verhältnisse, wo noch alles im Werden ist, ist es unmöglich, das Soll- und Habenkonto irgendwie abzuschließen, ohne Gefahr zu laufen, durch die kommenden Ereignisse dessauviert zu werden. Gar manche Aktivpost kann sich nachher als Passivum herausstellen, andererseits können gewisse Dubiosa schließlich doch etwas einbringen. Eine Bilanzierung hätte deswegen gar keinen realen Wert. Indem wir also von dem in der Presse gelegentlich eines Jahreswechsels üblichen Rückblick und Ausblick absehen, können wir trotzdem nicht umhin, sich mit einer Erscheinung im jüdischen Leben etwas näher zu beschäftigen, welche gerade in letzter Zeit ziemlich viel Staub aufwirbelt, die Frage nämlich, ob die maßgebenden jüdischen Faktoren sich bloß mit Gegenwartsarbeit abgeben oder lieber ihr Hauptaugenmerk der Zukunftsarbeit zuwenden sollen. Diese Angelegenheit verdient desto eher eine nähere Erörterung, da sie keineswegs bloß theoretischen Charakter hat, sondern auch vielfach ins reale Leben eingreift. Groß ist die Not und das Elend, welches die Kriegsereignisse über ganz bedeutende Teile des jüdischen Volkes gebracht haben. Zu den Opfern, welche sie als Bürger der kriegführenden Staaten gleich allen anderen Bürgern bringen müssen, kommen noch die speziellen Leiden und Drangsalierungen hinzu, denen sie nur deswegen ausgesetzt sind, weil sie Juden seien. Wir wollen an dieser Stelle nicht mit Klagen auftreten, ob und inwieweit die führenden jüdischen Kreise ihre Pflicht erfüllt haben.