Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 4 (2.9.1915)
- Date
- 1915-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 Jüdische Korrespondenz Seite 3 das ist vor und während der letzten Erhebung. ] In den Zeiten allgemeiner Reaktion verschärften! sich die polnisch-jüdischen Beziehungen, denn j da gewannen die reaktionären Parteien in der J polnischen Oesellschaft die Oberhand, und der j Mangel einer großzügigen sozial-politischen und j freisinnigen Bewegung erschwerte das gemeinsame Zusammengehen von Repräsentanten der Polen und der Juden bei sozialer Arbeit. Es entstanden starke antisemitische Strömungen. Während der rücksichtslosesten Vertreibung der Polen aus den Ämtern zu Zeiten Alexanders III, unter der Herrschaft des Qeneralgouverneurs Qurko im Königreiche Polen, als viele polnische Beamtenfamilien sich dem Handel widmeten, stießen sie auf jüdische Konkurrenz. Die in Rußland für die Juden bestehende Ansiedlungszone, die es-ihnen, mit kleinen Ausnahmen, nicht gestattet, aus dem Qebiet der ehemaligen Republik Polen in das russische Kaisertum zu übertreten, bringt notwendigerweise ein bedeutendes -Hereinströmen der Juden in das Königreich mit sich. Das aber ist für dessen Bewohner um so unwillkommener, als ein beträchtlicher Teil dieser hereingeströmten Elemente russifiziert ist. Dieser Umstand verschärft die polnisch-jüdischen Beziehungen. Nach verschiedenen Mißerfolgen haben nun die Nationaldemokraten, geleitet von dem Bestreben, neue Anhänger zu gewinnen, die Fahne des Antisemitismus und des Judenboykotts schärf emporgehoben, ein Losungswort, das unter den unaufgeklärten Elementen der polnischen Gesellschaft populär Nach einer Abtrennung des Königreiches Polen von Rußland und nach Wiedereintritt normaler Lebensbedingungen werden die polnisch-jüdischen Beziehungen zweifellos eine bedeutende Besserung erfahren und jenen Charakter annehmen, den sie zur Zeit in Qalizien besitzen. Für die Juden wird sich eine Perspektive angestrengter ökonomischer Wirksamkeit eröffnen. Die Polen werden jüdischer Kapitalien und jüdischer Initiative in der wirtschaftlichen Sphäre bedürfen." (Wir bringen diese charakteristischen Äußerungen n Abdruck mit dem Bemerken, daß wir in einer der nächsten Nummern der „Jüdischen Korrespondenz" die jüdisch-polnische Frage ausführlich, klar und offen erörtern werden. Die Redaktion). Die ^cwcl>e.;., ■ Das befreite Galizien. Gerade ein Jahr ist es her, seitdem sich die russische Dampfwalze gegen Galizien in Bewegung setzte, seitdem die Kosakenhorden , gewaltigem Ungestüm das Land überfluteten, Schrecken und Verzweiflung verbreitend. Gerade ein Jahr ist es her seit dem Tage, in welchem gemeldet wurde: „Lemberg ist noch in unserem Besitze". Oerade ein Jahr ist es her, seit dem Momente, da sich ein Strom von Hunderttausenden Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina gegen den Westen ergoß, wel- .... lieber Hab und Gut, Heim und Herd aufs Oeradewohl zurückließen, um nur nicht auch bloß zeitweilig mit den Schergen des Zaren Bekanntschaft machen zu müssen. Gerade zur Jahresfrist, fast auf den Tag, müssen jetzt die Russen den letzten Zipfel Ostgaliziens räumen und das ganze Land ist vom Es waren Kosaken im Slädtelein. Es lebte so friedlich das Mütterlein Mit seinen drei lieblichen Töchterlein. Sie waren so edel, so schön und rein. Die lieblichen, lieblichen Mägdelein. Die Augen — wie leuchtender Edelstein; Die Herzen — wie wärmender Sonnenschein; Es waren die Zierde vom Städtelein Die