Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 1 (1915)
- Issue
- 4 (2.9.1915)
- Date
- 1915-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz Nr. 4 Ereignisse stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Krakau und Biala beispielsweise sind ja keine abgeschlossenen Wirtschaftsgebiete für sich, sie stehen in stetem Kontakt mit den übrigen Landesteilen und nur mit diesen, da sie ia im Verhältnisse zu den Westprovinzen nur Iiis Abnehmer und nicht als Lieferanten in Betracht kommen. Ebenso hat die dortige Hanilclswclt ihre Außenstände vorzüglich in den nhngeii Teilen des Landes. Man kann sich also ..\!;t vorstellen, welche wirtschaftlichen Kalar.iMun entstehen werden, wenn Krakau und liiala ihren Verpflichtungen werden nachkommen müssen, ohne hingegen die Möglichkeit zu nahen, ihre eigenen Außenstände in den übrigen I eilen des Landes einzuziehen. Schließlich darf nicht vergessen werden, daß Krakau infolge seines Charakters als Festung ebenfalls in seiner wirtschaftlichen Entwicklung durch die Kriegsereignisse Monate hindurch unterbunden war. Ein großer Teil seiner Handelswelt weilte Wochen und Monate außerhalb der Stadt und geht erst jetzt daran, die früheren Beziehungen wieder aufzunehmen. Angesichts dieser Verhältnisse muß gesagt werden, daß die Erledigung dieser Frage sehr vorsichtig und rücksichtsvoll vorgenommen werden darf. Die interessierten Kreise des Landes sollen gefragt werden, jedes pro und contra soll sachlich erwogen werden, und erst darnach soll die Entscheidung fallen. Wenn es auch wahr ist. daß spezielle Kreise gerade während des Krieges und wegen des Krieges auch in (ializien glänzende Geschäfte gemacht haben, so kann ihretwegen nicht die gesamte Handelswelt einer Erschütterung ausgesetzt werden. Übrigens ist es bekannt, daß ein großer Teil der Kaufmannschaft seinen finanziellen Verpflichtungen trotz des Moratoriums ohnehin nachkomme. Die westösterreichischen interessierten Kreise mögen es sich gesagt sein lassen, daß durch eine überstürzte Erledigung dieser Angelegenheit sie nur sich selbst Unbequemlichkeiten und Nachteile verursachen können. Ewig wird das Moratorium auch in Qalizien nicht dauern. Auf einen Monat mehr oder weniger kann es schließlich niemandem ankommen. Ein Krakauer polnisches Blatt brachte dieser Tage einen Artikel unter der Aufschrift „Die Juden gegen die Kriegskreditanstalt", in welchem erzählt wird, daß der Wiener „Hüfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Oalizien" sowie die „Israelitische Allianz zu Wien" sich an das Finanzministerium mit einem Memorial gewendet haben, in welchem gegen das Statut der galizischen Kriegskreditanstalt vielfache Einwendungen erhoben werden, da dessen Bestimmungen die speziellen Verhältnisse der interessierten jüdischen Bevölkerung in Oalizien nicht genügend berücksichtigen. Das Blatt zählt mehr weniger die diesbezüglich erhobenen Einwendungen auf und erklärt schließlich, daß die Juden selbst daran schuld seien, da sie sich in ihrem Wirtschaftsleben von der übrigen Bevölkerung absondern und nachher Hilfe und Schutz auswärts suchen müssen. Wir kennen nicht näher den Inhalt des erwähnten Memorials, glauben aber, behaupten zu können, daß es sich hiebei sicherlich nicht um irgendeine Aktion gegen die Kriegskreditanstalt handelt, sondern um die Vorbringung von gewissen berechtigten Wünschen und Forderungen betreffend die Erleichterung für die mittleren und kleineren Kaufleute und Gewerbetreibende, Kredit und Hilfe seitens der Kriegs- Kreditanstalt in Anspruch nehmen zu können. Die Regierung, welche erst in den letzten Tagen den