lieblichen, lieblichen Mägdelein. Es brachen Kosaken . . . Kosaken ein Ins friedliche, friedliche Städtelein klein. Sie drangen in Stube und Stübelein: Sie sahen die lieblichen Mägdelein. Und kommst du jetzund in das Städtelein Und fragst nach den lieblichen Mägdelein, Feinde frei. Während diese Zeilen in die Hände der Leser gelangen werden, dürften wir sicherlich schon die frohe Botschaft vernommen haben, daß kein Feind mehr auf dem Boden unseres Vaterlandes stehe. Es war ein schweres Jahr, das hinter uns liegt, besonders schwer für unsere Brüder aus Galizien und der Bukowina — aber wir haben es überwunden. Mit Gottes Hilie und dank unseren tapferen Truppen ist Galizien wieder frei, die russische Dampfwalze bewegt sich weiter, jedoch in umgekehrter Richtung, der Fliiehtlingsstrom fließt wiederum, jedoch ebenfalls in umgekehrter Richtung. Die Flüchtlinge kehren heim, sie finden wohl vielfache Spuren der ..russischen Kulturarbeit" irn Lande vor, aber das Land ist frei, hoffentlich für immer. Die Juden in Tripolis. Durch die italienische Kriegserklärung an die Türkei droht unseren Glaubensgenossen in Tripolis neuerdings eine große Gerahr. Unter der türkischen Herrschaft erfreuten sie sich aller Freiheiten. Das italienische Regime hat ihre Lage wohl etwas verschlimmert — da die Italiener die Juden geheimer Sympathien mit den Arabern und Türken beschuldigten — doch war es noch immer nicht allzu arg. Jetzt entbrennt in Tripolis der heilige Krieg. Sowohl die Italiener als auch die Araber werden von den Juden Waffenhilfe verlangen und da die Italiener vorl'ufig noch immer Herren der Küstenstädte sind, wo das Gros der Juden wohnt, so können die Juden in eine höchst gefährliche Situation kommen. Werden sie doch schon im italienischen Mutterlande verdächtigt und drangsaliert — was dürfte ihrer erst in der Tripoliskolonie harren?! Ein russisches KuMur-Dokument. Als die russischen Truppen die ersten Niederlagen im Gouvernement Kowno und im Weichselgebiet erlitten hatten, veröffentlichte die russische Regierung nachfolgende Bekanntmachung über eine hochverräterische Handlung der Juden des Dorfes Kushi (Gouvernement Kowno), die zuerst im offiziellen Organ der Heeresleitung der nordwestlichen Front „Unser Bote" und im Regierungsanzeiger erschien und alsdann überall im Reiche neben den neuesten Kriegsdepeschen als Anschlag ausgehängt wurde: „Die Juden des Dorfes Kushi versteckten in ihren Kellern deutsche Soldaten, die in dieses Dorf eingedrungen waren; vor dem Chef des russischen Truppenteils; Obersten, Wawi'low, hatten dje-Judesdiesen Umstand geheimgehalten. In der Nacht führten sie die deutschen Soldaten aus den Kellern und der ganze russische Truppenteil mit dem Obersten Wawi'ow an der Spitze wurde von den Deutschen meuchlings niedergemacht. Mit den Juden dieses Dorfes, die direkt am Hochverrat beteiligt waren, wurde auf Grund des Kriegszustandes rücksichtslos nach Gesetz verfahren, die übrigen wurden zur Verbannung verurteilt." Mitgliedern der sozialdemokratischen Fraktion der Reichsduma gelang es nun vor kurzem, eine offizielle Untersuchung dieser Angelegenheit herbeizuführen. Hier das Ergebnis der Untersuchung, so wie es in den offiziellen Akten buchstäblich lautet: „Im Dorfe Kushi gibt es bloß drei Häuser, deren Eigentümer Juden sind; im ganzen Dorfe gibt es weder bei Juden noch bei Christen irgendwelche Kellerräume; im Verzeichnis der Offiziere der nordwestlichen Truppen sowie auch in den betreffenden Verlustlisten ist ein Oberst Wawilow überhaupt nicht zu finden; kein einziger Jude des Dorfes Kushi wurde gehängt noch füsiliert, noch überhaupt wegen Verrates vor ein Gericht gestellt; der russische Truppenle I mit dem befehlshabenden Offizier und dessen Gehilfen ließen sich im Hause des Juden Kibart nieder, der ihnen die genauesten Angaben über die Deutschen machte, die dort vorher eingedrungen waren und sie auch vor einem neuen Einbruch der Deutschen warnte, der nach seiner Meinung nahe bevorstand; tatsächlich hatten die Deutschen kurz nach Ankunft der Russen die Beschießung des Ortes erneuert, wobei das Haus des Juden Kibart in Brand geriet; auf Befehl des Chefs des russischen Truppenteils halfen die Soldaten dem Juden Kibart und dessen Angehörigen, sich aus dem brennenden Hause zu retten; die Juden des Dorfes Kushi flüchteten vor dem deutschen Artilleriefeuer zusammen mit dem russischen Truppenteil; sie wurden den ganzen Weg von befehlshabenden Offizieren in Schutz genommen und auch die Mannschaften leisteten ihnen jegliche Hilfe für die dem Truppenteil während seines Aufenthaltes im Dorfe erwiesenen Dienste." Die Untersuchung wurde von den Militär-Untersuchungsbehörden unter Aufsicht des Militär-Staatsanwaltes durchgeführt. Der Ministerrat, der in privater (!) Sitzung vom offiziellen Ergebnis der Untersuchung Kenntnis nahm, faßte folgenden Beschluß: Um kein Mißtrauen zu den Behörden zu erwecken, die Angelegenheit auf sich beruhen lassen, auf privatem Wege jedoch (nicht vermittels eines Rundschreibens) Maßnahmen ergreifen, die Panichiden (Trauergottesdienste) einzustellen, die überall im Reiche für die Seele des „Obersten Wawilow" veranstaltet werden, des „Sklaven Gottes, der durch Verrat der Juden den Märtyrertod erlitten hat". Es erübrigt sich wohl, diesem Dokument auch nur ein Wort hinzuzufügen. Aber auch den rumänischen Juden gegen- 1 über, die zur Zeit der furchtbaren Krisis des! Jahres 1899 ebenfalls alle Tore Europas verschlossen fanden, hat die Türkei das hilfreichste Entgegenkommen bewiesen. Ungefähr 1000 rumänische Juden, die mittellos ins Land gekommen waren, wurden von den Türken mit Lebensmitteln und Unterkunft, mit Grund und Boden, Vieh, Aussaat usw. versehen und in jeder Weise gefördert. Bei dieser Ansiedelung, die in Kleinasien an der Strecke der anatolischen Bahn stattfand, konnte der Verfasser sich überzeugen, daß die judenfreundliche Stimmung der Türken sich nicht etwa auf die höher stehenden oder politisch einsichtsvollen Elemente beschränkte, sondern daß auch die Dorfnachbarn usw. sich in jeder Weise freundlich und hilfreich zeigten. Nicht unerwähnt soll bleiben, daß der Sultan selbst aus seiner Privatschatulle die völlig mittellos nach Konstantinopel gekommenen Leute unterstützt hatte. Auch das neue Regime in der Türkei achtet die Rechte der Juden besser als die Praxis der Volksvertretung in allen anderen Ländern. Den ottomanischen Juden wurden vom ersten Parlamente an die ihrer Zahl zukommenden vier Sitze im Parlamente eingeräumt, obwohl die Juden nirgends im Reiche innerhalb eines Wahlkreises die erforderliche Zahl von 100.000 Seelen aufweisen. In Anbetracht ihrer Gesamtzahl von etwa 400.000 über das ganze Reich verstreuter ottomanischer Juden neben den annähernd 100.000 Juden fremder Staatszugehörigkeit, die hier nicht in Betracht kommen konnten, erhielten die Juden vier Sitze zugebilligt, wobei man dafür Sorge trug, daß die jüdischen Volksvertreter von den vier Städten gewählt wurden, die die größten Judengemeinden beherbergten. Es