Wirkungskreis dieser Institution entsprechend den Bedürfnissen der Bevölkerung erweiterte, dürfte sicherlich alle gerechten Wünsche und Forderungen berücksichtigen. Am wenigsten kann und darf diese Angelegenheit vom konfessionellen Standpunkte behandelt werden. Die Grundbedingungen des jüdischen Wirtschaftslebens in Galizien erfordern sicherlich eine neue Basis. Wir wollen hoffen, daß diese gefunden werden wird. Gegenwärtig handelt es sich jedoch darum, die Kriegsschäden so rasch als möglich wettzumachen und die Aufgabe der hiezu berufenen Institutionen wird es sein, dies je eher desto besser und so entgegenkommend als möglich herbeizuführen. In formeller Beziehung dürfte schon ein Ausweg über die vorhandenen Schwierigkeiten, beispielsweise, daß die jüdischen Spar- und Kreditgenossenschaften im Lande nicht entsprechend organisiert und bei der Landesbank nicht akkreditiert seien, gefunden werden. Der Wiederaufbau des Landes ist die höchste Aufgabe aller massgebenden Faktoren und im Interesse des Landes und seiner Gesamtbevölkerung ist zu erwarten, daß sie ihren Aufgaben in allen Beziehungen gerecht werden würden. S. L. (Wie wir erfahren, liancielle es sich in dem erwähnten Memorial ausschließlich um eine Erweiterung des Wirkungskreises der Kriegskreditanstalt. Wir werden übrigens'zu dieser'Frage nächstens ausführlich Stellung nehmen. — Anm. d. Red ): Die Juden der Türkei. Das Eintreten der Türkei in den Weltkrieg und besonders der wütende Haß, mit welchem die Ententemächte das ottomanische Reich jetzt verfolgen und seine Existenz bedrohen, hat in allen jüdischen Kreisen das Interesse für die in der Türkei lebenden Juden und ihre Zukunft nach dem Kriege wachgerufen. In einer letztens erschienenen Broschüre unter dem Titel: „Die Juden der Türkei" von Davis Trietsch, welche in der Schriftensammlung des l^uJ^|e^',yord|ra§ien-Komitees erschienen "isCtjenandelf def "Verfaßer ausführlich dieses Thema,: Wir entnehmen dieser Schrift nachstehende Stellen: Was das Verhalten der Türken zu den Juden betrifft, so darf man sowohl aus einer mehrhundertjährigen Vergangenheit wie auch aus den letzten Jahrzehnten die volle Sicherheit schöpfen, daß Türken und Juden auch weiterhin aufs beste miteinander auskommen werden. Schon in den ersten Anfängen des osmanischen Reiches fanden die Juden dort weitgehende Freiheiten, und in der Zeit der spanischen Judenverfolgungen fanden die Juden in den türkischen Ländern nicht nur Asyl und Religionsfreiheit, sondern konnten dank ihrer geistigen und wirtschaftlichen Fähigkeiten sehr bald zu den höchsten Staatsämtern aufsteigen. Am bekanntesten ist das Beispiel Don Josef Nasis, der eine Zeitlang die einflußreichste Persönlichkeit am türkischen Hofe war. Der Sultan machte ihn in Anerkennung seiner Verdienste zum Herzog von Naxos und seinen Ratschlägen soll die Türkei den siegreichen Krieg gegen die Republik Venedig verdanken, der mit der Eroberung der Insel Cypern endete. Wie Türken und Juden miteinander auskommen, das zeigt auch das Verhältnis der verschiedenen Konfessionen in der Stadt Rhodos. Diese war von den Türken im Jahre 1522 erobert worden, und die Belagerung ünd Erstürmung war so außerordentlich verlustreich gewesen, daß die Türken den Christen verboten, jemals wieder innerhalb der Festungsmauern zu wohnen. Bis auf den heutigen Tag (d. h. wenigstens bis zur italienischen Okkupation) wurde diese Bestimmung aufrecht erhalten, und in der Altstadt lebten friedlich miteinander die etwa 5000 Türken und 4000 Juden, während die Christen, die tagsüber auch in der Festung ihrer Beschäftigung nachgehen durften, sie bei