waren dies Konstantinopel, Saloniki, Smyrna und Bagdad. Seit dem Verlust von Saloniki usw., wodurch die jüdische Gesamtziffer des Reiches um ungefähr 100.000 zurückging, ist auch die Zahl der Parlamentsitze auf drei zurückgegangen. Die jüdischen Abgeordneten hatten übrigens keinerlei Schwierigkeiten, ihre besonderen Fähigkeiten in einer weit über ihr Mandat hinausgehenden Weise zum Wohl des Staatsganzen zur Geltung zu bringen. (Schluß folgt). Stimmen;eur Jüdisch^ polnischen Fragein Nr. 35 der Wochenschrift „Pole n", Organ des Obersten Polnischen Nationalkomites, veröffentlicht Dr. K u 1 c z y c k i eine politische Charakteristik des Königreiches Polen. Der Autor berührt hiebei auch das Verhältnis zwischen den Juden und den Polen und äußert sich darüber folgendermassen: „Die große Anzahl von Juden im Königreiche (1,700.000) muß jedem auffallen. Ihre Zahl hat sich bis in die letzten Jahre ständig vergrößert. Um nicht weit in die Vergangenheit zu blicken, möchte ich die Aufmerksamkeit auf den Umstand lenken, daß diese Beziehungen in Momenten gespannten nationalen und politischsozialen Lebens in Polen gewöhnlich sehr gute waren. So war es zur Zeit des vierjährigen Reichstages, während des Aufstandes unter Kosciuszko sowie in den Jahren 1860 bis 1864, Zu seiner Tochter aber sagte er: Geh hinaus!" Der Offizier schlug ihm den Becher aus der Hand, daß der rote Wein im Zimmer herumspritzte, „Siebleibt! Du hast hier nichts zu befehlen! Komm' her, fürchte dich nicht vor dem Alten, niemand darf dir etwas tun, solange ich dir nicht böse bin . . ." Zögernd blieb sie stehen. „Ich kam, um dich zu zwingen, aLes, was du noch an Geld und Geldeswert im Hause hast, auszuliefern, General Pristoschin befiehlt es, aber deiner schönen Tochter wegen will ich bei dir eine Ausnahme machen . . Wenn sie für dich zu bitten versteht, sollst du deine Habe behalten." Das Mädchen schlug die Augen auf . . . Die Gefahr schien ihr nicht so groß, das Grauen nicht so nah . . . sie dachte nicht über den Augenblick hinaus . . . „Pesset" — wie der Jammerlaut eines gequälten Tieres hötte es sich an . . . Das Mädchen schlug die Augen auf . . . . , . sie sah den Vater an, der dicht vor ihr stand mit blutunterlaufenen Augen und verzerrtem Gesicht und bebte vor ihm zurück . . . „Fürchte dich nicht, er darf dir nichts tun," sagte der Russe, und unbekümmert um den Vater beugte er sich über sie, um sie zu küssen . . . Ein schmetternder Schlag zerieß die Stille. Elias Karminer hatte den silbernen Sabbatleuchter vom Tische gerissen und ihn mit aller Wucht auf den Kopf des Mädchens herabsausen lassen . . . Lautlos brach sie in den Armen des Offiziers zusammen . . . Der wandte sich jäh und floh, wie von Furien gejagt; es war zuviel des Grauens für ihn. Niemand behelligte Elias Karminer. In steinerner Ruhe legte er die Tote zurecht und deckte sie zu. Und ungebeugt sprach er vor der Leiche «las große heiligste Gebet der Juden; „Schernau Israeli" Frank Carlsen. Dann zeigt man dir einen Leichenstein: „Da ruhen die lieblichen Mägdelein. Da ruhen die lieblichen Mägdelein; Sie waren so jung noch, so schön und rein . . ." Und frage nichts weiter, q Bruder mein — Es waren Kosaken im Städtelein . . . Jakob Diamant. Slreiflicl\ter. Der Krieg und der hebräische Büchermarkl. „Alles hängt vom Schicksal ab, selbst die Thora-Rolle in der Synagoge" —, sagen unsere Talmudweisen. Die Kriegsereignisse haben auch den hebräischen Büchermarkt stark beeinflußt, besonders denjenigen der liturgischen und re-