Sonnenuntergang verlassen mußten. Die spaniolischen Juden von Rhodos sind übrigens in großer Zahl in den anstrengendsten Berufen tätig. Ähnlich wie im bis vor kurzem türkischen Saloniki stellen sie die Lastträger und Bootsleute für den Hafenverkehr und unterscheiden sich in ihrem ganzen Habitus außerordentlich stark von den meisten europäischen Juden. Mit Bezug auf die Juden von Saloniki sagt der Norweger Kjelland gelegentlich: Wenn er ein europäischer Jude wäre, so würde er so oft wie möglich nach Saloniki gehen, um sich an dem stolzen Anblick der dortigen Juden zu erholen von der Bedrücktheit, unter der die Juden auch in den zivilisierten Ländern Europas zu leiden haben. Denselben Typus zeigen auch die Juden von Rhodos. Die Juden von Saloniki haben übrigens, was auch hier erwähnt zu werden verdient, auf den Übergang „ihrer Stadt" (sie bilden dort mit ihren 80.000 Seelen —- neben je etwa 35.000 Moslems und Christen der verschiedenen Nationalitäten — weitaus die Majorität) in besonderer Weise Stellung genommen. Viele Tausende wanderten nach Konstantinopel, Smyrna, Ägypten und Palästina aus, und die Zurückbleibenden haben noch anfangs 1915 bei einer Demonstration gegen die Türkei und ihre Verbündeten so kräftig „gegendemonstriert", daß die Aktion ins Wasser fiel. Es ist nicht unmöglich,, daß dieser Vorgang die^qtsphsidung Qriefchftnöftfli'ftfif btttofhifl? 1ffitf ttwSth ließlich ist Saloniki nicht nur die zweitgrößte Stadt des Landes, sondern auch im Kriegsfalle die exponierteste des neugriechischen Gebietes. Übrigens sehen wir das gleiche Wohlwollen der Türken gegenüber den jüdischen Auswanderern aus Osteuropa. Als zur Zeit der russischen Judenverfolgungen anfangs der achtziger und der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Länder Europas sich den flüchtenden Juden schlössen, nahm die Türkei sich ihrer an, und wenn sie in der Folge manchmal Schwierigkeiten machte, weil die russische Untertanenschaft dieser Einwanderer ihr bedenklich schien, so wurde doch jeder neuen Notlage gegenüber die weitherzige Handhabung der diesbezüglichen Vorschriften angeordnet. Jedenfalls konnte die Zahl der Juden in ihrem Haupteinwanderungslande, Palästina, in der Zeit von 1881 bis jetzt von etwa 25.000 auf annähernd 120.000 anwachsen. Feuilleton. Der Stärkere. (Skizze). Die Russen hielten Kolomea besetzt und über die Stadt hatte sich lähmendes Schweigen gebreitet. Das bunte, frohe Leben in den Straßen war verstumpft, die Geschäfte ruhten, geräuschvoll füllte die rohe Soldateska d?" °cr'- DD!e Offiziere klirrten mit Siegermienen durch die fraßen, Flüche erschollen . . . Peitschenhiebe knallten. Die verschüchterten Juden mit Kaftan und Stirnlöckchen verkrochen sich in ihre dumpfen, iichtiosen, oft in Kellern gelegenen Wohnungen. Viele hatten schweren Schaden an Körper und Eigentum erlitten, viele beklagten Unwiederbringliches, aber nur wenige murrten Die meisten trugen schweigend ihre Last, wohl wissend, daß tragen'1 a"d der We" dazu da waren> Lasten zu In den feuchten, ka!ten Behausungen, wo die Sonnenstrahlen nie hingelangten, in der Atmosphäre von Moder und Armut, lebte und blühte der feste Glaube und auf Umwegen schlichen die Männer in die Synagoge und flehten den Beistand des Himmels herab für die arme Gemeinde. Es war an einem Freitag Abend. Elias Karminer, dessen Geschäft eines der ersten gewesen, das der blinden Zerstörungswut der einrückenden Russen zum Opfer gefallen und der mit seiner Tochter von dem kleinen Reste seines Bargelds lebte, kam vom Gottesdienste zurück und setzte sich an den Tisch, der karg, aber doch noch festlich gerüstet war. Seine Tochter Resse führte ihm seit dem Tode seiner Frau die Wirtschaft. Sie war mit ihren sechzehn Jahren schon ein vollerblühtes Weib. Groß und stark und von jener Schönheit, die um so reizvoller wirkt, weil man weiß, daß sie schnell vergänglich ist und die weniger in der Form der Züge, als in der Pracht der Farben liegt. Der Vater sprach das Gebet und sie setzten sich an den Tisch, auf dem das wertvollste Besitztum der Familie, die beiden gsoßen silbernen Armleuchter, prangten, die sich von Geschlecht auf Geschlecht vererbt hatten. Er, der sonst nach Art der frommen Juden für den Feiertag seine Sorgen gewaltsam abstreifte, sogar niemals von Geschäften sprach und mit der Tochter zu scherzen pflegte, war heute düster und in sich gekehrt. Pesse war in orientalischer Demut erzogen; sie wagte zuerst nicht zu fragen, sie legte ihm vor und aß schweigend, aber der Bissen quoll ihr im Munde. So hatte sie den Vater noch nie gesehen. Und endlich bezwang sie die Scheu: „Ist etwas geschehen, Vater?", fragte sie schüchtern. „Geschieht nicht alle Tage jetzt etwas? Weißt du nicht, daß Greuel sich auf Greuel häufen, seit die Russen hier sind? Nichts sollte einen überraschen und doch ist man immer wieder niedergeschmettert, man ist ja nur ein Mensch!" Er wartete keine Frage ab. „Bei Laser Klärmann sind sie gewesen, haben bei ihm Schmuck und Silbersachen gefunden und alles weggenommen und als er sich gewehrt hat und gebeten, sie mögen ihn schonen, haben sie ihn halbtot geschlagen und sein Weib und die beiden Töchter mit sich fortgeschleppt . . ." Die Augen des Mädchens weiteten sich voll Grauen. In jäh aufflammender Verzweiflung riß der Vater sie an sich. „Schwöre mir, Pesse, daß du nicht mit ihnen gehen wirst, wenn sie, Gott behüte, auch hier herkommen . . . Schwöre mir, daß du eher stirbst, als daß du in die Hände dieser Hunde fällst." „Laß mich, Vater, ich fürchte michl« Sie strebte, sich dem Griff zu entwinden; sie empfand in diesem Augenblick mehr Angst vor dem Vater, als vor dem Feind. Der lachte hart und verzweifelt auf. „Sie werden dich nicht töten, sei ruhig. Sie haben die beiden Töchter von Laser Klärmann auch nicht getötet . . Sie sind heute schon wieder zurückgekommen. . Sie werden sogar sehr freundlich sein mit dir, mein Täubchen . . . Mag sein, sie schicken dich schon morgen wieder zurück, vielleicht auch erst übermorgen oder in einigen Tagen . . . Vielleicht schenken sie dir auch etwas . . . aber dann wirst du sein wie ein räudiger Hund, die Guten werden ihr Gesicht verhüllen und die Schlechten werden dich steinigen mit Blicken und Worten . . ." Das Mädchen starrte atemlos auf den Vater, der in seine grausamen Phantasien verloren dasaß. Da plötzlich erklangen Schritte . . . Sporengeklirr und Säbelgerassel wurde hörbar vor dem niedrigen, verhängten Fenster . . . Eine geballte Faust klopfte hart an die Scheibe . . . „Öffnet . . ." Aber niemand rührte sich. Da splitterte die Scheibe ins Zimmer, in der leeren Fensterhöhle wurde das Gesicht eines jungen russischen Offiziers sichtbar. „Ihr feiert Feste!" lachte er höhnisch . . . „Ich will dabei sein . . . ladet mich ein!" Elias Karminer hatte seine Fassung wieder! Er stand an dem Tisch und sah dem Eindringling entgegen . . aber dieser beachtete ihn nicht, er blickte nur au? das schöne, zitternde Mädchen. Der Offizier mochte ungefähr dreiundzwanzig Jahre alt sein, war groß und hübsch. Das Mädchen fühlt die Bewunderung, die in diesem Anstarren lag und wurde dunkeirot, die Todesangst wich aus ihren Zügen! „Korm her und gib mir zu trinken!" sagte er und streckte seine Hand aus . . .